... auch nicht für den K.St.V. Mainfranken, der vom 20.-22. Juni 2025 in Bamberg seinen 95. Geburtstag feierte
Christian Papsthart (Ma, Ask-Bg, Urb)
Geistlicher Höhepunkt des Stiftungsfestes jeder Studentenverbindung, die dem KV mit seinen Leitprinzipien Religion – Wissenschaft – Freundschaft zugehört, ist der Festgottesdienst. Auch in diesem Jahr feierte ihn der mit einer Chargenabordnung vertretene K.St.V. Mainfranken gemeinsam mit der Domgemeinde am 22. Juni um 11.30 Uhr im Dom zu Bamberg mit Generalvikar Prälat Georg Kestel.
Das Evangelium dieses Sonntags (Lk 9, 18-24) stellt an jeden von uns auch heute die Frage Jesu: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Die Antwort ist eine existenzielle, mithin unter Umständen den Einsatz des Lebens verlangende Herausforderung, kein angelerntes Wissen, das man als Besitzstand mit sich herumtragen, auf dem man sich ausruhen und über das man gepflegt-intellektuell debattieren könnte. Denn wer sich, so die Antwort des Petrus, zum „Christus Gottes“ bekennt, ist in die Nachfolge gerufen. Und diese hat ihren Preis: „Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“.
Mitten zur Zeit der Sommersonnenwende, kurz vor dem Hochfest Johannes des Täufers, intonierte die Gemeinde das wunderschöne Kirchenlied „Das Jahr steht auf der Höhe“ (Text Detlev Block 1978 / Melodie Johann Steuerlein (GL 465)).
Augenblick, verweile!
Nicht nur in der geistlich inspirierten Betrachtung der Jahreszeiten, sondern auch in der Entwicklung unseres Studentenvereins wird deutlich: Der Höhepunkt lässt nur für einen Moment die große Waage ruhen, das Gipfel-Erlebnis ist ein prägender, aber flüchtiger Augenblick. Aber zugleich eine Vorahnung einer neuen Welt, in die hinein die alte Welt mit ihren Mühen der Ebene und ihrer Vergänglichkeit transformiert wird.
Die Mühsamkeit, das Auf und Ab von Wegen und Bewegungen kam auch in der Festrede zum Ausdruck, die beim Festkommers am Abend des 21. Juni in den Harmoniesälen im Herzen von Bamberg gehalten wurde.
Der Festredner Dr. Volker Treier, Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Deutschen Industrie- und Handelskammer mit Verantwortung für Außenwirtschaft und das Netzwerk der Außenhandelskammern, stellte die bekannte Quo vadis-Frage (vgl. Joh 13, 36), hier bezogen auf das „Geschäftsmodell Deutschland“. Die Relevanz dieser Frage liegt in diesen bewegten Zeiten, unter anderem mit einem US-Präsidenten Donald Trump, einer vorzeitig gescheiterten Ampel-Regierung und einer soeben ins Amt gekommenen Schwarz-roten Regierung, auf der Hand.
Ausgehend von soeben durchgeführten Dienstreisen von Berlin über New York, Washington und London schilderte der Festredner das global fühlbare Vibrieren. Die USA, getrieben von einer nationalegoistisch-rigorosen Politik des Präsidenten, der in dem „Big Beautiful Bill“ zentral auf „revenge tax“ setzt, sah er vor die Herkulesaufgabe gestellt, bis zum 9. Juli mit 50 Staaten Handelsverträge zu schließen. Doch worin bestand oder besteht eigentlich das Geschäftsmodell Deutschland, das jetzt anscheinend am Scheideweg steht? Laut Dr. Treier wird es häufig in einem sehr verkürzten, teilweise auch verzerrten Bild für die letzten Jahrzehnte seit der Wiedervereinigung wie folgt auf den Punkt gebracht: Energieabhängigkeit von Russland – Exportweltmeister-Allüre mit Ausfuhren in alle Welt, lange Zeit besonders wahrnehmbar nach China – Gewährleistung der (äußeren) Sicherheit durch die USA.
Geschäftsmodell Deutschland: oft verzerrt dargestellt
Und tatsächlich: Der Festredner erinnerte zum Thema Energiepolitik an den hektischen und bis heute nicht planerisch-solide unterlegten Atomausstieg („Energiewende“) nach Fukushima 2011 und eine ebenso überambitionierte wie irrational-ideologisierte Klimapolitik. Er zeigte zum Thema Exportorientierung auf, dass Deutschland ca. 50 Prozent seiner Produktion ins Ausland absetzt. Bei einer durchaus diversifizierten Handelsabnehmerstruktur gingen ca. 10 Prozent in die USA, 6 Prozent nach China. Das von Donald Trump und seinen Beratern gezeichnete Bild sei allerdings völlig schief und verzerrt, da es einseitig auf die Warenbilanz abstelle, die Dienstleistungsbilanz (die in der bilateralen Betrachtung mit den USA eindeutig zu deren Gunsten ausfalle) und die Investitionsbilanz (in Produktionsstätten und Arbeitsplätze) jedoch völlig ausblende.
Zum Thema Verteidigungsfähigkeit rief Dr. Treier die ebenfalls 2011 vollzogene Aussetzung der Wehrpflicht und den Umbau der Bundeswehr zu einer unterfinanzierten Interventionstruppe ohne Fokus auf Landes- oder Bündnisverteidigung in Erinnerung. Was jetzt Not tue, sei neben der Ertüchtigung der Streitkräfte ein planvoller und beschleunigter Infrastrukturausbau, eine umfassende Steuerreform und eine nüchterne, auch eigenen Interessen Rechnung tragende Wirtschaftspolitik. Dazu gehöre das Zurechtrücken der Maßstäbe bei Priorisierungsentscheidungen, etwa beim Ausbau von Handelsbeziehungen mit Indonesien, und das Beenden von hypermoralisierenden bürokratischen Selbstfesselungen, wie sie etwa ins Lieferkettenrecht in der EU und in Deutschland Eingang gefunden hätten.
Der Aktivensenior Luca Löblein konnte Chargenabordnungen der KDStV Fredericia im CV zu Bamberg sowie der KV-Verbindungen Ludovicia-Augsburg, Rheno-Frankonia-Würzburg, Rhenania-Erlangen und Ottonia-München um sich versammeln. Grußworte wurden darüber hinaus aus der Corona entboten von Vertretern des K.St.V. Askania-Burgundia Berlin, der AKV Aggstein im ÖKV Wien und der K.St.V. Thuringia im CV zu Coburg. Souverän leitete der Senior den Kommers und blickte in seiner Prinzipienrede auf die 95jährige Geschichte der K.St.V. Mainfranken und ihrer Bundesbrüder in Bamberg zurück, die zu einer wechselseitigen Prägung von Verbindung und Stadt geführt haben. Eine besondere Freude war die Rezeption des amtierenden Schriftführers Stefan Waldau, die Philistrierung des Bb Clemens Frey als B-Philister und die Verleihung des Status einer Couleurdame an die Vorsitzende des Studienfördervereins Mainfranken Susanne Marcum.
Das Mainfrankenhaus in der bei strahlendem Sommerwetter pulsierenden Bamberger Partymeile Untere Sandstraße war Gastgeber des Begrüßungsabends am Freitag, der Konvente am Samstag untertags und der an den Kommers anschließenden mitternächtlichen Fidulitas.
Der Ausklang am Sonntag im Anschluss an den Festgottesdienst mit der Stärkung für den weiteren Weg hinein in den Alltag nach dem Festwochenende war im „Klosterbräu“ im Mühlenviertel an der Regnitz.
