Debatten und Diskussionen auf der 109. Vertreterversammlung im Bildungsgut St. Benno in Schmochtitz

Reinhard Nixdorf (Nm-W)

Wer Bautzen besucht, muss als erstes die Friedensbrücke überqueren - ein gutes oder schlechtes Omen? Nun - für eine friedliche Atmosphäre auf der 109. VV des Kartellverbands in den Tagen rund um Christi Himmelfahrt  (29. Mai bis 1. Juni) sorgte eigentlich schon das idyllische Bildungsgut St. Benno in Schmochtitz in der Oberlausitzt.

Eindringlich hatten Vorort und KV-Rat zudem gebeten, Kompromisse anzuerkennen und mitzuhelfen, all das in den Vereinen umzusetzen, was bei den Beratungen in Schmochtitz beschlossen werde. Es gehe um die Zukunft des KV, de vor einer Neuausrichtung stehe. Denn wenn die Entwicklung der Mitgliederzahlen so weiter verläuft wie bisher, wird er KV älter, kleiner und von derzeit 8550 zahlenden AHAH + 1500 Aktiven bis 2030 auf sechstausend AHAH schrumpfen.

Sinkende Mitgliederzahlen bedeuten aber nicht gleichzeitig sinkende Fixkosten - im Gegenteil: Auch künftig dürften sich die Kostenschwerpunkte, die "Cluster", wohl nicht wesentlich verändern: in den Vereinen, wie im Verband, wo die Kostenschwerpunkte das KV-Sekretariat, die Gebäudekosten, die Verbandszeitschrift sowie Verbands- und Gremienarbeit bilden. Die Antwort der 108. VV vor drei Jahren in recklinghausen bestand im Beschluss, den Beitrag auf 75, ab 2026 auf 85 und ab 2029 auf hundert Euro zu erhöhen. Folgt man den Reaktionen in den Vereinen, ließ sich diese Mehrheitsentscheidung in der Basis aber nicht durchzusetzen. "Mehr Geld für den KV als Altherrenvereine - das kann nicht sein", hieß es dazu oft. Die Empfehlungen der bei der Sitzung des Hauptausschusses vor zwei Jahren  in Würzburg eingesetzten Finanz-Task-Force gehen nun in die Richtung, KV-Vereine künftig stärker mit Aufgaben des KV-Sekretariats zu betrauen, etwa der Mitgliederverwaltung, oder ihnen Aufgaben, die sie gesondert  an der KV-Sekretariat stellen, gesonet in Rechnung zu stellen.

In der Diskussion wurde ein KV-Beitrag von 60 Euro als unrealistisch, in KV-Beitrag von 75 Euro als "Schmerzgrenze" beurteilt. Die VV einigte sich schließlcih auf 75 Euro für 2026 und von 2027 an auf 67 Euro, bis kommende Vertreterversammlungen andere Beschlüsse fassen.

Was die Verwaltung der Mitgliedsdaten, die beim KV-Sekretariat viel Arbeit verursacht, stimmen die VV Anträgen zu, die die Aktualisierung der Stammdaten in die Verantwortung der Kartellvereine geben, die dem KV-Sekretariat zweimal im Jahr mitteilen müssen. Langfristig soll die MItgliederverwaltung also an die Kartellvereine übergehen, und damit wurde auch der Beschluss des Hauptausschusses 2024 in Bonn abgeändert, Adressänerungen durch zweimalige Zustellung der AKademischen Monatsblätter durch die Post und entsprechende Nachsendeanträge festzustellen.

Mit Hinweis auf die damit verbundenen Personal- und Sachkosten wurde zudem beantragt, die Erscheinungsweise der Verbandszeitschrift des KV auf vier Ausgaben pro Jahr zu reduzieren. In der Diskussion wurde dieser Antrag als zu einschränkend empfunden. Ein Änderungsantrag benatragte eine - betragsfinanzierte - Erscheinungsweise von sechs Ausgaben und wurde angenommen. Ob dies bedeutet, dass die AM künftig nur noch jeden zweiten Monat erscheinen, wurde nicht entschieden. Bisher galt die 8 + 2 Regel, wonach neben acht beitragsfinazierten zwei spendenfinazierte Akademische Monatsblätter erscheinen. On analog dazu künftig eine 6 + 2 Regel zustande kommt, werden die Zukunft und die Spendenbereitschaft der KVer zeigen.

Die Debatte um die Aufnahme von Frauen in Kartellvereine nahm der K.St.V. Kurpfalz Mainz mit dem Antrag auf, Kartellvereinen die Aufnahme von Frauen zu ermöglichen und § 18 der KV-Satzung dahingehend zu ändern, dass Kartellangehörige ,,Männer und Frauen" sein können. ,,Die Erfahrungen, welche wir in Mainz gemacht haben, zeigen überdeutlich, dass die heutige Generation von jungen Studentinnen offen gegenüber Studentenverbindungen sein kann und auch mit Engagement das Verbindungsleben bereichert", hieß es in dem Antrag. Die jungen Frauen, die sich in diesem KV-Verein engagierten, hätten sich das Couleurstudentische zu eigen gemacht und ihr Leben darauf ausgerichtet. Ihre Aufnahme widerspräche keinem Prinzip des Kartellverbands. Dennoch sei den Antragstellern klar, dass allein die Vereine über die Aufnahme von Frauen zu entscheiden hätten. Gegen diesen Antrag wurde in der Diskussion argumentiert, dass gerade angesichts einer immer fragileren Identität, gerade junger Männer, Orte nötig seien, wo Männer unter sich sind und sich finden: Studentenverbindungen komme damit eine wichtige Aufgabe zu. Und von Seiten des Rechtsamts wurde darauf hingewiesen, dass dieser Antrag auch eine Änderung des § 19 erfordere, wonach Kartellangehöriger „jeder [!] katholische Studierende“ sei - und das erfordere Einstimmigkeit. Die Abstimmungsergebnis im Aktiventag (25 ja, 18 nein, 3 Enthaltungen) und im Altherrentag (27 ja, 26 nein und 4 Enthaltungen) reichten nicht aus für eine Annahme des Antrags.

Wieder gewählt wurden als KV-Ratsvorsitzender Dr. Markus Wittenberg, als Vorsitzender des Altherrenbundes Harald Stollmeier. Der neue Vorort wird aus München kommen und von der K.St.V. Ottonia und der K.S.St.V. Alemannia gestellt werden. Als vorbildliche Aktive wurden Christoph Hilsbecher (Gm, Fr-S+Ebg) und Felix Wenzel (Ra, Fr-S+Ebg) geehrt. Und für seinen außergewöhnlichen Einsatz von vierzig Jahren Amtzeit als Philistersenior beim K.St.V. Winfridia, Köln soll Kb Bernd-Wolfram Vierkotten (Wf-K) der Ehrenring des KV bei den KV-Tagen im Januar verliehen werden.

Butzener Frühling

Hier Stadtfest - dort Burschherrlichkeit: Ein ungeplantes Rahmenprogramm zum Festkommers des KV in der Stadthalle in Bautzens Altstadt

"Budyske naleco“ auf sorbisch(1), „Bautzener Frühling“ auf deutsch - so heißt das große Bautzener Stadtfest, das parallel zur VV zum 1023. Mal stattfand und durchaus als ungeplantes Rahmenprogramm zur VV diente: Durch Livemusik auf allen (!) Plätzen und Street-Food-Stände begleiteten sich VV und Bautzener Frühling gegenseitig – auch wenn das eine Fest von dem anderen wahrscheinlich nichts wusste. Das wurde spätestens zur Heiligen Messe am Samstagabend klar, als Kb Dr. Christoph Weyer (AR) etwas kräftiger orgeln musste, um gegen die „Open-Mic-Night“ auf dem Fleischmarkt direkt vor der Kirche anzuspielen. Aber mit lautem Gesang kennen sich KVer bekanntlich aus und ich denke, wir konnten uns behaupten. Übrigens ist der Dom St. Petri eine der größten Simultankirchen Deutschlands – und wie Bautzen selbst wirklich einen Besuch wert!

Per Pedes ging es weiter zum Chargenessen und Festkommers in der Stadthalle „Krone“, die von außen nicht so recht ins romantische Stadtbild von Bautzen passen wollte. Aber auch hier konnte man sich auf die inneren Werte verlassen – die Halle war groß, modern und stimmungsvoll beleuchtet. Nach dem Chargenessen begann der Festkommers unter der Leitung des Vorortspräsiden, Kb Robert Groch (Ask-Bg, Urb), unterstützt von zwanzig Chargenabordnungen.

Auch hier war wieder Kb Christoph Weyer gut zu hören und unerlässlich – diesmal am Flügel. Die Kongresshalle war bis auf den letzten Platz gefüllt, der Gesang war stark und machte auf die Bedienungen mächtig Eindruck. Nach ein paar anstrengenden Verhandlungstagen, Wahlen und Anträgen auf der VV löste sich hier doch schnell die Stimmung. Ein wichtiger Abschluss: Große Verbindungsromantik, ein bisschen alte Burschenherrlichkeit und ein klein wenig Trotz – es gibt uns noch, auch ohne „finsterm Amtsgesicht“.

Begrüßt wurden alle neuen Amtsträger im KV-Rat, hier zu erwähnen auch sicherlich der neue Münchener Vorort, und der aktuelle Carl-Sonnenschein-Preisträger Kb Dr. Felix Elsner (Glc-Sa), der auf der VV für seine Arbeit geehrt worden war. Damit sich nach dem bierseligen Verlauf alle nochmal erinnern können: Der Titel lautet eingängig „Das System der Melilith-Mischkristalle zur Schaffung inertisierter, künstlicher Gesteinskörnung durch Sekundärstoffverklinkerung“. Es geht um Recycling und Beton, insbesondere Gesteinskörnung, und einen hoch relevanten Beitrag zur Verbindung von Ökonomie und Ökologie bei der Herstellung von Baustoffen. In seiner „Summa cum laude“ bewerteten Promotion hatte der Geehrte eine völlig neues und ressourcensparendes Verfahren entwickelt, dem in der Zukunft erhebliche Bedeutung zukommen wird. Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass solche innovativen und kreativen Köpfe zu unserem Verband zählen.

Aber bei nur einem klugen Beitrag sollte es nicht bleiben. Auch die Festrede sorgte für Einblicke in ein wenig beleuchtetes Feld, eine Welt, die man (hoffentlich) selten betritt: Die Welt der Gefängnisse, ihrer Insassen und ihrer Regeln. Staatsanwalt Dr. Lorenz Bode LL.M. sprach vollkommen frei, mit Überzeugung und Erfahrung, und machte nachdenklich. Es lohnt sich, einen Blick hinter Mauern zu werfen, sich mit Schicksalen zu befassen und den Regeln, nach denen das Leben dort abläuft – den offiziellen und den inoffiziellen.

Abgerundet wurde der Abend durch Grußworte, Einladungen zu anstehenden Festen und Gastgeschenke an das Präsidium. Und für die Freunde der späten Stunde gab es einen Abschluss im Clausthaler Mitternachtsschrei, vorgetragen von Kb Felix Elsner – so wie es sich eben gehört.

Marc Lenzke (Nm, AR)