Keine Spur von Amtsmüdigkeit: Anmerkungen zur Halbzeit des Vororts
Die Hälfte unserer Amtszeit ist vorbei. Ein Semester sind wir bereits als Vorort unterwegs und haben verschiedenste Universitätsstädte und, was wahrscheinlich noch wichtiger ist, die dort ansässigen Verbindungen kennengelernt. Ein Semester voller Kneipen, Kommerse und interessanter Gespräche, aber auch voller Arbeit für den Verband, oft auch hinter den Kulissen. Diese Halbzeit unserer Amtszeit, nach der „Eingewöhnungsphase”, bietet vielleicht einen guten Anlass, um einmal einen Blick auf die bisherige Vorortsarbeit zu werfen. Keinen allumfassenden, aber einen beispielhaften Blick auf auf unsere Tätigkeiten in den Semesterferien und zu Beginn des Semesters.
Gerade, wenn sich in der Vorortsarbeit eine gewisse Routine entwickelt, man sich im Winter einspielen konnte, kommen bereits die Semesterferien und zwingen einen quasi zur Pause. Arbeit im KV-Rat ruht zwar auch in dieser Zeit nicht und Aufgaben wie die Planung des Aktiventages bieten mehr als genug Beschäftigungspotential, aber das eigentliche Highlight einer jeden Vorortszeit, das Herumreisen und Kennenlernen der verschiedenen Vereine, flaut zumindest ein wenig ab. Umso mehr freut man sich, wenn die Semesterferien dann langsam zu einem Ende kommen, wenn die ersten Semesterprogramme im Briefkasten oder auf Whatsapp landen, wenn die Saison der Ankneipen beginnt.
Und dann gelingt es auch überraschend schnell, wieder in die im Winter gewonnene Routine zurückzufinden. Schnell zeigte es sich uns aber, dass dieser Semesteranfang doch ein anderer ist als noch im Wintersemester. Zu Beginn des Wintersemesters hieß es für uns erst einmal, sich in die Rolle als Vorort einzufinden. Die Arbeit im KV-Rat kannte man bis dato maximal aus Erzählungen und Berichten. Durch Deutschland mit der Aufgabe zu reisen, den Verband zu repräsentieren und als Ansprechpartner, auch für Kritik, zur Verfügung zu stehen, unterschied sich außerdem auch stark von der normalen Aktivenfahrt. Jetzt, mit dem Beginn des Sommersemesters entfällt diese Eingewöhnungsphase und man kann sich sofort den wichtigen und auch angenehmen Dingen widmen. Sei es beispielsweise in Freiburg oder Erlangen, wo wir die Semesterankneipen und -partys besuchen konnten, oder in Darmstadt oder Mainz, wo sich auch während der Semesterferien Möglichkeiten boten, mit Kartellbrüdern ins Gespräch zu kommen.
Besonders überraschend kam für uns vor den Ankneipen des Sommers allerdings die Erkenntnis, dass Repräsentationsarbeit für den KV auch weit über die Grenzen Deutschlands hinaus stattfinden kann. So hatten wir die Möglichkeit, Anfang April an einem viertägigen AGV-Seminar in Washington teilzunehmen. Die AGV, die Arbeitsgemeinschaft katholischer Studentenverbände, die KV, CV, den Unitas-Verband und den RKDB zusammenschließt, bietet regelmäßig solche Diskussionsseminare an verschiedenen Orten an. Ziel ist es, mit Vertretern aus Politik, Gesellschaft und Kirche ins Gespräch zu kommen.
Inhaltliche Anstöße sollen aus diesen Gesprächen in die Diskurse in unseren Vereinen und Verbänden eingebracht werden. Gleichzeitig bietet sich dabei auch immer wieder die Möglichkeit, unsere Verbände an gesellschaftlich und kirchlich relevanten Orten bekannt zu machen und uns als Gesprächspartner zu etablieren. Warum Amerika sich 2024 besonders gut für eine solche Aktion eignet, liegt mit der Präsidentschaftswahl im November auf der Hand. In Gesprächen mit Bischof Broglio, dem Vorsitzenden der US-amerikanischen Bischofskonferenz, Dr. Kilpatrick, dem Präsidenten der katholischen Universität Washington, oder bestens vernetzten Lobbyisten konnte man einen ganz anderen Eindruck über die Entwicklungen in den USA erhalten, als es aus Deutschland möglich gewesen wäre. Das Rennen um die Präsidentschaft wirkte so greifbarer und besser nachvollziehbar.
Amerika im Wahlkampffieber
Personen, die teilweise persönlich die Politik der USA mitgestalten oder auch nur in der durch den Wahlkampf geprägten Atmosphäre der USA leben, die das Land nochmal ganz anders als ein deutscher Wahlkampf prägt, erzählen deutlich lebensnäher von den politischen Geschehnissen, als man es über die Nachrichten mitbekommt. Und wenn man manchem Gesprächspartner folgte, wirkte dieser Wahlkampf gar nicht so sicher entschieden, wie es vielleicht aus deutscher Sicht manchmal wirken kann.
Neben solchen Gesprächen kam auch die interkorporative Vernetzung nicht zu kurz. Bei gemeinsamen Rundgängen über die National Mall oder bei Besuchen des studentisch geprägten Georgetown-Viertels bot sich nicht nur die Gelegenheit, die Atmosphäre der Schaltzentrale der freien westlichen Welt (wenn man Washington so nennen möchte) auf sich wirken zu lassen. Verbindungen und Dachverbände kennenzulernen gestaltete sich als mindestens ebenso interessant. Ein besonders aufschlussreicher Programmpunkt war außerdem der Besuch verschiedener Fraternities, amerikanischer Studentenverbindungen, die man in Georgetown in jeder zweiten Straße finden kann.
Auch, wenn man aus Deutschland eine große Variation der Formen von Studentenverbindungen gewöhnt ist, sei es durch den Besuch bei einem Corps, einer Burschenschaft oder einer Sängerschaft; Fraternities bilden selbst für versierte KVer eine Neuheit. Traditionen, wie das Schlagen von Kommersen oder das Reiben eines Salamanders, findet man jenseits des Atlantiks eher nicht. Im Gespräch mit den amerikanischen „Farbenbrüdern” erhielt man eher den Eindruck, dass amerikanische Fraternities etwas mehr im normalen studentischen Leben aufgehen, als es vielleicht in Deutschland der Fall ist. Etwa durch regelmäßige Partys oder durch einen lockereren Umgang, aber eben auf Kosten von Tradition, die man im deutschen Verbindungsleben besonders wertschätzt.
Auch wenn dieser Ausflug in das lockerer gestaltete Verbindungsleben in den USA nochmal einen anderen Blickwinkel auf das Leben in Verbindungen ermöglichte, die Besuche der folgenden Ankneipen im eher traditionell geprägten deutschen Verbindungsleben zeigten zumindest mir, dass ich mich als KVer doch glücklich schätzen kann. Dass die Kombination von locker und Tradition funktionieren kann, zeigte uns unter anderem die Brisgovia Freiburg. Hier wurde der Beginn des Semesters über ein ganzes Wochenende gefeiert. Zuerst mit einer von allen möglichen Studenten hervorragend besuchten Party, am folgenden Samstag dann mit der traditionellen Kneipe. Für beides bildete das Haus der Brisgovia einen mehr als würdigen Ort.
Dass das Leben als Vorort nicht nur aus herumfahren, feiern und guter Laune besteht, zeigte sich uns dann aber auch in den vergangenen Semesterferien.
In Mainz kamen wir als gesamter KV-Rat ins Gespräch mit Vereinen, die sich derzeit mit der Frage auseinandersetzen, wie es in ihrem eigenen Bund mit der Zukunft als reinem Männerbund aussieht. Wir wollten uns ein Bild über den Stand und den Ursprung solcher Überlegungen machen, sehen, wie groß der „Leidensdruck“ dieser Vereine ist. Auch die Wünsche und Ideen der verschiedenen Vereine für sie selbst und unseren Dachverband sollten zur Sprache kommen. Gerade, wenn wir uns als Arminia oder Rheno-Borussia diese Frage nicht stellen, ermöglicht das Gespräch mit Verbindungen, die sich derzeit diese Frage stellen, nochmal einen anderen Blickwinkel auf diese Thematik.
Mit Blick auf Aktiventag und Hauptausschuss in Bonn war dies eine gute Übung, Gespräche und Diskussionen auch zwischen Bünden mit verschiedenen Ansichten und anders gewachsenen Traditionen zielbringend zu führen. Wenn man den Blick in Richtung Aktiventag schweifen lässt, fällt ein weiterer Punkt auf: Die Planungsintensivität dieser Veranstaltung zeigt uns bereits seit mehreren Monaten, dass das Sommersemester intensiver als das Wintersemester sein wird.
Zwei Gründungsmitglieder unseres Verbandes feiern ihr 160-jähriges Bestehen, zahlreiche weitere runde und „ganz normale” Stiftungsfeste wollen besucht werden und gerade bei sommerlichen Temperaturen bekommt man auch besondere Lust zum Besuch von Sommerfesten oder Grillabenden.
Wegen dieses Vorfreude erzeugenden Ausblicks ist es nicht verkehrt, dass es so etwas wie Semesterferien gibt, in denen nicht nur universitärer, sondern auch verbindungstechnischer Betrieb zur Ruhe kommt. Immerhin will auch die zweite Hälfte unserer Amtszeit nach dieser Halbzeit mit Elan begangen werden.
Jonas Stapelmann (Arm, Arn)


