Autobiographisches Plädoyer für den KV
Hans-Werner Stapelmann (Boi, Arm)
Bei meinen Eltern in der Küche hing an der Wand neben der Spüle eine Art Schmuck-Geschirrtuch. Darauf zu sehen: Im oberen Teil fünf Personen, im unteren Bereich zehn, dazwischen der Text „Fünf sind geladen, Zehn sind gekommen. Nimm Wasser zur Suppe, heiß alle willkommen!” Ich konnte meine Mutter immer gut mit der Aufforderung aufziehen, das Tuch auszutauschen gegen eines mit dem Spruch: „Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht!”
Bei einer Analyse des ersten Gedankens lässt sich annehmen, dass die fünf geladenen Gäste diejenigen sind, mit denen man sich sowieso abgibt, befreundet und vertraut. Bei den zusätzlichen fünf ergibt sich neben dem Suppenproblem die Frage „Passen die denn auch zu uns…?“
Ich gehe davon aus, dass die Suppe wahrscheinlich für mindestens sieben gereicht und das zusätzliche Wasser dem Geschmackserlebnis noch nicht einmal Abbruch getan hätte.
Der KV und das „Suppen-Prinzip”
Mehr als nur ein Ausgleich für die etwas andere Suppe wäre aber sicher der Mehrwert durch die Gedanken, Themen, Impulse der zusätzlichen Fünf.
Ich erlebe in Gesprächen mit Bundes- und Kartellbrüdern das eine oder andere Mal eine hohe Identifikation mit dem eigenen Verein (Sind das „die Fünf”?) und – mal mehr, mal weniger offensiv – eine zeitgleiche Infragestellung der Sinnhaftigkeit des KV: Sind damit „die Zehn” gemeint?
Im folgenden einige autobiographische Anmerkungen:
Als ich mich entschloss, zum WS 1989/90 zum Studium nach Passau zu gehen, sprach mich mein Onkel Herbert an und meinte, ich solle doch sehen, ob es dort eine UV-Verbindung gebe, er selbst habe im UV eine gute Persönlichkeitsentwicklung gemacht, hochinteressante Menschen kennengelernt, Spaß gehabt, Freunde gefunden und viel gelernt.
Ich erwähnte dieses Gespräch meinen Eltern gegenüber. Da erzählte mir mein Vater, er sei während seines Studiums in Essen ebenfalls in einer Studentenverbindung aktiv gewesen, allerdings im KV, bei Don Bosco. Auch er könne nur das Allerbeste über diese Zeit berichten, sei als Mensch und in seiner Persönlichkeit geprägt worden.
Erste Anlaufstation: der KV-Verein
In Passau angekommen war ergo meine erste – und tatsächlich einzige – Anlaufstation der Passauer KV-Verein Boiotro. Anlass war eine Party mit Glühwein, cooler Musik, vielen Studentinnen und Studenten. Ich kam mit einigen der Aktiven ins Gespräch, alles ausgezeichnete Typen und für mich stand nach dieser Fete fest: Hier musst du dazu gehören.
Auch mir hat, genau wie meinem Vater bei Don Bosco, diese Zeit sehr gefallen: Austausch über die eigene Fachrichtung hinaus, Chargierfahrten nach München, Würzburg und Berlin, interessante Vorträge, Verantwortung und Organisation übernehmen in verschiedenen Chargen.
Nach dem Studium, mittlerweile in Bottrop wohnhaft, war Verbindung für mich eine schöne Erinnerung. Ich hatte zwar in Passau noch einmal ein Stiftungsfest besucht, allerdings beherrschten nun Familie und Job sowie mein Hobby, das Laufen, mein Leben.
Auf jeden Fall hat mich die Aktivenzeit nachhaltig geprägt. Auf der einen Seite bin ich selbstsicherer geworden, konnten wir Aktive doch Gespräche auf Augenhöhe mit Alten Herren führen, die es im Leben schon zu etwas gebracht hatten. Das Schlagen eines Kommerses, die Moderation von Vorträgen auf dem Haus seien ebenfalls erwähnt. Außerdem trug das Organisieren von Veranstaltungen dazu bei, focussierter zu sein, wenn es um das Zusammenführen verschiedener Elemente ging, und gelassen zu bleiben, wenn es galt, mit Ungeplantem oder Störungen umzugehen.
Vermutlich 2011, fünfzehn Jahre nach meinem Studium, wurde mir der KV wieder ins Leben gerufen. Eines Abends rief Günter Hausmann, Vorstandsmitglied des OZ Kieckenberg zu Bottrop und mir bis dahin unbekannt, bis uns daheim an und fragte, ob ich nicht Interesse hätte, gemeinsam mit dem OZ einen Kommers in Marl zu besuchen.
Ich freute mich über diesen Anruf sehr, wir besuchten den Kommers und gemeinsam mit meiner Frau und einigen Kieckenbergern fühlte ich mich in eine der tollsten Zeiten meines Lebens zurück versetzt.
Natürlich wurden wir (Frauen sind bei Kieckenberg herzlich willkommen) zum Stammtisch eingeladen. Hier wurde das „Suppenprinzip“ gelebt: Obwohl wir mit Abstand die jüngsten Mitglieder waren und die etablierten Kieckenberger sich teilweise seit Jahrzehnten kannten, gehörten wir sofort dazu.
Bis heute kann bei jedem Stammtisch Geselligkeit, Austausch, Diskussion und Interesse am Anderen hautnah erlebt werden. Was bei unserem Ortszirkel sehr beeindruckt, ist die Offenheit neuen Mitgliedern gegenüber.
Ortszirkel - die dritte Säule des KV
Die Gespräche waren so interessant, der Austausch so offen und herzlich, dass wir uns vornahmen, künftig immer wieder zu den Stammtischen zu kommen. Gerade im Ruhrgebiet haben wir, trotz verschiedener größerer Städte, mit Rheno-Merovingia Bochum nur noch einen aktiven KV-Verein. Auch wenn sich beim Ortszirkel nur gelegentlich Aktive einfinden und dieser hauptsächlich aus Alten Herren besteht, auf die diese Bezeichnung in jedweder Hinsicht zutrifft, so findet doch echtes Verbindungsleben statt. Auch der Begriff „Lebensbund“ wird beim OZ erlebbar. Selbst bei heftigeren Diskussionen wird der Gesprächspartner stets mit Respekt behandelt, es geht um die einzelne Sache. Das Fundament, das Erlebte im jeweils eigenen Bund, ist so stabil, dass selbst hitzigere Gespräche versöhnlich enden. Bei Kieckenberg kommen Alte Herren aus Kiel, Freiburg, Köln, Hannover, Bonn, Passau, Karlsruhe und Darmstadt zusammen. Auch aktuelle Aktive aus Aachen, Bonn und Darmstadt besuchen den OZ-Stammtisch immer wieder gerne. Sicherlich altersgeschuldet sind große Fahrten wie nach Rom mittlerweile nicht mehr im Programm zu finden, allerdings waren beispielsweise der Besuch im Haus der Geschichte in Bonn, die Besichtigung des Mariendoms in Neviges oder das westfälische Hochzeitsessen im Münsterland ebenfalls Highlights, über die immer wieder gerne gesprochen wird.
So stellt, zusammengefasst, der OZ neben den Besuchen von Kneipen und Kommersen in Bonn und Aachen für mich die logische Fortsetzung der Aktivenzeit dar. Hier wie dort wird der Einzelne in seiner jeweiligen Situation wahrgenommen. So war es z.B. Ulrich Eversmann, Vorsitzender unseres OZ, der meine Frau und mich ansprach, ob wir nicht mit unserem Sohn Jonas mitkommen wollten zum Stiftungsfest des K.St.V. Markomannia zu Münster. Wir wollten.
Wie bisher überall im KV erlebten wir auch hier eine Willkommenskultur im besten Sinne. Unser Tischnachbar kam mit uns ins Gespräch, fragte Jonas, wie ihm denn der Kommers gefalle und wo er studieren wolle. Jonas war sehr beeindruckt von Haus, Veranstaltung und Stimmung und sagte, er sei sich über den Studienort noch nicht sicher. In Frage kämen Bonn oder Tübingen. Darauf unser Tischnachbar, der sich uns als Markus Wittenberg vorgestellt hatte: „Dann wird es Bonn! Mein Sohn Thomas ist dort Senior bei Arminia, ich kann dafür Sorge tragen, dass du dort auf dem Haus ein Zimmer bekommst!“ Und so kam es.
Erst Arminia machte Corona erträglich
Die durch Corona wirklich bedrückenden ersten Semester wurden für Jonas erträglich durch Arminia. Mir selbst gefiel dieser Verein so gut, dass ich um Aufnahme als B-Philister ersuchte und ich bin dankbar und stolz, mich Armine nennen zu dürfen, auch wenn ich nicht ein Semester in Bonn studiert habe.
Mittlerweile ist auch Felix, unser zweiter Sohn, KVer als aktueller Fuchs beim K.St.V. Wiking zu Aachen.
Sicherlich wird mir annähernd jeder KVer zustimmen, wenn ich den Mehrwert des Verbindungslebens im eigenen Verein für Persönlichkeitsentwicklung und Horizonterweiterung hervorhebe.
Allerdings hätte es vermutlich diese autobiographischen Anmerkungen ohne den KV nicht gegeben, denn die dann nicht geschriebene Story wäre bei Don Bosco beendet gewesen.
Wenn „Wasser zur Suppe“ bedeutet, auch andere Vereine, die dieselben Grundsätze, Prinzipien und Ideale teilen, allerdings gegebenenfalls eine etwas andere Ausprägung haben, zu respektieren und sich mit ihnen auszutauschen, dann kann dieses Wasser sogar die Aromen der Suppe erst richtig zum Vorschein bringen.
Die klaren, Generationen überdauernden „Grundaromen“ unterscheiden sich für mich persönlich von denen eines beliebigen „Feiervereins“ durch drei wesentliche Elemente:
1. Erkennbare Identifikation mit den Prinzipien Religion, Wissenschaft, Freundschaft
2. Pflege des studentischen Brauchtums
3. Lebensbundprinzip unter Männern
Im Rückblick haben gerade diese Punkte meine Aktivenzeit so geprägt, dass der Anruf von Günter Hausmann fünfzehn Jahre später für mich ein wichtiger Schlüsselmoment war, der bis heute weiterwirkt.
So sehr ich gegen eine Verwässerung des KV bin, so sehr trete ich für einen starken KV mit starken, sich mit der gemeinsamen Idee (§§ 1-5 der Satzung des KV) identifizierenden und sich auf die jeweils eigene Tradition besinnenden Bünden ein.


