Wenn Debattenkultur unter weltanschaulichen Druck gerät
Dr, Wolfgang Löhr (Arm, Car-F, Ru-Ke, Gro-Lu, Car, Urb)
Vor drei Jahren wurde das „Netzwerk Freiheit der Wissenschaft” gegründet. Es wendet sich gegen alle Versuche, die Freiheit von Forschung und Lehre aus ideologischen Gründen einzuengen, die Tendenz, die Streitkultur nicht mehr zu pflegen, und gegen die Scheu, vermintes Gelände zu betreten. Die Vereinigung zählt inzwischen über 750 Mitglieder, darunter einige KVer. Soeben ist das erste, mehr als 300 Seiten umfassende Jahrbuch im Berliner Verlag Duncker & Humblot erschienen.
Das Jahrbuch enthält elf Aufsätze und einige Rezensionen. Im Vorwort machen die Herausgeber auf ein „gravierendes Problem“ aufmerksam: „die in einigen Bereichen besonders ausgeprägte Verengung der inhaltlichen Diskussion durch Ablehnung von Beiträgen oder Verhinderung von Vorträgen“, die als „problematisch empfunden“ würden. Es komme zu Diffamierungen von Autoren, die als „umstritten“ deklariert würden mit der Absicht, sie mundtot zu machen. Auch das gehöre in den Bereich „Cancel Culture“, von der nicht nur Kunst, Musik und Literatur betroffen seien.
Dies will das Jahrbuch nicht „beklagen“, sondern „konterkarieren.“ Deshalb greift es Themen auf, die strittig sind, „und deren Publikation in manchen Fachmedien auf Schwierigkeiten“ stoße, „nicht wegen des Inhalts, sondern weil allein die Beschäftigung“ mit dem Sujet einem Minenfeld gleichkomme, was dazu führen könne, dass man solchen Themen wegen ihrer „angeblichen moralischen Verwerflichkeit“ aus dem Wege gehe. Dieses Jahrbuch hält sich ausdrücklich nicht daran. Ohne damit eine Wertung vorzunehmen, seien einige Beiträge etwas näher vorgestellt. Die anderen werden lediglich mehr oder weniger aufgelistet.
Ronald G. Ash stellt in seinem Beitrag (Können wir uns Denkmäler für „brave bad man“ noch leisten? Der Kampf um öffentliche Monumente in Großbritannien und seine Relevanz für die Rolle der Geschichtswissenschaft in politischen Debatten), eine in Großbritannien geführte Diskussion in den Mittelpunkt, indem er der Frage nachgeht, ob man nicht Denkmäler einst geehrter „alter weißer Männer“, die zu „brave bad man“ mutiert sind, nicht abreißen muss. Wie soll man zum Beispiel mit dem Feldherrn und Lord Protector Oliver Cromwell, dessen Regiment immer mehr einer Militärdiktatur ähnelte, mit dem Seehelden von Trafalgar Horatio Nelson, der in Neapel führende Republikaner hinrichten ließ, sowie mit dem durch die Ausbeutung der afrikanischen Bodenschätze und der damit verbundenen Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung reich gewordenen „Imperialisten“ Cecil Rhodes umgehen?
In diesem Zusammenhang macht Ash auf den großen Basler Historiker Jacob Burckhardt († 1897) aufmerksam, der in seinen „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ historische und politische Größe nicht allein mit „reinen oder vorwiegend moralischen Kriterien“ maß und der überzeugt war, dass sie „egoistisch sein“ müsse „und alle Vorteile ausbeuten“ wolle.
Beatrice Dernbach (Denkmuster in unseren Köpfen und die Freiheitsgrade des Sprechens) greift die nicht zu überhörende Klage auf, dass durch den Gebrauch der „gendersensiblen“ – hier wird wohl bewusst „gendergerecht“ vermieden – Sprache, „die persönliche Freiheit eingeschränkt oder gar“ genommen werden könne – entweder durch den Zwang zur Verwendung von Sonderzeichen wie dem Genderstern (aus Gründen der politischen Korrektheit) oder – darüber müsste diskutiert werden – „durch Ignorieren der (empirisch bis dato nicht eindeutig) belegbaren Korrelation zwischen Sprachgebrauch und sozialgesellschaftlich beharrlichen (Geschlechter-)Stereotypen.“
Die „Schlacht” um die gendersensible Sprache
Sie ruft zu „mehr Sachlichkeit und weniger Emotionalität, mehr Zuhören und weniger Schreien, mehr Gelassenheit und weniger Aggressivität und Polarisierung“ in der jetzigen Diskussion auf. Sie hält ein Plädoyer für den Schutz der „individuellen Sprachfreiheit“ und gleichzeitig für das Bemühen, „den Bezug zwischen Sprache und der sozialen Wirklichkeit nicht aus den Augen zu verlieren.“
Agnes Imhof befasst sich mit der höchst aktuellen Frage, was sich hinter dem vermeintlichen Gebot für Musliminnen verbirgt, ein Kopftuch zu tragen (Wie islamisch ist das Kopftuch? Eine Textilanalyse).
Das „Gebot”, Kopftuch zu tragen?
„Bei strenger Betrachtung“ kommt sie zu einem unerwarteten Ergebnis: „In der Bibel“ sind „konkretere Hinweise auf eine Verschleierungspflicht“ zu finden „als im Koran“. In diesem Kontext sind außerdem die „deutlichen Parallelen“ des in Damaskus lehrenden islamischen Gelehrten Ibn Taimiyya (1263-1328), eines Befürworters des Schleiers, zu dem christlichen Theologen Tertullian († nach 220) bemerkenswert.
Die Autorin stellt überzeugend heraus: Der Schleier ist kein „konstitutives Element islamischer Kultur“, wie es etwa im Iran behauptet wird, sondern eine erfundene Tradition („invented tradition“). Sie bezeichnet es als „ein Scharia-Phänomen“. Ferner macht sie darauf aufmerksam, dass die im frühen 20. Jahrhundert zu beobachtende „Abkehr vom Schleier“ Teil „allgemeiner Demokratisierungs- und Emanzipationsbestrebungen“ war, der später allerdings „ein Kernanliegen fundamentalistischer Akteure, die in enger Verbindung mit dem Nationalsozialismus“ standen, wurde. „Anders als oft kolportiert“ wiesen sie zudem „selbst starke westliche Einflüsse auf.“
Was sonst noch lesenswert ist
Bernd Ahrbeck, Marion Felder, Bernd Kunze und Tobias Kunze werten vier pädagogische Fachzeitschriften aus (Worüber wird in der Pädagogik publiziert? Welche Themen bleiben ausgespart?). – Egon Flaig befasst sich mit dem „Rassismus ohne Rassen“, der auf der Behauptung fußt, es gäbe historische, kulturelle und soziale Unterschiede, die miteinander unvereinbar und unveränderlich seien (Wie kam es zum „Rassismus ohne Rassen“? Und was bedeutet er für die Meinungsfreiheit?).
Mit dem Streit um die die Meinungsfreiheit einengende „political correctnes“ und den damit verbundenen rechtlichen, fachwissenschaftlichen und wissenschaftstheoretischen Fragen beschäftigt sich Gebhard Geiger (Herrschaft und Wissenschaft. Wissenschaftstheoretische und wissenschaftssoziologische Anmerkungen zur political correctness in Forschung und Lehre). – Holm A. Leonhardt stellt den Wandel im Marxismus heraus, der früher das „Klassenverhalten und die Arbeitswelt“ im Blick hatte (Von Alt-Links zu Neu-Links. Zur Transmutation des Marxismus in die Wokebewegung). – Notger Slenzka greift eine Erscheinung in der theologischen Diskussion auf (Die Erde ist eine Scheibe, um die sich die Sonne dreht. Zur theologischen Gesprächskultur – kritische Anmerkungen. Ein Essay). – Ole Döring, Gisela Freiin von Villicz und Tobias Reichardt revidieren das Urteil über Diskriminierung, einen Begriff der Aufklärung (Diskriminierung: zur Rehabilitierung eines Grundbegriffs der Aufklärung). Wolfgang Winkler stellt in den Mittelpunkt seiner zwei Aufsätze die Energiewende (Das Narrativ der Energiewende und die Wissenschaftsfreiheit / Bedarfsdeckung mit einer integrierten CO2 emissionsfreien Kohlestoffkreislaufwirtschaft. Zukunftschancen einer unsicheren Energiewende).
Schon diese Auflistung lässt erkennen, mit welcher Fülle lesenswerten Diskussionsstoffs das neue Jahrbuch ausgezeichnet ist.
Jahrbuch Wissenschaftsfreiheit (JWF)
Hrsg. vom Netzwerk Wissenschaftsfreiheit e.V.
ISSN 2942-4364 (Print)
ISSN 2942-4356 (Online)

