Vielen wurde er zur Vaterfigur

Wer sich mit der Geschichte unseres Verbandes befasst, wird nicht umhinkönnen, sich um eine ihn prägende Gestalt zu kümmern: den Bochumer Rechtsanwalt und Notar Sigismund Diekamp, der heute fast vergessen ist. Ein Hauch von Erinnerung an ihn blieb allerdings. Vor knapp sieben Dezennien im Jahr 1956 wurde ein Verein nach ihm benannt: die sog. Sigismund Diekamp Stiftung. Auch sie geriet fast aus dem Gedächtnis, besteht aber bis heute fort. Im letzten Jahr hat sie mit Kb Markus Wittenberg einen neuen Vorsitzenden erhalten, der sie wieder mehr bekannt machen will.

Herkunft, Schulzeit und Studium

Sigismund Diekamps väterliche und mütterliche Vorfahren kamen aus dem Münsterland. Doch nicht in Westfalen erblickte er am 20. Dezember 1856 das Licht der Welt, sondern in der kleinen niederrheinischen Kreisstadt Geldern, wo sein Vater Franz ab 1851 das Postamt leitete. Er wuchs mit sechs weiteren Geschwistern in einer kinderreichen Familie auf. Zwei seiner Brüder, der westfälische Landeshistoriker Wilhelm Diekamp (1854-1885), der sich mit dem Sachsen-Herzog Widukind beschäftigte und neben vielen anderen Publikationen 1881 eine vorbildliche Edition der Lebensgeschichte des Heiligen Ludgerus veröffentliche, sowie der Patrologe und Dogmatiker Franz Diekamp (1864-1943), der es 1910 zum Rektor der Universität Münster brachte, sind ebenfalls KVer gewesen. Beide gehörten der Germania in Münster an. Wilhelm war zudem Mitglied der Palatia-Heidelberg. Als älterer Bruder wird er Sigismund auf den KV aufmerksam gemacht haben. Alle drei besuchten das renommierte Königliche Paulinische Gymnasium in Münster, eine der ältesten höheren Schulen Deutschlands. Dort legte Sigismund Diekamp, dessen Wohnsitz zu diesem Zeitpunkt in Borghorst bei Burgsteinfurt in Westfalen lag, im August 1874, noch keine 18 Jahre alt, sein Abitur ab. Die Zahl der Abiturienten war mit 53 erstaunlich hoch. Als Direktor der Schule fungierte der aus dem Sauerland stammende Altphilologe Dr. Franz Peters (1819-1879), dem bei seinem frühen Tod, ein „frommer und erbaulicher Lebenswandel“ nachgerühmt wurde. Dies wird sicher das innere Klima der Schule beeinflusst haben. Die Auswirkungen des die Katholiken bedrängenden Kulturkampfs, der auch das Paulinum nicht unberührt ließ, hat er ertragen müssen. Inwieweit Sigismund Diekamp davon geprägt worden ist, liegt im Dunkeln. Aber es kann nicht spurlos an ihm vorübergegangen sein, und in seiner frühen Zeit als Rechtsanwalt in Bochum hat er genug darunter zu leiden gehabt. 
Obgleich er bei seinem Abitur angegeben hatte, er wolle Jura in Bonn studieren, ging er zum Wintersemester 1874/ 75 nach Tübingen, wo er das Studium der Jurisprudenz aufnahm und Fuchs bei Alamannia wurde. Wie damals üblich und heute kaum noch vorstellbar, blieb er dort nicht etwa bis zum Ende des Studiums, sondern wechselte zum Wintersemester 1875/76 nach Leipzig, wo er bei Teutonia aktiv wurde, ging zum Sommersemester 1876 nach Heidelberg, dort Eintritt in die Palatia. Das Wintersemester 1876/77 verbrachte er in Berlin und trat in den Leseverein ein, die heutige Askania-Burgundia, zu deren A-Philister er sich später erklärte. Von Berlin zog er noch einmal nach Greifswald weiter, um hier im Oktober 1877 sein Erstes juristisches Staatsexamen abzulegen.

Danach leistete er von 1878 bis 1879 seinen einjährig freiwilligen Militärdienst in Münster ab, ein teurer Spaß, da man sein Quartier selbst zahlte, für die Ausrüstung aufkam und keinen Sold erhielt. Anschließend begann Sigismund Diekamp eine vierjährige Referendarausbildung, die er 1883 mit dem Zweiten Staatsexamen abschloss, woraufhin er sich als Rechtsanwalt in Bochum niederließ. 1884 wurde er zusätzlich Notar. Jetzt war er endgültig kurz vor dem 30. Lebensjahr gut etabliert und ging 1885 mit Maria Theising (1862-1931), mit der er 14 Kinder (neun Söhne und fünf Töchter) hatte, die Ehe ein.

Niederlassung als Rechtsanwalt in Bochum 

Während seiner Referendariatszeit hatte Sigismund Diekamp 1880 das Patent eines Leutnants der Reserve erhalten. Damit ging hohes gesellschaftliches Ansehen einher. Mit deren Annahme wurde ein uneingeschränktes Bekenntnis zu Preußen erwartet, was ihm später noch vor Augen geführt wurde. In den Krieg zu ziehen, blieb Sigismund Diekamp erspart, da er bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 schon zu alt dafür war. 

Bochum zur Eröffnung einer Rechtsanwaltspraxis zu wählen, war eine kluge Entscheidung, denn die Stadt war damals mit mehr als 40.000 Einwohnern einer der Hauptsitze der westfälischen Industrie. Innerhalb eines halben Jahrhunderts hatte sich ihre Einwohnerzahl mehr als verzwanzigfacht. Ein Teil der Stadt hinterließ mit seinen fünfstöckigen Häusern bereits einen großstädtischen Eindruck. Bochum wuchs und wuchs. 1905 überschritt die Einwohnerzahl die 100.000-Marke: Bochum war Großstadt. Der Immobilienmarkt florierte, so kam es nicht von ungefähr, dass sich Sigismund Diekamp auf Grundbuchrecht, Erbrecht und das besondere westfälische Güterrecht spezialisierte. Mit dem Strafrecht beschäftigte er sich lieber nicht. Das hing nach Meinung des KV-Verbandsgeschäftsführers und juristischen Kollegen Johannes Henry in Bonn mit dessen „irenischen Charakter“ zusammen, wie er 1931 in einem Nachruf auf Diekamp schrieb.

Führende Rolle bei der Vorbereitung des 36. Katholikentags 

Wenige Jahre, nachdem er sich in Bochum niedergelassen hatte, zeichnete sich ab, welche wichtige Rolle Sigismund Diekamp zukünftig unter Bochums Katholiken, die damals knapp die Hälfte der Bevölkerung stellten, einnehmen würde. 1889 liefen bei ihm die Fäden für die lokale Organisation des 36. Katholikentags zusammen, der in seiner Heimatstadt stattfand. Es war die erste große Katholikenversammlung im Ruhrgebiet. An ihr nahmen 18.000 Menschen teil. Mit ihr wollten die Veranstalter ein Zeichen setzen und auf die Tagung des antikatholischen Evangelischen Bundes ein Jahr zuvor in Bochum antworten. Wenige Monate zuvor war Bochum Mittelpunkt eines Bergarbeiterstreiks gewesen. Aus der Rede Ferdinands von Galen während des Katholikentags ging deutlich hervor, wie nah sich die Forderungen der Streikenden und die Überlegungen der Sozialpolitiker des Zentrums kamen. Bemerkenswerterweise hielten sich die Bischöfe von dem Katholikentag fern. Auch verbandspolitisch fiel er auf: Der CV machte nicht wie noch beim vorherigen Katholikentag in Freiburg i.Br. beim gemeinsamen Kommers mit, feierte allein und ließ den KV und den UV im Stich. 

Sigismund Diekamp nutzte die Gelegenheit des Katholikentags, um im Anschluss daran den Philisterzirkel Bochum ins Leben zu rufen. Damit folgte er einem Trend im KV, der 1888 seine Satzung geändert und das bisherige dritte Prinzip „studentische Geselligkeit“ durch „Freundschaft“ ersetzt hatte. Damit wurde das seit zwanzig Jahren von der Verbandsführung verfolgte Ziel betont, dass die Vereinsmitglieder über das Studium hinaus in Altherrenschaften und in Ortszirkeln zusammenbleiben sollten. Sigismund Diekamp trat nicht nur mit der Gründung des KV-Ortszirkels hervor, sondern betätigte sich zusätzlich ab 1896 als Vorsitzender der caritativen Vinzenzvereine für Bochum und Umgebung. 

Vielfältiger Einsatz für das Wohl aller

Außerdem trat er für die katholische Mädchenschule mit angeschlossenem Lehrerinnenseminar ein und unterstützte den 1889 in Bochum gegründeten katholischen Lehrerverein, den er vor Anfeindungen in Schutz nahm. Eng arbeitete er mit der Bochumer „Westfälischen Volkszeitung“ zusammen, die damals auffiel, weil sie sich auch mit den Problemen der Industriearbeiterschaft befasste. Zu Diekamps 70. Geburtstag fasste sie voller Hochachtung zusammen, was Bochums Katholiken ihm verdankten. Es habe „keinen Zweig im reichhaltigen katholischen Leben Bochums“ gegeben, „den er nicht gefördert und durch sein Wirken befruchtet, keine katholische Organisation, der er nicht persönlich nahegestanden,“ und „für die er nicht Zeit und Arbeit geopfert“ hätte. Heute noch besteht der von ihm am 9. März 1919 gegründete Caritasverband Bochum.
Selbstverständlich engagierte sich Sigismund Diekamp nicht weniger intensiv in der die katholischen Belange vertretenden Zentrumspartei. 1894 übernahm er den Vorsitz, den er 26 Jahre lang ausübte. „Die Zugehörigkeit zum Zentrum und sein Wirken als Parteivorsitzender haben ihn große Opfer gekostet“, so noch einmal die „Westfälische Volkszeitung“. Sie erinnerte dabei daran, dass er vor den Wahlen zum Reichstag 1887 für die Zentrumspartei gespendet hatte und sich daraufhin der Ehrenrat des Bochumer Offizierskorps, dem er als Reserveoffizier angehörte, an Kaiser Wilhelm I. wandte, mit dem Ersuchen „ihn deswegen aus dem Heere auszustoßen.“ Dem habe der Kaiser allerdings nicht entsprochen.     
Von Enttäuschungen blieb er bei seinem politischen Wirken nicht verschont. Bei den Reichstagswahlen gelang es nicht, den Zentrumskandidaten durchzubringen. Ein Erfolg war, 1908 ein Mandat für den Preußischen Landtag zu gewinnen.     
1912 folgten ihm die Zentrumswähler und gaben in der Stichwahl dem liberalen statt dem sozialistischen Kandidaten ihre Stimme, obgleich die Liberalen aufgrund des Dreiklassenwahlrechts im Bochumer Stadtverordnetenkollegium, dem Diekamp seit 1905 angehörte, dem Zentrum keine Chance ließen.

Nach dem Ende des Kaiserreichs und der Demokratisierung des kommunalen Wahlrechts wurde die Zentrumsfraktion  die stärkste Kraft. Von 1919 bis 1924 übte Diekamp das Amt des Stadtverordnetenvorstehers aus. Während der Besetzung durch französische und belgische Truppen 1923 wurde er „wegen einer unerschrockenen, des deutschen Mannes würdigen Sympathieerklärung für die Opfer der… Besatzung mit den Mitgliedern der Bochumer Stadtverwaltung und Stadtvertreter vorübergehend verhaftet“, so Johannes Henry in seinem Nachruf auf Diekamp. Wegen seiner Verdienste um Bochum wurde ihm zu seinem siebzigsten Geburtstag 1926 ein Fackelzug gebracht und 1929 noch zu seinen Lebzeiten die Ehre zuteil, dass eine Straße nach ihm benannt wurde. 

Vorsitzender des KV-Philisterausschusses, hoch angesehen im Verband

Als sich nach dem Ersten Weltkrieg die Idee durchsetzte, eine eigene Vertretung der Altherrenschaft, Philisterausschuss (Phila) genannt, zu schaffen und dessen Vorsitzenden in die Verbandsführung einzubeziehen, erklärte sich Sigismund Diekamp 1924 bereit, dieses Amt zu übernehmen, obgleich er schon an Asthma und Herzbeschwerden litt.

Das hinderte ihn zunehmend daran, häufig in der Verbandsöffentlichkeit in Erscheinung zu treten. Wenn Johannes Henry dazu feststellt, deshalb habe er trotz seines Wunsches, nicht genügend für „seine Ideen werben“ können und das habe „der Bedeutung und Stellung des Philavorsitzenden und seiner Autorität im Verbande“ nicht entsprochen, so ist ein leiser Vorwurf dabei nicht zu überhören. „Um so gewissenhafter und sorgfältiger“, räumt Henry allerdings sofort ein, habe sich Diekamp „den vielen kleinen und großen Aufgaben im Phila und Verbandsrat [dem damaligen höchsten Organ des Verbands] unterzogen“ und „Verständnis“ besessen „für das Geschäftliche und Organisatorische der Verbandsarbeit wie für das geistige Schaffen im KV“, wobei man darüber gern mehr erfahren hätte. Doch betont Henry dabei das „Schulungswesen”. Darüber hinaus hebt er Diekamps Verständnis für die Jugend und die Offenheit für Neuerungen hervor. Im Verbandsrat mit seinen „manchmal recht lebhaften Auseinandersetzungen“, die Henry 1932 ein Jahr nach Diekamps Tod neben anderen Dingen zum Rücktritt von seinem Amt als Verbandsgeschäftsführer brachten, habe er zu vermitteln 
verstanden. Er sei zur „Seele“ dieses Gremiums geworden. Diekamps Entscheidungen seien „reiner Sachlichkeit, unerschütterlicher katholischer Glaubensüberzeugung und warmer Anhänglichkeit an den Verband“ entsprungen. 
Carl Egbring, seit 1931 Mitglied des Verbandsrats, hat sich beim Tod Sigismund Diekamps ähnlich geäußert und dessen „seltene Gabe“ hervorgehoben, „Empfindungen, Strömungen und Ideen der Studentenschaft zu erkennen, mitzuempfinden und in weiser Abwägung des Guten, Möglichen und Nützlichen in klare Bahnen und auf gangbare Wege zu leiten. In einer revolutionären Zeit, in der Ideen“ sprießten, „aber auch“ spukten, sei eine solche Gabe wichtiger denn je. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer „Synthese von Erfahrung und Ideen, von Neugestaltung und Beharrung, von vorwärtsdrängendem jugendlichen Eifer und abwägendem Sinn des Möglichen“ die gefordert seien und der Diekamp gerecht geworden sei. Dies wünschte er sich auch von Diekamps Nachfolger, dem ehemaligen Reichskanzler Wilhelm Marx, der freilich bei der Selbstgleichschaltung des KVs 1933 völlig hilflos wirkte und die Segel strich. Es ist müßig zu fragen, wie sich Diekamp, der am 12. Dezember 1931 gestorben ist und die NS-Zeit nicht mehr erlebt hat, verhalten hätte. Er ging als Persönlichkeit, die den KV in schwierigen Zeiten nach dem Bekunden seiner Weggefährten wie ein Vater erfolgreich führte, in die Geschichte des Kartellverbands ein.

Dr. Wolfgang Löhr (Arm, Car-F, Ru-Ke, Urb, E d Un, E d Gro-Lu, E d Car, E d TTT)

Leitfigur der Katholiken Bochums

Sigismund Diekamp (1856 -1931), Rechtsanwalt, Notar und Justizrat, war eine Leitfigur der Katholiken Bochums sowie deren sozialer Vereine. Er war Stadtverordneter und Vorsitzender der Bochumer Zentrumspartei, Träger des Gregoriusordens, des vierthöchsten Ordens für Verdienste um die römischkatholische Kirche, und Vorsitzender des KV-Philisterausschusses, des Vorläufers des heutigen Altherrenbundvorstands. Sigismund Diekamp war maßgeblich an der Vorbereitung des 36. Deutschen Katholikentages in Bochum 1889 beteiligt.        
Nach seinem Namen ist die „Sigismund-Diekamp-Stiftung” aus dem Jahr 1956 benannt, die sich für die Förderung der Volks- und Berufsbildung, speziell des wissenschaftlichen Nachwuchses, engagiert.
Unter dem Leitwort „Tuet Gutes allen!” gründete er am 9. März 1919 zusammen mit vielen Frauen und Männern mit dem Caritasverband Bochum das christliche Fundament für den gemeinsamen Einsatz aus Nächstenliebe auf. Zu seinen Ehren wurde 1929 die Schillerstraße in Bochum, wo er lebte, in Diekampstraße umbenannt. Es ist sicher kein Zufall, dass in der Diekampstraße 26 bis zum Bezug eines neuen Dienstgebäudes am 12. Februar 2024 das Amt für Soziales Bochum-Mitte angesiedelt war.          

PD