Ein Fest in der Weihnachtsoktav gibt Fragen auf

Reinhard Nixdorf (Nm-W)

Weihnachten, das Fest der Familie. Kein Fest, bei dem sich so hohe Erwartungen an die Familie stellen wie zu Weihnachten: Alles muss stimmen, alles muss klappen!

Wehe, wenn etwas schief geht! Kein Wunder, dass an keinem Fest die Gefahr des Familienstreits höher ist als zu Weihnachten. Und als wenn der Druck auf die Familien nicht schon stark genug wäre, wird in der Weihnachtsoktav auch noch ein Fest der Heiligen Familie gefeiert. Liturgisch ist das sinnvoll: Das Geschehen der Heiligen Nacht im Stall von Bethlehem wird in den Tagen nach dem Fest weiter betrachtet. Dennoch: Wenn Weihnachten ohnehin das Fest der Familie ist - warum muss dann in der Weihnachtsoktav noch ein besonderes Fest der Heiligen Familie gefeiert werden? Ist das nicht des Guten zuviel? Und überhaupt: Sollten wir uns in der Weihnachtsoktav nicht auf etwas anderes besinnen - gerade jetzt, angesichts der krisenhaften Entwicklung dieser Welt?

Vor über hundert Jahren wurde das Fest der Heiligen Familie auf den Sonntag nach Weihnachten gelegt. Seit dem 16. Jahrhundert war die Verehrung der Gemeinschaft des Jesuskinds mit Maria und Josef ein beliebtes Thema für Kunst und Volksfrömmigkeit und im 19. Jahrhundert blühte sie noch weiter auf: Eitel Harmonie zwischen dem braven Jesusknaben und seinen Eltern, das Kind wächst im Haus des Zimmermanns in Nazareth heran: Wer kennt nicht die Darstellungen im „Nazarener Stil” aus Großmutters Stube? So fand das Fest seinen Weg in den gottesdienstlichen Festkalender und als dieser im Zuge der Liturgiereform Anfang der 1970er Jahre überarbeitet wurde, gab es Kritik, dass der Sonntag der Heiligen Familie erhalten blieb. So heilig und fromm geht es ja in vielen Familien nicht zu. Was soll eine „Heilige Familie” heute noch aussagen, die ja in den offiziellen Gebetstexten ausdrücklich als vorbildlich bezeichnet wird? Wird da nicht nostalgisch ein rückwärts gerichtetes Familienbild vergangener Zeiten verkündet?

Kinder ohne Väter, Traumatisierte Kriegsheimkehrer

Aber welche Botschaft steckt hinter diesem Fest? Aus welchem Anlass wurde es in den Festkalender aufgenommen? Und wieso war dieser Anlass so brisant? Dazu ein Blick in die Geschichte: Als Papst Benedikt XV. Anfang der 1920er Jahre dem Fest der Heiligen Familie seinen Platz im Festkalender gab, war kurz zuvor der Erste Weltkrieg zu Ende gegangen: Viele Familienväter waren auf den Schlachtfeldern gefallen, viele verletzt, verstümmelt und traumatisiert heimgekehrt. Familien waren zerstört, Kinder mussten ohne Vater heranwachsen, Väter, die überlebt hatten, sich neu orientieren und mit dem Grauen, das hinter ihnen lag, fertig werden. Das waren keine guten Aussichten, um Kinder in Frieden, Sicherheit und Harmonie heranwachsen zu lassen. Papst Benedikt XV. sah die Not der Zeit, bemühte sich darum, nach seinen Möglichkeiten zu helfen und öffentlich bekannt zu machen, in welcher schwierigen Lage viele Kinder und Familien steckten.
Fragen von Ehe, Familie und Erziehung beschäftigten Benedikt XV. und seinen Nachfolger Pius XI. umso mehr, weil die russische Revolution 1917 einen Staat hervorgebracht hatte, dessen geistige Grundlagen Sozialismus und Atheismus waren. Dieser Staat beanspruchte die Erziehung der jungen Generation  für sich: An die Stelle der Familie als Bildungsträger und Ort christlicher Prägung sollte die ideologische Erziehung der Kinder durch den Staat treten. Diese sukzessive Beschränkung der christlichen Erziehung - auch durch pädagogische Konzepte im Westen - veranlasste Papst Pius XI. 1929 zur Enzyklika „Divini illius magistri” und 1930 zur Enzyklika „Casti conubii” über den Wert der Ehe. Familienpolitik war in der Zeit zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg also ein wichtiges Thema für die Kirche. Und das Fest der Heiligen Familie bot den besten Anlass, um die kirchliche Lehre von Ehe und Familie weiter bekannt zu machen. Dabei wurden die Päpste recht deutlich: So schrieb Pius XI. über die Lage der familiären Erziehung:
„Ganz besonders möchten Wir aber Eure Aufmerksamkeit, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, auf den beklagenswerten Verfall der häuslichen Erziehung in der heutigen Zeit lenken. Den Berufen des profanen und öffentlichen Lebens, die sicher nicht von erster Bedeutung sind, werden lange Studien und eine genaue Vorbereitung vorausgeschickt, während für die Aufgabe und elementare Pflicht der Kindererziehung heutzutage viele Eltern nur eine geringe oder gar keine Vorbereitung mitbringen, weil sie zu sehr in die Sorgen für das Zeitliche versunken sind. Der für die Erziehung notwendige Einfluss der Familienwelt wird zusätzlich noch dadurch geschwächt, dass heute sich fast überall das Bestreben geltend macht, die Kinder vom zartesten Alter an unter verschiedenen Vorwänden, wirtschaftlichen im Interesse von Gewerbe und Handel oder politischen, der Familie immer mehr zu entfremden. Es gibt sogar ein Land, in dem die Kinder dem Schoße der Familie entrissen werden, um sie den sozialistischen Theorien entsprechend in Vereinen und Schulen zum Unglauben und zum Hass heranzubilden (oder besser gesagt zu verbilden und zu verderben). Fürwahr, ein neuer und noch viel entsetzlicherer Mord unschuldiger Kinder!“ (Divini illius Nr.73)

Ein rigider Verhaltenskodex

So verteidigte die Kirche die Familie als Hort von Frömmigkeit, Sittlichkeit und „ganzheitlicher”, nicht im Weltlichen aufgehender, Bildung. Am besten schien ihr dies in der bürgerlichen Familie möglich zu sein - wobei hervorgehoben sei, dass gerade zur Wende vom neunzehnten auf das zwanzigste Jahrhundert viele kirchliche Sozialeinrichtungen wie Kinderheime und Schulen gegründet wurden: Sollten diese doch christliche Erziehung möglich machen, wo Kinder diese im familiären Rahmen nicht erfahren konnten.
In einer Gesellschaft, in der es auf sozialen Rang und öffentliches Ansehen ankam, musste die ganze Familie diesen Maßstäben nachkommen. Nicht nur der Lehrer, der Bürgermeister oder der evangelische Pfarrer mussten als öffentliche Vorbilder dienen, sondern mit ihnen gleich ihre ganze Familie: ihre Frau und auch die Kinder. Der Verhaltenskodex war strikt: Wohlerzogen und fromm sollten Kinder sein, reinlich und hübsch. „Kinder soll man sehen, aber nicht hören”, hieß es. Aber dieses Ideal der „vorbildlichen Familie” forderte auch manchen Tribut. Wie sollte 
man angesichts dieses hohen Ideals mit Krisen und Schwierigkeiten umgehen, die sich unvermeidlich selbst in sogenannten „besten Familien” einstellen? Den Schutzraum der Familie zu öffnen, um Hilfe von außen einzulassen, galt als unschicklich und ungehörig. Das äußere Bild musste erhalten bleiben, oft auch um den Preis, dass Konflikte und Probleme in der Familie vertuscht und bemäntelt wurden und Familienmitglieder Schaden nahmen.
Nimmt man also das Fest der Heiligen Familie als Ausdruck für die Verbreitung dieses bürgerlichen Familienideals, ist die Kritik daran berechtigt. Wird die „Heiligkeit“ in diesem Fall nicht zum selbstgefertigten Bild, vielleicht sogar zur „Scheinheiligkeit“? In welcher Weise lässt sich also von der „Heiligkeit“ der Heiligen Familie sprechen? Eine Hilfe ist, sich von zeitbedingten Familienkonzepten zu lösen und sich mit dem Zeugnis der Bibel zu beschäftigen:
Erst einmal fällt auf, dass in den Büchern der Bibel kaum „vorbildliche” Familien im Sinne des bürgerlichen Familienideals auftauchen - ganz im Gegenteil: Familienbande wirken oft brüchig und anfällig für Krisen: Die Ehe von Abraham und Sarah ist wegen Kinderlosigkeit gestört und beschädigt, obwohl Abraham und Sarah verheißen wird, dass sie Stammeltern eines großen Volkes sein werden. Als Isaak, der Sohn, dann aufwächst, wird Abraham auf die Probe gestellt: er soll seinen lang ersehnten eigenen Sohn opfern. Die Familie Isaaks wird von einem heftigen Zwist zwischen den Söhnen Jakob und Esau erschüttert. Jakob wiederum kann den scheinbaren Tod seines Sohnes Josef nicht verwinden. „Ich höre nicht auf zu trauern, bis ich zu meinem Sohn hinabfahre ins Totenreich!” sagt er seinen Söhnen, die erst ihren Bruder in die Sklaverei verkauft haben und dann heuchlerisch versuchen, ihren Vater zu trösten.

Brüchige Familienbande

Ähnlich geht es weiter. Die Familiengeschichte des Mose gründet in einer Verfolgungssituation: Die Mutter überlässt das Kind seinem Schicksal, um ihm das Leben zu retten. Samuel, der Prophet, ist Sohn seiner verzweifelten Mutter Hanna, die eigentlich darum getrauert hat, nicht Mutter werden zu können. David „geht fremd”, beginnt mit einer verheirateten Frau eine Affäre und schickt ihren Mann in den Tod. Die späteren Könige Israels und Judas werden in Herrschaftsränke verstrickt und verfeinden sich mit ihren Verwandten oder Kindern.
Und wie wird das Leben der „Heiligen Familie” beschrieben? Vergebens sucht man im Neuen Testament nach Idyllen, wie sie Bilder im Nazarenerstil schildern. Im Gegenteil. Auch Maria und Josef bewegen sich auf demselben fragilen Traditionsstrang, wie viele Familien im Alten Testament: Schon zu Beginn berichtet das Matthäus-Evangelium von der tiefen Krise, in die Josef stürzt, als er von der Schwangerschaft seiner Verlobten erfährt und das Verlöbnis lösen will. Die Geburt Jesu erfolgt unter prekären Umständen. Bei der Darstellung Jesu im Tempel von Jerusalem wird Maria prophezeit, dass sie wegen ihres Sohnes Leid und Schmerzen erfahren wird. Die Flucht nach Ägypten ist Ergebnis einer äußeren Bedrohung durch König Herodes. Beim zwölfjährigen Jesus berichtet das Evangelium von den großen Sorgen, die sich die Eltern machen.
Die Berichte von der Kindheit Jesu zeichnen also das Bild einer Familie, die harte Kämpfe und Konflikte überstehen muss. Dabei wäre es den Autoren doch ein leichtes gewesen, Josef, Maria und das Jesuskind als leuchtende Vorbilder, als fromme, tugendhafte Familie zu zeichnen, der alle Dinge zum besten dienen. Aber dies geschieht nicht. Natürlich geben die biblischen Autoren keinen Anlass, an der Tugend und Frömmigkeit der Heiligen Familie zu zweifeln. Aber die prekären und konfliktreichen Zustände, denen Josef, Maria und Jesus ausgesetzt sind, fallen doch auf und sie sind kein Zufall. Denn sie knüpfen an die alttestamentlichen Familiengeschichten an. Als erzählerisches Element wieder aufgegriffen wird etwa das aus dem Alten Testament bekannte Motiv des kinderlosen Ehepaars, das durch göttliche Verheißung einen Sohn erwartet. Aufgegriffen wird auch das Motiv des Verlorengehens des Sohnes, der die Familie verlassen und ihr nie wieder mehr so richtig angehören wird (wie bei Josef oder Mose). Und das Motiv der Flucht nach Ägypten knüpft an die Geschichte des Volkes Israel in Ägypten an, mit der späteren Überschreitung des Jordan ins gelobte Land bei der späteren Taufe Jesu.
Denn im Grund wird hier keine Familiengeschichte berichtet, sondern die Geschichte Gottes mit seinem Volk. Der Leitgedanke, der sich durch die Berichte von der Kindheit Jesu zieht, ist folgender:  Menschliche Verhältnisse sind brüchig und anfällig für Krisen. Beständig aber ist Gottes Verheißung, sein Heilswille für sein Volk. Gottes Führung der Geschichte arbeitet sich durch die widrigen Umstände menschlicher Schwäche und Sünde hindurch. Und wenn er sich in die Niederungen von Lebenswirklichkeiten und Formen menschlichen Zusammenlebens begibt, dann ist das auch ein Zeichen der Solidarität mit allen Familien, die sich nach einem geglückten Miteinander sehnen und die darunter leiden, dass ihnen dies manchmal nicht gelingt. 
So kann die Heilige Familie Vorbild und Beispiel sein. Weil sie die Gemeinschaft derer ist, die Gott vertrauen und nicht meinen, alles gelinge ihnen aus eigenem Willen und eigener Kraft. Maria und Josef sind Pilger des Glaubens, so wie es auch Abraham und Sara waren. Sie mussten weite, erschöpfende Lebensstrecken auf sich nehmen, tiefe Täler durchqueren, hohe Anstiege erklimmen, sie werden viel erduldet, gelitten und gezweifelt haben. Offen sind ihre Verwundungen und Schwierigkeiten zu erkennen. Aber sie ließen sich auf Gottes Verheißung ein und gaben ihren Sohn für diese Verheißung frei. „Heiligsein“ bedeutet, Gott den Raum zu geben, den er mit seiner Gegenwart füllen kann.