Achtung vor den Toten - Ehrfurcht vor dem Leben
Thomas Schmid (Ott)
Immer wieder wird darüber geklagt, dass unsere Gesellschaft zunehmend unter einer „Kulturlosigkeit“ vieler Zeitgenossen zu leiden hat. Diese Kulturlosigkeit besteht in einer immer größeren Verständnislosigkeit gegenüber Tod und Vergänglichkeit. Sterben ist in Krankenhäuser und Pflegeheime verdrängt worden. Selbst auf Friedhöfen verhalten sich immer mehr Menschen respektlos oder fast ignorant. Wenn früher in der Öffentlichkeit oder auf dem Friedhof ein Trauerzug an Menschen vorbeiging, war es Sitte, dass man, selbst wenn man persönlich nicht betroffen war, stehen blieb, bis der Trauerzug weitergegangen war, vielleicht senkte man sogar den Kopf, zog den Hut oder die Mütze, dachte dabei an den eigenen dereinstigen Tod oder sprach vielleicht ein stilles Gebet.
Heute sieht das oft ganz anders aus: Kommt Leuten auf ihrem Weg ein Trauerzug entgegen, ist es oft so, dass sie davon gar keine Notiz nehmen oder höchstens neugierig schauen. Das ist selbst bei Menschen der Fall, die sich auf dem Friedhof aufhalten, um dort das Grab eines Angehörigen zu pflegen. Ohnehin sind viele Menschen unsicher, was den Umgang mit Trauernden betrifft. Zwar nehmen sich die meisten vor, zu einem Angehörigen oder Freund zu stehen, wenn er trauert. Aber oft ist das schwerer als gedacht. Aus Studien ist bekannt, dass es nur kurze Zeit dauert, bis eine tiefe Traurigkeit abfärbt. Da wenden sich viele Menschen von dem Trauernden ab oder wünschen sich, dass die Trauer rasch vorübergeht. Soll man einen trauernden Freund, eine trauernde Kollegin in Ruhe lassen oder soll man ihn von seiner Trauer ablenken? Trauerberater empfehlen, die Trauernden zu fragen, was ihnen gut tun würde – und sich dann auch daran zu halten.
Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit
Eines ist klar: Die Begegnung mit dem Toten ist eine Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit. Wenn Menschen sich davon abwenden: Bedeutet das, dass sie außerstande sind, die Einsicht, dass ihr Leben begrenzt ist, zu ertragen und diese Einsicht lieber verdrängen?
Über Jahrhunderte hinweg ist die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz beschrieben worden: „Mors certa, hora incerta”: Mag auch die Stunde unsicher sein, der Tod steht fest. Und weder Fitness-Studios oder Wellness-Kuren, noch die Fortschritte der modernen Medizin und Technik haben daran grundsätzlich etwas ändern können. Vielleicht lässt sich der Tod zeitlich hinausschieben, verhindern lässt er sich nicht. „Der Mensch ist in seinem Leben wie Gras. Er blüht wie eine Blume auf dem Feld und wenn der Wind darüber geht, so ist sie nicht mehr da und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.” heißt es in Psalm 103.
Mitten im Leben, mitten in der lachenden Sommerzeit, steht plötzlich das Warnzeichen „Bedenke, dass Du sterben musst!” vor uns. Es ist aber eine alte Weisheit: Wer Ehrfurcht vor den Toten hat, hat auch mehr Ehrfurcht vor dem Leben und versteht das Leben zu schätzen. Leben bedeutet immer auch Abschiednehmen, so bitter das klingt. Doch da tröstet Gottes Versprechen auf eine Zukunft, in der wir uns alle wiedersehen. Diese Zukunft nennt man auch Ewigkeit. In ihr – das ist uns verheißen – sind wir alle aufgehoben: vor unserer Geburt, auf dem Weg unseres Lebens und nach unserem Tod.
