Bonifatius gegen Gustav Adolf –

oder: Reflexionen nach siebzig Priesterjahren

Kaum zu glauben. 95 Lebensjahre, siebzig Priesterjahre – und noch immer im aktiven Dienst im Pastoralteam des Borsumer Kaspels, eines historischen Kirchspiels im Hildesheimer Stiftsgebiet: Kb Pastor Winfried Henze (Wf, Cher). Am 21. Juli 2024 wurde das besondere Jubiläum gefeiert – mit einem Dorffest für die ganze Gemeinde, so wie es sich der Jubilar gewünscht hatte. (siehe AM 136-6, S. 179 f.) 

Es ist ein besonderes Priesterleben, das Henze im Bistum Hildesheim vorgelebt hat: Priesterweihe 1954, dann Kaplansjahre in Braunschweig, Bremen und Hildesheim, fünfzehn Jahre Landpastor, einundzwanzig Jahre Basilikapfarrer an St. Godehard in Hildesheim, schließlich seit 2003 wieder Landgeistlicher in Adlum. 

Doch es gibt noch eine andere Seite: Henzes Wirkungskreis sprengte jede Pfarrstelle. Als Redakteur der Kirchenzeitung wurde er zum ökumenischen Wegbereiter im Bistum Hildesheim, blieb dabei aber stets „kernkatholisch und kernig-katholisch” wie Pfarrer Dr. Baule in seiner Festpredigt zu Kb Henzes 70. Priesterjubiläum hervorhob. Auslandsreportagen führten ihn nach Afrika und Lateinamerika, er gewann zweimal den Journalistenpreis der Deutschen Bischofskonferenz, unter anderem für Interviews mit afrikanischen Rebellenführern. Der passionierte Segelflieger wirkte als Meisterschaftsseelsorger, war ein geschätzter  Interviewpartner im Radio, rettete geradezu auf Don-Camillo-Manier den kulturhistorisch unschätzbaren Albani-Psalterr aus den Händen diplomatischer Verwicklungen und erregte immer wieder öffentliche Aufmerksamkeit, wenn er sich mit deutlichen Worten in politische Debatten einmischte, etwa um die Bremer Verfassung oder die zahlreichen Kirchenschließungen im Bistum Hildesheim. 

Henze schrieb zahlreiche Bücher, am bekanntesten sein Katechismus „Glauben ist schön“, der neun Auflagen erlebte und mit rund dreihunderttausend Exemplaren zum Bestseller wurde. Sein neuester Titel ist gerade erschienen: ein humorvolles „Lob der Kalkleiste“, in Anspielung auf den weißen Streifen am Priesterhemd. Dabei geht es etwa um Kinderstimmen, die ihre Sicht auf die hohe Geistlichkeit ohne falsche Scheu auf den Punkt bringen – „nicht immer zum Vergnügen der geistlichen Herren“, wie es im Untertitel des Kapitels heißt. Mitunter bringen Kinder das Treffende besser auf den Punkt als Erwachsene. So antwortete ein Junge auf die Frage des Priesters während der Kinderpredigt, warum dieser in der Messe so feierliche Gewänder trage, ganz direkt: „Damit er darunter verschwindet!“. Stirnrunzeln in der Gemeinde – und doch: Er hat Recht. „Der Priester steht am Altar nicht für sich selbst, sondern an Christi Stelle. Er muss wissen, dass seine eigene Person ganz hinter diesem Auftrag zurücktritt“ (S. 30).

Geprägt wurde Henze, der in Göttingen aufs Gymnasium ging, durch den bodenständigen, aber auch widerständigen Katholizismus der Hildesheimer Bördedörfer, wo er seine Ferien verbrachte: Erfahrungen, die er in seiner Erzählung „Bördejahre“ (Harsum 2011) verarbeitet hat. Ein Kapitel daraus hat auszugsweise auch im neuen Bändchen Eingang gefunden: Weihrauch und morscher Deckel. Ein unfreiwillig komischer Auftritt des Dorfpolizisten wird zur Gelegenheit, Treue zum Bischof und damit zugleich Widerstand gegen die braunen Machthaber zu demonstrieren.

Dass Henze auch Selbstironie gegenüber seinem eigenen Stand aufbringt, macht eine – bisher unveröffentlichte – Rede vor dem Hildesheimer Priesterrat deutlich, gehalten außerhalb der Tagesordnung, „als Spannung (oder auch Langeweile) überhandzunehmen drohten“ (S. 35) und sich wieder einmal die Gemüter über Sinn oder Unsinn von Kirchenreformen erhitzten.

Henze schlägt aber auch ernste Töne an, wenn er im Eingangskapitel angesichts klerikaler Missbrauchsskandale fragt: „Ist ein harmloses Erzählen, wie in den Zeiten von Don Camillo und Peppone überhaupt noch angebracht?“ Ja, gerade deshalb, gibt unser Autor zur Antwort: „Niemals darf man Träger eines hohen Amtes und großer Verantwortung in einen Nebel der Unantastbarkeit hüllen, der genaues Hinsehen verhindert und Unterwürfigkeit erzeugt, im Staat darf man das nicht, beim Sport nicht, in der Publizistik nicht und am wenigsten in der Kirche“ (S. 9). Falschem Respekt lässt sich aber womöglich weniger durch synodale Funktionärskämpfe gegen klerikale Machtstrukturen entgegentreten, wie Henze bemerkt – sondern „oft viel besser, wenn man in den autoritären Nebel hineinpustet und von hohen Herren Geschichten erzählt, die menschliche Schwächen aufdecken“ (S. 10). Hier zeigt er sich wieder: der „kernkatholische und kernig-katholische“ Stil des Autors. Man darf annehmen, dass er ein solches Programm auch als Couleurstudent gelernt und verinnerlicht haben mag.

Auch Henzes Verbindungszugehörigkeit findet im „Lob der Kalkleiste“ Raum. In Göttingen, wo er zunächst ein Jurastudium begonnen hatte, trat er dem K.St.V. Winfridia im KV bei. Unter dem Schlachtruf „Nach Canossa gehen wir nicht!“ nimmt er die Leser mit an antirömische Wallfahrtsorte in Deutschlands Norden. Heute könne darüber mit der notwendigen Gelassenheit, vielleicht sogar Erheiterung gesprochen werden: „Ach Freunde, was sinkt doch alles dahin im Lauf der Jahrzehnte und Jahrhunderte! Wieviel Zorn verraucht, wieviel Erinnerung wird schal! Georg und Heinricht, Bismarck und Leo, Hermann und Varus, Tilly und Gustav Adolf“ (S. 66). 

Antirömische Wallfahrtsorte in Deutschlands Norden

Die Reise beginnt an der Bad Harzburger Canossasäule, welcher die Katholiken trotzig eine dem heiligen Gregor VII. geweihte Kirche entgegensetzten, und führt über das Hermannsdenkmal und das Schlachtfeld des Dreißigjährigen Krieges bei Lutter am Barenberge bis zu den Sachsensteinen in Verden. 

Benannten die Protestanten ihr Diasporahilfswerk nach dem Schwedenkönig, der im Dreißigjährigen Krieg kräftig mitmischte, versagten sich die Katholiken glücklicherweise einer ähnlichen Retourkutsche. Ausgerechnet Ignaz Döllinger, geistiger Vater der deutschen Altkatholiken, riet dazu, nicht Graf von Tilly, dem bis heute in Altötting gehuldigt wird, sondern den Apostel der Deutschen als Namensgeber des Bonifatiusvereins der deutschen Katholiken dagegen zu setzen. So machten es dann auch die katholischen Studenten, als sie 1870 in Göttingen die erste katholische Verbindung gründeten. Die Axt, mit der Bonifatius den germanischen Götterhimmel entthronte, ziert noch heute das Wappen der Göttinger Winfriden. Trotzig sangen sie im Kulturkampf, wie Henze erinnert: „Die Götter-Eichen sinken! / Die Siegeszeichen blinken! Von ferner Alp bis zu des Nordmeers Strand / erobert Winfried seinem Gott das Land.“ 

Ja, die Zeiten wandeln sich, wie Henze im Blick auf den heutigen Katholizismus im Lande eines Hermann und Bonifatius bemerkt: „Vielleicht empfindet es heute auch mancher katholische Amtsträger als peinlich, dass dieser Bonifatius die Donareiche einfach umgehackt hat, statt in einen Dialog auf Augenhöhe mit den alten Germanen einzutreten und um die Erlaubnis zu bitten, in gebührendem Abstand eine römische Zypresse daneben pflanzen zu dürfen.“ Etwas mehr Stolz auf die eigene Tradition, die eigene Geschichte und die eigene Identität täten unserem Land und seiner Kirche in der Tat nicht schlecht. Gerade unsere Verbindungen sollten in diesem Sinne ihre Prunkfahnen hochhängen – und nicht in den Wind, wie es leider auch Kirchenvertreter heute tun.

Das Schlusskapitel schließlich widmet sich dem Hannoveraner Landesbischof Hanns Lilje. Kein geringerer als Papst Pius XII. soll auf die Frage, wer unter Deutschlands Bischöfen der bedeutendste sei, diesen Namen genannt haben. 

Axel Bernd Kunze (Leipziger Burschenschaft Alemannia zu Bamberg, Burschenschaft Rheno-Germania Bonn, Burschenschaft Alemannia Leipzig)