Ein Projekt des OZ-Vest Recklinghausen
Richard Voigt (Tsk-Mon, Mk, Rh-P)
Die Akademischen Monatsblätter für das Jahr 2024 haben sich in mehreren ausführlichen Artikeln mit der Geschichte und den heutigen Problemen der Ortszirkel befasst (siehe Akademische Monatsblätter März, April und Juni 2024). Zu dem Beitrag von Kb Dr. Markus Wittenberg über den OZ Vest (AM April 2024, S. 80ff) fügen wir im folgenden noch einige Ergänzungen hinzu. Vielleicht werden diese Anmerkungen auch andere Ortszirkel zu vergleichbaren Aktivitäten inspirieren.
Als der OZ Vest 1992 sein hundertstes Jubiläum feierte, liefen die Veranstaltungen zu diesem Anlass unter dem Thema „Die Verantwortung des Akademikers in der heutigen Zeit“. Dabei wurde klar, dass sich aus diesen Überlegungen auch eine Verpflichtung zu sozialer Verantwortung ergab. Bald darauf verwirklichte sich dies mit großem Zuspruch der OZ-Mitglieder in einer groß angelegten AIDS-Hilfe für Brasilien, das damals stark von der Immunschwäche-Krankheit betroffen war.
Eindrücklich vermittelten uns dieses Problem der Paderborner Theologieprofessor Peter Eicher und seine Frau Lisette bei einem Einkehrtag im Kloster Gerleve. Es war erstaunlich, wie der Gedanke der Hilfsbedürftigkeit die Gemeinschaft des Ortszirkel verband, vor allem durch das Vorbild der vor Ort in Brasilien wirkenden Krankenschwester Lisette Eicher und des unermüdlichen Engagements unseres Kb Ludwig Boese (Ra). Durch Pflege der Kontakte, Kunstausstellungen, Seminare, Info-Veranstaltungen über den Erfolg des Projekts und das obligate Sparschwein auf dem Stammtisch wurden Idee und Ziel des Projekts lebendig gehalten. So konnten dem AIDS-Hilfe-Werk „Stern der Hoffnung“ von 1992 bis 2008 insgesamt ca. 121.150,00 Euro zur Verfügung gestellt werden. Vor allem hatte diese Aktion einen nicht unbedeutenden Nebeneffekt: Die gemeinsame Aufgabe verband uns miteinander, stärkte unsere Kontakte und passte ideal zu unseren Prinzipien Religio, Scientia und Amicitia.
Hilfe für die Tafel in Recklinghausen
Nach einigen Jahren wurde im OZ der Wunsch geäußert, statt der Aktion im fernen Brasilien lieber ein Projekt in der Nähe zu unterstützen, zu dem sich ein engerer persönlicher Kontakt entwickeln ließ. Die damalige Vorsitzende des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF), Trude Giel, Ehefrau unseres Kb Horst Giel (AR), hielt auf Einladung des OZ einen Vortrag zum Thema „Hunger in der Welt“ und konkretisierte diese Probleme am Beispiel der Einrichtung der „Tafel” des SkF in Recklinghausen. Um Transporte und einen eventuellen Zukauf an Lebensmitteln für die Ausgabe an Bedürftige zu finanzieren, sei der SkF weitgehend auf Spenden angewiesen, erläuterte Trude Giel.
Mit großer Zustimmung wurde im OZ die Unterstützung der „Tafel“ als neues Spendenprojekt angenommen und nicht nur finanziell unterstützt. Durch Besuche vor Ort und Einladungen an die Koordinatoren der Einrichtung entwickelte sich eine engere Verbindung zur „Tafel“ durch Besuche vor Ort und Einladungen an die Koordinatoren der Einrichtung. Es gab mit ihnen Gespräche am Stammtisch des OZ, und an der Feier des 125. Jubiläums des OZ Vest im November 2017 nahm der gesamte Vorstand des SkF teil. Der Zuspruch zur Spendenaktion der „Tafel” war beträchtlich: Neben Daueraufträgen kamen Geldbeträge bei Geburtstagen, Beerdigungen und Sammlungen zu besonderen Gelegenheiten zusammen. Auch die Witwen unserer verstorbenen Kartellbrüder beteiligten sich mit großzügigen Spenden. Der Gedanke der „sozialen Verantwortung“ war offensichtlich bei den Kartellbrüdern weiter im Bewusstsein lebendig.
Im November 2009 dankte die damalige Vorsitzende des SkF den OZ-Vorsitzenden mit folgendem Schreiben:
„... Mit großer Dankbarkeit und Freude stellen wir fest, dass der Kartellverband uns in diesem Jahr mit einem Betrag von insgesamt 8.782,50 Euro unterstützt hat. … Dank dieser großzügigen und beachtenswerten Summe können wir in diesem Jahr voraussichtlich zum ersten Mal einen ausgeglichenen Haushalt in der Tafel ausweisen. Darüber sind wir als Vorstand besonders froh, zumal in Zukunft mit einem steigenden Bedarf von Existenz sichernden Maßnahmen zu rechnen ist und daher Spenden dringend benötigt werden...“
Auf seiner Homepage meldete der SkF im Mai 2020: „Kartellverband-Mitglieder sammeln spontan 1.900 Euro für die Tafel!”
Anlass war eine akute Notsituation während der Corona-Pandemie.
Insgesamt erbrachte das Spendenprojekt „Tafel“ des OZ jährlich etwa 4.000,-- bis 8.500,-- Euro, so dass unter den Treuhändern Kb Dr. R. Reddemann (FrS-Ebg) und Kb Richard Voigt (Tsk-Mon, Mk, Rh-P) von 2008 bis 2023 fast 70.000,--€ Euro überwiesen werden konnten.
Heute versorgt die „Recklinghäuser Tafel“ rund 2.200 Mitbürger in finanzieller Not. Das bedeutet nicht nur einen großen logistischen Aufwand, sondern ist auch eine ständige Herausforderung an die vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter in der Beschaffung und Verteilung der Lebensmittel. Zur Zeit braucht der Fahrdienst ein neues Kühlfahrzeug, um den Frischetransport eingesammelter Lebensmittel sicher zu stellen. Daran wird sich der OZ Recklinghausen selbstverständlich wieder beteiligen und hofft, in diesem Jahr erneut gut 4.000,- Euro beisteuern zu können.
Aus Begeisterung Gutes tun
Es ist dem OZ offensichtlich in den letzten 32 Jahren gelungen, auch durch ein breites Angebot an religiösen und allgemeinen Bildungsangeboten ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln, das auch der sozialen Dimension des Evangeliums größere Beachtung schenkt, so wie es auch Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Evangelium Gaudium” formuliert hat:
„Wenn das innere Leben sich in den eigenen Interessen verschließt, gibt es keinen Raum mehr für die anderen, finden die Armen keinen Einlass mehr, hört man nicht mehr die Stimme Gottes, genießt man nicht mehr die innige Freude über seine Liebe, regt sich nicht die Begeisterung, das Gute zu tun.“ (Evangelium Gaudium I,2)
