Unter der eritreischen Besatzung schmuggelte die Kirche von Adigrat Nachrichten aus der abgeriegelten Region und betrieb im Untergrund ein Zentrum für Vergewaltigungsopfer. Die Erinnerungen vom Bischof sind filmreif.
Hörst du noch das Glockenläuten in deiner Stadt? Nimmst du es überhaupt noch wahr? Stell dir vor, eine feindliche Armee hat deine Stadt besetzt. Du wagst dich nicht mehr aus dem Haus, weil du die schlimmsten Geschichten von deinen Nachbarn gehört hast. Es gibt kein Handynetz. Eigentlich wartest du nur darauf, dass sie dich holen kommen, Oder deine Frau, deine Schwester, deine Mutter, deinen Vater. Und dann, jeden Tag um 17:3o Uhr, läuten die Glocken der Kathedrale. Das bedeutet: Der Bischof ist noch da. Er ist nicht geflohen, sie haben ihn noch nicht verschleppt. Ihre Macht ist noch nicht absolut. Vielleicht hat Gott die Menschen dieser Stadt doch noch nicht ganz verlassen. Vielleicht gibt es noch Hoffnung.
Ich war eigentlich nach Tigray gereist, um für eine Forschungsarbeit zu untersuchen, wie die Kirchen dort mit Opfern von sexueller Gewalt im Tigray- Krieg umgingen, der vor zwei Jahren endete. Am 2. November hat sich zum zweiten Mal das Waffenstillstandsabkommen („Pretoria Agreement“) zwischen der Tigray People´s Liberation Front (TPLF), und der Zentralregierung Äthiopiens und deren Verbündeten gejährt, das einen der blutigsten Konflikte der jüngeren afrikanischen Geschichte beendete. Über sechshunderttausend Menschenleben hat der Krieg gefordert, viele Überlebende sind für ihr Leben gezeichnet. Die Ursachen des Konflikts sind vielschichtig und letztlich auf die Sturheit und Machtinteressen weniger Politiker zurückzuführen.
Tigray ist zu etwa 97 Prozent äthiopischorthodox, mit einer katholischen und muslimischen Minderheit. In der Tradition der orthodoxen Kirche gibt es leider einige Lehren, die Opfer sexueller Gewalt stigmatisieren. So dürfen Priester, deren Frauen außerehelichen Sex hatten, ihren Dienst nicht mehr ausüben – sogar, wenn es sich um Vergewaltigung handelte. Diese Lehre beruht auf einem alttestamentlichen Reinheitsverständnis, das unabhängig von der eigenen Intention gilt, und eigentlich von Jesus zurückgewiesen wurde (vgl. Mk 4,9).
Ich lernte auch den katholischen Bischof von Tigray kennen, Abune Tesfaselassie, der mir ausführlich die Kriegsereignisse schilderte. Bereits zu Beginn der Kämpfe wurden die Stadt Adigrat, der Bischofssitz, bombardiert, die Kathedrale beschädigt, das Kleine Seminar zerstört. Viele Einwohner flohen, als sich die tigrayischen Truppen zurückzogen und Verbände der damals mit der äthiopischen Zentralregie- rung verbündeten eritreischen Armee einmarschierten. Hinrichtungen, Vergewaltigungen und Plünderungen wurden von da an täglicher Albtraum.
Massaker und Flüchtlinge
Als in der Mariam-Dengelat-Kirche, einer nahen orthodoxen Pilgerstätte, 164 Gläubige massakriert wurden, war klar, dass die eritreische Armee vor nichts zurückschreckte. Adigrat versank in einem humanitären Alptraum: kein Telefonnetz, kein Strom, kein Wasser. Schnell wurden die Vorräte knapp. „Der Krieg kam ja ganz plötzlich“ erinnerte sich der Bischof. „Es war, als wären wir in einem Alptraum gefangen, ohne zu wissen, ob und wann er enden würde.”
Mehr als eine Woche war Adigrat besetzt, da drangen Soldaten morgens in den Komplex der Diözese ein. Der Bischof war gerade in der Sakristei. Die Soldaten verlangten seine Anwesenheit. „Sie hatten alle ihre Gewehre im Anschlag und erklärten, sie wollten mich mitnehmen, aber ich weigerte mich“, berichtete der Bischof. „Ich wusste nicht, was ihre Befehle waren. Es war sehr bedrohlich.“ Die anderen Priester versuchten, die Lage zu entspannen, boten den Bewaffneten Tee an, versuchten Gespräche anzuknüpfen, während einer der Soldaten hektisch telefonierte. Schließlich begnügten sich die Soldaten damit, die Fahrzeuge der Diözese für, wie sie vorgaben, „humanitäre Zwecke“ zu konfiszieren. Später wurden diese auf dem Schlachtfeld gesichtet.
Der Druck auf die Kirche nahm weiter zu. Bischof Tesfaselassie schmuggelte Lageberichte an ausländische Medien aus Tigray: meist handgeschriebene Zettel oder USB-Sticks, versteckt am Körper von alten Frauen oder mutigen Jugendlichen, die es wagten, zu reisen. „Im Verlauf des Krieges hörten wir immer häufiger, wie sehr unsere Berichte den Feinden ein Dorn im Auge waren“, berichtete der Bischof. „Sie versuchten ja alles, um keine Nachrichten aus Tigray hinaus dringen zu lassen. Man sagte uns: ´Die Raketen der katholischen Kirche haben uns mehr geschadet als die der TPLF.`“
Lebenswichtig wurde die Hilfe der Kirche für Überlebende sexueller Gewalt. „Schon früh im Krieg erfuhren wir von Fällen von Vergewaltigungen. Besonders schlimm war es in einem Kloster, das auch ein Waisenhaus betrieb. Vor den Augen der Schwestern führten sie die Mädchen ab“, berichtete der Bischof. Auch in Adigrat gab es immer mehr vergewaltigte Frauen unter der eritreischen Besatzung. Gemeinsam mit Personal aus dem stillgelegten Krankenhaus richtete die Diözese daraufhin ein geheimes Zentrum für betroffene Frauen ein, um sie medizinisch und psychologisch zu versorgen. Es war wie in einem Agentenfilm: alte Frauen, die Nachrichten übermittelten, konspirative Treffen in dunklen Hinterhöfen, Geheimgänge in das von der Diözese bereitgestellte Gebäude. Über fünfzig Frauen fanden darin Zuflucht, die meisten von ihnen waren schwerst traumatisiert. „Eine der Frauen trug eine Nachricht in ihrer Gebärmutter, eingewickelt in Plastik, die über ein Jahr in ihrem Körper war, bevor sie wegen der Schmerzen medizinische Hilfe suchte“, berichtete der Bischof bedrückt über die Exzesse der Soldaten.
Tiefe Wunden, die kaum verheilen
„Eine Nachricht voller Hass. Wir haben sie der tigrayischen Genozidkommission übergeben. Wie kann ein Mensch, geschaffen als Ebenbild Gottes, so etwas tun?“
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Währenddessen tobte der Krieg hin und her. Nach Anfangserfolgen der äthiopischen Armee gewannen tigrayische Truppen die Initiative, drangen bis kurz vor die Hauptstadt Addis Abeba vor und wurden wieder zurückgedrängt. Mehrmals wurde Adigrat besetzt und befreit. Als die dritte Eroberung unabwendbar erschien, flohen alle Bewohner, die konnten, in Erwartung des Schlimmsten. Bischof Tesfaselassie aber blieb. „Ich war mir sicher, zu sterben”, erzählte er mir. „Aber ich wollte hier sterben, wo ich hingehöre als Bischof.“ Und jeden Abend läutete er die Glocken der Kathedrale über Adigrat. Ein bescheidenes Zeichen der Solidarität – doch von kaum vorstellbarer Bedeutung für die Menschen. Auch auf dem Land hielten die Geistlichen die Stellung. „Ich bin stolz darauf, dass sie alle bei ihren Gemeinden geblieben sind und getan haben, was immer sie konnten, auch die ausländischen Missionare“ berichtete der Bischof und zeigte ein Bild, das ihm Jugendliche aus einer Gemeinde geschenkt hatten. Zu sehen ist ein Priester, der sich mutig zwischen Soldaten und seine Gemeinde stellt. „In dieser Dunkelheit, in der wir lebten, war es die Kirche, die der Bevölkerung Trost und Hoffnung spendete“, betonte der Bischof.
Seit mit dem Waffenstillstandsabkommen die Waffen schweigen, ist der Frieden noch lange nicht gesichert. Der Bischof von Adigrat und seine Kirche haben unermüdlich daran gearbeitet, das geistige und materielle Fundament für den Wiederaufbau zu legen. Doch der Weg ist lang, und die Herausforderungen sind überwältigend. „Wir haben nicht nur Gebäude verloren, sondern Menschen. Die Seelen unserer Gemeinde sind zutiefst verletzt“, sagte der Bischof. Zwar sei die internationale Solidarität groß, aber es fehlt nichtsdestotrotz an allen Ecken und Enden. Vor
allem die eritreischen Soldaten haben systematisch geplündert, was nicht niet- und nagelfest war. Schulen, Krankenhäuser, Fabriken, alles. „Ich habe selbst Gebäude besucht, in denen sogar die Lichtschalter abmontiert waren.”
Tigray: eine vom Krieg gezeichnete Region
Doch es geht wieder aufwärts. Abgesehen von den Grenzregionen, in denen immer noch eritreische Soldaten ihr Unwesen treiben, sieht man überall das Bemühen, die Spuren des Krieges zu vergessen und zu beseitigen. In meinen Gesprächen frage ich mich oft, ob diese Situation wohl vergleichbar ist mit der Situation Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Mein Gefühl ist zumindest, dass der sichtbare Wiederaufbau ganz wichtig ist für die Menschen hier. Er gibt ihnen ein Stück ihrer Heimat und Würde zurück. Und die Kirche hilft sehr konkret. Sie betreibt Schulen und Gesundheitsstationen, die meist einen besseren Standard haben als die der Regierung und in Gegenden zu finden sind, in denen die Menschen sonst keinen Zugang hätten.
„Manchmal weiß ich nicht, wo wir anfangen sollen“ seufzt Bischof Tesfaselassie. Es ist ja alles wichtig: die Schulen wiedereröffnen, die Kirchen reparieren, neues Saatgut für die Bauern kaufen, die Binnengeflüchteten versorgen, Hilfe für die traumatisierten Frauen organisieren. Zwar kommen jetzt viele internationale Organisationen mit gut gemeinten Projekten nach Tigray, aber viele davon seien unflexibel und reichten kaum über die urbanen Zentren hinaus. „Aber wir – die Kirchen –sind überall“ betont der Bischof, „und wir sind immer noch hier, wenn all diese Projekte längst wieder weg sind!“.
Als ehemaliger Entwicklungshelfer kann ich ihm nur Recht geben. Geld, das direkt an lokale Diözesen oder Kirchengemeinden fließt, kann ein Vielfaches an Wirkung entfalten, als wenn es erst durch kom-plizierte Verwaltungsapparate hindurch muss – und Menschen erreichen, die sonst nie erreicht würden.
Mich hat der Besuch in Tigray sehr beeindruckt. Dort begegnete ich einer Kirche, die dem Krieg entschlossen ins Auge sah und Zeugnis für die unerschütterliche Treue Gottes ablegte. Was für ein Kontrast zu Deutschland, wo man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass große Teile unserer Kirche eher Dienst nach Vorschrift machen. Aber wenn es darauf ankommt, scheint doch eine ungeheure Kraft in ihr zu schlummern. Vielleicht auch bei uns?
Benjamin Kalkum (Arm, Wk)
Kb Benjamin Kalkum
ist nach seinem Theologiestudium in der Internationalen Zusammenarbeit (früher „Entwicklungshilfe”) gelandet. Nach Stationen in Ghana und Sambia lebt er derzeit mit seiner Familie in Äthiopien, wo er nach seiner Elternzeit als Consultant für Internationale Organisationen, aber auch für den Privatsektor arbeitet. Daneben engagiert er sich im akademischen Bereich mit verschiedenen Veröffentlichungen zu den Themen Gender, Sexualität und Religion - und arbeitet an einem äthiopischen Kochbuch.

