Bünde überleben nicht dadurch, dass der Kreis der Keilkandidaten erweitert wird
Dr. Jendrik Eberhard Wüstenberg (Gth, Smn)
Soll die Aufnahme von Frauen den Kartellvereinen freigestellt werden? Über diese Frage beriet der KV im Juli und August dieses Jahres auf diversen Regionalkonferenzen. Der Wunsch nach der Aufnahme von Frauen ist hierbei ersichtlich mit dem Aspekt der Keilarbeit verbunden. Denn die Forderung nach der Aufnahme von Frauen beruht nur selten auf einer tatsächlichen Überzeugung von der Zeitgemäßheit eines gemischten Bundes, sondern vielmehr auf der Problematik, dass Aktivitates zu suspendieren drohen und dann das Heil in der Aufnahme von Frauen gesucht wird, um das keilfähige Spektrum innerhalb der Studentenschaft auszuweiten.
Oft genug scheint man sich mit der Ansicht zu begnügen, man besitze doch ein eigenes Haus, also müssten die Leute doch gleichsam „von selbst kommen“ – so jedenfalls mein Eindruck. Die wahren, tiefer liegenden Gründe dafür, dass Aktivitates kleiner werden und Bünde zunehmenden Personalschwund verzeichnen, werden allerdings oft völlig übersehen. Denn welcher Bund hat wirklich einmal statistisch fundiert evaluiert, wie es zu einem Mitgliederschwund kommen konnte oder warum Bundesbrüder überhaupt dem Bund beigetreten sind?
Ich bin im Zuge dieser Fragestellung auf eine Keilstatistik in den Brisgovenblättern gestoßen. Ich fand diese Zahlen der Brisgovia Freiburg ausgesprochen aufschlussreich und habe dies zum Anlass genommen, eine ähnliche, wenn auch deutlich weitergehende Statistik für meine Gothia aufzustellen. Die Ergebnisse belegen: Ein Bund, der sich nur auf Keilarbeit über Zimmer verlässt, der ist bald verlassen – insbesondere dann, wenn das eigene Haus nicht groß ist.
Zunächst einmal zur Datengrundlage, deren Stand den Herbst 2023 widerspiegelt: Die Gothia konnte vierzig Rezeptionen seit dem Sommersemester 2018 innerhalb von fünf Jahren verzeichnen. Für die Brisgovia liegen, allerdings für einen Zehnjahreszeitraum, sechzig Rezeptionen vor.
Festzustellen ist, dass von den vierzig Rezeptionen, die zum Erhebungszeitpunkt vorhandenen Füchse eingeschlossen, zwanzig Personen geburscht wurden, was eine Quote von fünfzig Prozent ergibt. Von den vierzig Rezeptionen haben fünfzehn Personen – aus verschiedensten Gründen, hierauf wird noch zurückzukommen sein – den Verein verlassen, was im Umkehrschluss bedeutet, dass 25 Personen und somit 62,5 Prozent der Rezipierten aktuell als Philister, Burschen oder Füchse nach wie vor „dabei“ sind. In ihrer Fuchsenzeit haben dreizehn Personen den Verein verlassen, als Bursch ausgetreten sind aus dieser Zeit zwei Personen.
Um hier wieder einen Vergleich zu ziehen: In den zehn Jahren bei Brisgovia wurden 63,3 Prozent der Füchse später auch geburscht. Interessant für die Keilarbeit dürften besonders die Motive der Personen zum Eintritt in die Gothia sein, die ich ebenfalls durch persönliche Gespräche mit den Bundesbrüdern erhoben habe: Hier wurden als Kategorien für Keilgründe „persönlicher Kontakt (pK)“, „Intrinsisches Interesse an Studentenverbindungen (I)“ sowie „Zimmer (Z)“ gebildet. Das Merkmal pK trifft auf zehn Personen zu, das Merkmal Z auf 26 und das Merkmal I auf vier Personen. Von zehn über persön-liche Kontakte gekeilten Personen sind acht aktuell noch Mitglied (achtzig Prozent), von 26 über das Zimmer gekeilten Personen sind es dreizehn (fünfzig Prozent). Aus der Kategorie I sind alle nach wie vor Mitglied (hundert Prozent).
Die Austrittsgründe lassen sich ebenfalls in verschiedene Gründe kategorisieren:
So wurden „kein Interesse an Verbindung entwickelt (kI)“, „persönliche Gründe (pG)“, „unfreiwilliges Ausscheiden (uA)“ berücksichtigt. Auf kI entfallen zehn, auf pG drei, auf uA zwei Austritte.
Die Zahlen zeigen bereits deutlich: Auch wenn die Keilarbeit über das Zimmer den deutlich größeren Anteil an Gothen in absoluten Zahlen ausmacht, geht mit dieser Art der Mitgliedergewinnung ein nicht zu unterschätzender Schwund einher.
Die Mitgliedergewinnung über persönliche Kontakte hingegen erscheint in den relativen Zahlen deutlich nachhaltiger zu sein, nimmt aber prozentual nur einen geringen Anteil ein. Zieht man die intrinsisch motivierten Personen ab, so ergibt sich das Bild, dass von 36 Personen rund 72 Prozent über Zimmer und lediglich 28 Prozent über persönliche Kontakte zur Gothia kamen. Um auch hier wieder den Vergleich zur Brisgovia zu ziehen: Dort haben sich in dem Erhebungszeitraum die Gründe für den Eintritt als Fuchs pK (52 Prozent) und Z (48 Prozent) fast die Waage gehalten.
Keilarbeit über Zimmer: nur eines von mehreren Instrumenten
Diese Zahlen zeigen auf: Keilarbeit allein über das Zimmer gleicht einer Lotterie. Hierbei ist zu beachten, dass sowohl Brisgovia als auch Gothia über große Häuser verfügen und dementsprechend den Verlust von Füchsen bei einem selbst nur zur Hälfte gefüllten Haus deutlich eher verschmerzen können als ein Bund mit nur wenigen Zimmern im Haus.
Fazit: Keilarbeit hört nicht damit auf, Zimmer zur Verfügung zu haben. Die Keilarbeit über Zimmer kann immer nur eines von mehreren Instrumenten sein, den eigenen Bund zukunftsfähig aufzustellen – sie kann ihn aber nicht am Leben erhalten. Vielmehr sind alle Aktiven und AHAH gefordert, im Rahmen ihres privaten Umfelds Keilarbeit zu betreiben. Persönliche Kontakte sind das Keilinstrument, welches einen Bund erst lebensfähig macht, während Keilarbeit über Zimmer eine ergänzende Funktion gerade bei Personen hat, die keine Korporierten in ihrem sozialen Umfeld haben. Die Erkenntnisse aus diesem Vergleich lassen sich auch deshalb verallgemeinern, weil die Gothia in einer Großstadt in Norddeutschland und Brisgovia in einer klassischen Universitätsstadt in Süddeutschland vollkommen unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen, sich die „Bleibequoten“ aber gleichwohl gleichen.
Gleich, wie sich der KV also in der „Frauenfrage“ entscheidet – ein Bund, der weiterhin nur auf Keilarbeit über die Zimmervermietung setzt, wird auch mit der Aufnahme von Frauen nicht besser fahren. Hiervon legen zahlreiche bereits bestehende Gemischtbünde Zeugnis ab. Auf der anderen Seite wird ein Bund, der alle Keilinstrumente optimal nutzt, sich wohl kaum gezwungen sehen, den Kreis keilfähiger Personen erweitern zu müssen, da der bisherige Pool, optimal ausgenutzt, für ihn bereits ausreichend ist.
