Zu Gast in Frankfurt bei der AV Sachsenhausen
Ende Februar 2024 beehrten sich sechs Kartellbrüder (Frankonia-Straßburg und Ortszirkel „Bundestag”), die Exkneipe der „AV Sachsenhausen” 1 zu besuchen, der örtlichen Vertretung des Verbandes der Vereine Deutscher Studenten. Die nachstehende, leicht überarbeitete „Zielrede” des Farbenbruders Christoph Kus beleuchtet Aspekte aus dem Aktivenleben, die vielen Kartellbrüdern nur allzu bekannt sein dürften.
Ausführlich berichtete ich auf einer Kneipe vor eineinhalb Jahren über die Geschichte des Frankfurter VDSt, beziehungsweise von dem, was man berichten konnte. Denn viele Archivmaterialien blieben nicht übrig, nachdem unser erstes Haus vermutlich im Zweiten Weltkrieg mit mehr als der Hälfte der Gebäude der Stadt alliierten Luftangriffen zum Opfer fiel. Ähnlich wie unsere Stadt durchlebte der VDSt Frankfurt viele Höhen und Tiefen. Die Tatsache, dass wir uns 2022 in der fünften Gründung des Bundes nach 1914, 1919, 1954 und 1989 befanden, soll dies aber genügend belegen.
Letztlich habe ich mich dafür entschieden, meine Lehren aus elf Aktivensemestern in drei Bünden inklusive der Wiedergründung unseres Frankfurter Bundes zu behandeln. Nun, wo soll ich anfangen? Vermutlich beim jungen Osnabrücker Bund, der erst 1993 gegründet wurde, wo ich 2018 aktiv wurde.
Die Lehren eines Altaktiven
Warum wurde ich aktiv? Vornehmlich aufgrund der günstigen Wohnung, die auch kurz vor dem Semesterstart noch frei war. Ich will behaupten, dass es der Mehrheit der anwesenden Aktiven ähnlich ergangen ist. Ohne Wohnungen, beziehungsweise eher ohne Haus, kann vielleicht einer von 100 oder 200 Bünden überleben. Diese Realität vergisst man gern und schnell, wenn man sich auf dem Hause der Freude des Hopfensaftes hingibt.
Der VDSt Osnabrück erwarb erst 2005 unter Aufbringung aller Kräfte des kleinen Bundes sein Haus und hat dies auch bald abgezahlt. Nichtsdestotrotz dürfen wir natürlich nie das unermessliche Geschenk von Bbr. Zehrung, der 1928 hier aktiv wurde, und seiner Frau Charlotte vergessen, das sie uns mit diesem knapp sechshundert Quadratmeter großen Haus in Sachsenhausens bester Lage gemacht haben.
Der junge Osnabrücker Bund litt unter zahlreichen Problemen, aber besonders oft war Geld der beschränkende Faktor der Aktivitas. Ein Problem, das mir in Frankfurt erneut über den Weg laufen sollte, denn Stand 2021 hatten wir ganze sechs ordentliche Alte Herren vorzuweisen. Also, die Antwort liegt auf der Hand: Die Kasse muss gut und ordentlich geführt werden, sicherlich haben wir hier aber schon die Hälfte der Bünde verloren. Wie oft habe ich erlebt, dass man Aktive, die überhaupt nicht vom Fach waren und die nichts von Finanzen verstanden, in die Kassenposition versetzte. Ist es dann wirklich verwunderlich, wenn der spielsüchtige Langzeit-Archäologie-Student samt der Kassen nach einigen Semestern verschwindet? Natürlich nicht.
Auch die Bierkasse muss kein Minusgeschäft sein, insbesondere in Städten, die sich nicht durch regelmäßigen Couleurbesuch auszeichnen. In Osnabrück setzten wir über die Bierkasse einen Gewinn von ungefähr neunhundert Euro pro Semester um, in Frankfurt finanzieren wir uns über einen Großteil des Semesterprogramms.
Vorrang des Studiums
In Osnabrück habe ich außerdem gelernt, dass das Studium in einer akademischen Verbindung Vorrang hat vor allem, was die Korporation betrifft.
Denn die Gemeinschaft des Bundes hat auch und allem voran Sorge zu tragen für das akademische Wohlergehen seiner Mitglieder. Wie setzt man dies nun um? So haben wir in Frankfurt in diesem Semester einen Studienstandsconvent beziehungsweise akademischen Abend durchgesetzt.
Im Gremium der Aktivitas redet man hier über seine akademischen Pläne, Ziele und Probleme. Daraus kann der Bund dann logische Handlungsalternativen ableiten: Merkt man beispielsweise, dass jemand große Probleme mit dem Fortschritt im Studium hat, so wäre es vermutlich keine gute Idee, ihm im Folgesemester zwei Chargen aufzuerlegen. Bei vielen anderen Problemen können sicherlich Alte Herren unterstützen, die viel zu selten kontaktiert werden. Dies ist natürlich nicht die Lösung für alle Probleme, denn auch dieser Ansatz kann nicht verhindern, dass einige Aktive keinen Abschluss erlangen. Aber einmal im Semester am Abend nur über den akademischen Stand zu sprechen und nicht wie auf den Allgemeinen oder Burschenconventen üblich nur über Korpora-tives etc., kann viele Sorgen und Probleme frühzeitig ausmerzen.
Aktiv im Verband
Als ich dann 2021 aus Osnabrück wegging, wurde ich automatisch zum VDSt Königsberg-Mainz überstellt, laut Verbandssatzung werden wir VDSter an den nächsten Bund zur Universität überstellt. Da es in Frankfurt noch keinen VDSt gab, ging es für mich nach Mainz.
Der Bund dort ist 108 Jahre älter als der Osnabrücker, 1885 in Königsberg gegründet, nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben und Ende der 50er-Jahre als VDSt Königsberg-Mainz wieder aktiviert worden, zwei ziemlich verschiedene Bünde also. Hier lernte ich viel über den immer noch ausgeprägten Königsberger Comment und den Umgang mit der Historie eines Bundes.
Der Blick zurück
Die Trauer über den Verlust zweier Häuser, eines Bootshauses am Königsberger Schlossteich, über die vielen, in beiden Weltkriegen gefallenen Bundesbrüder sowie die Trauer über den Verlust der Heimat gehörten genauso dazu wie das Wissen um Bbr. Reinhard Breder, der im Königsberger Bund außerordentlicher Alter Herr war und von 1943 bis zum Kriegsende die Gestapo in Frankfurt leitete.
Dazu folgendes: Ich weiß von Bünden, auch im Verband der Vereine deutscher Studenten, die alle Bundesbrüder, die Assoziationen zum Nationalsozialismus hatten, aus der Ahnengalerie entfernt haben. Schafft das die Problematik damit aus der Welt? Meines Erachtens keineswegs, es führt nämlich nur zum Vergessen. Es ist doch wohl mehr wert, seine Vergangenheit aufzuarbeiten, zu kennen und aus ihr für die Zukunft zu lernen, anstatt sie in Vergessenheit geraten zu lassen.
Hier bediene ich mich eines Zitats von Ignatz Bubis, der im Holocaust Vater, Bruder und Schwester verlor. Später war er Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland und von 1956 bis zu seinem Tode in Frankfurt ansässig, wo auch eine Brücke nach ihm benannt ist.
„Was geschehen ist, darf man nicht vergessen, um für die Zukunft dagegen gefeit zu sein.“
Nach diesem Credo wollen wir unsere Füxe erziehen.
Reaktivierung in Frankfurt a.M.
Für mich ging es tatsächlich unabhängig von der Wiedergründung für den Master nach Frankfurt. Dennoch fühlte ich mich, als ich ab 2022 dort war, verantwortlich für den Wiederaufbau des VDSt. Leider muss ich mit harten Worten ergänzen, dass sich viele, wenn nicht sogar die meisten Bundesbrüder dieser Verantwortung entzogen. Dies soll eine Mahnung sein, denn in fast allen Gemeinschaften, ob es Bünde, Unternehmen oder Vereine sind, wird das Gros der Arbeit von einigen Wenigen getragen. Dies erschwert vieles ungemein.
Man stelle sich einmal vor, wo die Bünde stehen würden, wenn jeder der ca. zwanzig Aktiven und hundert Alten Herren einen kleinen Teil zum Ganzen beitragen würden und sich nicht ihrer Verantwortung entziehen würden. Deshalb appelliere ich vor allem an die jungen Mitglieder: Geht mit einem guten Beispiel voran und nach einem Zitat von einem Osnabrücker Bundesbruder:
„Tut mehr als nötig ist.“
Dies lässt sich übrigens ausgezeichnet auf alle Lebensbereiche übertragen, insbesondere auf das Akademische.
Keilen tut not
Als ich 2019 auf meiner ersten Verbandstagung in Erfurt war, stellte der VDSt Königsberg-Mainz den Vorort sowie ca. 25 Burschen. Als ich Ende 2021 nach Mainz überstellt wurde, kam der Bund auf kaum zehn Aktive. Auf meinem letzten Burschenconvent in Osnabrück kamen wir auf ca. zwanzig Burschen, Ende des letzten Sommersemesters war allen klar, dass man gute Füxe keilen müsste, da es personell sonst früher oder später zu Ende gehen würde. Dies sind nur zwei persönliche Erfahrungen.
Wenn es den Aktivenbünden gut geht, werden diese oft müßig, überheblich und gleichgültig und das alles ist menschlich. Wer schert sich schon um die Vermietung, wenn er dreißig steile Burschen an seiner Seite weiß? Das ist allerdings einer der vermutlich größten Trugschlüsse im Verbindungsleben. Eher früh als spät holt schlechte Keilarbeit die Bünde ein.
Warum also nicht einfach die Keilphase professionalisieren? Bessere Vermietungsanzeigen, wirksamere Bewerbungsgespräche und eine bessere Vorbereitung junger Aktiver auf die Keilphase. In Frankfurt planen wir einmal pro Semester ein Keilseminar durchzuführen um diese Punkte abzudecken. Dort sollen die Abläufe, die funktioniert haben, erhalten und neue Ideen diskutiert und umgesetzt werden. Allzu oft geht mit der Philistrierung nämlich auch das Wissen um gute Keilung und Bindung von Mitgliedern verloren.
Die Absprache im Bund
Wie oft sprechen sich Altherrenbund, Aktivitas und Heimverein untereinander ab? Wenn es gut läuft vielleicht zweimal im Jahr. Für den Rest des Jahres wissen die verschiedenen Vorstände oft nicht um die Probleme der Anderen. Warum also nicht einfach mehrere Termine im Semester nutzen, um Vorstandstreffen durchzuführen? Denn wenn die Kommunikation zwischen diesen drei zentralen Einheiten gut funktioniert, wird man einen enorm reibungslosen Ablauf mit entsprechend positiven Ergebnissen erzielen.
Christoph Kus (VDSt Osnabrück)
Anmerkung:
[1] Aus Rechtsgründen ist die AV Sachsenhausen daran gehindert, sich als VDSt zu bezeichnen.
