Kver sein fördert lernen lernen ...

so eine Quintessenz der Festrede zum 172. Stiftungsfest des K.St.V. Askania-Burgundia in Berlin

Wäre der KV nicht vor 172 Jahren erfunden worden – was letztlich am Stiftungsfestwochenende des K.St.V. Askania-Burgundia am 27./28. Juni 2025 gefeiert wurde –, so müsste man ihn erfinden. Das legt die Festrede nahe, die uns Frau Professor Dr. Heike Buhl, Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie an der Universität Paderborn, gehalten hat zum Thema „Intra- und interdisziplinäres Lernen“. Sie begann ihre Rede mit einem Gedankenexperiment.
Jeder sollte im Kopf eine Lernmetapher bilden, die den Satz „Lernen ist wie…“ ergänzt. Es war für eine Minute mucksmäuschenstill im Kneipsaal des Askanenhauses. Um nicht Unruhe durch eine Tischabfrage der Corona zu stiften, stellte die Professorin typische Sprachbilder aus ihren Lehrveranstaltungen vor, die alle Teilwahrheiten enthalten:
Lernen ist wie essen. Ja, da ist was dran – aber genügt es bereits, ein fertiges und zubereitetes Stück Außenwelt in sich aufzunehmen (mein Merkposten: Kann man wirklich die Weisheit mit dem Löffel (fr)essen?). Offensichtlich braucht es zum Lernen mehr.
Lernen ist wie kochen: Schon besser. Ich finde etwas in der Außenwelt vor, suche es aus, kombiniere es mit anderen Komponenten und Zutaten, schnippele oder filetiere es, führe ihm Energie zu, schmecke es ab. Dieses Bild bringt deutlicher als das erste zum Ausdruck, dass Lernen Anstrengung bedeutet (mein Merkposten: Kopfarbeit ist Schwerarbeit; die alten Griechen sagten sogar „pathos mathos”, zu deutsch: Leiden ist lernen, was auch als Gleichung gedeutet werden kann). Informationen müssen verarbeitet und zusammengebaut werden. Und in der Tat vollzieht die (Lern-)Psychologie den Prozess der Wissensabspeicherung wissenschaftlich nach und entwickelt hierzu Erklärungsmodelle. Ein hier einschlägiges ist der Konstruktivismus.

Lernen braucht die soziale Konstruktion

Doch auch dieses Bild ist noch nicht on top. Gerade die Coronapandemiezeit mit ihren Lockdowns hat erwiesen: Es braucht die soziale Konstruktion. Lernen ist Enkulturation, also ein kultureller Aneignungsprozess. Wichtig und prägend für jeden Studenten ist das Ankommen – in der Universität oder Hochschule, in der eigenen Fachdisziplin, in der studentischen Kultur.             
Dabei sind zwei Komponenten bedeutsam: Das Wahrnehmen verschiedener Perspektiven einerseits, das Erklären des eigenen Erkenntnisstandes und -prozesses andererseits (mein Merkposten der alten Römer: „docendo discimus”, übersetzt: durch Lehren lernen wir). Ja, das Paradox des Lernens ist, dass der Wissensstoff durch das Teilen und Mitteilen nicht kleiner, sondern größer wird. Und genau auf dieser Idee beruht auch eine Korporation wie dem K.St.V. Askania-Burgundia: Aktive und Alte Herren – verschiedenen Alters, mit verschiedenen Studienfächern, Lebens- und Berufserfahrungen, heute mehr denn je aus verschiedenen Staaten und Kulturen kommend, verschiedene Muttersprachen sprechend – begegnen und bereichern sich wechselseitig und interagierend.
Doch könnte es sein, dass dieser Ansatz des sozialen Konstruktivismus vielleicht vor 172 Jahren oder noch vor 30 gegolten haben mag, aber im Zeitalter von Smartphone und Künstlicher Intelligenz (KI) überholt ist? Frau Professor Buhl gab klar Entwarnung: Nein! Vielmehr erweist sich immer mehr, dass Lernen als Wissenserwerb eine tief verwurzelte anthropologische Konstante ist, die seit jeher denselben Abläufen und Gesetzmäßigkeiten unterliegt.                 
Ein Schlüsselbegriff ist die Aufmerksamkeit. Mediales Multitasking funktioniert nicht. Wie Experimente erwiesen haben, ist für den Lernerfolg das Hantieren mit Handys, ja sogar schon ihr Griffbereitsein, schädlich. Und das eigene Denken auf eine KI auslagern zu wollen heißt letztlich, sich selbst abzuschaffen (mein Merkposten: plenty of information – less knowledge – no wisdom at all). Das Fazit der Festrednerin, Mutter unseres Bundesbruders Felix Frederik Buhl: Die Studentenverbindung ist eine geradezu idealtypische gemeinsame Lernumgebung.
Der dem Kommers präsidierende Senior des K.St.V. Askania-Burgundia, Henrik Scheeff, griff in seiner Prinzipienrede diese Gedanken auf. In jedem unserer Prinzipien, in der Wissenschaft sowieso, aber auch in der Religion und der Freundschaft, lässt sich das Lernen entdecken. Und das Verbindungsstudententum fördert nicht nur den Fortschritt im eigenen Fachbereich (intradisziplinär), sondern auch das Schauen über den eigenen Tellerrand (interdisziplinär), das Herausbilden von soft skills und damit die Persönlichkeitsentwicklung.

Wissen vermehrt sich durch Teilen und Mitteilen

Durch eine Rezeption und eine Promotion, die der Senior feierlich vornahm, konnte die Aktivitas weiter gestärkt und die Verbindung zukunftsfähig gemacht werden. Vor dem Kommers hatte bei schwülheißem Wetter unser Ehrenmitglied Pater Maximilian Segener SDS unter freiem Himmel im Garten des Askanenenhauses den Festgottesdienst zum Hochfest der Apostelfürsten Petrus und Paulus zelebriert.
Die Aktivitas bewies sowohl am Begrüßungsabend, der am Freitag als Grillparty begangen wurde, als auch beim gemeinsamen Abendessen vor dem Kommers mit einem selbst zubereiteten leckeren Gericht aus Salat, Fisch und Kartoffeln sowie einem leichten Schokoladencreme-Dessert, das zur Hitze des Tages und erst recht der folgenden Nacht passte, dass sie weiß, wie man Leib und Seele zusammenhält.
Ein insgesamt gelungenes, fröhliches und launiges Stiftungsfest.

Christian Papsthart (Ma, Ask-Bg, Urb)