Stadien eines reifenden Glaubens

Auf dem Weg nach Emmaus

Ostern und Auferstehung beschreiben den Höhepunkt unseres Glaubens. Und doch ist alles so schwer zu begreifen. Da geht es nicht nur uns so, schon die Berichte über die ersten Osterzeugen, die das leere Grab entdeckten, wussten die Leere des Grabes nicht zu deuten. Ja, sie hatten Angst und große Furcht, weil ihnen auch der Ort der Trauer und des Klagens genommen war.

Die Geschichte der beiden Emmausjünger im letzten Kapitel des Lukasevangeliums (Lk 24,13-35) ist vielleicht die ursprünglichste Ostergeschichte, die wir kennen, wie schon Rudolf Bultmann festhielt. Denn hier ist tief die Erfahrung verknüpft, dass mit Jesu Auferstehung auch unsere Erlösung Wirklichkeit geworden ist, die Erkenntnis, „dass er der sei, der Israel erlösen werde.“ (Lk 24,21)
Zwei Jünger, vielleicht ein paar, brechen auf von Jerusalem. Dort können sie nicht mehr bleiben bei all dem, was passiert ist. 

Vor den Mauern Jerusalems hat man den gekreuzigt, der endlich einen neuen Weg zum Leben vor Gott vorgelebt hat. Kein Aufgehen in den alltäglichen Sorgen und Geschäften, keine zermürbende Feindseligkeit anderen gegenüber und kein Abwerten anderer, um seinen eigenen Status zu sichern. Ein offensiver Zugang auf die Mitmenschen, ja sogar der Feindseligkeit mit der Weite der Liebe zu begegnen und für die Widersacher zu beten. Was für eine radikale Lebenseinstellung!

Die beiden gehen nach Emmaus, vielleicht ihrem Heimatdorf. Es gibt keinen eindeutigen Beleg dafür, wo dieser Ort genau gelegen ist. Es gibt mehrere Orte, die seit der Antike mit dem Ort identifiziert werden, aber keiner passt genau zu den 60 Stadien. Vielleicht ein Geschenk des Lukas, dass wir diesen Ort nicht irdisch festmachen können, wie wir es gerne hätten. Es bleibt ein Sehnsuchtsort, ein Ort zu dem wir als Gläubige unterwegs sind. Unterwegs, um dem Geheimnis der eigenen Erlösung näher zu kommen.

Vielleicht geht es ihnen ähnlich wie es später Goethe seinem Dr. Faust beim Osterspaziergang in den Mund legen wird: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!“ (Faust, 1. Teil, 765). Sie verlassen Jerusalem, ja sie verlassen die Gemeinde um diesen Jesus, weil es für sie keinen Sinn mehr hat.

Warum verlassen Menschen in unserer Zeit die Gemeinde, die Kirche? Wissen sie auch oft mit der Botschaft nichts mehr anzufangen oder wenden sich enttäuscht durch das Verhalten einzelner Vertreter der Kirche oder Gemeinde ab? Die beiden haben abgeschlossen mit diesem Jesus, denn es ist Geschichte. Ja, es war mal schön und hätte großartig werden können. Sie können noch die Geschichten erzählen, aber sie sind längst Vergangenheit geworden. Sie hatten ja ihr Leben darauf aufgebaut, aber nun ist alles vorbei.

Die Emmausgeschichte ist eine beliebte Darstellung in der Kunst. Sie gehört zu den lebendigen und bildlich einprägsamen Erzählungen jenseits der Leere des Grabes am Ostermorgen. Und sie holt den Kern unseres Glaubens herein, die eucharistische Gemeinschaft: „Sie erkannten ihn, als er das Brot brach.“ Da ist er plötzlich ganz gegenwärtig, wie schon zuvor, als er mit den beiden unterwegs ist. Sie gehen mit ihm und begreifen nicht, wer da mit ihnen geht. Händeringend suchen sie nach einer Antwort, nach dem Sinn ihres Lebens und begreifen (noch) nicht, dass dieser Jesus, der Auferstandene, mit ihnen unterwegs ist. Von diesem Jesus geht das Licht aus, die Dunkelheit der Welt, der Angst und der Verzweiflung kann dieses Licht nicht verdrängen. Aber noch sind sie nicht bereit, das zu begreifen. Ihre Augen sind wie mit Blindheit geschlagen, weil sie fest in ihren Denkmustern versuchen, das Unglaubliche zu begreifen.

In Jesus wollte Gott ganz auf der Seite der Leidenden sein. Nicht über allem stehen, sondern in die Tiefe menschlichen Leidens vordringen. Er hält das Leid aus, wo wir uns abwenden möchten. Er geht den ganzen langen Weg mit den beiden und wird nicht müde, ihnen die Botschaft der Schrift näher zu bringen.

Seit der Antike künden Palmzweige von der Erlösung, der Weg der Emmausjünger führt sie mitten durch die Palmen, mitten in die Erfahrung der eigenen Erlösung. Wie am Palmsonntag kommt Jesus als Messias zu den Menschen. Der mitgehende Gott nimmt die Verwundung der beiden wahr, er geht nicht darüber hinweg oder redet sie klein. Er nimmt den Menschen in seinen Wunden ernst. 
Im Rückblick reift der Glaube der beiden heran. Wird tiefer und bewusster, obwohl sie es noch nicht merken. Und da, beim Brechen des Brotes, wird es ihnen klar, es fällt ihnen wie Schuppen von den Augen und sie erkennen ihn, aber dann sehen sie ihn nicht mehr. Das ist auch nicht mehr nötig, weil sie nun wissen, dass er lebt, dass er auferstanden ist und sie erlöst hat. Deshalb dürfen wir als Christen nicht aufhören, zur Eucharistie einzuladen und hinzuführen, denn dort will er auch uns begegnen. Da können wir im Glauben begreifen, dass er selbst im unscheinbaren Brot gegenwärtig ist.

Reinhard Röhrner (Ale)
 

Reinhard Röhrner (Ale)

Jahrgang 1971, wuchs in Vilsbiburg auf und wurde im WS 1992/93 bei der K.S.St.V. Alemannia aktiv. Sein Studium in München und Lyon beschloss er mit Lizentiaten in Theologie und Philosophie sowie dem Magister in Medien- und Kommunikationswissenschaften. 2001 zum Priester geweiht, ist er seit 2018 Pfarrer in Kelheim.