Dreihundert Jahre Immanuel Kant -

Was macht den Philosophen für uns und unsere Bünde aktuell?

Er hätte in jeder Komödie als Musterexemplar des Stubengelehrten auftreten können, denn sein Alltag war auf die Minute genau geregelt. Trat Immanuel Kant nachmittags in seinem grauen Rock, einen Spazierstock in der Hand, aus der Tür, um in der Lindenallee exakt achtmal auf und ab zu wandern, dann wussten die Nachbarn, es war halb vier; nach dem pünktlichen Philosophen konnte man die Uhr stellen. Doch so skurril der klein gewachsene Professor, dessen mächtiger Kopf auf einem zerbrechlichen Körper ruhte, auch wirkte: Er hat die Geschichte des europäischen Geistes mitgeschrieben.

Die europäische Aufklärung, das Vertrauen des modernen Menschen in seine Vernunft, die Begründung einer allgemeinverbindlichen Moral ohne die religiösen Selbstverständlichkeiten früherer Jahrhunderte, sogar die Idee eines Völkerbunds als Garant des Friedens unter den Völkern, also die heutigen Vereinten Nationen – all das ist kaum denkbar ohne den Philosophen Immanuel Kant, der vor dreihundert Jahren, am 22. April 1724, als Sohn eines Handwerksmeisters in Königsberg an der Ostsee zur Welt kam und 1804 dort auch starb. Die Probleme, die ihn lebenslang umtrieben, teilte er mit jedem denkenden Menschen: Korporierte haben hier das Prinzip der Scientia vor Augen.
„Alles Interesse meiner Vernunft vereinigt sich in folgenden drei Fragen:  
Was kann ich wissen?  
Was soll ich tun?  
Was darf ich hoffen?“
 
Eine Folge dieser Fragen ist die grundlegende Frage: Was ist der Mensch? Also die anthropologische Grundfrage. 

Das preußische Königsberg war eine Handelsmetropole, von englischen und russischen Kaufleuten frequentiert; sein Bürgertum gab sich weltoffen und liberal. Auf die Familie Kant fiel wenig von diesem Glanz: Der Vater war als Sattlermeister zwar geschickt, weniger dagegen als Geschäftsmann: Der Verstorbene erhielt ein Armenbegräbnis. Auch die Mutter, fromm und gebildet, wurde ohne Pfarrer und Gesang bestattet, wie Kirchenbücher festhielten.

Immanuel (oder wie im Taufregister angegeben Emanuel) war das vierte von acht Kindern. Nur vier davon erreichten das Erwachsenenalter. Die Mutter war wohl die treibende Kraft, die Immanuel auf das Collegium Friedericianum schickte, ein pietistisches Collegium, das Griechisch und Latein pflegte. 1740 schrieb er sich an der Königsberger Universität ein, eventuell für Theologie wegen des Stipendiums oder auch gleich in Philosophie mit den zugeordneten Wissenschaften der Mathematik und der Naturphilosophie. Die sogenannten Naturwissenschaften sind im Kern ja Kinder der Philosophie. 

Enge und Ärmlichkeit

Aber offenbar schaffte er keinen Abschluss, und mit seiner ersten wissenschaftlichen Arbeit machte er eine Bauchlandung: Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte. Obwohl dies, wie kürzlich Harald Lesch in einem Vortrag an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München betonte, eigentlich ja nur eine Vermutung gewesen sein kann. Doch war sie so genau, dass sie zeigte, welch ein großer und weiter Geist Kant war, sollte es doch noch lange dauern, bis sich die Frage der Kräfte in der Physik nach der Vermutung oder Erkenntnis Kants nachweisen ließ, freilich nur für den euklidischen Raum. 
Kant spekulierte über Kraft, Bewegung, Energie und darüber, ob es nicht auch andere Raumsysteme geben könne als den von uns erlebten dreidimensionalen Raum. Er ging mit anerkannten Autoritäten wie Descartes und Leibniz ins Gericht, weil man nicht, Zitat, „wie das Vieh der Herde folgen“, sondern allein dem eigenen Verstand vertrauen solle. Aber er verstand noch zu wenig von den Naturwissenschaften für eine ausreichende Begründung seiner Thesen. Zudem spürte er den Gegenwind seiner Professoren aus der theologischen Perspektive, so dass die Arbeit abgelehnt wurde. Ein wichtiger Impuls der Aufklärung lautet: „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen” und, dies sei aktuell ergänzt, nicht nur Tante Google zu fragen und alles für bare Münze nehmen, was uns im Internet dargeboten wird. Erkenntnis führt zu Wissen, weil es die verfügbaren Informationen einordnen und strukturieren kann.
Mit dem Tod des Vaters 1746 musste er für seinen Lebensunterhalt selbst sorgen, zudem für zwei jüngere Geschwister. Wie so mancher später berühmte Dichter oder Gelehrte schlug er sich schlecht bezahlter Hauslehrer durch. Kant schrieb sogar ein pädagogisches Handbuch – mit vielen ausgezeichneten Ratschlägen, die er selbst noch nie angewandt habe, wie er trocken zugab.
„Sich selbst besser machen, sich kultivieren und, wenn er böse ist, Moralität bei sich hervorbringen, das soll der Mensch.“ Hier liegen wohl auch die Wurzeln für den Vorwurf des Kantischen Rigorismus in der Tugendlehre, die auch Friedrich Schiller in einem Epigramm spöttisch zusammenfasste: 
Gerne dien ich den Freunden, doch tu ich es leider mit Neigung, Und so wurmt es mir oft, dass ich nicht tugendhaft bin.

Aus Schillers Epigramm sollte man aber nicht folgern, Amicitia, unser Prinzip, sei kein zentraler Punkt in Kants Leben gewesen - ganz im Gegenteil: Kant pflegte Freundschaften. Gespräche mit Freunden waren ihm wichtig. So manches Mittagessen verlief in froher Runde. Freunde brachten neue Erkenntnisse, die Kant förmlich aufsog.

Erkenntnisse an der Mittagstafel

So beschrieb er, der Zeit seines Lebens nicht aus der Umgebung von Königsberg herauskam, in einer Vorlesung die damalige London Bridge so exakt, dass ein Student fragte, ob er sie denn schon gesehen habe. Das nicht, soll Kant geantwortet haben, doch hätten ihm Freunde davon berichtet. Vielleicht würde er heute eine Applebrille aufsetzen und durch virtuelle Welten reisen, um sich die Mühen des Reisens zu ersparen und doch von überall auf der Welt inspiriert zu werden.
Kants Fleiß nützte ihm zunächst wenig: Als er 31-jährig zum Privatdozenten an der Universität in Königsberg ernannt wurde und bis zu dreißig Stunden pro Woche Mathematik, Physik, Geographie, Anthropologie, Pädagogik, Naturrecht, Theologie und Philosophie dozierte, verdiente er kaum mehr als ein Hauslehrer, wohnte in armseligen Mansarden und musste seine Bücher verkaufen, um sich satt essen zu können. 
Bei Vorlesungen wirkte er manchmal abwesend, kam vom Hundertsten ins Tausendste, sprach zu leise, verhaspelte sich – dennoch war Kant bald ein Geheimtipp unter den Studenten. Später sagte man ihm nach, er habe weniger über einzelne Philosophen und ihre Lehren gesprochen, sondern seinen Zuhörern das Philosophieren beigebracht: die Kunst, zu fragen und zu denken. Und gerade dies wird doch auch in unseren 
Verbindungen gepflegt: man denke nur an die intensiven Diskussionen mit Bundesbrüdern, die aus den unterschiedlichen Perspektiven ihrer Fakultäten und der Lebenserfahrung Alter Herren eine bunte Mischung aus Wissen und Erfahrung einbringen. Wo könnte man mehr und besser lernen! Freilich sollte diese Tatsache auch intensiver bekannt gemacht werden. 
Bekannt wurde Immanuel Kant zunächst jedoch durch eine Reihe bedeutender Abhandlungen zu naturwissenschaftlichen oder anthropologischen Themen. Die „Metaphysiker“ mit ihren menschheitstiefen Fragen waren ihm damals eher unheimlich; Spekulanten nannte er sie, die auf einem „finsteren Ozean ohne Ufer und Leuchttürme“ herumirrten. Kants „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“ enthält einige überraschend moderne Erkenntnisse, etwa die Vorstellung, das Weltall sei aus einer „Ursuppe“ von Atomen verschiedener Dichte entstanden: Die schweren Atome zogen die leichten an, verdichteten sich allmählich zu Sonnen, begannen zu rotieren, erhitzten sich, schleuderten einzelne Atome wieder von sich, in eine elliptische Kreisbahn um die an Masse ständig zunehmenden feurigen Sonnen.
Die komplizierte Ordnung des Universums hat sich laut Kant zwar von allein entwickelt, aber die dynamische, lebendige, zu solchen Prozessen fähige Materie sei eine Schöpfung Gottes. „Gebt mir Materie, und ich will euch eine Welt bauen!“ – fordert er selbstbewusst sein Publikum auf. David Hume und der irische Bischof George Berkely dürfen als aufklärerische Instanzen und Motivatoren für ihn gelten.
Doch Immanuel Kant musste bis zu seinem 46. Geburtstag warten, bis er endlich die Ernennung zum ordentlichen Professor für Metaphysik und Logik in der Tasche hatte. Zwar hatte ihm die preußische Regierung fünf Jahre zuvor schon eine Professur für Dichtkunst angeboten. Doch die reizte ihn wenig: lieber ließ er sich als Unterbibliothekar in der königlichen Schlossbibliothek anstellen: Dort sei es so kalt gewesen, dass ihm die Tinte einfror, hieß es später. Leben konnte er aber auch von seinem Professorengehalt kaum – bis man es ihm nach weiteren 16 Jahren, Kant war bereits eine europäische Berühmtheit, vervierfachte. 
Die wissenschaftliche Welt hörte im ersten Jahrzehnt seiner Professorentätigkeit wenig von Kant – bis er 1781 einen fast neunhundert Seiten umfassenden Wälzer veröffentlichte, über dem er all die Jahre gebrütet hatte, besessen, begeistert, verzweifelt aber auch, weil der Stoff kaum zu bewältigen schien, da jede Frage zehn weitere Probleme nach sich zog. Die „Kritik der reinen Vernunft“, eines der wichtigsten Bücher der Philosophiegeschichte, verkaufte sich damals schlecht und stellt heute noch jeden Interessierten vor massive Schwierigkeiten. „Der Entschluss, sich ohne Vorkenntnis an das Jahrhundertwerk heranzumachen“, so ein Kant-Biograph, „gleicht dem Versuch, barfuß den Mount Everest zu besteigen.“ 

„Die Dinge sind nicht das an sich selbst (...), wofür wir sie anschauen.”

Kein Wunder, denn Kant verzichtete auf anschauliche Beispiele; sein Buch, ohnehin nur eine „Kurzfassung“ seiner Ideen, wäre sonst noch umfangreicher geworden! Die Frage, die er sich stellte, ließ sich freilich kaum auf ein paar Seiten abhandeln: Was kann der Mensch wissen? Wie sicher ist unsere Erkenntnis? In Kants eigenen Worten: „Ich werde dartun, dass die Vernunft vergeblich ihre Flügel ausspannt, um über die Sinnenwelt durch die bloße Macht der Spekulation hinauszukommen.“ – Die Hauptfrage bleibt immer: „Was und wie viel kann Verstand und Vernunft, frei von aller Erfahrung, erkennen?“

Im Gegensatz zu den philosophischen Halbgöttern seiner Epoche, Gottfried Wilhelm Leibniz und John Locke, aber gestützt auf den skeptischen Schotten David Hume, misstraute er der gängigen Logik und hielt das menschliche Urteilsvermögen für begrenzt. Die Allerweltsweisheit „Wenn die Sonne aufgeht, wird es hell“ bedeutet für Kant etwa lediglich die Erfahrung, dass es hell werde, nachdem die Sonne zu scheinen beginne. Dass die Sonne die Ursache des Lichts darstelle, lasse sich aus dieser oft und oft gemachten Erfahrung ebenso wenig ableiten wie ein Naturgesetz, wonach es auch morgen und in einem Jahr wieder hell werden müsse. Wahrnehmen, erkennen, begreifen könne der Mensch also immer nur die „Welt der Erscheinungen“, nicht das „Ding an sich“.

Zwischen Wissen und Meinen unterscheiden

Auf die Sinneswahrnehmungen soll sich der Mensch deshalb nicht allzu sehr verlassen, was übrigens aktuelle Erfahrungen mit KI generierten Bildern nahelegen – und stattdessen nach der Erkenntnis streben, die unabhängig von sinnlicher Erfahrung dank der inneren Natur seines Geistes zustande komme: durch die „reine Vernunft“. Kant präzisiert: „Solche allgemeinen Erkenntnisse, die zugleich den Charakter der inneren Notwendigkeit haben, müssen von der Erfahrung unabhängig, für sich selbst klar und gewiss sein.“

Zum Glück ist der Mensch mit Begriffen und Ideen ausgestattet, die das von Augen, Ohren und den übrigen Sinnen gelieferte Anschauungsmaterial in eine sinnvolle Ordnung bringen. Der Verstand ist es, der die Erfahrung ordnet; das denkende Bewusstsein ist es, das in die tausend Wahrnehmungen und Reize unseres Alltags Sinn und Licht bringt. Das Bewusstsein ist es auch, das priorisiert und manche Sinneseindrücke fokussiert und andere zurückhält. Ein Problem, das etwa Personen mit Hörgeräten in einer breiten Diskussion haben, werden doch hier alle Laute verstärkt, sodass die Selektion für das Gehirn nur noch schwer möglich ist. Andererseits haben wir wohl alle schon die Erfahrung gemacht, dass in einem Stimmengewirr unser Gehirn aufmerksam wird, wenn etwa unser Name fällt, auch wenn er nicht direkt neben uns oder zu uns gesprochen wird. Kant auf diesem Weg zu folgen, macht deshalb demütig und selbstbewusst zugleich: Die menschliche Wahrnehmung der Welt ist begrenzt und dem Irrtum ausgesetzt – aber sein Verstand macht den Menschen zum Herrn der Dinge. Erst allmählich begriffen Kants Hörer und Leser die Bedeutung dieser Gedanken: Kant stellt Denken und Wissen auf eine kritische Basis, macht die Philosophie unabhängig von der empirischen Naturwissenschaft und begründet damit eine methodisch autonome Philosophie.

Theologen und Kleriker aber haben Kant damals größtenteils nicht verziehen, dass er sämtliche klassischen Gottesbeweise widerlegte – sogar einen, den er kurz zuvor selbst entwickelt hatte. Die Ordnung im Universum sei gewiss kein Zufall, doch die Kraft, die das ganze System sinnvoll zusammenhalte, müsse keineswegs mit dessen Schöpfer identisch sein. Verständlich, dass große und kleine Geister versuchten, sich an ihm zu rächen. Heinrich Heine verglich den Philosophen etwa mit Robespierre: Dieser habe lediglich einen König und etliche tausend Franzosen umgebracht, Kant dagegen habe Gott getötet und den Himmel entvölkert. Heute ist die Theologie fairer zu Immanuel Kant und geht davon aus, dass Gott kein Gegenstand des Wissens, sondern des Glaubens sei. Und man hält Kant zugute, dass er die Fiktion der wissenschaftlichen Gottesbeweise zerstört habe, um – in seinen eigenen Worten – „Platz für den Glauben zu bekommen“. Eine entschlossen atheistische Wissenschaft hielt er für ebenso unmöglich wie eine Metaphysik auf theologischer Grundlage, denn eine Nicht-Existenz Gottes sei mit Logik, mit „reinem Denken“ ebenso wenig beweisbar wie seine Existenz.

Der Vorrang der Logik für den Umgang mit der Welt ist für Kant entscheidend: Heute könnte unsere postmoderne Welt ohne die logische Reduktion nicht mehr funktionieren, weil maschinelles Entscheiden immer mit 0 und 1 wiedergegeben wird. Eine Perspektive, die Kant nicht im Blick haben konnte, aber Konsequenz seines Denkens ist.

Vor allem aber legte Kant Wert darauf, dass der Begriff „Gott“ eine durchaus vernünftige Möglichkeit des Denkens sei. In seiner 1788 erschienenen „Kritik der praktischen Vernunft“ – das verübelten ihm nun wieder manche glaubenslose Kollegen – erläuterte er sogar, dass ein gleichzeitig moralisches und glückliches Leben ohne Gott nur schwer zu führen sei. Glaube also nicht aus wissenschaftlichen Gründen, sondern aus einem praktischen Bedürfnis heraus. Nicht irgendein Gesetz der Logik, sondern die „praktische Vernunft“ fordere die Anerkennung Gottes! 

Gott muss nicht sein, soll es aber

„Ohne einen Gott und eine für uns jetzt nicht sichtbare, aber gehoffte Welt sind die herrlichen Ideen der Sittlichkeit zwar Gegenstände des Beifalls und der Bewunderung, aber nicht Triebfeder des Vorsatzes und der Ausübung (…).“ schrieb Kant. Und: „Religion ist das Gesetz in uns, insofern es durch einen Gesetzgeber und Richter über uns Nachdruck erhält.“ – „Religion ist die Erkenntnis aller unserer Pflichten als göttliche Gebote.“ 

Denn im menschlichen Herzen wohnen laut Kant zwei Grundbedürfnisse: die Sehnsucht nach Glückseligkeit und das moralische Interesse, das Gebot der Pflicht. In seinem „Kategorischen Imperativ“ hat er es unüberbietbar knapp zu einer Lesebuchweisheit formuliert: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Die Einheit von Tugend und Glückseligkeit kann der Mensch laut Kant aber niemals in seinem kurzen Leben erreichen, niemals unter den Bedingungen irdischer Ungerechtigkeit und Unvollkommenheit. Zu viele Leiderfahrungen und Ungerechtigkeiten bedrohen das Leben. Die erstrebte Einheit ist nur möglich, wenn es einen Ausgleich nach dem Tod gibt, wenn es Unsterblichkeit gibt, ein ewiges Leben; Gott.

Auch seine Kritik an kirchlichen Machtgelüsten und dem Missbrauch der Religion für politische Zwecke dürften ihm heutige Christen kaum übelnehmen. Kant äußerte diese Kritik als 67-Jähriger in seinem Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“; er geriet dadurch in Konflikte mit der preußischen Zensurbehörde und dem frömmelnden Preußenkönig Friedrich Wilhelm II. 

Skeptischer wird man auch heute Kants Vision von einer für alle Menschen verbindlichen „Vernunftsreligion“ betrachten, die in Christus nur noch einen moralisch vorbildlichen Menschen sieht. In dieser Konsequenz kommt die heute missverstandene Reduktion der Religion auf Moral, das wäre zu wenig. „Selbst der Heilige des Evangelii muss zuvor mit unserem Ideal der sittlichen Vollkommenheit verglichen werden, ehe man ihn dafür erkennt.“

Frieden möglich machen

Die preußischen Behörden waren jedenfalls unzufrieden mit dem greisen Gelehrten, der 1795 in seiner Betrachtung „Zum ewigen Frieden“ Kriege rundweg – als mit der Vernunft nicht vereinbar – verwarf. Stattdessen schlug er die Einrichtung eines Völkerbunds vor, der 1919 tatsächlich unter ausdrücklicher Berufung auf Kant gegründet wurde. Zudem forderte er auch noch ernsthaft eine republikanische Verfassung für sämtliche Teilnehmerstaaten. Rüstungsausgaben sollten lieber für gute Schulen verwendet werden, und die Europäer sollten aufhören, sich wie beutelüsterne Diebe aufzuführen und fremde Weltgegenden zu erobern.
„Stehende Heere bedrohen andere Staaten unaufhörlich mit Krieg durch die Bereitschaft, immer dazu gerüstet zu erscheinen; reizen diese an, sich einander in Menge der Gerüsteten, die keine Grenzen kennt, zu übertreffen, und indem durch die darauf verwandten Kosten der Friede endlich noch drückender wird als ein kurzer Krieg, so sind sie selbst Ursache von Angriffskriegen, um diese Last loszuwerden.“ – „Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines andern Staates gewalttätig einmischen.“ – „Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein. Das Völkerrecht soll auf einen Föderalismus freier Staaten gegründet sein.“ 
Die preußische Regierung fürchtete so viel selbstständiges Denken wie der Teufel das Weihwasser. „Unsere höchste Person“, ließ König Friedrich Wilhelm II. den Philosophen wissen, betrachte seine Ideen „mit großem Missfallen“, und er drohte: „Auf seiner Königlichen Majestät allergnädigsten Spezialbefehl“ werde Kant „bei fortgesetzter Renitenz unfehlbar unangenehmer Verfügungen zu gewärtigen“ haben. 
Kant, zu müde zum Kämpfen, verstummte. Noch ein paar Jahre, und seine körperlichen wie geistigen Kräfte verfielen. Am 12. Februar 1804 schlief er friedlich ein, mit den Worten „Es ist gut“. Aufklärer und Pioniere einer gerechteren Welt zehren bis heute – oft ohne es zu wissen – von den Ideen des scheuen Gelehrten, der den Menschen immer wieder zum „Ausgang aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, wie er schrieb, ermuntert hatte. 

Damit sind wir bei einem aktiven Verbindungsleben. Wo die Prinzipien religio, scientia in der gegenseitigen amicitia gelebt werden und wir uns gegenseitig fördern, der Königsberger hätte seine Freude daran.

Lic. theol. et phil., M.A. Reinhard Röhrner (Ale)

Reinhard Röhrner (Ale)

Jahrgang 1971, wuchs in Vilsbiburg auf und wurde im WS 1992/93 bei der K.S.St.V. Alemannia aktiv. Sein Studium in München und Lyon beschloss er mit Lizentiaten in Theologie und Philosophie sowie dem Magister in Medien- und Kommunikationswissenschaften. 2001 zum Priester geweiht, ist er seit 2018 Pfarrer in Kelheim.