Von den Trümmern des Krieges zur internationalen Kunst
Bb Heinrich Jarczyk sitzt in seinem gemütlichen Wohnzimmer in Bergisch Gladbach, umgeben von zahlreichen Bildern, die wie kleine Fenster in sein bewegtes Leben wirken. Die meisten dieser Werke stammen von ihm selbst und erzählen von Landschaften und Eindrücken aus verschiedensten Ecken der Welt. Nur zwei Bilder an der Wand sind nicht von ihm – einem Mann, der bald auf ein Jahrhundert Lebensgeschichte zurückblicken wird.
Trotz seines hohen Alters ist Bb Heinrich Jarczyk erstaunlich rüstig. Seine Gesten sind lebhaft, wenn er mit ruhiger, doch kräftiger Stimme erzählt. „Der Krieg hat uns geprägt, das kann keiner leugnen“, sagt er mit einem leichten Kopfnicken. Auch wenn seine Augen nicht mehr die Schärfe früherer Jahre haben, blitzen sie, wenn er Anekdoten und Erinnerungen aus seiner Jugend erzählt, die oft mit einem leichten Lächeln beginnen und in nachdenkliche Stille münden.
Am 18. Januar 2025 wird er sein 100. Lebensjahr vollenden, ein Ereignis, das von seiner Familie und besonders der Unitas-Breslau, deren Mitglied er ist, mit Freude erwartet wird. Auch seine erste Verbindung, die Ottonia München, in der er als einziger Preuße einen besonderen Platz fand, wird ihm gratulieren, ebenso wie der gesamte Kartellverband.
Eine erste wichtige Station zu dieser 100-jährigen Lebensreise begann am 15. März 1943, als Bb Heinrich Jarczyk sein Abitur ablegte – ein bedeutsamer Moment, doch er bringt weder Feiern noch Reisepläne, sondern die Einberufung zum Reichsarbeitsdienst, gefolgt von der Versetzung an die Kanalküste in Frankreich. „Das erste Mal, als Bomben fielen und ich in Deckung ging, dachte ich an das sichere Schlesien. Alles, was ich kannte, schien endlos weit weg.“ Die Zeichenkunst wurde in diesen düsteren Zeiten zu seiner Zuflucht. Sein Skizzenbuch war sein treuer Begleiter, ein leises Tor zur Freiheit und gleichzeitig ein Zeugnis jener Ängste und Verzweiflung.
Als junger Mann aus dem sicheren „Luftschutzkeller“ Schlesiens sind die Kriegserlebnisse in Frankreich schockierend; ein Bombenangriff, der zwei seiner Kameraden das Leben kostet, bleibt ihm unvergesslich. Auch im Lazarett und später im Kriegsgefangenenlager nutzt er jede Gelegenheit, um Eindrücke mit Stift und Feder festzuhalten – „Die Kunst half mir, Ängste und die Verlorenheit der Gefangenschaft zu überstehen“ – sollte er später einmal in seinem Buch schreiben.
Als Preuße in die Ottonia
Als er 1947 nach Deutschland zurückkehrt, beginnt für Bb Heinrich Jarczyk ein völlig neues Kapitel. Dank eines kleinen Kriegsrentenbeitrags nimmt er das Studium der Chemie und Biologie an der Universität München auf, in einer Stadt, die sich gerade vom Krieg zu erholen beginnt. Die Studienbedingungen sind entbehrungsreich: Chemische Praktika finden unter widrigen Umständen in Kelleranlagen statt, und Wohnraum ist kaum zu finden. Unterkunft fand er nur provisorisch, anfangs auf einer Couch in einem Durchgangszimmer. Sein Vater hatte ihm mitgegeben: „Gehe in eine katholische Verbindung!“ Und so wurde Bb Heinrich Jarczyk, damals der einzige Preuße in der Ottonia, Mitglied dieser katholischen Studentenverbindung und zog aufs Ottonenhaus.
Er erinnert sich, wie ihm die Gemeinschaft half, sich wieder zurechtzufinden. „Wir alle mussten nach dem Krieg wieder lernen, wie man sich benimmt wie man aufeinander zugeht“, sagt er. Die Ottonia bot Rückkehr zur Normalität. „Wir lernten wieder tanzen.“ Doch die Kriegserfahrungen hatten sie gezeichnet. „Vom Krieg hatten wir genug“, sagt er deutlich und betont, dass er die Spitze seines Schlägers absichtlich abbrach, um das alte Duellwesensymbolisch abzustreifen. „Alles, was uns an solche Zeiten erinnert, wollten wir nicht mehr.“
1952 promovierte Bb Jarczyk zum Dr. rer. nat. Bereits im folgenden Jahr beginnt Bb Jarczyk eine Forschungsstelle, die ihn unter anderem in die Industrie, ans Max-Planck-Institut für Biochemie und zur Bayer AG führt. Von 1953 bis zu seinem Ruhestand 1987 widmet er sich der Forschung und veröffentlicht mehr als 50 wissenschaftliche Arbeiten. Die Arbeit brachte ihn an viele Orte – Südamerika und Ägypten wurden zu prägenden Stationen, wo er Land und Leute kennenlernte und oft und viel reiste. „Kurz und gut: Ich bin mehrere Wochen auf eigene Kosten in Südamerika gewesen: in Chile, in Brasilien“, erzählt er mit einem schelmischen Lächeln, das fast jugendlich wirkt.
Seine Arbeit ließ ihm lange Zeit wenig Raum für andere Aktivitäten, auch für das Engagement im Kartellverband. Doch die Verbindungsidee blieb ein Teil seines Lebens, und später in Leverkusen trat er der Unitas-Breslau bei. Besonders die Historie dieser Gemeinschaft – der Übergang von Breslau nach Köln – faszinierte ihn. Das brachte ihn sogar dazu, im Keller der Unitas-Breslau ein Wandgemälde zu gestalten, das bis heute die Wände dort ziert. „Es war schön, Teil dieser Geschichte zu sein und selbst ein Stück davon zu hinterlassen“, sagt er.
Seit Mitte der 1980er-Jahre ist Bb Heinrich Jarczyk in zweiter Ehe mit Christiane Jarczyk verheiratet, einer Lehrerin, die ursprünglich aus der Schweiz stammt. Auch in Bergisch Gladbach unterrichtete sie jahrelang.
Nach seiner Pensionierung kehrte Bb Jarczyk zu seiner Leidenschaft zurück und widmete sich vollständig seiner Kunst. Neben Radierungen und Grafiken, die oft historische und gesellschaftliche Themen aufgriffen, malte er auch großformatige Ölgemälde. In mehr als 50 Einzelausstellungen in Europa, den USA, Südkorea und vielen anderen Ländern präsentierte er seine Werke. Besonders stolz ist er auf sein Werk zum Fall der Berliner Mauer, das auch einen prominenten Platz im Wohnzimmer der Jarczyks einnimmt.
Am 18. Januar 2025 wird er sein 100. Lebensjahr vollenden – ein Zeitzeuge und Künstler, dessen Werke die Lebensgeschichte einer Generation widerspiegeln, die nach den Schrecken des Krieges und den Herausforderungen des Wiederaufbaus eine friedlichere Welt zu erschaffen suchte.
Im Januar Bilderausstellung im Oberschlesischen Landesmuseum
Aus dem Anlass seines Ehrentages zeigt das Oberschlesische Landesmuseum in Ratingen (Hösel) eine Ausstellung seiner bedeutendsten Werke. Am 26. Januar findet die Vernissage statt, die Ausstellung ist bis zum 2. März 2025 geöffnet.
Mauritius Kloft (Un) und Helmut Polmans (Rhein, Un, Nbg, Bor)
