Vor hundertsechzig Jahren erschienen erstmals Georg Büchmanns „Geflügelte Worte”

Knapp vorbei ist auch daneben: Als Gesundheitsminister Lauterbach 2022 vor dem Bundestags seine Ausführungen zu einer Impfpflicht mit dem angeblichen Hegel-Satz würzte, Freiheit sei die Einsicht in die Notwendigkeit, musste er sich korrigieren lassen: „Peinlich, peinlich!” meinten Hegelexperten: Hier irre (nicht Goethe, sondern) der Minister. Der Satz stamme von Friedrich Engels - nicht von Hegel. 

Zitate eignen sich fulminant als „Salz in der Suppe” eines Textes. Sie bringen lange Ausführungen auf den Punkt und machen die Aussage klipp und klar. Bloß sollte man dabei seriös und wahrhaftig vorgehen - also ein Zitat nicht nur in seinem korrekten Wortlaut wiedergeben, sondern auch seine Quelle, seinen richtigen Autor nennen - und nicht den falschen. Denn auf Exaktheit basieren unsere Zitierregeln, die wir an der Schule und an der Uni lernen und an die wir uns auch noch nach dem Examen halten sollten: „Non scholae, sed vitae discimus - nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir.” Indes wird heute falsch zitiert, was das Zeug hält: Oft ist der Wortlaut nicht korrekt, oft die Herkunftsangabe falsch. Zwar kämpfen gegen Schlamperei und Vergesslichkeit Götter selbst vergebens. Problematisch wird es aber, wenn Klassiker mit ihrer Autorität dazu herhalten müssen, um Standpunkte zu stützen und der Diskussion zu entziehen, über deren Gültigkeit und Sinn man sonst wahrscheinlich weiter gerungen hätte. 

Dabei gibt es ein Buch, das genau klärt, wie ein Zitat lautet und auf wen es zurückgeht: Es sind Georg Büchmanns „Geflügelte Worte”. Vor hundertsechzig Jahren als „Zitatenschatz des deutschen Volkes”,  erschienen, seither ergänzt, überarbeitet und mehr als vierzig Mal neu aufgelegt, ist „der Büchmann” unentbehrlich, wenn es gilt, genau zu zitieren - und „nie war er so wertvoll wie heute!”

Kluge Worte werden gern zitiert

Im Jahre 1844 hielt der Oberlehrer Georg Büchmann im Berliner Schauspielhaus einen Vortrag über landläufige Zitate. Im Auditorium befand sich auch Friedrich Weidling, der Leiter des angesehenen Verlags Haude und Spener. Der Verleger war von dem Vortrag so begeistert, dass er Büchmann anbot, seine Ausführungen zu veröffentlichen: Noch im selben Jahr erschien ein 220 Seiten umfassender Band mit dem Titel „Geflügelte Worte - der Citatenschatz des deutschen Volkes”.

Der Ausdruck „Geflügeltes Wort” stammt vom griechischen Dichter Homer: 46 mal kommt er in der Ilias, 58 mal in der Odyssee vor. Damit beschrieb Homer die unsichtbaren Wege des gesprochenen Wortes hin zu dem, der dieses Wort vernimmt. Für Georg Büchmann dagegen war das „Geflügelte Wort” ein Zitat, bei dem man zwar noch weiß, dass es ein Zitat ist, das sich aber aus dem Kontext, in dem es entstand und seinen Platz hat, „emanzipiert” hat - und sprichwörtlich geworden ist, oder wie Georg Büchmann es im Vorwort zur letzten von ihm betreuten Auflage seines Buches beschrieb: „ ,Geflügelte Worte´ nenne ich solche Worte, die von nachweisbaren Verfassern ausgegangen, allgemein bekannt geworden sind und allgemein wie Sprichwörter angewendet werden.”

August Methusalem Georg Büchmann, 1822 in Berlin geboren, soll schon während seiner Schulzeit wegen seiner Schlagfertigkeit aufgefallen sein. Er studierte Philologie und Archäologie und promovierte mit 23 Jahren über das Thema „Die charakteristischen Differenzen zwischen den germanischen und slawischen Sprachstämmen”. Zeitgenossen beschrieben ihn als humorvoll, geistreich und gebildet - vor allem aber als sprachbegabt. Neben Latein, Griechisch und Hebräisch soll er noch sieben weitere Sprachen beherrscht haben. Nach einem kurzen Frankreichaufenthalt wirkte er als Lehrer in Brandenburg und von 1854 bis 1877 als Sprachlehrer an der Friedrich-Werder´schen Gewerbeschule in Berlin. Frankreich, aber auch England sollen Büchmann zu seiner Beschäftigung mit klassischen Zitaten inspiriert haben: Dort legten die gebildeten Kreise Wert auf Esprit, Humor und galante, geschliffene Konversation. Zitate waren unentbehrlich und so gab es dort bereits Sammlungen literarischer Zitate und Sprichwörter - nach dem Motto „Schlag nach bei Shakespeare!” oder „Was sagt denn Molière?” So übersetzte Büchmann neben seiner 
Tätigkeit als Lehrer Zitate und erforschte mit wissenschaftlicher Akribie nicht nur den exakten Wortlaut des jeweiligen Zitats, sondern auch, wo sich der jeweilige Satz oder Vers zum ersten Mal in der Literatur fand und wer der Urheber war. 

„Give me a cup of sack!”

Büchmanns Buch „Geflügelte Worte” wurde zum Bestseller. Wer seine Reden oder seine Konversation aufpeppen wollte, brauchte nur darin nachzuschlagen. Dort fand sich stets ein guter Spruch für jede Lebenslage. Spannend waren aber auch die Herkunftsgeschichten der Zitate. Wieso wir etwa das Wort „Sekt” Shakespeares „Helden” Sir John Fallstaff verdanken - die „Geflügelten Worte” verraten es: „Give me a cup of sack to make my eyes look red”, fordert der dicke Lebemann im „Heinrich IV.” - also Sekt wie secco: Wein aus getrockneten Beeren. Den Berliner Schauspieler Ludwig Devrient muss die Rolle des Fallstaff  so gepackt haben, dass der Mime sich wohl auch im privaten Leben wie Sir John gab. Folglich bestellte er bei Lutter & Wegner seinen Champagner als „Sekt” - konsequent und stets aufs neue, bis dieses Wort Flügel bekam und es nicht nur in Berlin, sondern überall in Deutschland „Sekt” hieß. Wer mit solchen Fallstaff-Anekdoten prunken kann, avanciert bei jedem Schaumwein-Smalltalk zum „Doktor Allwissend”. Die „Geflügelten Worte” sind eben nicht nur ein Nachschlagewerk, sondern auch eine amüsante Lektüre.

Während in der ersten Auflage 750 Zitate und Sprichwörter aufgeführt wurden, enthielt „der Büchmann” am Lebensende seines Autors über zweitausend Einträge. Sechzehn Mal legte der Verlag Haude und Spener zu Büchmanns Lebzeiten die „Geflügelten Worte” neu auf. Büchmann wurde der Professorentitel verliehen, der König von Preußen zeichnete ihn mit dem Roten Adlerorden aus - sein Name avancierte selbst zum „Geflügelten Wort”. Aber sein Ruhm stieg ihm nicht zu Kopf: Er blieb Lehrer an der Gewerbeschule in Berlin. Auch im Ruhestand setzte Büchmann seine Arbeit fort. Neben Zitaten sammelte er Märchen, die er mit großem Erfolg publizierte. Doch er litt auch jahrelang unter den Folgen eines schweren Unfalls und starb 1884, kurz nach seinem 62. Geburtstag. 
Mehrere Sammler haben Georg Büchmanns Werk von Auflage zu Auflage fortgesetzt: Die siebzehnte Auflage (1892) umfasste bereits 2260 Zitate. Mehr als 75 Prozent der Geflügelten Worte entstammten damals der Bibel und den Werken von Dichtern aus der Antike und der deutschen Klassik, voran Schiller und Goethe. Daran änderte sich auch in den 1920er und Anfang der 1930er Jahren wenig: In Abständen von höchstens drei Jahren erschienen Neuauflagen. Während der Hitlerdiktatur, so ein „Spiegel”-Artikel von 1960, wurden im „Büchmann” die Namen der dem Regime verhassten „Juden und Halbjuden”  Ludwig Börne, Heinrich Heine oder Karl Marx mit Sternchen versehen. Es sei, zitierte der Spiegel die Bearbeiter der 28. Auflage, „nicht zweckmäßig, solche „Geflügelten Worte” kurzweg aus dem Büchmann zu streichen”. Doch solle das „Verbleiben Heinrich Heines in dem Kapitel „Aus deutschen Schriftstellern” nicht besagen, dass der Herausgeber ihn dem deutschen Schrifttum zurechnet.” Manches Zitat, das damals dem „Büchmann” hinzugefügt wurde, so der Spiegel weiter, wurde nach 1945 wieder getilgt: etwa „Deutschland erwache!” oder „Die Fahne hoch!”. 

Kuckuckszitaten auf der Spur

Jeweils nach dem Geschmack der Zeit ist Georg Büchmanns Zitatenschatz erweitert worden. Michail Gorbatschows Satz „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben” hat es genauso in die Sammlung geschafft, wie mancher Werbespruch. Auch außerhalb des „Büchmanns”, im Internet, wird mancher Satz zum Geflügelten Wort. Bloß sollte man dort den Herkunftsangaben misstrauen. Der ach so beliebte Satz „Das Leben ist viel zu kurz, um schlechten Wein zu trinken” stammt etwa keineswegs, wie oft behauptet, von Johann Wolfgang Goethe - was sich auch leicht feststellen lässt, da die Klassiker in den letzten Jahrzehnten großteils digitalisiert worden sind. Der Wiener Literaturwissenschaftler Gerald Krieghofer veröffentlicht solche „Kuckuckszitate” in seinem Blog. „Mir war es vor zehn Jahren nicht klar, dass wir überflutet werden von falschen oder entstellten Zitaten”, sagte der Gelehrte 2022 im WDR-Geschichtspodcast „Zeitzeichen”. Schlimm sei, wenn solche „Kuckuckszitate” es dann auch noch ungeprüft in seriöse Medien schafften. 
Der weltweit am häufigsten falsch zitierte Mensch sei Albert Einstein, sagte Krieg-hofer 2021 gegenüber der Deutschen Welle. Auch Mark Twain und Winston Churchill würden häufig falsch zitiert, im deutschen Sprachraum seien Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky und Otto von Bismarck diejenigen, diejenigen, denen besonders häufig falsche Zitate untergeschoben würden, letzterer offenbar bevorzugt von rechtspopulistischer Seite.
Wer auf Nummer sicher gehen will, halte sich beim Zitieren also weiter an den „Büchmann”, dessen Zitatenschatz seit 160 Jahren treu weiter geführt wird. 
Der „Neue Büchmann”, 2007 aufgelegt, bringt es inzwischen auf viertausend Zitate. Und wer Falschzitate vermeiden will, schlage bei Gerald Krieghofer nach: Unter dem Titel „Die falschesten Zitate aller Zeiten” hat der Wissenschaftler 2023 ein Buch herausgegeben, das zusammenfasst, was, so der Untertitel, „Einstein, Freud und Pippi Langstrumpf so niemals gesagt haben”.

Reinhard Nixdorf