Das schwerste Wort heißt: Danke
Er ist ein Evergreen, Millionen kennen ihn - den Song „Thank you for the music“ der schwedischen Pop-Gruppe ABBA aus den späten 1970er Jahren. Agnetha und Björn, Benny und Anni-Frid haben in dem Liedtext offenbar Autobiografisches verarbeitet. Dort erzählen sie, wie sie merkten, welchen Schatz sie in sich trugen und wie ihr musikalisches Talent gefördert wurde. Eigentlich ist das außergewöhnlich. Da schauen vier erfolgreiche Leute auf ihr bisheriges Leben zurück und sagen einfach mal Danke. Nicht: Seht mal alle her, was wir Tolles geleistet haben! Sondern: Danke. Danke für das große Geschenk, das unser Leben erfüllt! Danke für die Chance, dass wir unser musikalisches Talent entwickeln konnten! Danke für das Glück und die Freude, die die Musik in unser Leben gebracht hat.
Mir scheint: Jetzt, da viele Dinge nicht mehr ganz so selbstverständlich sind, sagt man eher „Danke” als zu Zeiten, in denen alles sehr gesichert schien. Deshalb sage ich: Danke, dass ich den Beruf ergreifen durfte, der mich erfüllt. Danke, dass ich in einem sicheren Land leben darf, das nicht von Krieg und Erdbeben heimgesucht wird und wo man das Wasser, das aus der Leitung kommt, trinken kann. Danke, dass ich eine Familie habe, in der ich geborgen sein darf und in der wir uns aufeinander verlassen können. Danke, dass ich von so vielen Menschen guten Willens umgeben bin, mit denen nicht nur ein gutes und wertvolles Miteinander möglich ist, sondern mit denen auch viel Gutes erreicht werden kann.
Ich bin auch dankbar dafür, dass ich mich jeden Tag ohne fremde Hilfe anziehen und waschen kann. Ja: und ich bin nicht nur dankbar dafür, jeden Tag genug zu essen zu haben, sondern auch dafür, dass mir das Essen auch schmeckt. So viele Menschen mussten mit ihrer Corona-Infektion Einbußen in ihrem Geschmackssinn hinnehmen!
So viele Dinge stehen unverdient zur Verfügung und sind nicht Ergebnis eigener Leistung! Wie oft nimmt man sie gedankenlos hin oder glaubt, einen Anspruch auf sie zu besitzen! Dann wird „Danke” zum schwersten Wort, das es gibt. Das Lukas-Evangelium berichtet, wie Jesus einmal zehn Aussätzige heilte. Nur einer von ihnen bedankte sich bei ihm. Der Geheilte war dankbar, weil er eine neue Chance erhalten hatte. Er war dankbar, dass er endlich wieder am Leben teilhaben konnte - nach einer langen Krankheit, die unheilbar erschien und ihn isoliert hatte. Er besah seine Situation an und merkte, was es heißt, wieder gesund zu sein. Das ist schon ein Impuls, sich an dem zu freuen, was allzu oft selbstverständlich erscheint. Sich an Augenblicken zu freuen, in denen spürbar wird: Gott ist da in dieser Welt, in meiner Welt. Er lässt mich nicht allein.
Auch, wenn niemand Gottes Plan kennt, so vertraue ich doch darauf, dass alles seine Richtigkeit hat und dass nichts ohne Sinn passiert. Judith Müller hat gesagt: „Glaube ist die Fähigkeit, die Widersprüchlichkeit der Welt und des Lebens auszuhalten. Glaube ist Widerstand gegen das Aufgeben“.
Deshalb freue ich mich an all dem, was allzu oft als selbstverständlich abgetan wird, denn es ist Gottes großes, unverdientes Geschenk an mich - so wie jeder neue Tag. Auf den freue ich mich auch.
Thomas Schmid
Thomas Schmid
Thomas Schmid (*1959), Studium der Katholischen Kirchenmusik, seit Anfang der 1980er Jahre in der K.St.V. Ottonia zu München. Beruf: Kirchenmusiker und Bestatter (Trauerdienste Schmid)
