* 3. Dezember 1938 in Kleve - † 15. April 2025 in Hamburg
Der am Niederrhein geborene Werner Thissen machte sein Abitur am Collegium Augustinianum Gaesdonk und begann zunächst Wirtschaftswissenschaften in Köln zu studieren, um alsbald in seinem Heimatbistum Münster zur katholischen Theologie zu wechseln.
In Münster fand er schnell Kontakt zum K. St. V. Germania im KV, dem er sogleich auch beitrat. Dem KV ist er verbunden geblieben, wenn er sich auch zwischendurch rar gemacht haben muss und im KV-Jahrbuch sogar zeitweilig nicht zu finden war. Zum 125. Stiftungsfest konnte der Vorstand Werner Thissen für Germania neu interessieren. Als Generalvikar des Bistums Münster übernahm er das Festhochamt für seine Germania und war auch beim 150. Stiftungsfest wieder Hauptzelebrant des Festhochamts.
Zu seiner Zugehörigkeit zu Germania hat er sich, darauf ausdrücklich angesprochen, später freimütig bekannt. Nachdem er auf den Hamburger Bischofsstuhl gewechselt hatte, hat der K. St. V. Albingia im KV den neuen Erzbischof und Kartellbruder im Juni 2004 in die Albingia aufgenommen und ihn am 19. März 2007 zum Ehrenphilister ernannt.
Ein menschennaher Seelsorger
Am 29. Juni 1966 empfing Werner Thissen in Münster die Priesterweihe, wurde sodann bis 1969 Kaplan an St. Josef in Dorsten und von 1969 bis 1971 Spiritual am Collegium Josephinum in Ostbevern. Während seiner anschließenden Tätigkeit als Subregens des Münsteraner Priesterseminars, 1971 bis 1977, wurde er 1974 mit einer Arbeit über das Markusevangelium zum Doktor der Theologie promoviert. Seit 1977 war Thissen Leiter der Hauptabteilung Seelsorge im Bischöflichen Generalvikariat und wurde im selben Jahr zum Geistlichen Rat ernannt.
1984 zum residierenden Domkapitular an der Hohen Domkirche in Münster berufen, ernannte ihn Bischof Reinhard Lettmann zu seinem Generalvikar. Während dieser Zeit gehörte er fast zehn Jahre lang zum Kreis der Sprecher bei der ARD-Sendung „Das Wort zum Sonntag“. Beliebt waren auch seine Morgenandachten im Rundfunk wegen der Anschaulichkeit und Prägnanz, die er in seiner klaren und unverwechselbaren Sprache zu Gehör brachte und die seinen Ruf als exzellenten Prediger unterstrichen. Papst Johannes Paul II. ernannte Werner Thissen am 16. April 1999 zum Titularbischof von Scampa und zum Weihbischof von Münster.
Am 24. Mai 1999 empfing er die Bischofsweihe durch seinen Diözesanbischof. Sein bischöflicher Wahlspruch lautete „In Christo nova creatura“ (In Christus eine neue Schöpfung). Als Regionalbischof war er zuständig für die Region Borken-Steinfurt. 2000 wurde er vom Kardinal-Großmeister zum Großoffizier des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem ernannt und vom Großmeister Bischof Anton Schlembach der deutschen Statthalterei am 7. Oktober 2000 investiert. Von 2005 bis 2013 hatte er das Amt des Priors der Norddeutschen Provinz dieses Ordensinne.
Am 22. November 2002 ernannte Papst Johannes Paul II. Werner Thissen zum Erzbischof von Hamburg. Am 25. Januar 2003 wurde er feierlich in sein Amt eingeführt. Nachdem er, dem kanonischen Recht entsprechend, mit Vollendung seines 75. Geburtstags seinen Rücktritt von diesem Amt eingereicht hatte, nahm Papst Franziskus am 21. März 2014 den Rücktritt an. Erzbischof Dr. Werner Thissen war Mitglied der Weltkirche-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz sowie Vorsitzender der Unterkommission für Fragen der Entwicklungshilfe. Als solcher war er zuständig für das Bischöfliche Hilfswerk isereor, eine Aufgabe, die er 2000 bis 2014 mit großem Einsatz und sichtlich gerne wahrnahm.
Als Hamburger Erzbischof hat Werner Thissen wesentlichen Anteil an der Weiterentwicklung des noch jungen Bistums Hamburg. Er hat das Pastoralgespräch unter dem Leitwort „Salz des Nordens“ initiiert und die Sanierung und Neugestaltung es Hamburger Mariendoms vorangebracht. Nicht zuletzt hat er 2004 den Prozess ngestoßen, der 2011 zur Seligsprechung der Lübecker Märtyrer führte. Erzbischof Thissen war von Anfang an sehr daran gelegen, dass das Gedenken aller vier Märtyrer über die Seligsprechung durch Papst Benedikt XVI. hinaus weiterhin n ökumenischen Geist gepflegt wurde; neben drei katholischen Kaplänen war nämlich auch ein evangelischer Pastor an den Solidaritätsbekundungen für den regimefeindlichen Bischof Clemens August Graf von Galen beteiligt gewesen, die schließlich 1943 zur Verurteilung und dann zur Hinrichtung der vier Geistlichen durch die Nationalsozialisten geführt hatten.
Erzbischof Dr. Werner Thissen, der nach seiner Emeritierung in Hamburg wohnhaft geblieben war, starb am 15. April 2025 und wurde im Rahmen eines feierlichen Requiems im Mariendom am 24. April 2025 in der Krypta des Doms beigesetzt.
Brückenbauer des Nordens
Germania war bei diesem Requiem mit einer Chargenabordnung unter Führung von Philistersenior Frank Havighorst vertreten. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz würdigte Werner Thissen als „Brückenbauer des Nordens“, auch für den Zusammenhalt der Gesellschaft: „Seine ausgleichenden Positionen und seine ständige Mahnung für einen Weg des Dialogs, seine mahnende und nachdenkliche Stimme, die immer nach dem Gemeinsamen gefragt hat, werden uns fehlen.“ Gerühmt wurde sein hintergründiger Humor und seine innere Überzeugung, daß die Kirche auch in der Diaspora eine Stimme habe.
Erzbischof Werner Thissens Nachfolger in Hamburg, Erzbischof Stefan Heße, ließ in seinem Nachruf die Schattenseiten nicht unerwähnt, die sich auf dessen Zeit als Personalverantwortlicher in Münster bezogen. Thissen hatte in einem Interview von 2019 offen seine Fehler im Umgang mit sexuellem Mißbrauch zugegeben, Fehler, die er nicht heilen könnte, aber für die er öffentlich um Entschuldigung bat. Diese Offenheit zeichnete ihn gegenüber manchen anderen bischöflichen Mitbrüdern aus.
Martin Colberg, mittlerweile Diözesanarchivar in Hamburg und vormals Sekretär nd Chauffeur des Hamburger Erzbischofs, weiß von Begebenheiten zu berichten, die vom Humor und der Menschlichkeit Werner Thissens zeugen:
An einem Tag hatte der Erzbischof einen Mittagstermin beim Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein. Morgens bekam er die Nachricht, dass sein persönlicher Referent an einem Gehirntumor erkrankt sei. Thissen sagte den Termin beim Ministerpräsidenten ab und fuhr zu seinem Vertrauten nach Hause, um ihn zu trösten und zu stärken.
Ökumenischer Gottesdienst in einer Hamburger Hauptkirche. Der evangelische Zeremoniar gab allen Beteiligten Anweisungen: Zum Schluss sagte er: „Nach Jingle bells machen wir eine Verneigung und gehen in Zweierreihen durch den Hauptausgang in die Sakristei.“ Der Erzbischof dreht sich erschrocken zu mir um: „Wer oder was ist Jingle bells?“
Germania bewahre ihrem Bundesbruder Erzbischof em. Dr. Werner Thissen ein ehrenvolles und frommes Andenken!
Kb P. Robert Jauch, OFM (Arm, Rh-I, Rh-F, Ta, E Gm, E Gro-Lu)
