Wissenschaft, Freundschaft und Glaube - unser gemeinsamer Schatz - Vortrag zum Stiftungsfestkommers e.v. K.St.V. Rhenania Innsbruck

Vortrag zum Stiftungsfestkommers e.v. K.St.V. Rhenania Innsbruck

Redner werden oft nach zwei unterschiedlichen Kriterien ausgewählt: Sind sie wichtig? Und: Können sie etwas? Was mich betrifft, habe ich immerhin den bedeutendsten deutschen Freibeuter des frühen sechzehnten Jahrhunderts unter meinen Vorfahren: Marten Pechlin aus Burg auf Fehmarn. Er kam 1526 auf einer Geschäftsreise ums Leben. Auch saß ich einmal auf dem Stuhl des Bundeskanzlers - auch wenn dieser damals nicht mehr amtierte.             
Das kam so: 2003 feierte die Askania-Burgundia ihr 150. Stiftungsfest, und der KV feierte sich mit. Festredner war Bundeskanzler a.D. Dr. Helmut Kohl. Der Saal war voll, und weil ich damals das unwichtigste Mitglied im Altherrenbundvorstand war, bekam ich zunächst nur einem Stehplatz. Kurz nach seiner Festrede brach Helmut Kohl auf, und ich schnappte mir nicht nur den freien Platz, sondern auch das frische Pils, das dort bereitstand. Ich habe also auch aus seinem Becherchen getrunken. 
Was ich kann, ist nicht ganz so schnell erzählt, da kommt schon einiges zusammen. Doch fürchte ich, dass ich nichts, wirklich gar nichts besser kann als alle anderen. Macht nichts: Hier bei Euch bin ich hauptsächlich wegen zwei Fähigkeiten, bei denen es sogar entscheidend ist, dass wir sie alle haben. Erstens: Ich kann Gut und Böse unterscheiden. Zweitens: Ich kann mich schämen.

„Wer ist der Mensch, 
der das Leben liebt / 
und gute Tage zu sehen 
wünscht? […]  
Meide das Böse,  
und tu das Gute;  
suche Frieden,  
und jage ihm nach!” 
(Ps 34, 13-15)

Wegen dieser Fähigkeiten sind wir Christen, wegen dieser Fähigkeiten sind wir Brüder im KV und im EKV. Vielleicht sind wir eines Tages im KV auch Brüder und Schwestern, aber das habe ich nicht zu entscheiden. Ich persönlich gehöre in dieser Diskussion eher zu den Konservativen, aber ich bin auch überzeugt, dass wir sie als Gemeinschaft überstehen können. Denn ich glaube, dass die mögliche Aufnahme von Studentinnen die entscheidende Frage unserer Gemeinschaft völlig unberührt lässt: Was verbindet uns?

Was verbindet uns? Ein Stück weit sind es unsere Traditionen, unsere Formen: Wir haben eigene Bräuche, die Außenstehenden fremd sind. Wir haben eine eigene Sprache, die für Außenstehende unverständlich ist: Ein Schmollis omnibus cantoribis musicoque! Diese Traditionen sind nicht immer gleich, vom Vollwichs zum Salonwichs, vom Zipfel zu Mütze und Band, im Umgang mit dem Nachwuchs. Als ich ein Fuchs war, erklärte mir ein älterer, übergewichtiger Bursche, in seiner Jugend hätten die Füchse den Burschen noch die Schuhe geputzt vor die Tür gestellt. Der gute Bundesbruder dürfte bestimmt nicht von seiner eigenen Jugend gesprochen haben, aber vielleicht von einem anderen Korporationsverband, bei dem man ebenfalls Kneipen und Kommerse schlägt. 
Kneipen, Kommerse und die Traditionen, die sich daran knüpfen, verbinden uns beinahe genauso stark mit Corps, Landsmannschaften oder Burschenschaften.  Aber wir wären keine KVer (oder ÖKVer), wenn ausgerechnet unsere Gemeinsamkeiten mit Landsmannschaften, Burschenschaften oder Corps das wären, was uns verbindet.

„Da wird der Geist Euch wohl dressiert, 
In spanische Stiefel eingeschnürt,
Dass er bedächtiger 
so fortan Hinschleiche die Gedankenbahn...”
(Johann Wolfgang Goethe, Faust 1)

Was verbindet uns? Ein Stück weit ist es die Wissenschaft: Wir alle studieren. Wir alle haben eine Denkdisziplin erlernt und bis wir das Examen ablegen, haben wir uns dieser Denkdisziplin so weit unterworfen, dass sie unser Leben prägt. Es ist nicht immer dieselbe Denkdisziplin, und in vielen Fällen unterwerfen wir uns ihr, bevor wir sie verstanden haben.

Mir ist dieser Zusammenhang spät in meinem Studium bewusst geworden, als ich endlich begriff, warum ich mit Juristen so häufig Streit bekam. Ich hatte diese vielen Gerichtsfilme gesehen, in denen der Anwalt am Ende die Anklage widerlegt, indem er den Fall aufklärt. Irgendwann begriff ich dann, dass diese Filme Unfug sind: Dem juristischen Denken ist es völlig egal, was eigentlich passiert ist. Ihm geht es darum, in welche Kategorien es gehört. Das ist unheimlich wichtig. Es gibt nicht viele Gerichtsfilme, in denen die Lösung am Ende juristisch ist. Ich persönlich kenne nur einen: „Das Wunder von Manhattan“, in dem der echte Weihnachtsmann einen Job als Kaufhausweihnachtsmann annimmt. Es ist ein schöner Film und Richard Attenborough ein glaubwürdiger Weihnachtsmann. Da er behauptet, der echte Weihnachtsmann zu sein, wird er für verrückt gehalten und soll entmündigt werden. Der Richter indes glaubt, dass Kris Kringle der echte Santa Claus ist, und Tausende von Demonstranten auf der Straße glauben es auch. Aber beweisen können sie es nicht. Am Ende ergibt sich die Lösung aus einem Dollarschein und zwar wegen des aufgedruckten Mottos: „In God we trust“. Und der Richter erkennt: „Wenn die Vereinigten Staaten von Amerika durch die Inschrift auf dieser Dollarnote erklären können, dass es einen Gott gibt, dann kann der Staat New York durch eine Glaubensbekundung seiner Bürger erklären, dass es einen Santa Claus gibt und dass er mit Kris Kringle identisch ist.“
Als Historiker glaubte ich früher, entscheidend für einen Historiker sei die Frage des Altmeisters Leopold von Ranke, „wie es eigentlich gewesen ist“. Dann lehrte mich mein akademischer Meister, Kb Bernhard Sicken, nicht ohne Strenge, dass unsere Leitfrage ganz anders lautet, nämlich: „Woher wissen wir das?“

Woher kommen wir, 
wer sind wir, 
wohin gehen wir?

Jeder von uns hat eine solche Leitfrage, je nach Fakultät und Fachbereich. Ich würde das gerne sammeln und später vielleicht einmal einen Essay darüber schreiben. Für heute genügen diese zwei Beispiele vollauf, denn sie beweisen zweierlei: Erstens trennt uns als Wissenschaftler genauso viel, wie uns verbindet. Und zweitens ist das auch gut so, weil erst die Gesamtheit dieser Perspektiven uns gemeinsam zur Antwort auf „die endgültige Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest bringt.“ 

Was verbindet uns? Es ist unser Weltbild: Es ist unsere Antwort auf die Frage, um es mit Goethe auszudrücken, „...was die Welt im Innersten zusammenhält...“. Und die Antwort ist, bei aller Hochachtung vor dem genialen Douglas Adams, nicht 42.
Von unseren Grundsätzen Religion, Wissenschaft und Freundschaft ist der Grundsatz Religion derjenige, der am tiefsten geht. Im Übrigen durchtränkt er die übrigen Grundsätze.
Was uns verbindet, was unsere Gemeinschaft im Innersten zusammenhält, das ist inzwischen das, was uns von unserer Umwelt am stärksten unterscheidet. Das ist unsere Antwort auf die Frage: Wozu das alles?

Unsere Umwelt glaubt zunehmend, dass unsere ganze Welt aus weiter nichts besteht als aus Materie und Energie. Sie glaubt zunehmend, dass es keinen Geist gibt und auch keinen Unterschied zwischen der sogenannten künstlichen Intelligenz einer Maschine und dem Bewusstsein eines Menschen. Sie glaubt zunehmend, dass unser biologisches Erbe zwar einerseits alle Sünden rechtfertigt, an-dererseits aber nach Belieben chirurgisch korrigiert werden darf. Sie glaubt zunehmend, dass es zwar keine Seele gibt, aber ein Mensch ohne weiteres im falschen Körper stecken kann. Und vor allem glaubt sie zunehmend, dass Gut und Böse soziale Konstrukte sind. Für uns bedeutet das: Für unsere Umwelt sind wir zunehmend entweder verschrobene Ewiggestrige oder ein Feind, der bekämpft werden muss, wenn wir glauben:
dass diese Welt, unser Universum, nicht aus nichts und nicht durch Zufall entstanden ist; 
dass der Schöpfer dieser Welt, der selbst nicht geschaffen ist, sondern ewig, uns die Fähigkeit gegeben hat, Gut und Böse zu unterscheiden;
dass Er uns die Freiheit gegeben hat, zwischen Gut und Böse zu wählen;
und dass wir von dieser Freiheit oft einen enttäuschenden Gebrauch machen.
Wenn wir glauben:
dass die Bibel, insbesondere die Evangelien, nicht Mythos oder Literatur sind, sondern im Wesentlichen Geschichtsschreibung;
dass Jesus Christus am Kreuz gestorben und von den Toten auferstanden ist – wirklich, körperlich, nicht bloß als Vision;
dass Jesus Christus nicht einfach ein bedeutender Mensch war, sondern Gott;
und dass wir, wenn wir ihm folgen, eine gute Zukunft haben über unseren eigenen Tod hinaus.

Glauben wir das? Ich glaube es. Ich glaube auch an Wunder, also daran, dass das Übernatürliche gelegentlich in unsere natürliche Welt eingreift. Die Anerkennung von Naturgesetzen ist übrigens kein Widerspruch zum grundsätzlichen Glauben an Wunder. Im Gegenteil: Erst wenn wir Naturgesetze anerkennen, sticht das Wunder hervor.

Dieser Glaube ist nicht bloß eine Zutat, nicht bloß eine unserer Meinungen. Er ist die Grundlage unseres Handelns und Denkens. Er ist auch die Grundlage unserer Wissenschaftlichkeit. Denn warum glauben wir, dass Wissenschaft, auch und gerade Naturwissenschaft, einen Sinn hat? Weil wir glauben, dass die Welt sinnvoll aufgebaut ist. Um es mit C. S. Lewis zu sagen: Die Begründer der modernen Naturwissenschaft, Forscher wie Kepler, Newton und Kopernikus durchforschten die Welt nach Gesetzen, weil sie an einen Gesetzgeber glaubten. 

„Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.” (Werner Heisenberg)

Wem ist schon bekannt, dass die Entdeckung des Urknalls im naturwissenschaftlichen Establishment sehr schlecht ankam? Das ist noch gar nicht lange her: Als in den 1960er Jahren die kosmische Hintergrundstrahlung entdeckt wurde und die Urknalltheorie bestätigte, da roch das vielen atheistischen Naturwissenschaftlern allzu sehr nach Schöpfung. Es ist vielleicht doch kein Zufall, dass einer der beiden Schöpfer der Urknalltheorie, Georges Lemaitre, ein katholischer Priester war.
Die Wissenschaftler, die das sogenannte „anthropische Prinzip“ entdeckt haben, waren keine Priester, soviel ich weiß. Aber ihre Entdeckung ist für ein rein materialistisches Weltbild beinahe noch unangenehmer als der Urknall selbst: Die wesentlichen Konstanten unseres Universums sind nämlich perfekt abgestimmt darauf, dass in diesem Universum Leben entstehen konnte. Das ist schon ein ungewöhnlicher Zufall. Die Lösung für die Anhänger des materialistischen Weltbildes ist das Multiversum. Das heißt: Es gibt unendlich viele Universen. Wenn es unendlich viele Universen gibt, dann musste es irgendwann so weit kommen, dass in einem davon optimale Bedingungen herrschen. Natürlich ist die Multiversum-Hypothese keine Theorie im klassisch-naturwissenschaftlichen Sinne. Sie ist zwar mathematisch darstellbar, und das ist schon faszinierend. Sie ist aber grundsätzlich nicht überprüfbar.
Manche Atheisten glauben, ihr Weltbild sei erheblich solider fundiert als das christliche, und so treten sie auch auf. Dazu liegt keine Veranlassung vor.

Was verbindet uns? Am spürbarsten ist das die Freundschaft. Das Vertrauen und die Treue, die wir in unserer Gemeinschaft erfahren, bilden einen Schatz, von dem wir unser Leben lang zehren, und, wenn ich das sagen darf, unser ewiges Leben lang. Das liegt in der Natur der Freundschaft selbst. Aber vor allem liegt es daran, dass wir Freunde sind, die einander helfen, ein sinnvolles Leben zu führen – Freunde, die einander helfen, Christus zu folgen.

Nirgendwo ist das besser beschrieben als in den Evangelien, hier im zweiten Kapitel bei Markus:
„Und als Jesus nach Tagen wieder nach Kapharnaum kam, wurde bekannt, dass er zu Hause sei. Da strömten viele zusammen, so dass nicht einmal vor der Türe Platz war. Und er sprach zu ihnen das Wort. Da kamen Leute und brachten einen Gelähmten zu ihm, der von vieren getragen wurde. Und weil sie ihn wegen der Menge nicht zu ihm hinbringen konnten, deckten sie das Dach ab, wo er war, machten eine Öffnung und ließen die Bahre hinab, worauf der Gelähmte lag.”

Das ist christliche Freundschaft. Diese Freundschaft ist es, was uns verbindet. Diese Freundschaft lasst uns einander versprechen und halten, unabhängig von Fakultät, Geschlecht und Konfession! 

Harald Stollmeier (Gm, Nf, Sbg, Blt, Smn, Erm)
Vorsitzender des KV-Altherrenbundes