Menschen brauchen Offenheit, Neugier und Begegnungen mit überzeugenden Gläubigen.
Herr Dr. Püttmann, welche Bedeutung hat das Christentum noch für unser Land?
Quantitativ eine immer geringere. Aber auch eine motivierte Minderheit kann gesellschaftlich erhebliche Wirkungen entfalten. Auch das Bild vom Samenkorn oder vom Sauerteig in der Heiligen Schrift besagt ja, dass selbst im kleinen, dem oberflächlichen Blick Verborgenen, große Dynamik stecken kann und Gottes Geist auch dort wirkt. Rein soziologisch betrachtet ist es tatsächlich so, dass die Kirchen wichtige Motoren gesellschaftlichen Vertrauens und sozialen Engagements sind, wie der Bertelsmann-Religionsmonitor sagt. Nicht zuletzt die Flüchtlingskrise zeigte, dass der Staat ohne das, was die Kirchen, die wiederum mit der Zivilgesellschaft verflochten sind, leisten, schnell überfordert wäre.
Wissen die Menschen, auch wenn sie selbst nicht an Gott glauben, dass gerade die Gläubigen noch einen starken Beitrag leisten?
Teils teils. Viele Nichtgläubige erfahren oder erahnen, dass die Kirchen irgendwie gut für die Moral sind, als Humanitätsressource und Kristallisationspunkte eines tatkräftigen Idealismus. Und ein Großteil derer, die nicht glauben, hat ja durch eine kultur-christliche Erziehung durchaus auch diese moralischen Prägungen mitbekommen.
Im Grundgesetz beispielsweise finden sich neben dem Gottesbezug auch viele christliche Werte. Was kann die Bibel leisten, was das Grundgesetz nicht auch können sollte?
Recht ist nach einem Wort des Staatsrechtlers und Rechtsphilosophen Georg Jellinek nichts anderes als das ethische Minimum. Unser Grundgesetz enthält laut dem Bundesverfassungsgericht auch eine objektive Wertordnung. Es versucht Leitplanken zu befestigen, die einen erneuten Zivilisationsbruch verhindern. Die im Grundgesetz formulierten Grundrechte sind nicht nur Rechte der Individuen gegenüber dem Staat, sondern auch Erwartungen an die Bürger. Die Grundrechte verleihen Bürgerkompetenzen zur Herstellung des Gemeinwohls. Der Freiheitsraum, den der Staat schafft, muss mit
Leben erfüllt werden. Und da kommen gesellschaftliche Akteure wie die Kirchen ins Spiel. Die Bibel geht in ihren Erwartungen viel weiter, als Staaten es können und dürfen, sie ist etwa so radikal, dass man sogar seine Feinde lieben soll. Sie inspiriert eine Kultur des Gewissens und der Barmherzigkeit. Das ist etwas, was der Staat nicht vorschreiben kann. Zur Verfeinerung menschlichen Sozialverhaltens hat die Religion mehr zu bieten als das Recht.
Was ist der Unterschied zwischen Menschen, die mit einem Glauben an Gott Gutes tun und denen, die es aus einem rein humanistischen Verständnis ohne Gottesbezug machen?
Man wird meistens keinen Unterschied zwischen beiden merken. Umfragen zeigen im Durchschnitt allerdings Unterschiede in Werten, Normen und Haltungen. Etwa beim Rechtsgehorsam, der Unterscheidung von Gut und Böse und dem Lebensschutz oder der Betonung von Lebenszielen wie „Verantwortung für andere übernehmen”, „Kinder haben”, „aktive Teilnahme am politischen Leben”. Christlicher Glaube ermöglicht dem Gemeinwohl einerseits spezifische Normen, andererseits bei religiös unspezifischen ein zusätzliches Motiv der Beherzigung. Drittens kann er durch positive Vorbilder anstiften. Von katholischer Seite aus sind da die Heiligen zu nennen, von evangelischer Seite Glaubenszeugen wie Bonhoeffer.
Sie haben in einer Publikation auf Aussagen des Soziologen Hans Joas zu der Frage „Führt Säkularisierung zu Moralverfall?” reagiert. Joas argumentiert gegen diese These, Sie dafür. Würden Sie sagen, dass Ihre Position kulturpessimistisch ist?
Kulturpessimismus klingt nach Miesmacherei. Er war zum Beispiel in der Weimarer Republik ein Kennzeichen der konservativen Revolution, die dazu beitrug, die erste deutsche Demokratie verächtlich zu machen und zu zerstören. Ich sehe durchaus auch Gewinne der Säkularisierung gegenüber Zeiten, in denen Kirche dominant war. Zum Beispiel werden Kinder lediger Mütter oder sexuelle Minderheiten heute nicht mehr diskriminiert, kirchliche Missstände aufgeklärt. Auf der anderen Seite meine ich etwa zu beobachten, dass Egoismus und Zügellosigkeit zugenommen haben und eine Sinnkrise um sich greift. Es geht also nicht nur um Moral, sondern auch um Hoffnung. Eine Gesellschaft, die unter der Käseglocke reiner Diesseitigkeit weniger hofft, wird auch leichter missmutig, depressiv und ist versucht, an die Stelle der religiösen Hoffnung irgendwelche Ideologien als Ersatzreligion zu setzen.
Wenn Menschen den Glauben an Gott verloren haben, kommt man dann einfach wieder zu diesem zurück? Max Weber hat von Entmystifizierung gesprochen. Kann man diesen Prozess überhaupt umkehren?
Einfach umkehren kann man den Glaubensverlust sicher nicht. Menschen brauchen dafür Offenheit, Neugier und Begegnungen mit überzeugenden Gläubigen. In einem Gedicht Reinhold Schneiders von 1936 heißt es: „Bis Gott aus unseren
Opfern Segen wirkt und in den Tiefen, die kein Aug’ entschleiert, die trockenen Brunnen sich mit Leben füllen.” Anknüpfend an dieses Bild aus düsterer Zeit würde ich sagen: Es kann wieder eine gewisse Rückkehr zu Glaube, Liebe und Hoffnung geben, vielleicht angestoßen durch eine größere gesellschaftliche Krise. Allerdings warne ich davor, das Sprichwort „Not lehrt beten” zu kalkulierend ins Gespräch zu bringen. Wir können uns Nöte, wie sie etwa die Ukraine durchleidet, nicht wünschen, um daraus irgendwie religiöses Kapital zu schlagen und damit die Idee Gottes wieder attraktiver zu machen. Schon deshalb nicht, weil auf der anderen Seite auch immer das Verzweifeln an Gott mit der Theodizee-Frage steht.
Was können Parteien und Politiker tun, die christlich geprägten Werte in einer Gesellschaft zu erhalten, ohne sich damit dem Vorwurf auszusetzen, die Säkularisierung zu hintertreiben?
Parteien sind zunächst und eigentlich keine Organisationen des Staates, sondern der Gesellschaft. Der Staat muss religiös neutral bleiben. Er kann zwar mit Religionsgemeinschaften kooperieren, und das ist ihm zu seinem eigenen Nutzen auch anzuraten. Doch er selbst darf nicht missionieren. Parteien müssen nicht neutral sein. Da sie eine Scharnierfunktion zwischen Gesellschaft und Staat haben und sich die hohen Amtsträger des Staates aus ihnen rekrutieren, ist es durchaus ihre Aufgabe, geistige Führung auszuüben. Dazu kann auch gehören, dass man sein eigenes ideelles Fundament offen und werbend nach außen vertritt. Christliche Politiker können ihren Glauben bekennen und Parteien können, wenn sie Regierungsmacht haben, den Wirkungsraum der Kirchen und ihrer Organisationen, den Religionsunterricht, die Militär- und Polizeiseelsorge oder christliche Feiertage erhalten und verteidigen.
Haben wir – provokant gefragt – das Christentum quasi abgewählt, oder wäre das zu verkürzt?
Abgewählt als ein geistiges Verwerfen würde ich nicht sagen. Ich sehe keine große antichristliche Bewegung in der Bevölkerung, auch wenn Rufe nach einer radikalen Trennung von Kirche und Staat und nach einem Laizismus nach französischem Vorbild etwas stärker geworden sind. Früher kamen die übrigens fast nur von links, heute kommen sie auch wieder von rechts, weil die Rechtsradikalen wütend sind, dass die Kirchen vor ihrer völkisch-nationalistischen Ideologie, Zügellosigkeit und Menschenfeindlichkeit warnen. Insofern haben die Kirchen sich zusätzlich Feinde geschaffen. Versteht man Abwählen aber als Abstimmung mit den Füßen beim Sonntagsgottesdienst oder bei den Kirchenaustrittsstellen, dann zeigen die Zahlen einen Niedergang an.
Löst die Frage nach einem Zurückfinden zu Gott und einer Stärkung des Glaubens nicht sofort – je nach politischer Couleur – die Befürchtung oder Hoffnung aus, dass dieser Prozess in eine allgemeine konservative Wende münde?
Der Konservatismus, der in erheblichen Teilen seit einiger Zeit nach rechts ins Nationalistische und Völkische, in Empathielosigkeit und Hybris abdriftet, hat sich doch offensichtlich so sehr von der Kirche entfernt, dass dies ein Kurzschluss wäre. Daher beobachte ich, dass auf der linken Seite, wo traditionell am meisten Distanz und Misstrauen gegenüber der Kirche herrscht, etwas mehr Respekt und Interesse wachsen und die Einsicht, dass es vielleicht doch keine gute Idee war, den Glauben marginalisieren oder überflüssig machen zu wollen. Man merkt, dass die Bataillone der Menschlichkeit nicht so mächtig sind wie gedacht. Da sind die
Kirchen als Verbündete plötzlich willkommen.
Könnte man – abseits von realpolitischen Themen – auf der Ebene der Ideologie überspitzt sagen, dass sich die klassenlose Gesellschaft und das Paradies ähnlicher sind, als man glaubt?
Dass der Sozialismus mit seiner Betonung von Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität auf christlichem Kulturboden gewachsen ist, ist wahrscheinlich kein Zufall. Obgleich er meines Erachtens eine ideologische Abirrung darstellt, weil er einerseits zu wenig die Erbsünde des Menschen beachtet, also ein zu optimistisches Menschenbild pflegt und deswegen immer wieder gescheitert ist und andererseits in der Realität die Freiheit des Einzelnen zu wenig respektiert. Aber hinsichtlich der Überwindung von Klassendenken gibt es durchaus eine Nähe. In der Kirchenbank kniet der Generaldirektor auf Augenhöhe neben dem Arbeiter.
Ist das vielleicht eine Besonderheit des Christentums, dass sich konservatives, soziales, aber auch liberales Gedankengut unter einem Dach finden?
Ganz meine Meinung - und übrigens auch die von Angela Merkel, die mal sagte: Mal bin ich liberal, einmal sozial, mal konservativ. So muss ein Christ auch sein. Je nach Thema und je nach Not und Kräfteverhältnissen muss er eine dieser drei Grundhaltungen stark machen. Beim Lebensschutz und der inneren Sicherheit wäre es dann zum Beispiel das Konservative, in der Steuerpolitik mehr das Soziale, gegenüber Extremismus und Autoritarismus das Liberale. Bei der Wirtschaftsordnung gilt es das Soziale mit dem Liberalen klug zu verbinden, weil Freiheit auch Dynamiken in der Wirtschaft freisetzt.
Wie wird der christliche Glaube in Zukunft aussehen?
Er ist jetzt schon und wird zunehmend ethnisch vielfältig sein in unserem Land. Wir brauchen jährlich Hunderttausende Menschen, die zuwandern, und die kommen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen. So wird das Pfingstliche im Christentum, das Miteinander aller Nationen, sichtbarer werden. Der Glaube wird auch weniger von wohlsituierter Mittelstands- und Bildungsbürgerlichkeit repräsentiert werden. Unser Christentum von morgen wird sich, da bin ich beim verstorbenen Papst Franziskus, auf dem trittsicheren Boden von Empathie und Diakonie bewegen müssen. Dort, wo die Kirche im Leidenden Christus selbst begegnet. Mit Alfred Delp: „Es wird kein Mensch an die Botschaft vom Heil und vom Heiland glauben, solange wir uns nicht blutig geschunden haben im Dienste des physisch, psychisch, sozial, wirtschaftlich, sittlich oder sonst wie kranken Menschen.” Nicht in doktrinärer Spekulation, sondern in selbstloser Liebe erlangt christlicher Glaube seine stärkste Ausstrahlungskraft.
Die Fragen stellte Fb Benedikt Holl (Mw! AlSt!).

