Gott wird Mensch - das Wunder von Bethlehem
Lic. theol et phil. M.A. Pfarrer Reinhard Röhrner (Ale)
Die Geschichten der Heiligen Nacht sind uns vertraut, seit Kindertagen. Es scheint alles gesagt zu sein, ja in der Fülle der Worte sollte man meinen, dass man irgendwann nichts mehr dazu sagen kann. Dann kann man schweigen, schweigen und anbeten. So wie die Hirten auf das Wort der Engel über den Hirtenfeldern als Erste damals zum Stall von Bethlehem kamen: „Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“
So ist es uns vertraut in den Krippendarstellungen in unseren Häusern und Wohnungen. Oft eine alpenländische Szenerie, die von der Geburt des göttlichen Kindes erzählt. Ganz anders ist da das Bild aus dem Freskenzyklus des 14. Jahrhunderts in der Kirche St. Georg in Gronsdorf/Kelheim. Ein festlicher Thronsaal mit einer Frau auf dem Thron unter einem Baldachin. Im Stil eines Fatschenkindls trägt die Frau das Kind auf dem Schoß in ihren Armen. Unschwer erkennen wir die Gottesmutter Maria, die ihren göttlichen Sohn wiegt.
Erstaunlich wie der mittelalterliche Maler die Geburt Christi darstellt, befreit von all den Zutaten, die uns so weihnachtlich vertraut sind, dass wir sie fast nicht mehr als Staffage erkennen. Der Künstler stellt uns ein reduziertes und auf den Punkt gebrachtes Bild vor Augen. In aller Trostlosigkeit der Welt, bei aller Ohnmacht des Menschen zeigt sich in der Geburt eines Kindes der Wille zum Leben.
Und hier ist noch mehr als bei einer gewöhnlichen Geburt, hier verdichtet sich Weltzeit zu einem kosmischen Ereignis. Mehr als der Mensch erwarten kann, kommt ihm in seinem Fleisch der Erlöser entgegen. Das ist nicht zu verstehen und zu begreifen, das kann man nur schweigend anbeten und sich so in den Zauber dieser Erfahrung stellen.
Rein und menschlich überhöht sitzt die Gottesmutter vor unseren Augen, alles dunkle und leidvolle der Beschreibung des Evangelisten Lukas ist verschwunden, nur noch Maria und das göttliche Kind.
Josef, der Bräutigam und Nährvater Christi scheint verschwunden. Oder gerade durch die geschickte Anordnung des Meisters in besonderer Weise in Szene gesetzt. Sein Bild ist um die Ecke an der Vormauerung des Chorbogens zu sehen, freilich nur für den Betrachter vom Altar aus, wo sich in jeder Eucharistiefeier Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandeln. Ganz so wie Josef auch im Evangelium die meiste Zeit nicht sichtbar ist, aber doch in den entscheidenden Momenten wie selbstverständlich bereitsteht. Josef ist kein Effekthascher, sondern ein zuverlässiger Begleiter der Heiligen Familie und ihr Fürsorger. Auf seinen Stock gelehnt blickt er mit dem Betrachter der Bilder auf Maria mit dem Kind. So ist er in dieser Szene der Erste, der anbetet, noch vor den Hirten.
Gleichzeitig ist das Bild auch ein Symbol der Erfahrung der Zeit in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Das Papsttum ist ganz auf sich selbst zurückgezogen und droht sich in den Machtspielen der Welt zu verlieren. Unter dem Einfluss der französischen Könige sind die Päpste siebzig Jahre in Avignon und die Kirche, die Braut Christi, leidet.
Große Frauengestalten wie Katharina von Siena und andere bemühen sich um eine Erneuerung der Kirche. In diesem Umfeld wird Maria in Hymnen und Darstellungen immer majestätischer, weil sie als Urbild des Glaubens dem Gottesvolk vor Augen gestellt wird.
So ist dieses ungewöhnliche Weihnachtsbild ein ungeheuer modernes Bild, weil es uns ermuntert in den Krisen der Zeit und auch der Kirche auf den Kern des Glaubens zu blicken: Jesus Christus.
Er ist es, der unseretwillen Mensch geworden ist, um alle Welt zu erlösen. Wir müssen die Welt nicht erlösen, wir dürfen uns erlösen lassen. Wie Josef müssen wir uns nicht in den Mittelpunkt spielen, sondern unseren Beitrag aus dem Hintergrund wie selbstverständlich bringen.
Im Blick auf die Heilige Familie werden wir erinnert, nicht beim ersten Eindruck hängen zu bleiben, sondern auch den Blick um die Ecke zu wagen, wo ein ruhender Pol manche Erregung unserer Zeit abmildern kann.
Wie der ganze Bilderzyklus in der Gronsdorfer Kirche ist auch dieses Detail daraus ein Meisterwerk, das zur betenden Betrachtung einlädt. Ohne zahlreiche vertraute Ausschmückungen auf den Kern des Festes hinweist:
Gott wird in Liebe Mensch!