Oldie but Goldie

Maximilian J. Heuring (Bsg)

Thomas von Aquin wurde vor 800 Jahren geboren. Er ist einer der wichtigsten und größten Theologen und Ordensmänner der Katholischen Kirche. Ein Blick auf sein Leben und in sein Werk lohnt sich. Immer – nicht nur anlässlich dieses Jubiläums. 

Ich möchte einladen, Thomas von Aquin näher zu kommen. Zum einen sind dazu am Ende dieses Textes unterschiedliche Werke zu Thomas empfohlen. Zum anderen möchte ich einen kleinen Praxistipp geben, wie der Heilige Thomas von Aquin mir mit seinen Texten auch heute für mein Glaubensleben hilft:
Als Familie versuchen meine Frau und ich mit unseren drei kleinen Kindern jeden Sonntag in die Kirche zu gehen. Etwas, was bei anderen Menschen auf Unverständnis stößt. „Warum tut ihr euch diesen nur Stress an?“ werden wir gefragt. Die Antwort darauf ist ganz einfach: Wir haben Sehnsucht. Uns motiviert ein inneres Verlangen danach, bei Gott zu sein. 
Aber es stimmt, manchmal ist der Gottesdienstbesuch nicht frei von Stress. Vor allem wenn noch drei kleine Persönlichkeiten dabei sind, die über Bänke klettern, in den Altarraum laufen, Kerzen anzünden wollen, zur falschen Zeit das Bedürfnis haben laut zu grölen, oder auf die Toilette müssen. Das kann schon mal stressen – von so manchen Blicken anderer Gottesdiensteilnehmer ganz zu schweigen. Dann gelingt es mir nicht, den Lärm des Alltags loszuwerden und Ruhe zu finden, bei Gott. Auch ohne Kinder ist das schon manchmal schwer genug. So gelingt es dann nicht einfach so Gottes Gegenwart zu spüren.

Falls es mir also bis zur Kommunion nicht gelingt, die notwendige innere Ruhe zu finden, sozusagen andächtig zur werden, dann schlage ich vor dem Empfang des Sakraments das Gotteslob Nr. 497 auf und bete das Adoro te devote.

Es hilft mir, in diese Haltung zu kommen, die es braucht, um auf Gottes Gegenwart in Brot und Wein hoffen zu können. Dafür lese ich den Text und versuche,mir seine Worte wirklich zu eigen zu machen, sie also im Herzen mitzusprechen.

Das Adoro te devote teilt sich in zwei Hälften: Str. 1,1-4,2 und Str. 4,3-7,4. Den ersten Teil bete ich vor dem Empfang der Heiligen Kommunion. Hier spricht man in der 1. Person Singular von sich und seiner Haltung gegenüber den eucharistischen Gestalten. Mit dieser ersten Hälfte kann ich mich einstimmen auf Gottes Gegenwart und mich in kürzester Zeit auf die Kommunion vorbereiten. 

Die zweite Hälfte ist ein Bittgebet. Mit den darin formulierten Bitten bringe auch ich mit Thomas‘ Worten meine Sehnsucht zum Ausdruck, voll und ganz bei Gott sein zu wollen und bitte darum, dass er mir diese heilmachende Gegenwart jetzt schenkt. Diesen zweiten Teil bete ich dann, wenn ich zurück in der Bank bin. Meistens wird mir zumindest während des Bittgebets dann die Erfahrung geschenkt: Gott ist da.

Wenn es im Gottesdienst also nicht gelingt, in die richtige Haltung zu kommen, dann lass dir von Thomas helfen. Das Adoro te devote ist zwar ein Oldie, aber wirklich ein Goldie. Nicht ohne Grund wird es seit 750 Jahren gesungen und gebetet.

Literatur: 
Josef Pieper, Thomas von Aquin. Leben und Werk, Kevelaer 2014
Orths, Markus, Picknick im Dunkeln, Carl Hanser Verlag, München 2020.

Die Summa Theologiae kann online bei der Bibliothek der Kirchenväter der Université de Fribourg auf deutsch gelesen werden unter: https://bkv.unifr.ch/de/works/sth/versions/summe-der-theologie

1. Adoro devote, latens veritas, 
te, qui sub his formis vere latitas.
Tibi se cor meum totum subiicit
quia te contemplans totum deficit.

2. Visus, gustus, tactus in te fallitur,
sed audito solo tuto creditur.
Credo, quidquid dixit Dei Filius:
Nil hoc verbo veritatis verius.

3. In cruce latebat sola deitas, 
At hic latet simul et humanitas.
Ambo tamen credens atque confitens
peto, quod petivit latro paenitens.

4. Plagas sicut Thomas non intueor;
Deum tamen meum te confíteor.
Fac me tibi semper magis credere, 
in te spem habere, te diligere.

5. O memoriale mortis Domini, 
Panis vivus, vitam præstans homini, 
praesta meae menti de te vivere 
et te semper illi dulce sapere.

6. Pie pellicane, lesu Domine, 
me immundum munda tuo sanguine,
cuius una stilla salvum facere 
Totum mundum quit ab omni scelere.

7. lesu, quem velatum nunc aspicio:
Oro fíat illud, quod tam sítio:
ut te revelata cernens facie 
visu sim beatus tuae gloriae? 
Amen. 

Ich bete hingebungsvoll an, verborgene Wahrheit, 
dich, die du unter diesen Gestalten wahrhaft verborgen bist.
Dir unterwirft sich mein Herz ganz und gar, weil es, wenn es dich betrachtet, ganz und gar versagt.

Sehen, Schmecken, Tasten täuschen sich in dir, 
doch allein dem Hören wird mit Gewissheit geglaubt.
Ich glaube, was auch immer der Sohn Gottes gesagt hat:
Nichts ist wahrer als das Wort der Wahrheit.

Am Kreuz war nur die Gottheit verborgen, 
doch hier verbirgt sich zugleich auch die Menschheit.
Dennoch, indem ich beides glaube und bekenne, 
erbitte ich, was der reuige Schächer erbeten hat.

Wie Thomas sehe ich die Wunden nicht; 
dennoch bekenne ich dich als meinen Gott.
Mach, dass ich dir immer mehr glaube, 
auf dich Hoffnung habe, dich liebe.

O Erinnerung an den Tod des Herrn, 
Brot, das dem Menschen das wahre Leben gibt, 
gib meinem Geist, von dir zu leben, 
und (gib) ihm, stets deine Süße zu schmecken.

Gütiger Pelikan, Herr Jesus, 
mach mich Unreinen rein durch dein Blut, 
von dem ein Tropfen heil machen 
könnte die ganze Welt von allem Verbrechen.

Jesus, den ich nun als Verhüllten anschaue:
Wann wird das geschehen, was ich so ersehne, 
dass ich dich unverhüllten Angesichts sehe und 
durch die Schau deiner Herrlichkeit selig bin?
Amen.
 

Eucharistischer Hymnus

ln seinem Hymnus „Adoro te” begleitet Thomas von Aquin den Menschen behutsam, um ihm vom Schauen des Brots in der Eucharistie hinzuführen zu dem, was dieses Brot wirklich ist: Leib Christi.

Thomas von Aquin: Heiliger und Universalgelehrter

Mit drei aufeinander folgenden Gedenkjahren hat der Dominikanerorden seinen großen Mitbruder Thomas von Aquin geehrt und ehrt ihn weiter: 2023 feierten die Dominikaner die 700. Wiederkehr seiner Heiligsprechung. 2024 erinnerten sie an seinen 750. Todestag. Und in diesem Jahr feiern sie seinen Geburtstag vor achthundert Jahren. 

Denn vor achthundert Jahren - Ende 1224 oder Anfang 1225 - muss Thomas von Aquin auf der Burg Roccasicca in Süditalien, dem Stammschloss der Grafen von Aquin, zur Welt gekommen sein. Seine Familie, verwandt mit dem Hohenstaufenkaiser Friedrich II., hatte für ihn eine Karriere im Benediktinerorden vorgesehen. Deshalb schickte sie ihn zur Erziehung ins Mutterkloster des Benediktinerordens, in die Abtei Monte Cassino, wo sein Onkel Abt war. Zehn Jahre blieb er dort, dann ging er zum Studium der freien Künste nach Neapel. 

Dort kam Thomas mit dem jungen Dominikanerorden in Berührung, der ganz andere Wertvorstellungen vertrat als seine Familie. Als sich Thomas diesem Bettelorden anschloss, setzte ihn seine Familie ein Jahr lang unter Arrest. Doch Thomas blieb bei seiner Entscheidung und kehrte zu den Dominikanern zurück.

1245 schickte ihn sein Orden zu höheren Studien nach Paris. Dort wurde Thomas Schüler des deutschen Dominikaners Albertus Magnus und folgte ihm drei Jahre später nach Köln. 1252 begann Thomas selbst, in Paris akademisch zu lehren. Seine neuartige, klare Art der wissenschaftlichen Untersuchung, die Anwendung neuer Argumente in der Beweisführung verschafften ihm Ruhm. 1259 kehrte Thomas nach Italien zurück. Zusammen mit Albertus Magnus und anderen Dominikanern entwarf er dort die Richtlinien für das Ordensstudium und verfasste im Zusammenhang mit der Dominikanermission in Spanien die „summa contra gentiles”. 1261 bis 1264 hielt er sich als Theologe am päpstlichen Hof Urbans IV. auf: dem Papst widmete er die während dieser Zeit geschriebenen Werke „catena aurea” und „contra errores Graecorum”. Eine Berufung auf den erzbischöflichen Stuhl von Neapel lehnte er ab, stattdessen lehrte er ab 1265 in Rom. Hier entstanden die ersten Fundamente zu seinem Hauptwerk, der „Theologischen Summe (Summa theologiae)”.

Sein zweiter Aufenthalt in Paris von 1269 bis 1272 bildete den Höhepunkt seines theologischen Schaffens. Vor allem die Integration der aristotelischen Philosophie in die christliche Lehre durch Thomas von Aquin ist als „Taufe des Aristoteles” in die Geschichte eingegangen. 

Denn das große Thema des Thomas von Aquin war die Frage nach dem Verhältnis von Glaube und Vernunft. Thomas legt im Rahmen seines Hauptwerks Argumente dafür dar, dass der Glaube an die Existenz Gottes nicht vernunftwidrig ist und sich Glaube und Vernunft nicht widersprechen.
Viertausend Seiten, so wurde ausgerechnet, soll Thomas jährlich verfasst haben. Möglich wurde dies nur dadurch, dass Thomas zeitweise vier Sekretäre gleichzeitig beschäftigte und dabei wie ein Schachspieler, der mehrere Partien gleichzeitig spielt, immer wieder von einem Thema zum anderen sprang. Bis zum frühen Morgen dachte und diktierte Thomas, schlief kaum und trieb Raubbau mit seinem Körper.

Von 1272 an lehrte und schrieb Thomas wieder in Italien, hauptsächlich in Neapel. Nicht nur scharfsinniger Denker, war Thomas zugleich auch ein begnadeter Mystiker. Das Festoffizium von Fronleichnam wie hymnische Verherrlichungen der Eucharistie - „Pange lingua”, „Adoro te devote” - stammen aus seiner Hand. Und so bewirkte offenbar ein mystisches Erlebnis, dass er am 6. Dezember 1273, mitten in der Arbeit an der fast vollendeten „Theologischen Summe” die Feder aus der Hand legte. Befragt nach dem Grund, entgegnete er, dass alles, was er bisher geschrieben habe, ihm wie Spreu erscheine verglichen mit dem, was er mystisch über göttliche Dinge erlebt habe. Von Papst Gregor X. als Berater auf das Unionskonzil nach Lyon berufen, machte er sich, bereits kränkelnd, Anfang 1274 auf die Reise. Doch schon am 7. März starb er während der Reise, nachdem er im Zisterzienserkloster Fossanuova bei Terracina Obdach gefunden hatte. Seine letzte Ruhestätte befindet sich in Toulouse. 

Neben dem Heiligen Augustinus gilt Thomas als größter Lehrer der Kirche. Allein die Studienausgabe seines Hauptwerkes, der „Theologischen Summe”, umfasst nicht weniger als sechzig Bände. Eigene Philosophenschulen haben sich aus seinem Denken entwickelt. Bis heute wirkt sein Denken weiter: Noch die 1998 erschienene Enzyklika „Fides et Ratio” von Johannes Paul II. feiert Thomas von Aquin als den Kirchenlehrer, den jeder unbedingt gelesen haben muss. 

R.N.