Der Universitätskarzer: Zuletzt eine bevorzugte Stätte des Studenten-Ulks
Wilhelm Gros, Doktorand der Psychologie und Gästeführer im Uniseum
Ein Karzer – sprachlich eng verwandt mit dem Kerker – gehörte für viele Universitäten ab ihrer Gründung fest dazu. Für viele Jahrhunderte waren Universitäten stark geprägt von Klöstern, aus denen sie sich zum Teil entwickelt hatten, und so übernahm man auch diese Strafform (neben anderen Möglichkeiten wie etwa Geldstrafen, temporärem Verweis von der Uni oder Exmatrikulation). Eine eigene Gerichtsbarkeit war auch wichtig, denn die wie heute teils weitgereisten Studenten waren in der Regel noch deutlich jünger als das, was wir heute volljährig nennen, und brauchten daher einen gesetzlichen Vormund. Natürlich wollten die Universitäten dieses Recht lieber bei sich, als beim jeweiligen Landesherrn wissen. So hatten viele Universitäten über Jahrhunderte hinweg die Gerichtsbarkeit über all ihre Angehörigen inne.
Das war auch bei der 1457 gegründeten Albert-Ludwigs-Universität zu Freiburg nicht anders. Die verwendeten Karzerräumlichkeiten waren häufig in Türmen oder Keller(-löcher-)n gelegen und somit kalt, feucht und muffig – wer nicht den finanziellen Rückhalt hatte, sich ein eigenes Bett kommen zu lassen, riskierte Krankheiten oder Schlimmeres. Auch musste die Universität Freiburg durchaus einmal die Todesstrafe verhängen.
Von dem großen Spaß, der noch kommen sollte, kann hier also noch keine Rede sein. Durch die bewegte Geschichte getrieben, stand die akademische Gerichtsbarkeit ab dem 18. und spätestens im 19. Jahrhundert regelmäßig auf dem Prüfstand. Immer wieder wurden Kompetenzen (i.e. Straf- und Zivilgerichtsbarkeit) der Universität genommen und später (in Teilen) wieder rückerstattet, dann wieder genommen usw., bis in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur noch die Disziplinargerichtsbarkeit an der Universität verbleiben sollte.
Vom Arrest zur Attraktion
Zunächst könnte man meinen, dass die Studenten dann die ungefährlich gewordene Karzerstrafe nutzten, um das Rechtssystem zu parodieren und Grenzen auszuloten – wie junge Menschen das eben tun. So soll in Erlangen ein Student einem Soldaten eine Orange auf die Pickelhaube gespießt haben. Die Beweisführung hätte mit seiner Aussage, er sei wohl betrunken gewesen, abgeschlossen sein können. Er musste aber noch unbedingt darauf hinweisen, dass es sich um ein Geschenk handelte – eine Äußerung, die das Gericht zur Kenntnis nehmen und juristisch mühsam entkräften musste. Mit der wandelhaften und bewegten Zeit um die Jahrhundertwende gehen mit enorm steigenden Studentenzahlen solche Burschenstreiche fast ein wenig unter. Man hatte schlicht etwas falsch gemacht, wenn man im Laufe seines Studiums nicht wenigstens auch einmal inkarzeriert wurde, Alkohol und Tabak am Pedellen vorbei auf die „gute Stube” schmuggelte und die Wand als Gästebuch verstand.
Einst lebten wir harmlos, in Freiheit
und Glück.
Gefüllt war der Beutel, stets heiter
der Blick.
Auf einmal sperrt uns der Reck 1
hier hinein.
Den Zweck dieser Handlung sehen
wir nicht ein!
Denn der Erste, aufs Bürgerwohl
stets bedacht,
hat Laternen und Zäune in Ordnung gebracht.
Der Zweite, spezieller Freund
dem Polypen,
hat dem Helm ihm über die Nase
getrieben.
Ja, weil er sah, dass dem der Helm war
zu knapp
und ebenso freundlich, hilft er dem ab.
Der Dritte ward in einer einzigen Nacht,
viermal von Polypen zur Wache gebracht,
weil er nächtlich durch Händel ergötze – die Bürger
der Reck dies aber nicht schätzte…
Ergeben ins Schicksal als ehrliche
Christen, sitzen wir hier,
der Menschheit [sic!] Listen
als Märtyrer zum Opfer gefallen
und rufen begeistert in diesen Hallen:
Studenten sind fidele Brüder,
kein Unfall schlägt sie ganz darnieder!
Dieses Gedicht, das wie durch ein Wunder trotz Weltkriegen in unsere Zeit gefunden hat, beschreibt anschaulich, was man in dieser letzten Phase der akademischen Disziplinargerichtsbarkeit für einen bis drei Tage Karzer tun musste: Sachbeschädigung, Körperverletzung, Ruhestörung. Mit wie so vielem nach dem Ersten Weltkrieg ging es mit der akademischen Disziplinargerichtsbarkeit und damit mit dem Karzer zu Ende. Auch der vehemente Widerspruch des Allgemeinen Studentenausschusses konnte daran nichts ändern.
Die vorletzten Karzerräume der Universität Freiburg gingen in der Bombennacht am 27. November 1944 unter.
Erhalten sind einige Photos, eine Blütenlese der Inschriften (der auch das obige Gedicht entstammt) sowie ein amüsanter Bericht über die Karzerprozession des Jurastudenten Georg Reiß 1906. Mit einem festlichen und sicherlich vollkommen überladenen Festzug wurde der Verurteilte mit großen Eisenkugeln aus Pappmaché vom Verbindungshaus in den Karzer geleitet, begleitet von einem Trauergefolge mit quadratmetergroßen Taschentüchern, einem (bier-)segenspendenden Priester und donnernder Marschkapelle. Seine Tage auf dem Karzer waren gezeichnet von einem regelrechten Besucherstrom, in welchem jeder vorspiegelte, eine „wichtige Verbindungsangelegenheit“ zu besprechen zu haben.
Am letzten Tag erklärte sich der Delinquent dann noch zu einer „angemessenen Nachhaft bereit, da die Besserung noch nicht vollkommen sei.“ Wie sich herausgestellt hat, war die großzügige Weinspende eines AH noch nicht aufgebraucht.
Im 1911 feierlich eröffneten neuen Kollegiengebäude der Universität Freiburg wurden dann im Turm auch wieder zwei Karzer eingerichtet: ein beheizbarer Winterkarzer, im Studentenjargon Winterpalais geheißen, sowie ein weniger stickiger Sommerkarzer, die Sommerresidenz. Beide Karzer sind stark geprägt von ihren Erstinsassen. So wollte es das Schicksal, dass ein gewisser Student der Medizin Walter Stegmüller dreitausendster Student der Universität Freiburg wurde.
Dies feierte man mit einem Festumzug durch die Stadt, den obligatorischen Postkarten und dem Geschenk einer goldenen Uhr an Stegmüller. Ebenjener Studiosus medicinae schlug dann – nach Abarbeitung einer überlieferten abwechslungsreichen Liste alkoholhaltiger Säfte – einem Schutzmann mit dem Gehstock auf den Rücken und wurde so Erstbezieher des Winterkarzers. Der Tragweite seines Schicksals gewahr, hinterließ er großzügig Spuren in der Freiburger Karzergeschichte und bekam schließlich einen Dr. h.c. 2 verliehen…
Die meisten Karzerwände, ein Phänomen, das man im gesamten deutschsprachigen Raum und teilweise auch im Baltikum kennt, zieren Namen, Haftzeiten und Verbindungszugehörigkeiten. Später finden sich oft noch Schattenumrisse der Insassen oder auch mal ein aufwändig gezeichnetes Wappen. Mit etwas Glück darf man ein kluges Gedicht oder einen netten Tathergang schmunzelnd zur Kenntnis nehmen. Einen ganz besonderen Schatz aber, den es so sonst in keinem anderen Karzer gibt und der die bewegte Geschichte glücklicherweise überstanden hat, birgt der Freiburger Sommerkarzer: In einem 32 Stationen umfassenden, raumumgreifenden Wandfries wird ebenso talentiert wie detailverliebt der prototypische Lebenslauf eines Akademikers im späten Kaiserreich dargestellt: Immatrikulation, Mensurbetrieb, Promotion, Philistrierung, Trauerkutsche – um nur einige Abbildungen zu nennen.
Winter- und Sommerkarzer der Universität Freiburg sind über das Uniseum, das Museum der Universität, im Rahmen von kurzweiligen Sonderführungen zu besichtigen. Für das kommende Wintersemester sind darüber hinaus vier tiefergehende Führungen geplant, die über das Studium Generale gebucht werden können (kostenfrei, jedoch anmeldepflichtig). Startpunkt ist jeweils der Torbogen der Alten Universität in der Bertoldstraße 17.
1.„Von Gewaltverbrechen bis Vollrausch! Akademische Gerichtsbarkeit und Haftbedingungen im Studentengefängnis im Wandel der Zeit.“
- 08.11.2024 um 17:00 Uhr
- Dauer: 60 Minuten
2. Die Tragikomik eines akademischen Lebens um 1912 – Der beispiellose Fries des Freiburger Sommerkarzers
- 07.12.2024 um 15:00 Uhr
- Dauer: 90 Minuten
3. Karzergeschichten: Rühmliches und Unrühmliches aus dem echten Leben
- 18.01.2025 um 15:00 Uhr
- Dauer: 90 Minuten
4. Literarische Karzergeschichten
- 08.02.2025 um 15:00 Uhr
- Dauer: 90 Minuten
Darüber hinaus ergeht ein Aufruf, der dem Verfasser sehr am Herzen liegt.
Ein Universitätsarchiv ist niemals komplett und so schlummerte so manche Karzerheldenanekdote unentdeckt in Verbindungszeitschriften und so manches dem Uniarchiv unbekannte Karzerphoto hing in irgendeinem Verbindungshause stumm an der Wand.
Wer Kenntnis von solcherlei ungehobenen Schätzen – vor allem mit Bezug auf Freiburg - hat, der teile dies der Redaktion der Akademischen Monatsblätter mit, damit sie dies dem Freiburger Universitätsarchiv melden kann.
Anmerkungen:
[1] So hieß der damalige Disziplinarbeamte der Universität Freiburg.
[2] humoris causa