Das große Heidelberger Weinfass
Wenn Mitte November, am 16.11., das Heidelberger Schloss seine Pforten zum Heidelberger Schloßkommers öffnet, kommt man an einer Attraktion nicht vorbei, die zur Schlossruine gehört, wie die Butter zum Brot: Das große Heidelberger Fass. Fast 220.000 Litern soll dieses Fass Platz gegeben haben - beinahe eine Schnapszahl. Es war jedoch Wein, der im Fass eingelagert wurde, Wein, den die Winzer aus den Ländereien ringsum beim Kurfürsten von der Pfalz als (Natural-) Steuer abliefern mussten. Noch heute gilt es als größtes Holzfass der Welt, das auch tatsächlich voll von Wein war. Allerdings wurde das Fass nur dreimal gefüllt, zeigte sich doch bald, dass es undicht war. Doch auch im leeren Zustand zieht das große Fass Neugierige magnetisch an.
Wie es heißt, soll sich Jahr für Jahr eine halbe Million Touristen beim Besuch der Schlossruine auch den hölzernen Riesen anschauen. Die einen sind schwer beeindruckt ob der schieren Größe, die anderen eher verwundert. Dazu gehörte auch der Schriftsteller Mark Twain, der während der 1870er Jahre, auf seiner Europareise, in Heidelberg vorbeikam.
„Ein leeres Fass von der Größe einer Kathedrale könnte mein Gemüt nur wenig bewegen”, schrieb der Mark Twain damals. „Ich begreife nicht den Sinn, ein ungeheures Fass zu bauen, um darin Leere aufzubewahren, wenn man draußen täglich kostenlos eine bessere Qualität bekommen kann. Wofür könnte dieses Fass gebaut worden sein? Je mehr man darüber nachgrübelt, desto unsicherer und unerfreulicher wird es.”
Da muss dem Gast vom Mississippi wohl der Sinn für Wettbewerb und Renommée gefehlt haben, der unter den Fürsten des Barock und der frühen Neuzeit zirkulierte. Die damaligen Potentaten waren an allen Ecken und Enden bestrebt, sich mit Macht, Prunk oder möglichst riesigen Projekten zu messen und gegenseitig auszustechen: Und so lieferte sich der Kurfürst von der Pfalz hundertfünfzig Jahre lang einen regelrechten Fass-Wettbewerb mit seinem Amtsbruder in Sachsen. Auf der Festung Königstein fügten die Sachsen immer gigantischere Riesenfässer zusammen - prompt zogen die Pfälzer am Neckar nach. Auf diese Weise wurden in Heidelberg nach und nach vier Riesenfässer gefertigt - eines voluminöser als das andere.
Schon das erste, 1591 gefertigte Heidelberger Riesenfass, benannt nach Kurfürst Johann-Casimir, maß 127.000 Liter und war eine Riesensensation. „Solch ein Gefäß mit so großer Gabe des Weinstocks, glaub’ ich, gibt’s nicht, soweit der riesige Erdkreis reicht“, rühmte ein Gedicht den Holzbehälter. Wie so manches überdauerte auch dieses Fass den Dreißigjährigen Krieg nicht, sein gutes Eichenholz soll in der Notzeit verfeuert worden sein. Die kommenden Modelle legten an Volumen noch weiter zu. Fass Nummer zwei überstand sogar die Schlossverwüstung in Folge des Pfälzer Erbfolgekriegs im Jahr 1693. Die Franzosen beabsichtigen zwar, das Fass mit dem Keller in die Luft zu sprengen. Doch ein Feldprediger eines in französischem Dienst stehenden Regiments erwirkte, dass auf neue Befehle aus Versailles bezüglich der Zerstörung des Fasses gewartet werden solle. Und siehe da: König Ludwig XVI. ließ sich erweichen und befahl, das Fass zu schonen.
Das dritte Heidelberger Fass war eine Art Runderneuerung von Nummer zwei und brachte es auf gut 200.000 Liter. Leider war das Fass undicht und leckte mit zunehmendem Alter immer mehr. 1744 schrieb der Hofkeller nach einer Bestandsaufnahme: „Die Böden und zahlreiche Dauben sind aus Althertumb so merb geworden, dass man sie mit den Händen verribeln könne.“
Ein neues Fass musste also her. Seit 1740 plante die Hofkammer einen neuen Groß-Behälter, 1751 wurde er unter Kurfürst Karl Theodor vollendet. Zimmerleute und Daubenhauer, Küfer und Schmiede bauten den neuen Fass-Giganten im Schlosshof zusammen, zerlegten ihn danach und setzten ihn dann im Fasskeller zusammen. Schließlich, im Herbst 1752, wurde das Fass mit Wein gefüllt. Aus der ganzen Kurpfalz rollten Pferdefuhrwerke mit Wein heran. Dass Rotwein sehr bekömmlich ist, ist spätestens seit Loriot sattsam bekannt. Ungewiss ist, ob das auch bei den unterschiedlichsten Rot- und Weißweinen der Fall war, die nun allesamt in das Fass hineingeschüttet wurden, dort miteinander reagierten und eine ganz eigene Melange ergaben. Auch ist ungewiss, wer in den Genuss dieser besonderen Mixtur gelangte. Ein Teil wird wohl der Verwaltung des Heidelberger Schlosses vorgesetzt worden sein, ein weiterer Teil dazu gedient haben, Bedienstete zu entlohnen, oder, besser gesagt, abzuspeisen. Der Rest muss wohl in den Keller getropft und versickert sein.
Denn auch dieses Fass war undicht, auch wenn es dreimal gefüllt wurde. Das konnte auch nicht der Zwerg Perkeo verhindern, dessen Holzfigur bis heute über das leere Fass wacht, Kurfürst Carl Philipp soll den kleinen Mann aus Tirol an seinen Hof gebracht haben: Dort musste der so trinkfeste wie schlagfertige Mann dann den Hofnarren spielen. Auf die Frage, ob er das Fass leer trinken könne, soll er „Perché no“- warum nicht? erwidert haben. Das brachte ihn dann den Namen Perkeo ein. Ob es ihm das wirklich gelang? Fünfzehn doppelte Flaschen Rheinwein habe Perkeo Tag für Tag trinken müssen, berichtete der französische Dichter Victor Hugo 1840 nach einer Besichtigung des Heidelberger Schlosses. Grob geschätzt, sind das zwanzig Liter am Tag oder achttausend Liter im Jahr. Rein rechnerisch hätte Perkeo also 25 Jahre trinken müssen, um das Heidelberger Fass zu leeren - vorausgesetzt, er hätte diesen täglichen Weinkonsum durchgehalten. Tatsächlich aber starb Perkeo im Alter von 33 Jahren, nur siebzehn davon hatte er auf dem Schloss verbracht.
Lustig wird es zu Perkeos Zeiten im Heidelberger Schloss allemal zugegangen sein und vielleicht stellt sich von dieser Atmosphäre wieder etwas beim Heidelberger Schloßkommers am 16. November ein, wenn eine fröhliche Corona aus Studiosi, Alten Herren und holder Weiblichkeit im alten Schloss zusammenkommen, singen, schwärmen und natürlich auch den Becher kreisen lassen wird.
R.N.
