Es liegt an uns, den Wandel des KV aktiv zu gestalten

Johannes Pötz (Arm, Agg, Arn), Aktivenvertreter im KV-Rat

Liebe Kartellbrüder,
mit großer Freude und Zustimmung habe ich in der letzten Ausgabe der Akademischen Monatsblätter den Rückblick auf die vergangene 109. Vertreterversammlung gelesen.

Auch ich teile den Eindruck, dass im Wesentlichen konzentriert und ordentlich getagt wurde und der Umgang untereinander kartellbrüderlich war. Das Rahmenprogramm war gut, die kartellbrüderlichen Gespräche und Begegnungen noch besser. Kurz und gut, es hat mir getaugt.
Mit den inhaltlichen Beschlüssen darf man unter den gegebenen Umständen wohl zufrieden sein. Es ist uns gelungen, einige Verwaltungs- und Verfahrensfragen glatt zu ziehen. Das spart Geld und Arbeitszeit im Sekretariat. Gut so! Auch eine für manche Vereine so dringend notwendige Reduzierung der Verbandskosten für die einzelnen Mitgliedsverbindungen konnte erreicht werden, auch wenn ich persönlich mir gewünscht hätte, dass man diese sogleich mit seriösen Maßnahmen im Haushalt unterlegt.                 
Am Ende war es der simpelste aller Kompromisse. Man hat sich eben in der Mitte zwischen 60 und 75 getroffen, wobei der Beitrag noch ein Jahr bei 75 bleiben soll, damit genug Zeit für die notwendigen Umbauprozesse bleibt. Das soll nun der KV-Rat richten, aus dem ich bald ausscheiden werde. Dem neugewählten Rat wünsche ich beim Auftun neuer Sparpotentiale eine glückliche Hand und beneide ihn nicht um diese schwere Aufgabe. Dennoch bin ich mir sicher, dass die handelnden Persönlichkeiten dem gewachsen sind und die an sie gestellten Anforderungen in unserem Sinne erfüllen werden.
Gleichzeitig darf die positive Atmosphäre rund um die 109. Vertreterversammlung und die Zufriedenheit mit den im Kern richtigen Ergebnissen nicht darüber hinwegtäuschen, was in der Kürze der Zeit alles nicht besprochen werden konnte. 

Wo bleibt die Gesamtstrategie für die Zukunft der Vereine?

Natürlich sind technische Satzungsfragen und die Diskussion darüber richtig und wichtig. Neben diesen Fragen von zentraler Bedeutung, die akut auf einer Vertreterversammlung behandelt werden müssen, gibt es, meines Erachtens, weitere Themen von hoher Bedeutung für unseren Verband. Es fehlt noch an einer Gesamtstrategie für die Zukunft der Vereine oder womöglich mehreren Parallelen je nach Situation oder Thematik.             
So wie wir im Vorfeld der 109. Vertreterversammlung die Frage diskutiert haben, ob es in unserem Verband zukünftig in irgendeiner Form weibliche Kartellangehörige geben kann. Die ergebnisoffene Diskussion verfolgte das strategische Ziel, eine eindeutige Regelung zu schaffen, die sich für die nächsten Jahrzehnte als tragfähig erweisen sollte. Ich bin überzeugt, dass wir einen analogen Debattenprozess auch für andere Thematiken benötigen.
Eine Frage, die mich in dieser Sache umtreibt, ist das Sterben oder besser gesagt das Eingehen vieler Ortszirkel in den letzten Jahren. Mein Eindruck ist, dass wir diesem Niedergang relativ plan- und hilflos zuschauen. Es fehlt an einer grundsätzlichen Strategie. Dass uralte Ortszirkel sich aus Mangel an Nachwuchs auflösen, ist eine schmerzliche Entwicklung. Umso begrüßenswerter ist daher der von Kb Dr. Philipp Fondermann initiierte Impuls aus dem Altherrenbundvorstand bzw. KV-Rat zur Stärkung der Ortszirkel.
Ein Konzept, bei dem sich schwächelnde bei florierenden Ortszirkeln bestimmte Dinge abschauen können, kann allerdings nur ein erster Schritt einer „Ortszirkelstrategie“ sein. Wir müssen auch strukturell denken. Das Eingehen eines Ortzirkels aus Mitgliedermangel mag beklagenswert sein und man muss sich diesem mit aller Kraft entgegensetzen. Was aber wollen wir tun, wenn es trotz aller Mühen und Anstrengungen nicht gelingt, den Niedergang einzelner Ortszirkel zu verhindern? Ich halte eine formale Auflösung für die denkbar schlechteste Alternative. Vielmehr muss, allein um die historische Tradition zu bewahren, eine Fusion mit einem benachbarten und hoffentlich funktionierenden Ortszirkel angestrebt werden. So ließe sich immerhin ein Rest von dessen Geschichte retten.
Diese Argumentation lässt sich in noch bedeutender Weise auf unsere Kartellvereine übertragen. Auch hier gibt es Bünde, die bereits seit sehr langer Zeit nur noch über eine Altherrenschaft verfügen. Umso beeindruckender war es daher zu sehen, wie sich genau diese Vereine bzw. ihre Vertreter positiv an den Diskussionen der 109. Vertreterversammlung beteiligt haben und oft als ausgleichende Stimme von mir vernommen wurden. Ein klares Zeichen, dass diese Verbindungen nach wie vor wichtige und engagierte Mitglieder im Kartellverband sind. Offenbar besteht dort seitens der weniger werdenden Mitglieder weiterhin großes Interesse, sich produktiv in den Verband einzubringen.

Tradition bewahren, Kräfte bündeln

Aus strategischer Sicht muss aber die Frage erlaubt sein, ob wir als Gesamtverband nicht ein allgemeines Interesse daran haben müssen, diese Vereine in die Zukunft zu retten. Gemessen an der Zahl der vertagten Aktivitates hat es nur relativ wenige Vereinsfusionen gegeben. Soweit ich es von außen beurteilen kann, haben sich diese für die beteiligten Vereine stets positiv entwickelt. Genau wie bei den Ortszirkel kann man niemanden zu seinem Glück zwingen. Ich möchte auch gar keine feste Regelung oder Satzungsänderung anstreben, die Konditionen für die Fusion vertagter Vereine in irgendeiner Hinsicht enthält. Aber neben dem Traditionsargument, also der Bewahrung eines Vereines durch Verschmelzung mit einem oder mehreren anderen, ist auch die Stärkung eines Bundes mit Aktivitas durch weitere Alte Herren ein Grund, warum wir über solche Dinge nachdenken müssen.Viele Vereine, auch jene mit Aktivitas, haben gerade zu kämpfen. Denn eine Aktivitas oder ein entsprechendes Haus sind längst keine Garantie mehr, dass damit ausreichend Nachwuchs generiert werden kann. Durch eine Fusion würden diese Vereine quasi über Nacht nicht nur neue Bundesbrüder, Einsichten und Erfahrungen dazugewinnen, sondern auch finanziell neuen Sauerstoff bekommen.

Neben der Bewahrung der Tradition steht die sinnvolle, d.h. strategische Bündelung unserer begrenzten Ressourcen im Vordergrund meiner Überlegungen.
Unser Verband wird nach allen Prognosen analog zur gesamten couleurstudentischen Landschaft kleiner werden. Es liegt an uns, diesen Wandel aktiv zu gestalten und der Schrumpfung mit einer „Verbandsstrategie“ zu begegnen. Diese kann ich bisher noch nicht erkennen. Ansätze dazu mag es auf lokaler Ebene bereits geben.

Die traurige Realität wird wohl sein, dass in den nächsten zwei Jahrzehnten einige Vereine aussterben werden, wenn wir nichts unternehmen. Dabei tatenlos zuzusehen, kann nicht die Antwort eines so großen und alten Verbandes sein. Durch Zusammenschlüsse welcher Art auch immer können wir sowohl die Tradition vertagter Vereine bewahren als auch punktuell diejenigen personell und finanziell stärken, die noch über eine Aktivitas verfügen und diese somit auf die kommenden Aufgaben vorbereiten.

Nicht tatenlos mitansehen, wie Vereine aussterben

Mir ist bewusst, dass dies für viele ein schwerer Schritt ist. Auch kenne ich die Situation und historischen Gegebenheiten bei den betroffenen Vereinen im Einzelnen nicht genau. Die Vertreter vertagter Vereine, die ich auf der 109. Vertreterversammlung kennenlernen durfte, waren aber durchgängig honorige und verständige Kartellbrüder. Ich bin daher frohen Mutes, dass wir es schaffen können, im Hinblick auf die Ortszirkel und vertagte Vereine zu einer vernünftigen ggf. mehrschrittigen Strategie zu kommen. Alle Vereine, die wir so retten, alle Traditionslinien, die wir so bewahren und alle Zukunftschancen, die wir damit erhöhen können, verdienen es, dass man sich über eine solche Strategie Gedanken macht. Am Ende müssen selbstverständlich die betroffenen Vereine selbst entscheiden, welchen Weg sie gehen möchten. Dieser Beitrag soll Anstoß geben, sich auf eine Diskussion über Strategien einzulassen.

Das ist nichts, was übers Knie gebrochen werden muss. Wir haben Zeit, eine solche Strategie in Ruhe zu entwickeln. Aber wir müssen uns diesen Fragen neben allen notwendigen Debatten über Verwaltungsreformen und Kostenreduzierungen in Zukunft stellen. Nutzen wir die Zeit bis zur nächsten Vertreterversammlung dazu!