Den Gottesdienst lebendig mitfeiern

Das II. Vatikanische Konzil und die Liturgiereform

Im Advent, wenn das neue Kirchenjahr beginnt, liegen 55 Jahre zurück, seit die Liturgiereform am 30. November 1969 in Kraft trat. Damals wurde der neue Mess-Ordo für die katholische Kirche eingeführt. Für manche Christen war die Liturgiereform eine Freude, für manche eine Umstellung, für einige ein Ärgernis. Für mich ergab sich ein interessantes Thema für meine Diplomarbeit, verbunden mit der Untersuchung, wie die Liturgiereform in den Pfarren von Innsbruck aufgenommen und umgesetzt wurde. Nur noch wenige haben eine Vorstellung von der „alten” Liturgie. Die Messe begann mit dem Stufengebet in Latein. Der Zelebrant betete „Introibo ad altare Dei“, die Ministranten antworteten mit „Ad Deum, qui laetificat iuventutem meam“. Nachdem der Priester das Evangelium – wie auch die übrigen Texte – mit dem Rücken zum Volk still gelesen hatte, stieg er auf die Kanzel, trug das Evangelium auf Deutsch vor und hielt die Predigt. Dann kehrte er zurück zum Hochaltar. Das Läuten der Ministranten zur Wandlung galt den Gläubigen. Nach dem Schlusssegen las der Priester noch bis 1963 für sich den Prolog aus dem Johannesevangelium. Die Liturgie spielte sich zwischen Priester und Ministranten ab. Die Gläubigen waren eher sich selbst überlassen und sie waren weniger Mitfeiernde.

Die Liturgiereform brachte entscheidende Veränderungen: Ein Volksaltar wurde in die Mitte gestellt, der Priester zelebrierte nicht mehr mit dem Rücken zum Volk, die Liturgie wurde in der Landessprache gefeiert und die Gläubigen in die Feier einbezogen - und zwar nicht nur in die Gebete und Texte, sondern auch in die Mitgestaltung als Lektoren, Vorsänger, Fürbittensprecher und Kommunionhelfer. Zudem wurde die Handkommunion eingeführt.

Neue Elemente im Gottesdienst sind die Begrüßung, die Einleitung in die Feier und der Bußritus, der Psalm zwischen Lesung und Evangelium, die Lesungstexte der Sonntage im Dreijahreszyklus und die Fürbitten als Gebete der Gemeinde, die Konzelebration auch an allen Tagen und am Schluss die Sendung, das, was wir gefeiert haben, in den Alltag zu tragen. Auch die liturgische Gestaltung von Wortgottesdiensten ist eine neue Form.
Manche Konservative konnten die Änderung in der Liturgie nicht mitvollziehen. 1970 wandte sich die „Priesterbruderschaft St. Pius X.“, unter Leitung von Erzbischof Marcel Lefebvre von der römisch-katholischen Kirche ab und gründete eine eigene Glaubensgemeinschaft mit dem Anspruch, diese bewahre den rechten katholischen Glauben.

Aber was waren die Motive, den Messritus zu reformieren? Mit den Worten „Frischer Wind muss in die Kirche!” hatte Papst Johannes XXIII. den Anstoß zum Zweiten Vatikanischen Konzil gegeben: Den Menschen sollte der Glaube nähergebracht, vieles verständlicher und nachvollziehbarer werden - auch im Gottesdienst. Und so bestimmte die Konstitution „Sacrosanctum Concilium” über die heilige 
Liturgie 1963: „Damit das christliche Volk in der heiligen Liturgie die Fülle der Gnaden […] erlange, ist es der Wunsch der heiligen Mutter Kirche, eine allgemeine Erneuerung der Liturgie sorgfältig in die Wege zu leiten. Denn die Liturgie enthält einen kraft göttlicher Einsetzung unveränderlichen Teil und Teile, die dem Wandel unterworfen sind. Diese Teile können sich im Laufe der Zeit ändern, oder sie müssen es sogar, wenn sich etwas in sie eingeschlichen haben sollte, was der inneren Wesensart der Liturgie weniger entspricht oder wenn sie sich als weniger geeignet herausgestellt haben. Bei dieser Erneuerung sollen Texte und Riten so geordnet werden, dass sie das Heilige deutlicher zum Ausdruck bringen, und so, dass das christliche Volk sie möglichst leicht erfassen und in voller, tätiger und gemeinschaftlicher Teilnahme mitfeiern kann.“ 1
Die Geschichte des christlichen Gottesdienstes ist bewegt und vielfältig. Die Urgemeinde nahm an den jüdischen Feiern im Tempel teil und traf sich am Sonntag, dem Tag der Auferstehung Jesu, zur gemeinsamen Feier des Abendmahls. Die Sprache war zunächst die Sprache Jesu: das Aramäische. Als immer mehr Menschen auch aus anderen Völkern Christen wurden, wechselte man ins allgemein
verständliche Griechisch. Und als nach der Konstantinischen Wende Rom zum Zentrum der Christenheit geworden war, wurde Latein zur liturgischen Sprache. Jetzt wurden für den Gottesdienst Sakralräume gebraucht. Man baute Basiliken (Königshallen), rückte den Altar von der Mitte in die Apsis, aber die Mitfeiernden wurden zu stummen Teilnehmern, die ihre Gebete verrichteten, während der Klerus mit dem Rücken zum Volk zelebrierte. 

Neue Impulse für die Feier des Gottesdienstes

Auf dem Konzil von Trient (1545 – 1563) grenzte sich die katholische Kirche von der Reformation durch die Festschreibung und Vereinheitlichung der römischen Liturgie ab und hielt daran Jahrhunderte lang fest. Um eine Reform bemühte sich Papst Pius X. (1903-1914). Mit dem Motu proprio vom 22. November 1903 regte er die „Participatio actuosa”, die lebendige Teilnahme“ an der Eucharistie mit täglichem Kommunionempfang an. Bis dahin empfingen Gläubige die Kommunion nur im Anschluss an die Beichte, jedoch mindestens einmal im Jahr zur österlichen Zeit. Um diese lebendige Teilnahme am Gottesdienst bemühte sich auch die Liturgische Bewegung, die Anfang des 20. Jahrhunderts einsetzte. Einige Namen stehen dafür: Odo Casel, der sich dafür einsetzte, die Gottesdienste an Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag vom Vormittag auf den Nachmittag bzw. Abend zu verlegen. Anselm Schott, der unter dem Titel „Das Messbuch der Heiligen Kirche” die wesentlichen Texte des „Missale Romanum” in einer deutschen Übersetzung herausgab, um Laien eine bewusstere Mitfeier der Messe zu ermöglichen. Ildefons Herwegen, Abt des Benediktinerklosters Maria Laach, förderte die zentrale Rolle der Liturgie: Die Feier sollte die Gläubigen zusammenschließen, im Geist verbinden und so die Gemeinschaft mit Gott und der Kirche erlebbar machen. Und der Augustiner-Chorherr Pius Parsch feierte ab 1922 Gemeinschaftsmessen, „Betsingmessen“, die als die Geburtsstunde der liturgischen Bewegung in Österreich gelten.

Johannes XXIII. starb während des Konzils, sein Nachfolger Paul VI. führte das Konzil weiter und sorgte für die Umsetzung der Beschlüsse, auch über die Liturgie. Ob die Einführung der neuen Liturgie immer gelang, steht auf einem anderen Blatt. So verbannten nach der Liturgiereform manche Priester sogar Weihrauch und liturgische Bräuche wie Choralgesang und Prozessionen aus dem Gottesdienst, sodass dieser immer steriler wurde. Anhänger der alten Messe beklagen einen Rückgang der Ehrfurcht, etwa aufgrund der Einführung der Handkommunion, des weitgehenden Wegfalls der Gebetsrichtung „ad orientem” (nach Osten), oder auch durch das Verschwinden der Gottesdienstsprache Latein. Für mich bedeutet der neue Ritus eine große Bereicherung, da er uns die Gemeinschaft der Kirche neu erfahren und für die Feier Freiräume der Gestaltung lässt.

Eine Garantie für einen guten und gelingenden Gottesdienst gibt es allerdings nicht. Nötig sind: eine ansprechende Gestaltung, die zum Mitfeiern motiviert, und eine Predigt, die die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf sich zieht und ihnen Gedanken für ihr Leben im Alltag mitgibt. Gläubige, die offen sind für das Wort der Verkündigung, die Texte der Liturgie und für das Geheimnis, das wir im Gottesdienst feiern. Im Zentrum steht: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ Durch den Empfang der Kommunion dürfen wir darauf vertrauen, dass er mit uns geht und uns auf unserem Lebensweg begleitet. 

 

Anmerkung

[1] Rahner/Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium, Freiburg i. Br., 21967, S. 59, Art. 21