Als Verbindungen verboten waren

Zwischen Revolution und Rekonstitution.

Korporationswesen während der Hitler-Diktatur

Bedeutung und Tragweite dieser aktuell im ersten Band erschienenen Arbeit für das Verbindungsstudententum in seiner Gesamtheit lässt sich kaum ermessen. In über 25 Jahren erforschte Dr. Bernhard Grün die Geschichte des Kameradschaftswesens der Jahre 1937 bis 1945 – und bringt so Licht in einen Zeitabschnitt deutscher Studenten- und Korporationsgeschichte, über die selbst in Verbindungskreisen die Kenntnisse selten über Schlagworte wie Gleichschaltung und Verbot hinausgehen.

Dabei zählt diese Episode sicherlich zu den spannendsten, da schwierigsten Phasen deutscher Studentengeschichte. Mit seiner Arbeit ist Grün, seit Studententagen im CV beheimatet, aber auch darüber hinaus vielfältig korporativ angesehen und bekannt, der sprichwörtlich große Wurf gelungen. Nun ist unter dem Titel „Zwischen Revolution und Rekonstitution“ der erste einer auf insgesamt zehn Bände einschließlich Registerband angelegten Reihe der Veröffentlichungen des Instituts für Deutsche Studentengeschichte (IDS) erschienen. 

Im Freundschaftsbund war das freie Wort noch möglich

Zum einen legt Grün hier die individuelle Bundesgeschichte aller (!) rund 1.200 damals existenten Kameradschaften und damit jener, fast ausnahmslos waffenstudentischen, Korporationen nieder, die in ihren Altherrenschaften organisatorisch erzwungenermaßen aufgingen, während ihre konfessionellen Pendants ausnahmslos der staatspolizeilichen Auflösung anheimfielen – ein Narr, wer diese Warnung nicht gehört hätte. Im Rahmen dieses Projekts interviewte Grün hunderte Zeitzeugen, wertete private Dokumente sowie öffentliche und nichtöffentliche Archive und Bibliotheken aus, angefangen von den relevanten Beständen des Bundesarchivs, der Institute für Hochschulkunde und Deutsche Studentengeschichte, der Deutschen Bibliothek in Leipzig bis zu denen einzelner Korporationen. Insbesondere durch den sensiblen Austausch mit Zeitzeugen verbreiterte er die Quellenlage zu diesem kaum ausgeleuchteten Phänomen ungemein. Dies schlägt sich spannend lesbar als wertvolle Oral-History-Überlieferung nieder, quer durch alle Kameradschaftsbeschreibungen hindurch.

Neben zahlreichen primären Quellenzitaten wird so ein überaus plastischer Eindruck der damaligen Rahmenbedingungen sowie vom Geist der Kameradschaften und ihrer Akteure vermittelt. Grün legt damit alles andere als eine lexikalisch-spröde Fleißarbeit vor, die für sich genommen schon beachtlich genug wäre, sondern nimmt damit zugleich eine ungemein sachkundige Einordnung der Ereignisse vor, die nur durch seine breite und genaue Kenntnis des Topos der Kameradschaften möglich ist. 

Auf diese Weise nachweisbar hat sich der Großteil der Kameradschaften im Schatten eines sechsjährigen Weltkrieges flächendeckend der verbindungsstudentischen Tradition zugewandt und diese immer stärker in ihren Studien- und Lebenszusammenhang integriert. Zentral wiederkehrend hierbei immer wieder die bleibende Idee des Freundschaftsbunds, in dessen Kreis das freie Wort möglich wird – anders als in den Schallräumen des totalitären NS-Staates.

Die Kraft der verbindungsstudentischen Freiheit

Gleichzeitig spielte sich eine durchgreifende Entideologisierung innerhalb der Kameradschaften ab, die freilich nur nach innen gelebt werden konnte und keinesfalls nach außen dringen durfte, um argwöhnischen NS-Instanzen gegenüber den Anschein wahren und untereinander das freiheitliche Ideal der vormaligen Studentenverbindungen zu leben. Es liegt auf der Hand, dass hierzu auch Signale in den schriftlichen Quellen – wer sagt oder schreibt was, wann, wo, mit welcher Absicht und welchem Adressaten – aufmerksam gelesen und sorgfältig decodiert werden müssen. Selbst einzelne Verbindungen vermögen im Nachhinein kaum eine solche Leistung zu erbringen, da sie des Gesamtüberblicks über die Ereignisse bedarf. Hinzu kommt, dass Grün wissenschaftliche Standards in jeder Hinsicht erfüllt: So hat er nicht nur alle Aussagen und Dokumente einer kritischen Prüfung unterzogen, sondern akribisch dokumentiert und allein den ersten Band mit knapp 2.000 Fußnoten mit Quellenangaben und Zusatzinformationen versehen. Möchte man diese Arbeit als Grundlagenwerk bezeichnen, würde dies viel zu kurz greifen. In Wirklichkeit handelt es sich aufgrund sowohl der Breite als auch der Tiefe der Forschungsleistung in Wirklichkeit um eine umfassende Aufarbeitung – ein absolutes Standardwerk und Muss für jeden, wenn es um eine darüber hinaus gehende Erforschung oder Kommentierung jener Jahre im speziellen Kontext geht. 

Die jeweiligen Bände sind entsprechend der ehemaligen Bereiche der Reichsstudentenführung gegliedert und ermöglichen so eine räumlich zusammenhängende Übersicht über die jeweiligen Regionen und Hochschulorte mit den dortigen Kameradschaften. Die in einem Band auf 636 Seiten zusammengefaßten Teilbände I und II umfassen die Bereiche Berlin-Brandenburg sowie das damalige Ostland mit den Hochschulen in Breslau, Danzig, Posen und Königsberg. 

Studieren in einem totalitären System

Dem Hauptteil vorangestellt ist eine umfassende, tiefgründige historische Einordnung und Analyse des Kameradschaftswesens des NSD-Studentenbundes sowie der Altherrenschaften im NS-Altherrenbund in den Jahren von 1937 bis 1945. Allein diese Zusammenschau rechtfertigt, dass mindestens dieser erste Band sowie jener, der die Kameradschaftsgeschichte der eigenen Korporation betrifft, in die Bibliothek jeder Verbindung bzw. jedes Verbindungsstudenten gehörte. 

Das darin vermittelte Wissen und Verständnis wird die Fuchsenausbildung jeder Verbindung von Grund auf bereichern – nicht nur, weil sich so ein besseres Verständnis dieser Epoche vermitteln lässt, sondern es auch eine Ahnung von der Kraft des verbindungsstudentischen Freiheitsgedankens in schweren Zeiten gibt.  

Carsten Beck