Das Heilige Jahr und seine Ursprünge im Jahr 1300

Reinhard Nixdorf (Nm-W)

In diesem Jahr feiern Christen aller Kirchen das Osterfest am selben Tag - ein schönes Symbol für 2o25, das Papst Franziskus als Heiliges Jahr ausgerufen hat. Die Öffnung der vier „Heiligen Pforten” an den vier Hauptkirchen Roms haben das Heilige Jahr im Dezember eingeleitet. Die Pilger sollen St. Johannes im Lateran, Sta. Maria Maggiore, St. Peter und St. Paul vor den Mauern besuchen. Ein Jubiläumsablass gilt als geistlicher Anreiz zur Pilgerreise. Es handelt sich also um die größte christliche Wallfahrt der Welt. Der Ursprung dieser Tradition liegt weit zurück: im hohen Mittelalter.

Rom, Anfang des Jahres 1300: Ein gewaltiger Menschenstrom nähert sich der Ewigen Stadt. Es ist kein feindliches Heer, es sind keine aufständischen Bauern, es sind, das zeigt ihre Tracht, Pilger. Viele kommen von weit her. Sie singen Lieder, die in Rom keiner kennt, sprechen Sprachen, die in Rom kaum jemand versteht. Manche liegen erschöpft vom langen Marsch auf Karren, andere schleppen sich mühsam an ihren Wanderstäben vorwärts oder müssen von ihren Weggefährten getragen werden. Aber da sehen die Pilger die grandiose Stadtlandschaft Roms, seine Türme und Tore, sinken mit dem Ruf „Roma, Roma!” auf die Knie und flehen die Apostel Petrus und Paulus um Gnade an.

In der Römischen Kurie ist man erstaunt. Schon immer war Rom, Zentrum der abendländischen Christenheit und Ort der Gräber der Apostel Petrus und Paulus, das Ziel frommer Wallfahrer. Aber was hat ausgerechnet jetzt diese riesige Menge an Pilgern aus aller Herren Länder nach Rom getrieben?

Papst Bonifatius VIII. stellt Nachforschungen an, die Verständigung mit den Fremden ist schwierig. Nach und nach stellt sich heraus, dass die Pilger sich nach Rom aufgemacht haben, um einen Ablass für ihre Sünden zu empfangen. Der Papst weiß, dass Nikolaus IV., einer seiner Vorgänger, 1229 angeordnet hat, man könne an gewissen Tagen des Jahres einen Ablass von sieben Jahren und sieben mal vierzig Tagen gewinnen, wenn man die Peterskirche besucht. Aber die Pilger erwarten weit mehr: Radebrechend bitten sie Bonifatius VIII., er möge sie noch vor ihrem Tod segnen, sie hätten erfahren, dass jeder Christ, der im Centenjahr, also in jedem hundertsten Jahr nach Christi Geburt, zu den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus pilgere, frei von allen zeitlichen Sündenstrafen sei.

Eine Chronik berichtet sogar von einem 107 Jahre alten Greis. Der habe dem Papst versichert, sein Vater sei vor hundert Jahren wegen dieses Ablasses nach Rom gepilgert und habe ihm aufgetragen, im Jahr 1300 ebenfalls nach Rom zu pilgern, falls er dann noch lebe. Denn in seiner Heimat Frankreich sei der Glaube an einen in den Centenariumsjahren wiederkehrenden Ablass weit verbreitet.

So schildern mittelalterliche Quellen die Ereignisse, die dazu führten, dass Papst Bonifatius VIII. das Jahr 1300 am 16. Februar zum Heiligen Jahr erklären ließ. „Der glaubwürdige Bericht der Alten”, heißt es dort, „sagt, dass jenen, welche die ehrwürdige Basilika des Apostelfürsten betreten, große Verzeihungen und Nachlässe ihrer Sünden gewährt werden .... Damit die seligen Apostel Petrus und Paulus um so mehr verehrt werden, je andächtiger die Gläubigen ihre Basiliken besuchen, .... gewähren wir... allen, die in diesem gegenwärtigen Jahr 1300 und in jedem folgenden hundertsten Jahr die obengenannten Basiliken mit Ehrfurcht betreten und wirklich bereut und gebeichtet haben, .... nicht nur die volle und ganze, sondern übergroße Verzeihung ihrer Sünden.”

Irgendetwas lag in der Luft

Eine gewisse Begründungsnot und Verlegenheit ist nicht nur den mittelalterlichen Quellen anzumerken, sondern auch der Bulle, wenn sich diese auf irgendeinen „Bericht der Alten” stützt. Doch ebenso wenig lässt sich sagen, dass Papst Bonifatius VIII. das Heilige Jahr aus eigener Machtvollkommenheit ausgerufen hat. Näher liegt der Eindruck, dass der Papst von dieser spontanen Bewegung überrascht wurde und ihr einen Platz im Leben der Kirche geben wollte.

Denn irgendetwas lag in der Luft. Wie schon in der Vergangenheit knüpften die Menschen auch an den Beginn dieses neuen Jahrhunderts große Hoffnungen: Der Weihnachtstag des Jahres 800 hatte die Kaiserkrönung Karls des Großen erlebt, in der Neujahrsnacht des Jahres 1000 erwartete Kaiser Otto III., tief ins Gebet versunken, auf dem Monte Gargano die Wiederkehr des Erlösers - und nun das Jahr 1300: Tausende Pilgern aus ganz Europa auf dem Weg in die Ewige Stadt. Nicht Neugier, Abenteuerlust oder Fernweh trieb sie voran, sondern etwas Substanzielles: die Sorge um das Heil ihrer Seele.

Wenn den Menschen des Mittelalters eines umtrieb, dann war es die Sorge um sein Heil. Reue, Beichte und Umkehr konnten die Schuld vor Gott tilgen. Aber neben der Schuld trieb den mittelalterlichen Menschen auch der Gedanke an die Folgen seiner Sünde, die Sündenstrafen um und damit die Angst vor dem Fegefeuer. Jede Sünde hinterlässt Folgen, die Sündenstrafen, die sich zerstörerisch auf das Zusammenleben aller auswirken. Buße bedeutet das Abarbeiten, das Wiedergutmachen dieser Folgen. Zerstörerisch wirkt sich die Sünde auch aus dem Horizont der Ewigkeit gesehen aus. Der Mensch ist eben nicht von sich aus in der Lage, Wesen der Unendlichkeit zu sein. Auch wenn die Sünden vergeben sind, wirken ihre Folgen auf den Menschen zurück, halten ihn in seiner Endlichkeit fest und erzeugen jenen Zustand des Leidens zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit, den man „Fegefeuer” nennt. 

Stellvertretende Fürbitte durch die Kirche

Im dreizehnten Jahrhundert setzte sich die Ansicht durch, dass die Kirche dieses Leiden durch stellvertretende Fürbitten verkürzen könne. Die Kirche, so lehrten Theologen wie der Franziskaner Alexander von Hales, besitze mit dem Erlösungstod Christi einen unerschöpflichen Gnadenschatz und könne damit allen Sündern eine Zeitspanne der Freisprechung vom Fegefeuer ermöglichen. Welche Missbrauchsgefahr solche Überlegungen in sich bargen, zeigte sich zwei Jahrhunderte später, als der Ablass als Einnahmequelle zur Finanzierung des Neubaus des römischen Petersdoms herhielt: Am Ablassstreit entzündete sich die Reformation, spaltete sich die abendländische Christenheit.

Wer zu den Heiligen Stätten in Jerusalem und Bethlehem zog, an denen Christus gelebt und gelitten hatte, dem verhieß die Kirche einen vollkommenen Ablass der Sündenstrafen, gleichgültig, ob er Pilger oder Krieger war. Man mag die Kreuzzüge heute anders beurteilen: Der Mensch des Mittelalters sah in ihnen die „Militia Christi”, den Kampf für Christus und damit eine verdienstvolle Form der Nachfolge Christi. 1291 hatten die Mamelucken das Heilige Land erobert und die letzten christlichen Kreuzfahrer vertrieben. Jerusalem, das eigentliche Pilgerziel der Christen, war bis auf weiteres nicht mehr zugänglich. Jetzt richtete sich der Blick auf Rom, den Sitz des Papstes. Auch dies war ja eine heilige Stadt, hier hatten Petrus und Paulus das Martyrium erlitten: Rom wurde zum zweiten Jerusalem. 

Die Heiligen des 13. Jahrhunderts hatten Europa aufgerüttelt. Einer reich und mächtig gewordenen Kirche hatten Franziskus und Dominikus das Bild des ohnmächtigen, armen Jesus von Nazareth entgegengehalten. Überall erscholl der Ruf nach Reform. Viele erwarteten den Anbruch einer neuen Zeit, eines Zeitalters des Heiligen Geistes, wie es Abt Joachim von Fiore prophezeit hatte.

In diesem Zusammenhang wurde auch das Jubeljahr aus dem Buch Leviticus (Lev 25, 8-55) lebendig, das im fünfzigsten Jahr mit dem Blasen des Widderhorns (hebr. jobel) eingeleitet wurde und die Freilassung von Leibeigenen und den Erlass der Schulden gebot (doch ist nicht belegt, ob dies im alten Israel je eingehalten wurde). Schon Bernhard von Clairvaux hatte sich 1147 in einer Kreuzzugspredigt auf dieses Jubeljahr berufen, wenn er von einem Jahr der Vergebung sprach. Das „annus remissionis”, das Jahr der Vergebung, sei ein wahres Jubeljahr, ein „annus vere iubilaeus”, sagte er. Hundert Jahre später nahm der Dominikanergeneral Humbert de Romans dieses Motiv wieder auf und sprach in einer Predigt von einem „iubilaeus Christianorum”.

Im Alten Bund war das Jubeljahr der Versuch einer Sozialreform. Bernhard von Clairvaux und der Dominikanergeneral tauchten das Jubeljahr in ein neues Licht: Sie spiritualisierten es: Aus der Befreiung von der Sklaverei wurde bei ihnen die Befreiung von der Sünde, die Streichung der Geldschulden wurde zum Ablass der Sündenschuld, der Rückgewinn verlorenen Besitzes wandelte sich zur Anwartschaft auf das Heil: „Jubiläum” und „Ablass” wurden zu synonymen Begriffen, zur Hoffnung auf den Aufbruch einer neuen Zeit, in der sich die lau gewordene Christenheit wieder zu neuer glaubwür-diger Nachfolge läutern werde. Papst Nikolaus IV. hatte 1229 angeordnet, dass man an gewissen Tagen des Jahres einen Ablass von sieben Jahren und sieben mal sieben Tagen gewinnen könne, wenn man die Peterskirche in Rom besuche. Zehn Jahre später war überall zu hören, am Neujahrstag des Jahres 1300 könne dort ein vollkommener Ablass gewonnen werden. Keiner wusste, wer diese Nachricht in Umlauf gebracht hatte, aber jeder glaubte sie. 

Der Maler Giotto hat auf einem Fresko im Innern der römischen Lateranbasilika die Verkündigung der Bulle festgehalten, in der Bonifatius VIII. das Jahr 1300 zum Heiligen Jahr erklärte. Der Papst steht auf der von ihm errichteten Segensloggia, angetan mit Pontifikalgewändern, eine Tiara auf dem Kopf und lauscht der Verlesung der Bulle durch einen Diakon.

Ein Zug päpstlicher Macht

Folgt man dagegen dem Bericht seines Neffen, des Kardinals Stefaneschi, so muss die Eröffnung des ersten Heiligen Jahres anders vor sich gegangen sein: Danach habe der Papst die Bulle auf den 22. Februar umdatieren lassen. An diesem Tag wurde damals das Fest „Cathedra Petri” begangen. Außerdem ließ der Papst als Ausstellungsort der Bulle „apud Sanctum Petrum” - „bei Sankt Peter” hinzufügen. Bonifatius hielt dort eine Predigt und legte die Bulle auf dem Altar über dem Petrusgrab nieder. Den Text ließ er auf eine Steinplatte meißeln. Bis heute befindet sich diese Platte links oben neben der Heiligen Pforte in der Vorhalle des Petersdoms. 

Welches Ziel der Papst mit dieser Umdatierung verfolgte, ist offensichtlich: Bonifatius präsentierte auf diese Weise seinen Machtanspruch: Mit ihm hatte die weltliche Macht des Papsttums noch einmal, nach Innozenz III., einen Höhepunkt erreicht. Sein Vorgänger Coelestin V. war das genaue Gegenteil. Vor seinem Pontifikat Asket und Einsiedler, war er nach kurzer Zeit als erster Papst von seinem Amt zurückgetreten. Dass ihn Bonifatius auf der Burg Fumone gefangen hielt, sorgte überall für Kritik. 1302 stand Bonifatius auf der Höhe seiner Macht. In der Bulle „Unam Sanctam“ stellte er das Verhältnis zwischen König und Papst neu auf und behauptete einen Primat der geistlichen Gewalt über die weltliche. Der tiefe Fall des machtbewussten Bonifatius VIII. ließ nicht lange auf sich warten: Drei Jahre nach dem Heiligen Jahr nahmen ihn seine Gegner bei Anagni kurzfristig gefangen, kurz darauf starb Bonifatius VIII., das Papsttum geriet in französische Abhängigkeit, einige Jahre später begann das Exil des Papsttums in Avignon, Wirren suchten die Kirche heim. 
Leicht kann man dem Papst vorwerfen, er habe aus der Massenbewegung politischen Nutzen gezogen. In der Bulle „Nuper per alias” ließ der Papst jedenfalls verkünden, dass vom Jubiläumsablass „die Rebellen gegen uns und den Heiligen Stuhl, wenn sie in ihrer Bosheit verharren”, ausgeschlossen seien. Wie viele Gläubige im ersten Heiligen Jahr 1300 die Ewige Stadt besuchten, ist ungewiss. Manche Quellen geben die Zahl von zweihunderttausend Menschen an, das mag wohl übertrieben sein. Immerhin baten sie in einer Stadt um Einlass, in der damals höchstens fünfzigtausend Menschen lebten. Jeder Pilger musste versorgt und untergebracht werden - und zwar mindestens fünfzehn Tage lang, wenn er den Ablass gewinnen wollte. Oft waren die Pilger arme Leute - selbst wenn Chronisten berichten, Kleriker seien Tag und Nacht damit beschäftigt gewesen, die Münzen vor dem Altar der Peterskirche mit Rechen zusammenzukehren. Viel Gold wird nicht darunter gewesen sein, eher Kupfer.

Der weite Weg nach Rom

In einer Zeit der schnellen Verkehrsverbindungen lässt sich kaum ermessen, welche Strapazen der Mensch des Mittelalters auf sich nahm, wenn er nach Rom pilgerte. Zwischen elf und siebzehn Wochen rechnete man für den 1600 Kilometer langen Fußmarsch von der Kanalküste bis nach Rom - bei einem Tagesdurchschnitt zwischen dreizehn und zwanzig Kilometern. Die fünfhundert Kilometer lange Strecke von Aosta nach Rom ließ sich in 47 Tagen zurücklegen. Oft war der Weg durchweicht und unklar, auf der Strecke lauerten Straßenräuber und wilde Tiere, Unwetter überraschten die Wanderer, habgierige Wirte nutzten sie aus, das Land war fremd, die Sprache verstand man kaum.

Und dann die Pilger selbst. Es waren ja nicht nur fromme Gottessucher unterwegs, sondern auch Kriminelle, die man daheim zu einer Pilgerfahrt verurteilt hatte - auch aus praktischen Gründen: in der Heimat war man den Übeltäter los und vielleicht, so hoffte man, läuterte und besserte ihn die Wallfahrt.

Für die meisten Pilger wurde das erste Heilige Jahr 1300 zum großen geistlichen Ereignis: Aus ganz Europa strömten die Pilger nach Rom - und das in einer Zeit, in der ein normaler Mensch kaum mehr von der Welt kannte als seinen Heimatort und dessen Umgebung. In den Annalen von Modena ist von dem seltsamen Anblick die Rede, den Schweden, Engländer oder Franzosen in ihren Nationaltrachten auf die Einheimischen machten, da wird von Pilgergruppen berichtet, die Psalmen singend durch die stille Campagna ziehen und beim Anblick der Stadt Rom in lauten Jubel ausbrechen. 

Wenn die Pilger von Norden auf der Via Flaminia, der Via Cassia oder der Via Triumphalis eintrafen, erstreckte sich vor ihnen eine grandiose Stadtlandschaft: Inmitten der niedrigen Häuser im dichtbebauten Areal am Tiberknie und in Trastevere ragten die Glockentürme der Kirchen auf, umgeben von der achtzehn Kilometer langen Stadtmauer der späten Kaiserzeit. Überall bestimmten zusätzlich Hinterlassenschaften des antiken Rom, Kolosseum und Pantheon, Triumphbögen, -säulen und Aquädukte, das Stadtbild. Geprägt wurde die Silhouette aber noch stärker von mehr als hundert Geschlechtertürmen verschiedener römischer Großfamilien, die von den Pilgern Wege- und Brückenzölle kassierten.

Der erste Weg führte die Pilger über die Engelsbrücke zur Peterskirche. „Burgbrücke” wurde das Bauwerk damals genannt. Weil dieser damals einzige Flussübergang zwischen St. Peter und der Stadt die Menschenmassen kaum fassen konnte, wurde eine Einbahnstraßen-Regelung eingeführt. Der Dichter Dante Alighieri muss dies miterlebt haben: Er verlegte die Handlung seiner „Göttlichen Komödie” in die Karwoche des Jahres 1300 und schilderte seine Eindrücke vom Heiligen Jahr ausgerechnet im 18. Canto, wo er das Gedränge der Verdammten im Inferno beschrieb: „Im Grunde waren nackt die Menschenkinder / Diesseits der Mitte kam zu uns die Schar. / Und jenseits ging sie mit uns, nur geschwinder./ So wie zu Rom im Jubiläumsjahr / Der großen Menge halb die Brückenbreite / Auf solche Art zwiefach geschieden war / Dass mit dem Antlitz nach dem Schlosse schreite, / Wer nach St. Peter ging im Pilgerzug / Und auf den Berg zu von der andern Seite.”

St. Peter war damals noch jene fünfschiffige Basilika, die Kaiser Konstantin über dem Grab des Apostels Petrus hatte errichten lassen. Ein Wald aus weißen Marmorsäulen trug die Decke. Goldmosaik glitzerte von den Wänden, unzählige Öllämpchen verbreiteten Wohlgeruch und Licht. Kurz vor dem Heiligen Jahr hatte der Bildhauer Arnolfo di Cambio seine Statue des Heiligen Petrus vollendet, die bis heute im Innern des Petersdoms steht.

Für viele Rompilger wurde dieses Kunstwerk Gegenstand einer besonderen Verehrung: gegenüber dem Apostelfürsten und gegenüber seinen Nachfolgern, den Päpsten. Es ist allen Besuchern der Kirche durch die Abnutzung des rechten Fußes durch jahrhundertelange millionenfache Berührung bekannt. 

Das Schweißtuch der Veronika

Das Schweißtuch der Veronika steigerte die Andacht. Dieses Tuch, auf dem Christus auf dem Weg zu seiner Kreuzigung der Überlieferung nach einen Abdruck seines Gesichtes hinterlassen haben soll, hat sich vermutlich seit dem 7. Jahrhundert in Rom befunden. Im Heiligen Jahr 1300 wurde es der Öffentlichkeit gezeigt. Pilger nähten Abbildungen auf ihre Hüte und Umhänge: Als „Vernikel” wurde es zum Pilgerabzeichen. 

Nicht nur Dante Alighieri setzte dem ersten Heiligen Jahr ein künstlerisches Denkmal, auch der Maler Giotto mit seinem Fresko „La Navicella - das Schiffchen” - für den Vorhof von St. Peter. Giotto stellte die Jünger Jesu dar, die auf der Überfahrt über den See Genezareth in einen Sturm geraten sind und Christus, wie er über den See wandelt und den kleingläubig gewordenen Petrus rettet. Auf die Pilger, die für ihren Weg nach Rom so große Strapazen und Gefahren auf sich genommen hatten, muss diese Darstellung einen unauslöschlichen Eindruck gemacht haben. Als Botschaft des ersten Heiligen Jahres reicht sie hinüber bis ins Heilige Jahr 2025, fand mit dem Schiffsmotiv Eingang ins Logo dieses Heiligen Jahres und kann kaum aktueller sein: Inmitten der Stürme der Zeit, die das Schiff Kirche erschüttern, gibt der Glaube Hoffnung und lässt sie nicht untergehen. Dementsprechend hat Papst Franziskus hat dem Heiligen Jahr 2025 das Motto „Pilger der Hoffnung“ gegeben. „Wir alle brauchen Hoffnung”, schrieb er. „Unsere manchmal mühseligen und verletzten Lebensgeschichten; unsere Herzen, die nach Wahrheit, Güte und Schönheit dürsten; unsere Träume, die keine Dunkelheit auslöschen kann.”

Das Heilige Jahr spannt einen weiten Bogen, unter dem sich viele Menschen versammeln können, nicht nur besonders entschiedene Katholiken. Denn Pilgern und Heilige Stätten „gehören für viele Menschen zu den letzten Gelegenheiten, um inneren Kräften zu begegnen und spirituell weiter zu kommen”, sagte der Bochumer Pastoraltheologe Prof. Dr. Matthias Sellmann kürzlich in einem Interview mit dem Kölner „Domradio”. „Liebhaber von Architektur oder großen Liturgien kommen dort ebenfalls auf ihre Kosten. Niemand muss alles verstehen, was mit so einem Heiligen Jahr zu tun hat – und kann trotzdem sehr davon profitieren.”

Heiliges Jahr

Das erste Heilige Jahr wurde 1300 von Papst Bonifatius VIII. (1294-1303) ausgerufen. Ursprünglich als Jahrhundertereignis gedacht, wurde es zunächst im Abstand von fünfzig, dann alle 33 Jahre wiederholt. Der Rhythmus von fünfundzwanzig Jahren besteht seit 1470, um es jedem Katholiken zu ermöglichen, einmal in seinem Leben eine Pilgerfahrt nach Rom im „Annus Sanctus” zu unternehmen. 
Kurz vor dem ersten Heiligen Jahr wurde die Statue des Heiligen Petrus vollendet, die bis heute auf der rechten Seite des Petersdoms zu bewundern ist.

Neben den „ordentlichen” Heiligen Jahren gab es immer wieder einmal außerordentliche Jubiläen, etwa 1566 angesichts der Bedrohung des Abendlands durch die Türken, 1605 zum Amtsantritt von Papst Paul V., 1983 als besonderes Gedenkjahr der Erlösung und 2008 anlässlich der Geburt des Apostels Paulus vor zweitausend Jahren. Zuletzt hatte Papst Franziskus ein außerordentliches Heiliges Jahr der Barmherzigkeit von Dezember 2015 bis November 2016 ausgerufen.