Ein paar Tage Dienst unter Soldaten

Prof. Dr. Dr. Helge Kleifeld (Rhein)

Mit der Aussetzung der Wehrpflicht verlor die Bundeswehr fast unbemerkt ihre Stellung in der Mitte unserer Gesellschaft. Die Wahrnehmung neuer Aufgaben und politisches Kalkül führten zu einer umfassenden Veränderung der Streitkräfte, weg von einer landesverteidigenden „Volksarmee“ hin zu einer auf Terrorbekämpfung und Auslandseinsätze spezialisierten „Eingreiftruppe“. 
Einsparungen – mit der Folge vollständiger Aufgabe erheblicher Teile der militärischen Infrastruktur – und Fehlplanungen ergaben schließlich eine kleine, öffentlich kaum wahrgenommene, schlecht ausgerüstete, beinahe einsatzunfähige und stark verunsicherte Truppe ohne Verankerung in der Gesellschaft.

So könnte ein „Advocatus Diaboli“ es formulieren, wollte er ein Bild des Schreckens an die Wand malen, um daraus einen wie auch immer gearteten Nutzen zu ziehen.

Zuletzt ist die Bundeswehr wieder stärker in den Fokus von Politik und Gesellschaft gerückt. Die Gründe dafür waren nicht wohlüberlegte Einsichten aufgrund einer Analyse des Zustandes der Bundeswehr. Auch die bereits lange währende Bedrohung äußerer Feinde, die nicht schwer zu erkennen gewesen wäre, führte nicht zu neuen Erkenntnissen und Veränderungen. Erst ein Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine im Osten Europas und die Feststellung, dass die Bundeswehr einem derartigen Angriff nicht gewachsen gewesen wäre, sowie die Erkenntnis, dass die Bundeswehr selbst bei der Unterstützung der Ukraine durch Material und Munition überfordert ist, führte zu plötzlichem Interesse von Medien, Politik und Gesellschaft.

Was ist die Bundeswehr gegenwärtig? 
Was soll sie werden?
Was sind die neuen, aktuellen Anforderungen an die Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland?

Um in solchen Fragen mitsprechen zu können, reicht es nicht, sich lediglich theoretisch mit Geopolitik, internationaler Politik oder Organisationen wie der NATO und anderer Bündnisse zu befassen. Auch die bloße Beschäftigung mit Budgets oder quantitativem und qualitativem Zustand der Ausrüstung reichen hier nicht aus. Bloß vom Schreibtisch aus lässt sich das „Phänomen“ Bundeswehr nicht angemessen erfassen. Man braucht auch ein Gefühl für Soldatenleben, militärische Organisation und das Selbstgefühl der Bundeswehr und ihrer Soldaten. Doch wie soll man das als Ungedienter erlangen? Und: welche Möglichkeiten gibt es dazu überhaupt?
Ich selber, Jahrgang 1971, habe nie gedient. Als ich 1990 mein Abitur machte, wurde ich gemustert. Zu dieser Zeit veränderte sich gerade die Welt. Die Eingliederung der Streitkräfte der DDR in die Bundeswehr und die Reduzierung der Truppe insgesamt durch den Zwei-plus-vier-Vertrag warfen ihre Schatten voraus. Der Bundeswehr schien es an Soldaten zukünftig nicht zu mangeln. So fiel ich unter eine Regelung, die besagte, dass der dritte Sohn einer Familie sich zurückstellen lassen konnte, wenn die beiden älteren Brüder gedient oder Ersatzdienst geleistet hatten. Da meine beiden älteren Brüder ihren Wehrdienst bei der Fernmeldetruppe abgeleistet hatten, wählte ich diese Option, ließ mich zurückstellen und begann so mein Studium bereits mit 19 Jahren – damals für einen Mann, na ja, wohl eher einen Jüngling, ungewöhnlich jung.

Nun bin ich 53 Jahre alt und wollte trotzdem einmal „Bundeswehr-Luft” schnuppern. Wenigstens ansatzweise wollte ich das Gefühl erleben wie es ist, Teil einer „Armee“ zu sein. Dies würde mich, glaubte ich, befähigen, in der Diskussion um die Bundeswehr eine Position einzunehmen, die ernst genommen wird. Da ich ein Befürworter der Wiedereinführung der Wehrpflicht bin, die dann, hier bin ich ganz emanzipiert, auch für Frauen gelten sollte, schien es mir besonders notwendig, zumindest ansatzweise in Erfahrung zu bringen, was das für die Betroffenen bedeuten würde.

„This is The Army, Mister Jones!”

Tatsächlich bietet die Bundeswehr Dienstliche Veranstaltungen zur Information (InfoDVag) an. Für diese Veranstaltungen muss man sich zunächst bewerben. Dies tat ich auch und füllte einen entsprechenden Fragebogen aus. Mir wurde dann mitgeteilt, dass ich grundsätzlich teilnehmen dürfe, jedoch erst noch medizinisch untersucht werden müsse. Diese Untersuchung bei der „Karriereagentur“ – früher kannte ich das als Kreiswehrersatzamt – führte ich erfolgreich durch und bekam die Stufe D 2 zugewiesen. D bedeutet soviel wie Dienstfähigkeit. Früher hieß das Tauglichkeit (T). Diese Untersuchung erinnerte mich sehr stark an meine Musterung vor 35 Jahren. Außer der Tatsache, dass man nicht mit mehreren anderen „Jungs“ in Unterhose und mit Badeschlappen bekleidet in einem Raum auf die jeweiligen Untersuchungen warten musste, war alles noch so wie früher: „Husten Sie mal!“
Ich war nun also dienstfähig bzw. tauglich und durfte an der InfoDVag in der „Schule ABC-Abwehr und Gesetzliche Schutzaufgaben“ in Sonthofen teilnehmen. Dafür wurde mir für den Zeitraum der Veranstaltung (Sonntag bis Freitag) der Dienstgrad eines Oberleutnants der Reserve verliehen. Die Waffengattung durfte ich mir aussuchen. Ich wählte, da ich im zivilen Leben Hobbypilot bin, die Luftwaffe – das sollte später unverhoffte Folgen haben.

Schließlich erfolgte an einem Sonntag die Anreise nach Sonthofen mit der Bahn. Die Bahnfahrer wurden vom Bahnhof abgeholt und zur ABC-Abwehrschule gebracht. Nach der Begrüßung erfolgten die Vorstellung und der Bezug der Zimmer. Wir lernten auch die Offiziere und Unteroffiziere kennen, die uns für den Rest unserer Zeit begleiten bzw. befehligen sollten – glücklicherweise allesamt geduldige, hilfsbereite Menschen. So hatte ich gar kein Waschzeug mitgenommen, weil ich dachte, dies werde gestellt. Irrtum: Ich musste mir Waschzeug vom Spieß leihen, dem ich heute noch sehr dankbar bin.
Abends gab es im Offizierskasino noch ein gemütliches Beisammensein, etwas zu Essen und ein paar Bier. Ab jetzt waren wir Kameraden!
Während der Einkleidung am folgenden - Tag wurde - aufgeteilt in Gruppen - bereits „Formaldienst” geübt, damit wir beim Gelöbnis nicht den Eindruck eines ungeordneten, sondern eines geordneten „Hühnerhaufens” abgeben würden. Danach folgten einige Vorträge und wieder Formaldienstübungen.

Eine bunt zusammengewürfelte Truppe: 35 Teilnehmer, darunter zehn Frauen

Abends fand das feierliche Gelöbnis im Innenhof der Burg in Sonthofen statt. Es war sehr stimmungsvoll! Zwei Abteilungen Reservisten, eine Kapelle aus Ulm, eine Tribüne für die Gäste und – die Fahne!
Stellvertretend für alle von uns durften sechs „Mann“ vortreten und die Hand an die Fahne legen, um den Eid zu leisten. Eine glückliche Fügung war es, dass ich dabei sein durfte. Wie es dazu kam? Als der verantwortliche Offizier die sechs „Mann“ aussuchte, die vortreten sollten, war es ihm wichtig, dass auch zwei Frauen dabei sein sollten. Wir waren nach Größe aufgestellt und ich stand in Blickrichtung genau rechts neben den Auserwählten. Da sah der „Protokolloffizier“ plötzlich mein Fliegerschiffchen und befahl, dass ich mit meinem Nebenmann wechseln müsse, da dann alles etwas bunter aussähe. Mein Nachbar war vermutlich weniger erfreut, aber Befehl ist Befehl – und so kam ich wegen meiner Fliegerei zum Gelöbnis an die Fahne. Insgesamt empfand ich das Gelöbnis als sehr gelungen und werde mich immer gerne daran zurückerinnern. Wir erhielten alle unsere Urkunde mit der Ernennung zum Oberleutnant der Reserve und einen Klaps auf die Schulter.

Anschließend gab es einen Empfang im Casino. Da am nächsten Morgen „nur“ Vorträge anstanden, identifizierte ich – ganz in studentischer Manier – diesen Abend als den geeignetsten, um etwas tiefer ins Glas zu schauen. Am nächsten Morgen war ich zu spät zum Antreten – blieb aber ohne Strafe. Die hatte ich meiner Meinung nach auch nicht verdient, denn ich hatte vom Bett bis zum Kasernenhof nur zehn Minuten gebraucht. Vermutlich Kasernenrekord? Sehr studentisch!

In den nächsten drei Tagen wechselten sich Vorträge mit Vorbereitungen für das Schießen und „Unterrichtseinheiten“ ab. Ich schildere das nicht im Detail, sondern liste es kurz auf: Waffenausbildung an Pistole und Gewehr, Sanitätsdienst, ABC-Abwehr, Wasseraufbereitung, Feuerbekämpfung und Rettung etc.
Höhepunkt war der Besuch des Schießstandes! Sitzend mit dem G 36 und stehend mit der P 8. Es stellte sich heraus, dass ich mit dem G 36 leidlich und mit der Pistole sehr gut umgehen konnte, obwohl ich weder die eine noch die andere Waffe  jemals in meinem Leben in der Hand gehalten hatte.
Anschließend wurden wir auf einen Truppenübungsplatz gebracht, wo wir, verpflegt mit dem Einmannpaket (Epa), zwei Nächte im Schlafsaal verbrachten. Dort erhielten wir Einblicke und Übung in unterschiedliche Bereiche der Ausbildung, die ich hier wieder lediglich aufzähle:
Gefechtsbereitschaft, Patrouille mit Kfz, Hören und Sehen bei Nacht, Überwinden von Hindernissen, Leben im Felde, Leuchtsignale und ein Feldgottesdienst. 
Während dieser Übungen mutierte ein schlichter Marsch zum nächsten Standort aufgrund übermotivierter Teilnehmerinnen zu einer Fußpatrouille, die schließlich zur Auflösung der Gruppe und einem kleinen Eklat führte. Es menschelt eben auch bei „Kameradens“. Glücklicherweise war das alles nur Übung und kein bewaffneter Ernstfall.
Den Abschluss bildete ein stimmungsvoller Kameradschaftsabend, an dem unser Hauptmann Urkunden und Pokale für das Schießen verteilte. Mein zweiter Platz mit der P 8 hängt nun neben der Ernennungsurkunde zum Oberleutnant der Reserve, dem Fallschirmsprung im Rahmen einer Ausbildung zum „accelerated free fall“, der Äquatorüberquerung mit dem Frachtschiff anlässlich einer Reise nach Namibia und der Bescheinigung über meine (touristische) U-Boot-Fahrt. Am Ende des Abends (so um 2.00 Uhr morgens) entspann sich ein Disput zwischen einem Bayern und mir als Rheinländer über Bier. Er mochte das bayerische Bier – warum auch immer –, während ich für Pils, Alt und Kölsch eintrat. Gelöst wurde dieses Problem an diesem Abend aber nicht mehr.
Der letzte Tag galt dem Rückmarsch, der Auskleidung und Verabschiedung. Für unsere Ausbilder hatten wir gesammelt – und das mit Recht! Selten habe ich so geduldige, feine Menschen erlebt. 
Unser Hauptmann, gebürtig aus Brandenburg, verfügte zudem über ausgeprägtem Humor.
Warum er aber ausgerechnet Fan des FC Bayern war, ist mir als Mönchengladbacher unerklärlich. Aber solche Nebensächlichkeiten waren beim Abschied vergessen. 

Das Ziel der Veranstaltung, die Bundeswehr näher kennen zu lernen und die Teilnehmer als Multiplikatoren für die Bundeswehr einzunehmen, wurde aus meiner Sicht bestens erreicht.

Ich bemühe mich gerade, einen Weg zu finden, wie ich die Bundeswehr mit meinen beschränkten Mitteln und Kenntnissen zukünftig unterstützen kann. Dazu habe ich nun zuerst einmal diesen Artikel geschrieben. Ich hoffe es hat ein bisschen Spaß gemacht ihn zu lesen.

Dennoch bleibt die Frage: Quo vadis Bundeswehr? Diese Diskussion, einschließlich der Frage der Einführung einer Wehrpflicht für alle, wird geführt auch vor dem Hintergrund einer mangelnden Infrastruktur und den Kosten für eine Wiederherstellung oder Neuschaffung. Doch: Demokratie ist unbezahlbar! Und Freiheit kennt keine Kostenstelle! 

Helge Kleifeld (Rhein)

Im Zivilberuf Leiter des Stadtarchivs von Mönchengladbach, nahm sich Kb Prof Dr. Dr. Helge Kleifeld ein paar Tage Zeit, um das Leben bei der Bundeswehr kennenzulernen.