Erinnerung an gefallene katholische Studenten

Henry C. Brinker (UV)

Die denkmalgeschützte Kirche St. Georg im Leipziger Norden wird renoviert und unmittelbar daneben ein neues Pfarrhaus errichtet. Der Baufortschritt ist so weit gediehen, dass jetzt Richtfest gefeiert werden konnte.

Doch die angestrebte Finanzierung durch Spenden ist noch längst nicht im erforderlichen Umfang unter Dach und Fach. So sucht der Kirchenvorstand weiter nach Unterstützung. Vor allem sollen sich akademische Verbände und Verbindungen angesprochen fühlen, wie Rechtsanwalt und Mitglied des Kirchenvorstands Dr. Thomas Stickler (Wh, Agl) erläutert.

Einzigartiges Zeugnis katholischer Verbindungen

Selbst in Leipzig ist kaum bekannt, dass diese über hundert Jahre alte Kirche ein in Deutschland einzigartiges Zeugnis für das katholische Verbindungsleben mit CV, UV und KV und dem Akademischen Bonifatius-Werk ist, dem diese Korporationen verbunden waren. Gleichzeitig legt die spannende Geschichte der Kirche ein Zeugnis dafür ab, wie große Kunst, geistliche Glaubenspraxis und die Erinnerung an die Toten des Krieges mahnend zusammengeführt werden können. 
Zu den schönsten Stadtteilen von Leipzig zählt Gohlis im Norden der Metropole. Einzelne Villen und anspruchsvolle, mehrstöckige Wohnhäuser vom Ende des 19. bis ins 20. Jahrhundert prägen die Bebauung, die immer wieder durch Gärten, größere und kleinere Parks und anmutige Plätze unterbrochen wird. Früher ein Rittergut von dörflichem Charakter, gehört Gohlis mit dem anmutigen Rokoko-Schlösschen eines Leipziger Kaufmanns seit 1890 
zur Messestadt. Der Vers „Wem nicht wohl ist, der geh’ nach Gohlis!“ wird Goethe zugeschrieben, der in den 1760er-Jahren in Leipzig studierte. Hintergrund des Spruchs war die vermutlich wohltuende Wirkung der frischen Landluft an den dortigen Flussauen im Gegensatz zur stickigen Leipziger Stadtluft, die es bereits in vorindustrieller Zeit gab. Im Volksmund entwickelte sich daraus der Spruch „Wem´s zu wohl ist, der geht nach Gohlis“, denn die Sommerfrische in Gohlis musste man sich auch leisten können. Ganz so verhält es sich heute nicht mehr, in den verschiedenen Gegenden von Gohlis wohnt zwischen Zoo und Bretschneider-Park ein Querschnitt der Stadtbevölkerung. Familien genießen die kinderfreundliche Umgebung und junge Paare erfreuen sich am großzügigen Altbau-Ambiente. Alteingesessene Senioren wohnen neben Wohngemeinschaften von Studenten, die es mit dem Rad nicht weit zu den verschiedenen Einrichtungen der traditionsreichen Universität haben.

Kirchenbau und Kriegsopfer-Gedenken

Einen bezaubernden Eindruck der Gohliser Idylle im Norden Leipzigs vermittelt mit Architektur und Lage die Kirche St. Georg am Platz des 20. Juli 1944. Nicht immer war der Ort nach dem wichtigsten Ereignis des deutschen Widerstands im Dritten Reich benannt. Erst nach der Wende widmete man 1994 den früheren „Jägerplatz“ um, zum Gedenken an den 50. Jahrestag des Hitler-Attentats. Die „Jäger“ verwiesen vor der Umbenennung auf eine gewisse militärische Vergangenheit des Standorts, wo schon 1898 in dem evangelisch geprägten Leipzig ein katholischer Gottesdienst in der Turnhalle für Soldaten stattgefunden hat, die in den nahegelegenen Kasernen einquartiert waren. Das berühmte Schützen-Regiment 108 „Prinz Georg“ mit seinen „Jägern“ ging später in der Kaiserlichen Armee auf, das Georgs-Patronat der Gohliser Kirche hat sicher auch seine Wurzeln im Namen des 1904 verstorbenen sächsischen Königs Georg, zu Lebzeiten Regimentschef der 108er.     
1906 erteilte das Sächsische Kultusministerium die Erlaubnis zum Bau einer katholischen Kirche, drei Jahre später lagen die Pläne dazu vor. Der renommierte Leipziger Architekt Clemens Lohmer war mit dem Entwurf beauftragt worden, von ihm sind weitere bedeutende Kirchenbauten aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts erhalten, darunter zwei große Kirchen in Berlin.     
Gemeinsam ist allen die Verarbeitung einer romanischen Anmutung in massigen Baukörpern, Ausdruck selbstbewussten Glaubens und wehrhafter Stärke. Zugleich sorgen in Leipzig zeitgebundene Brechungen durch Jugendstilelemente für die Aufweichung einer romanischen Statik und Formensprache, wie man sie von anderen wilhelminischen Kirchenbauten kennt. Der Erste Weltkrieg und offene Finanzierungsfragen verhinderten zunächst die Umsetzung des Bauvorhabens. Die Grundsteinlegung erfolgte erst am 17. September 1922, die Mittel konnten vor allem auch deshalb aufgebracht werden, weil die Kirche als zentraler, deutschlandweiter Erinnerungsort für die im Krieg gefallenen katholischen Studenten und ihre Verbindungen fungieren sollte. Hier half die Akademische Bonifatius-Vereinigung. Nur ein Jahr nach der Grundsteinlegung konnte Bischof Dr. Christian Schreiber die Kirche einweihen, als Akademiker-Gedächtniskirche für die Weltkriegs-Toten der katholischen Studentenverbindungen Leipzigs, die mit der Akademischen Bonifatius-Vereinigung und ihrem Diaspora-Auftrag verbunden waren. Neunzig Prozent der katholischen Studenten in Deutschland waren in den Krieg gezogen, der Blutzoll war gewaltig.         
16.000 Studenten des Kaiserreichs fielen im Ersten Weltkrieg, ein Fünftel der Gesamtstudentenschaft der Kriegsjahre. Schutzlos wurden an der Front ganze Studenten-Kompanien dem feindlichen Feuer ausgesetzt. Der Roman „Im Westen nichts Neues“ legt dazu das bekannteste literarische Zeugnis ab. 2008 hat in Paderborn, dem Sitz der Bonifatius-Vereinigung, ein Kongress stattgefunden, der das furchtbare Kriegserlebnis, die Dolchstoßlegende und das Aufkommen des Nationalsozialismus debattierte.
Namhafte Künstler wie der von den Nationalsozialisten später als „entartet” verfemte Jupp Rübsam mit einem Auferstehungsrelief oder die Münsteraner Bildhauerin Hildegard Domizlaff mit einer Pietà ließen den St. Georg-Innenraum bedeutend für die sakrale Kunst dieser Zeit werden. Kurt Schwipperts Modelle zu Christusfiguren oder Ludwig Schwickerts Taufstein-Gitter sind weitere Beispiele. Zumeist stammten die Künstler aus der Düsseldorfer Akademie, die damit ein Akademie-Gemeinschaftswerk schufen.

Kirchenfenster der Erinnerung

Überragt werden diese Arbeiten in ihrer Bedeutung und Wirkung von den bunten Kirchenfenstern, die auf Entwürfe von Jan Thorn Prikker zurückgehen, dem bedeutendsten Glas- und Mosaikkünstler seiner Zeit.     
Der Holländer aus Haag kam 1904 nach Deutschland, engagierte sich im Hagener Werkbund und lehrte in Essen am Vorläufer der Folkwang-Hochschule. Er schuf die Karton-Vorlagen für die Kirchenfenster, die den Übergang dokumentieren vom Jugendstil mit seinem naturgebundenen Formenspiel zur Abstraktion mit der größtmöglichen Freiheit bei Linien und Farben. Prikkers zwölf Glasfenster in den Seitenschiffen, die teilweise nach Kriegszerstörungen durch Rekonstruktion von Mia Brandenburg und Johannes Roemer aus Leipzig erneuert werden mussten, verleihen dem gedrungenen Kirchenraum eine magische Lichtwirkung, die das über die Jahre stark veränderte Innere prägt. Prikkers transparente Bildschöpfungen deuten florale Ausgangsformen an, um sich dann aber wieder ins gänzlich Ungegenständliche aufzulösen. Die zwei Rundfenster an der Südwand greifen die Kreisform auf, ausgehend von einem Zentrum drängt das Bildgeschehen sichtbar an die Peripherie und ergibt ein schlüssiges, kompositorisches Ganzes. 

Die Fenster in den Seitenschiffen sind ganz besonders bedeutend für die katholischen Verbindungen wie für die Bonifatius-Vereinigung, heute aufgegangen im Bonifatius-Werk. Zu sehen sind tatsächlich die Verbindungskürzel CV, UV und KV sowie symbolische Zeichen des Paderborner Bonifatius-Werks. In einem Fenster erinnert ein stilisiertes Geweih an die „Jäger“ des sächsischen Königs, die mit ihrer Sehnsucht nach einem Kirchenraum in der Nähe der Garnison den ersten Impuls für die Georgskirche gesetzt haben.
So wird durch diese Kirche ein komplexes Erinnerungsgeflecht aus akademischer und militärischer Tradition mit regionalem und weltgeschichtlichem Hintergrund erfahrbar, wie es das in dieser Form wohl nur in Leipzig-Gohlis gibt. Damit verdient die laufende Renovierung jede denkbare Form auch finanzieller Unterstützung, um die Botschaften der Kirche über die Kunst in die Zukunft zu tragen.

Die Kriegsopfer mahnen zum Frieden

Es geht um nichts weniger als Krieg und Frieden. Gerade für Akademiker erwächst daraus eine besondere Verpflichtung. Nichts mahnt so nachhaltig zum Frieden wie eine lebendige Erinnerung an die Opfer des Krieges. 

Wer dieses einzigartige Denkmal der Verbindung von Kirchenraum und katholischen Studentenverbindungen unterstützen möchte, wird um eine Spende an die römisch-katholische Pfarrei St. Georg Leipzig-Nord, IBAN DE 19 7509 0300 1108 2727 00, Verwendungszweck „Spende Sanierung Pfarrkirche” gebeten. Vergelt´s Gott!