Johannes Terwiel, Vater der Widerstandskämpferin Maria Terwiel, KVer und Sozialdemokrat zu Unrecht vergessen
Dr. phil. Wolfgang Löhr
Während der Zeit der Weimarer Republik galt es als selbstverständlich, dass die Mehrzahl unserer Kartellbrüder bei Wahlen der Zentrumspartei oder der Bayerischen Volkspartei ihre Stimme gab. Manche allerdings standen auch der SPD nahe.
Nur einige wenige Kartellbrüder machten ihr Kreuz bei der Deutschnationalen Volkspartei oder gar bei den Nationalsozialisten. Ebenso rar waren die, welche die Sozialdemokraten bevorzugten oder gar der SPD angehörten. Als einer von diesen namens Johannes Terwiel sogar eine hohe Position in der preußischen Verwaltung erreichte, musste sich die Verbandsspitze mit der Frage befassen, ob ein KVer Sozialdemokrat sein könne.
Johannes Terwiel stammte als Sohn eines Fabrikmeisters aus einer Arbeiterfamilie. Am 7. Juni 1882 hatte er im niederrheinischen Rheinberg/Kreis Wesel das Licht der Welt erblickt. Nach dem Besuch der damals so genannten Volksschule mag er eine Lehre absolviert haben. Wahrscheinlicher erscheint allerdings der Besuch einer Präparandenanstalt, um sich auf die anspruchsvolle Aufnahmeprüfung für ein Lehrerseminar vorzubereiten. Ab 1899 absolvierte er jedenfalls ein solches in Kempen am Niederrhein. Der Besuch eines Gymnasiums wäre für ihn nicht nur aus finanziellen Gründen schwierig gewesen, sondern auch deshalb, weil die traditionsreiche Rheinberger Höhere Schule ein Opfer des Kulturkampfs geworden war und ihre Nachfolgerin 1889 ihre Pforten geschlossen hatte.
1902 legte Johannes Terwiel mit zwanzig Jahren, ein Jahr vor der Erreichung der damaligen Volljährigkeit, das Abschlussexamen in Kempen ab. Sofort erhielt er eine erste Anstellung an der Volksschule in Bettrath im damals noch selbstständigen Neuwerk bei Mönchengladbach. Von dort wechselte er an eine Schule in Neuss.
Vom Volksschullehrer zum Dr. phil.
Volksschullehrer wollte Johannes Terwiel nicht bleiben, obgleich sich die finanzielle Lage und das gesellschaftliche Ansehen der Lehrerschaft in Preußen um die Jahrhundertwende spürbar verbessert hatte. Dessen ungeachtet begann er mit eiserner Disziplin neben seiner Unterrichtstätigkeit durch Selbststudium, Privatunterricht und Hospitation am Neusser Gymnasium, sich auf das Abitur vorzubereiten und konnte mit 22 Jahren 1904 als Externer am Gymnasium in Kleve die Reifeprüfung mit Erfolg ablegen.
Anschließend begann er, wissbegierig wie er war, ein breitgefächertes Studium an den Universitäten in Bonn (drei Semester), Marburg (zwei Semester) und Münster (zwei Semester). Er hörte Vorlesungen und besuchte Seminare in Philosophie, Geschichte, Germanistik, Vergleichende Sprachwissenschaften sowie klassischer Philologie. 1908 schloss er mit 27 Jahren seine Studien mit einer Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Universität Münster in Westfalen ab. In Marburg war er der „Thuringia“, bei der er sich später zum A-Philister erklärte, und in Münster der „Cimbria“ beigetreten. Beiden Korporationen blieb er treu.
Der inzwischen „zu den maßgeblichen Pionieren der Empirischen Pädagogik und Pädagogischen Psychologie“ (Peter Forster) zählende Erich Meumann (1862-1915), der damals für kurze Zeit in Mün-ster lehrte, ehe er 1909 nach Halle weiterzog, hatte die mehr als hundert Seiten umfassende Doktorarbeit angeregt und seinen Verfasser „mit Rat und Tat“ unterstützt. Auf dessen Publikationen bezieht sich Johannes Terwiel des Öfteren. Im Mittelpunkt der gut lesbaren Untersuchung, bei der genaue Kenntnisse der französischen Sprache und der Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts erforderlich waren, standen „Rousseaus Ansichten über die geistige Entwicklung des Kindes und die heutige Kinderpsychologie“, so der Titel der Doktorthese, im Mittelpunkt.
Bei der Lektüre mutet es ein wenig schulmeisterlich an, wenn über „Wert und Unwert“ der Pädagogik des französischen Aufklärers geurteilt und auf seine „Widersprüche und Inkonsequenzen“ in seinem pädagogischen Hauptwerk „Émile oder Über die Erziehung”, aufmerksam gemacht wird. Die „Behandlung der Naturwissenschaft und Heimatkunde und zum Teil (!) auch des Zeichnens,“ erhalten ein Lob. Rousseaus „Ansichten über Lesen und Schreiben“ hingegen werden für „ganz unzugänglich“, seine Vorschläge für „den Geographieunterricht“ für „minder gut“ gehalten und seine „Ausführungen über Geschichte und Religion” vollends verworfen (S. 108).
Studien über einen Vorkämpfer der Aufklärung
Was die Religion anbelange, sei Rousseau „ganz und gar ein Kind seiner Zeit“ gewesen. Den Einfluss des religiösen Unterrichts „auf die Kinderseele“ habe er wahrscheinlich „nicht anerkennen“ wollen und deshalb nicht „zu würdigen“ gewusst (S. 97). Aber dankbar ist Johannes Terwiel Rousseau dafür, dass er so nachdrücklich auf die Sprache des Kindes und ihre Bedeutung für seine „geistige Entwicklung“ hingewiesen hat (S. 48).
Nach Abschluss seiner Dissertation erhielt Johannes Terwiel 1909 eine Stelle am katholischen Lehrerseminar in Boppard am Rhein.
Damit hatte er festen Boden unter den Füßen und heiratete deshalb im selben Jahr Rosa Schild aus Geseke im Kreis Soest, die vom jüdischen zum katholischen Glauben konvertierte. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Ob man die Familie „liberal“ und „großbürgerlich“ bezeichnen kann (Ole Kaiser), sei dahingestellt. In Boppard blieb Johannes Terwiel nur kurz. Bereits 1911 wurde er an das Lehrerseminar in Rawitsch (Rawicz), südlich von Posen, der Hauptstadt der gleichnamigen preußischen Provinz mit einer deutschsprachigen Minderheit, versetzt. Dort erfolgte die Beförderung zum Seminaroberlehrer und während des Ersten Weltkriegs an einem weiteren Lehrerseminar in der Provinz Posen die zum Prorektor. Ob und wenn ja, wie intensiv er sich dort für die Erhaltung der deutschen Sprache eingesetzt hat, die knapp vierzig Prozent der damaligen Bevölkerung sprachen, ist unbekannt.
Als nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg die bisherige preußische Provinz an die neugeschaffene Republik Polen fiel, musste er das Land verlassen. Eine neue Stelle erhielt er ab dem 1. Oktober 1919 als Prorektor des katholischen Lehrerseminars in Wittlich/Kreis Bernkastel-Wittlich, wo er als Sozialdemokrat seit 1918 „im katholischen Milieu unerwünscht“ war (Franz-Josef Schmit).
Vor der Reichstagswahl von 1920 hatte er es sich nicht nehmen lassen, als Wahlkampfredner für die SPD aufzutreten, was Aufsehen erregte. Polemisch empfahl ihm daraufhin das der Zentrumspartei nahestehende „Katholische Volksblatt“, sich den Hirtenbrief der rheinischen Bischöfe, in dem die Unvereinbarkeit einer Zusammenarbeit der Katholiken mit den Sozialdemokraten unter anderem wegen der Ablehnung der Konfessionsschule festgestellt wurde, „im zuständigen Pfarramt einmal vorlegen zu lassen.“
Nach dieser Episode wechselte Johannes Terwiel wohl gern im Oktober 1920 zur Bezirksregierung nach Köln. Ab 1921 fungierte er dann als Regierungs- und Schulrat bei der Bezirksregierung in Düsseldorf, wurde Oberregierungsrat und erhielt 1924 die Beförderung zum Regierungsdirektor. Seine Zugehörigkeit zur SPD „hat seine Karriere sicherlich beflügelt“ (Joachim Hennig) und zum schnellen Aufstieg beigetragen. 1923 wurde er während des Ruhrkampfs aufgrund seines schriftlich geäußerten Protestes gegenüber dem französischen General Joseph Denvignes, der für den „Brückenkopf“ Düsseldorf zuständig war, von dort für eine Zeit zusammen mit seiner Familie ausgewiesen.
Verwaltungsrecht und pädagogische Praxis
Von seiner Tätigkeit als Leiter der Schulabteilung bei der Regierung in Düsseldorf zeugt ein 1926 von ihm herausgegebener Band Schulrecht, der 1931 noch eine Ergänzung erfuhr. 1928 erschien obendrein der von ihm mitbearbeitete Kommentar zum Mittelschullehrergesetz. Doch sein Interesse galt nicht nur den verwaltungsrechtlichen Grundlagen des Schulwesens, sondern auch der pädagogischen Praxis, denn er trat als Mitherausgeber eines 1926 erschienenen Arbeitsbuchs für die „Heimatkunde“ und einer 1928 herausgebrachten Anleitung für den Unterricht des Fachs „Erdkunde“ in Erscheinung.
Vizepräsident beim Oberpräsidium der preußischen Provinz Pommern
Den Höhepunkt seiner Karriere erreichte Johannes Terwiel 1928, als er mit 46 Jahren als Nichtjurist zum Vizepräsidenten beim Oberpräsidium der preußischen Provinz Pommern in Stettin ernannt wurde. Das wurde aufmerksam registriert, und damit musste sich jetzt auch der KV-Verbandsrat befassen, nachdem Kb Dr. Ludwig Rintelen (Ask, Sx), Geheimrat und Chef der herzoglich-arenbergischen Güterverwaltung in Düsseldorf, im Juli 1928 anfragte, „welchen Standpunkt“ der Verband einnähme, in solchen Fällen, in denen Kartellbrüder sich der sozialdemokratischen Partei angeschlossen hätten. Die Frage der KV-Mitgliedschaft stellte sich, weil die SPD damals eine vollständige Trennung von Staat und Kirche wie in Frankreich einschließlich der Abschaffung der Konfessionsschule anstrebte und damit in einen spürbaren Gegensatz zur katholischen Kirche getreten war. Außerdem standen Freidenkerverbände der SPD nahe, welche den Kirchenaustritt und die für Katholiken seit 1886 durch Papst Leo XIII. verbotene Feuerbestattung propagierten. Schließlich war auch der Austritt aus der Kirche einiger Sozialdemokraten in jungen Jahren wie etwa der des in Zentrumskreisen sonst geschätzten Reichspräsidenten Friedrich Ebert, dessen Todestag sich Ende des vergangenen Februars zum hundertsten Mal gejährt hat, im Bewusstsein geblieben.
Der KV-Verbandsgeschäftsführer Johannes Henry (Arm, Sx) hielt die Anfrage für eher lästig und antwortete Ludwig Rintelen darauf, es seien ihm gegenüber „schon vor mehreren Jahren über die eigentümliche politische Stellung des Kartellbruders T(erwiel) Anmerkungen gemacht“ worden. Sie seien „so allgemein“ gewesen, dass er „damals keinen besonderen Wert darauf gelegt habe.“ Der Verbandsrat werde sich mit der Sache beschäftigen, was auch geschah. Aber ein Unvereinbarkeitsbeschluss, wie ihn der Vorstand und der Ausschuss des Altherrenbundes des CV im Dezember 1928 beschlossen hatte, wurde nicht gefasst. Ebenso unterblieb ein Artikel im KV-Verbandsorgan, den „Akademischen Monatsblättern“, anders als beim CV, in dessen „Academia“ der Verbandsseelsorger Pater Erhard Schlund OFM bereits im Juli 1928 auf mehr als vier Seiten ausführlich verneint hatte, dass ein CVer Mitglied der SPD sein könne.
Johannes Henry hatte mit der Causa Terwiel keine Eile. Im Februar 1929 nahm er unter anderem Kontakt mit seinem Bundesbruder Hans Elfgen, Regierungspräsident in Köln, auf, der ihm mitteilte, Johannes Terwiel erfülle „seine religiösen katholischen Pflichten“ und sei „nicht unsympathisch“. Außerdem war Hans Elfgen „der Ansicht, dass der K.V. grösste Toleranz wegen der politischen Zugehörigkeit seiner Mitglieder üben müsse. Vor allen Dingen bei solchen, die im übrigen als tüchtige charakterfeste Männer in angesehener Position sich“ befänden. Johannes Henry griff die Anregung seines Bundesbruders auf, sich mit Kb Dr. Paul Steinmann (Gm), Pfarrer in Stettin und ein Jahr später erster Generalvikar des Bistums Berlin, in Verbindung zu setzen. Der stellte Ende Februar 1929 dezidiert fest, dass Johannes Terwiel seine „kirchlichen Pflichten“ erfülle und „praktizierender Katholik“ sei. „Auch die katholischen Belange“ vertrete er „geschickt und klug, was in Pommern schon etwas“ heiße. Er empfehle, „die Sache auf sich beruhen zu lassen.“ So verfuhr Johannes Henry, was er im März 1929 Ludwig Rintelen wissen ließ.
Wie fundamental Johannes Terwiel das religiöse Bekenntnis hielt, hatte er ja bereits in seiner Dissertation dargelegt. Eine spätere Anfrage aus dem Jahr 1932 an ihn, ob er Sozialdemokrat sei, hat er Johannes Henry im Übrigen übelgenommen und in diesem Zusammenhang empört „von mangelnder christlichen Nächstenliebe“ gesprochen.
Opfer des nationalsozialistischen Unrechts. Mitwisser der Widerstandstätigkeit seiner Tochter Maria
Kurz nach der sogenannten Machtergreifung am 30. Januar 1933 wurde Johannes Terwiel zunächst in den einstweiligen und dann mit noch nicht ganz 51 Jahren in den endgültigen Ruhestand versetzt, was sich auf die Höhe seiner Pension negativ auswirkte. Die Familie zog aus unbekannten Gründen nach Berlin. Dorthin begab sich schließlich auch Maria, die 1910 in Boppard geborene älteste Tochter des Ehepaars Terwiel, die in Freiburg i.Br. und München Jura studiert und eine Dissertation über „Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Banken, insbesondere die Pfandklausel“ geschrieben hatte. Da für sie nach den rassistischen Nürnberger Gesetzen als sogenannter Halbjüdin keinerlei Aussichten auf eine spätere juristische Ausbildung mehr bestanden, gab sie 1935 ihr Studium auf. Beschäftigung – Genaueres darüber ist nicht bekannt – fand sie in einer von einem Franzosen geleiteten Schweizer Textilfirma in Berlin. Nach dort kam auch ihr Verlobter, der ehemalige Burschenschafter Helmut Himpel (1907-1943), der 1937 in Berlin-Wilmersdorf eine Zahnarztpraxis eröffnete.
Über den ehemaligen Pressefotografen und damaligen Handelsvertreter John Graudenz (1884-1942), der Patient bei Helmut Himpel war, kamen dieser und Maria Terwiel in Berührung mit der Widerstandsgruppe um Harro Schulze-Boysen (1909-1942) und Arvid Harnack (1901-1942), welche die Gestapo „Rote Kapelle“ nannte, die zwar in Kontakt zum sowjetischen Geheimdienst stand, aber keine kommunistische Gruppierung darstellte.
Maria Terwiel zeichnete sich neben anderen Tätigkeiten wie etwa die Unterstützung untergetauchter Juden als gläubige Christin besonders durch die Verbreitung der 1941 gehaltenen Predigten des Bischofs von Münster Clemens August von Galen (1878-1946) gegen die Krankenmorde der Nationalsozialisten aus. Auch die 1941/42 von Harro Schulze-Boysen verfasste sechs Seiten lange grundlegende Schrift „Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk“, die auf ihrer Schreibmaschine geschrieben worden war, hat sie verteilt.
Nach der Enttarnung der Widerstandsgruppe durch unprofessionelles Verhalten des russischen Geheimdienstes wurden Helmut Himpel und Maria Terwiel am 17. September 1942 verhaftet und ihnen der Prozess gemacht. Beide wurden zum Tode verurteilt und Maria Terwiel am 5. August 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.
In einem Brief an ihre beiden Geschwister hatte sie geschrieben: „Ich habe absolut keine Furcht vor dem Tode und schon gar nicht vor der göttlichen Gerechtigkeit, denn die brauchen wir jedenfalls nicht zu fürchten. Bleibt Euren Grundsätzen treu und haltet immer und ewig zusammen.“
Marias Eltern waren vor der Hinrichtung ihrer Tochter bereits 1942 verstorben. Die Mutter war durch einen Bombenabwurf auf Berlin zu Tode gekommen. Dass Marias Vater Johannes, der seine Tochter im Kampf gegen die NS-Diktatur unterstützt hat, zu unseren bedeutenden Kartellbrüdern zählt, blieb bisher ungesagt. Wir sollten ihn und das Schicksal seiner Tochter nicht vergessen.
Frau Heike Wey danke ich auch an dieser Stelle vielmals für die Kopien des Aufsatzes von F. J. Schmit: „Im katholischen Wittlicher Milieu unerwünscht: Dr. Johannes Terwiel“, in: Der Säubrenner 2023, S. 31-38. Schriftverkehr wegen der Sache Terwiel im KV-Archiv Bestand 1 in den Faszikeln 509, 511f., 516, 518, 552 (KV-Sekretariat).

