Erinnerung an eine verschwindende Verbindung

Prof. Dr. Jost Reischmann (Ro, Al, Ma)

1952 strebte eine Gruppe von engagierten Studenten am Pädagogischen Institut Schwäbisch Gmünd die Gründung einer Verbindung an. Doch eigentlich durfte es die K.St.V. Rosenstein im KV gar nicht geben.

Man studierte in den 1950er- Jahren am „Pädagogischen Institut“ vier Semester – fern ab von den Standards von Universitäten. Erst 1962 wird das Pädagogische Institut in eine „Pädagogische Hochschule“ mit Zugangsvoraussetzung Abitur umgewandelt („Hochschule eigenständischen Charakters“, erst neun Jahre später „wissenschaftliche Hochschule“). Zwar regelt die Satzung des KV für die Mitgliedschaft eines Kartellvereins im KV recht offen als einziges Kriterium „Die Satzung eines Kartellvereins muss sich zu den Grundsätzen ‚Religion, Wissenschaft, Freundschaft‘ bekennen“; dennoch war die Mitgliedschaft im KV damals eigentlich für Universitäten und Hochschulen gedacht.
Die Diskussion war damals, ob man sich dem KV oder dem Hochschulbund ND anschließen wollte. Wohl ausschlaggebend für den KV war die Empfehlung von Dr. Ernst Lämmle, Dozent am Pädagogischen Institut (später Ehrenphilister der Rosenstein). Katholisch, die Prinzipien, nichtfarbentragend – das stand alles außer Frage. Einfluss hatte sicherlich auch der KV-Ortszirkel Schwäbisch Gmünd, der aktiv die Bestrebungen der neuen Verbindung unterstützte. Dabei ergab sich auch der Kontakt zur K.St.V. Alamannia in Tübingen; Rosenstein zählt zu den Tochterverbindungen Alamannias. 

Bei der Vollversammlung des KV in Bochum 1953 wurde Rosenstein als „befreundete Korporation“ in den KV aufgenommen. Publiziert wurde die neue Verbindung am 16. Januar 1954. Beim Festkommers chargierten Vertreter von Rechberg Tübingen, Alamannia Tübingen, Burgundia Stuttgart und Rheno-Nicaria Stuttgart; die Predigt beim Festgottesdienst hielt Domkapitular Dr. Hufnagel. Zum Festball gab es 110 Anmeldungen. 
Die Bedeutung und Wertschätzung für die neue Verbindung durch Stadt und Päda-gogischem Institut lässt sich auch daran ablesen, dass der Gmünder Oberbürgermeister Kah an diesem Stiftungsfest teilnahm, ebenso eine Zahl der Dozenten einschließlich des Rektors des Pädagogischen Instituts, Dr. Neuburger.
Gestiftet wurde Rosenstein am 21. Juni 1954. Es ging also alles sehr schnell (wie wäre das heute?); denn bei einem viersemestrigen Studium sahen die Gründer den Studienabschluss vor Augen und 
wollten das zarte Pflänzchen möglichst schnell sichern. Und auch der KV reagierte schnell und erfreut. Und das seinerzeit alles ohne Email, kaum Telefon, und ohne PKW. Bei der VV 1959 erfolgte dann die Aufnahme als ordentlicher Kartellverein in den KV. 

Vom KV erhielt die neue Verbindung eine massive Unterstützung. Dr. Theo Maier (von uns respektlos „KV-Maier“ genannt), seinerzeit stellvertretender Vorsitzender des Altherrenbundes, war wiederholt bei Veranstaltungen von Rosenstein zu Gast. So hielt er beim ersten Stiftungsfest am 21. Juni 1953 die Festrede. Berühmt war er für seine mitreißenden Reden über den KV, er war wohl auch hinter den Kulissen ein hilfreicher Freund.

Die neue Verbindung blühte und wuchs: Im Wintersemester 62/63 wurden elf Füchse geburscht! Mitglieder waren nicht nur Studenten der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, sondern auch Gmünder, die in Stuttgart studierten (Technische Hochschule, Kunsthochschule). Und eine Tochterverbindung wurde gegründet: die Vineta-Weingarten an der 
Pädagogischen Hochschule Weingarten (gestiftet 20. Januar 1961, als ordentlicher Kartellverein bei der VV 1961 in Köln).

Die Namensfrage

Naheliegend wäre es gewesen, die Verbindung „Gamundia“ zu nennen, der latinisierte Namen von Gmünd. Aber leider gab es in Gmünd ein Kino selbigen Namens, das auch Filme zeigte, die dem Katholischen Filmdienst nicht immer gefielen. Dieser Name schied also aus. Heilige und Helden als Namensgeber gab es in Gmünd wohl keine. Und auch die berühmtesten Berge bei Gmünd waren bereits an andere KV-Verbindungen vergeben: Hohenstaufen und Rechberg. Andere Berge im Weichbild der Stadt schienen als Namensgeber nicht so recht geeignet: Kaltes Feld, Hornberg, Glatzköpfle, Stuifen … 
Doch gab es dann den Rosenstein: ein markanter, steil aufstrebender Vorberg der Schwäbischen Alb mit einem mehr als 50 Meter senkrecht emporragenden Kalkfelsen, gekrönt von der Ruine einer (Raubritter-?)Burg (https://wikipedia.org/wiki/Rosenstein_(Berg)). Und sowohl die „Rosen“ als auch der „Stein“: das klang den damaligen Burschen dann wohl am passendsten für ihr Image.
Jahrelang gehörte jeden Sommer der Spuz auf den Rosenstein (Anfahrt mit Bahn oder Bus – einen PKW hatte damals kaum jemand, und außerdem musste man bei der anstrengenden Wanderung etwas trinken) zu den Standardveranstaltungen des Verbindungsprogramms – über die Ruine, weiten Blicken ins Land und durch die Höhlen am Weg. Am Fuße des Rosensteins in Heubach war dann Abschluss mit Vesper und Tanz. Von Heubach übernahm die Verbindung die Farben Blau und Gold. Entsprechend klang dann auch die Farbenstrophe:

Blau und gold, das sind die Farben,
die auf unsrer Fahne wehn.
Blau das ist das Mal der Treue,
fest wolln wir zusammenstehn.
Golden ist das Licht der Sonne,
golden glänzt im Glas der Wein,
lasset hell die Gläser klingen,
hoch soll leben Rosenstein,
hoch soll leben Rosenstein.

(Text vermutlich von Hans Kaiser, später AHx der Rosenstein)

Und das „Festlied“ lautete:
Hoch Gamundias Türme ragen,
ferne grüßt der Rosenstein.
Kündet von vergangnen Tagen,
will uns hehres Sinnbild sein.
Seiner stolzen Mauern Trümmer
leuchtet uns ins Herz hinein.
Lasset heute und auf immer
Uns als Freunde einig sein,
lasset heute und auf immer
uns als Freunde einig sein!

Und als Wahlspruch wählte man – verständlich für eine Pädagogen-Verbindung: „Mit Gott für Jugend und Volk“.

Das „Blau-Goldene-Band” und weiteres

In dem Maße, in dem Aktive zu Alten Herren und beruflich im Umland verstreut wurden, wurde es notwendig, auch mit diesen in Kontakt zu bleiben. Einziger Weg damals war per Post und Rundbrief. Symbolträchtig „Blau-Goldenes-Band“ genannt, entstand im Umdruckverfahren („Blaumatritzen“) ein Mitteilungsblatt (Auflage 100), das ein- bis mehrfach im Semester über Vergangenes berichtete und zu Kommendem einlud. Man konnte lesen, was sich auch heute noch in Verbindungsblättern findet: Der Kassier beklagte, dass BbBb ihren Beitrag noch nicht bezahlt hatten, und die Aktivitas beklagte, dass so wenig AHAH bei den Veranstaltungen erschienen. Aber auch über solch zeitgeschichtlich interessante Themen wie eine „Paketaktion für die Zone“ wurde berichtet mit Bitte um Spenden.
Einen Salonwichs konnte man sich schon früh zulegen, eine wunderschön gestickte Fahne kam später dazu. Einen Schläger stiftete in den 1960er-Jahren ein AH. Leider ging dies alles zusammen mit den Archivbeständen irgendwann verloren; es lag in einem Schrank in der Pädagogischen Hochschule, und niemand kümmerte sich mehr darum. Vielleicht taucht es einmal bei Ebay auf …

Was manche KV-Verbindung über schwere Jahre rettete: ein eigenes Haus, darin Zimmer zum Vermieten. Dazu kam es bei Rosenstein leider nicht. Zwar legte man in den 1970er-Jahren einen Bausparvertrag an, aber es fehlte der Mut zu einer konkreten Planung. 

Das Ende der aktiven Verbindung

In jeder Verbindung gibt es Aufs und Abs. Besonders gefährlich ist das in einer Verbindung mit lediglich vier – später dann sechs - Semestern Studienzeit: Wenn ein einziges Semester mit Eintritten ausfällt, im nächsten Semester es dann keine Chargen gibt, deswegen kaum gekeilt wird, dann ist die Kontinuität schnell unterbrochen. Mehr als 15 Jahre ging das gut. Dann aber kamen drei Dinge zusammen: 

  1. In den 1968er Jahren hatten es alle Verbindungen schwer, gegen die Zeitströmung aufzukommen; sie erschienen als die Verkörperung der Reaktion und des Altmodischen. „Alte Zöpfe abschneiden“ lautete die Losung auch in den Verbindungen. Und man vergaß, dass abgeschnittene Zöpfe keine neue Frisur gaben, sondern einen wenig attraktiven Glatzkopf. 
  2. Die Verweiblichung des Lehrerberufs nahm zu. War das Geschlechterverhältnis an der PH Schwäbisch Gmünd bis in die 1960-Jahren ziemlich ausgewogen (z.B. SS 1963 201 weiblich, 211 männlich), so waren die Neustudenten ab den 1970er-Jahren zunehmend Studentinnen. Damit sank die Zahl der möglichen Neumitglieder für eine Männerverbindung.
  3. Sicherlich gab es auch Fehler (oder „Fehlen“?) in der Verbindung selbst. Wenn eine Aktivitas und ihre Chargen auch nur kurze Zeit ihr Engagement und ihre Ausstrahlung in Zweifeln und Untätigkeit verliert, dann gibt es kein Verbindungsleben mehr, das neue Mitglieder anzieht und mitzieht. Auch die inzwischen auf über 100 Mitglieder angewachsene Altherrenschaft konnte offenbar wenig helfen. 

Das Mitgliederverzeichnis von 1972 zählte 99 A-Philister und 5 B-Philister, eine durchaus ansehnliche Zahl. Aktive waren es sechs, und sechs Inaktive – man vergleiche mit den elf Burschungen in 1962! 
Die Alamannenblätter (Nr. 54, 1976, S. 15) dokumentieren diese unerfreuliche Entwicklung: „In den letzten Jahren war es still um unsere Tochterverbindung Rosenstein …geworden. Die seinerzeit stattliche Aktivitas war in den ungünstigen Jahren um 1970 geschrumpft und bestand in den letzten Semestern überhaupt nicht mehr.“ Zur Unterstützung der Tochterverbindung fuhren etwa zwei Dutzend Alamannen am 27.4.1976 von Tübingen mit dem Bus zu einer gemeinsamen Kneipe nach Schwäbisch Gmünd. Auch viele AHAH der Rosenstein waren gekommen, die Stimmung wurde als festlich und fröhlich beschrieben. Allerdings: Potentielle Keilgäste sah man keine! 
Man kann durchaus für damals (und heute) verallgemeinern: Das schlimmste Alarmsignal für das Nicht-Überleben einer Verbindung ist es, wenn die Aktivitas vergisst oder es nicht schafft, (Keil-)Gäste einzuladen – auch nicht bei durchaus attraktiven Veranstaltungen wie der genannten. Bei diesem Alarmsignal wäre die Altherrenschaft gefordert gewesen, sofort der Aktivitas das Einladen von Gästen auf die Seele zu binden und zu fördern!
Bis in die 1990er-Jahre gab es immer wieder Veranstaltungen unterschiedlicher Art, Stiftungsfeste wurden abgehalten, bei und von befreundeten Verbindungen (insbesondere Alamannia, Rheno-Nicaria und Vineta) und beim Heidelberger Schlosskommers wurde chargiert. Beim Rosensteintreffen am 20.6.1992 nahmen zwanzig AHAH mit Familie teil.
Im KV-Jahrbuch von 2020 finden sich dann noch 13 A-Philister, hochbetagt. Traurig: Das Ende der Verbindung ist absehbar.

Diese Zeilen seien Vermächtnis und Gedächtnis einer „wonnevollen Jugendzeit“. Und einer Lebensgemeinschaft, die man erst im Rückblick versteht und wertet.
Danke, Rosenstein!

Jost Reischmann

Prof. Dr., geb. 1943, wurde aktiv bei Rosenstein Schwäbisch Gmünd, dann bei Alamannia Tübingen und B-Philister bei Mainfranken Bamberg. Studium von Pädagogik, Psychologie und Soziologie in Tübingen. Von 1992 bis zur Emeritierung 2008 Lehrstuhlinhaber im Fach Andragogik an der Universität Bamberg.