Klimawandel als Herausforderung für die ambulante Versorgung

David Friedrich Sinan Shimada (Bf)

Der Klimawandel hat sich in den vergangenen Jahren von einer abstrakten Diskussion zu einer spürbaren Realität entwickelt. Besonders in dicht besiedelten Städten wie Nürnberg zeigen sich die Auswirkungen auf das tägliche Leben und die Gesundheit der Bevölkerung deutlich.

Das Jahr 2024 war das bislang wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, wie der städtische Sachstandsbericht für 2024 zeigt. In der Nürnberger Innenstadt wurden 34 Hitzetage gezählt, dazu kamen elf Tropennächte, in denen die Temperaturen auch nachts nicht unter 20 °C fielen. Messungen zeigen zudem, dass die Temperaturen am zentral gelegenen Jakobsplatz deutlich über denen am Nürnberger Stadtrand lagen – ein Effekt, der durch dichte Bebauung, versiegelte Flächen und fehlende Begrünung verstärkt wird.
Besonders gefährdet durch diese Entwicklungen sind ältere Menschen, chronisch Kranke, Kinder oder Personen in sozial belasteten Wohnlagen. Für sie kann eine Hitzewelle zu einer erheblichen Belastung werden. Gleichzeitig beeinflusst große Hitze auch die Wirkung bestimmter Medikamente – etwa Diuretika oder Insulin –, was in der medizinischen Praxis bisher zu wenig Berücksichtigung findet. Auch die psychische Gesundheit leidet: Angesichts zunehmender Wetterextreme, verunsichernder Berichterstattung und eines allgemeinen Gefühls von Überforderung berichten Fachstellen von wachsender psychischer Belastung – insbesondere bei jungen Menschen.

Strukturen schaffen, die auf den Klimawandel reagieren

In Nürnberg wurde bereits mit einer Reihe konkreter Maßnahmen auf diese Entwicklungen reagiert. Dazu gehört unter anderem ein kommunaler Hitzeaktionsplan, der Maßnahmen wie ein Hitzetelefon, Entsiegelung von Flächen und den Ausbau grüner Infrastruktur umfasst. Auch das genossenschaftlich organisierte Gesundheitsnetz QuE Nürnberg bringt sich in die städtischen Prozesse ein und ist Konsortialpartner im vom in dem vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), dem wichtigsten Organ der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, geförderten Forschungsprojekt „Adaptation und Vernetzung der haus- und fachärztlichen Versorgung im Hinblick auf die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels – AdaptNet“ (Förderzeichen: 01VSF22044). Gemeinsam mit der AOK Bayern sowie den Universitäten Augsburg, Erlangen-Nürnberg und Heidelberg werden praxisnahe Strategien entwickelt, wie sich ambulante Strukturen auf die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels vorbereiten und reagieren können. Der Autor dieses Beitrags ist in die operative Ausarbeitung der Studie unmittelbar eingebunden. Im Fokus stehen dabei die ärztliche Grundbefähigung zur klimasensiblen Gesundheitsversorgung sowie die Entwicklung eines „Klima-Werkzeugkoffers“ für die Praxis, mit welchem die Umsetzung ebendieser gelingen soll. Die imRahmen des Projekts entwickelten Materialien und Erkenntnisse stehen interessierten Kartellbrüdern, Praxen und Organisationen hier offen zur Verfügung: www.gesundheitsnetznuernberg.de/adaptnet-klima-toolbox

Zwischen Versorgung und Verantwortung – neue Perspektive für ein bewährtes System

Auch im Umfeld des KV können solche Perspektiven an Bedeutung gewinnen – etwa wenn es um die Sensibilität für gesundheitliche Belastungen im alltäglichen Miteinander geht. Die Sorge um Mitmenschen, die stärkere Hitzebelastungen spüren oder sich schwerer an veränderte Bedingungen anpassen können, beginnt im Kleinen: bei der Rücksicht auf das Alter, die Gesundheit oder die Wohnsituation anderer – gerade an unsere alten Alten Herren sei hier gedacht. Wer in einem Verband lebt, der das Lebensbundprinzip kennt, wird auch für solche Fragen empfänglicher sein. Und nicht zuletzt verweist der medizinische Blick auf den Klimawandel auch auf eine tiefere Dimension: den achtsamen, verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung – ein Gedanke, der für katholische Verbindungen kein äußerlicher, sondern ein innerer Maßstab sein kann.

Ein Verband, viele Wirklichkeiten – und eine gemeinsame Verantwortung

Die Herausforderungen des Klimawandels verlangen keine ideologischen Antworten, sondern pragmatische, zielgerichtete Lösungen. Dass dabei medizinische, soziale und gesellschaftliche Aspekte zusammengehören, zeigt sich gerade im Umgang mit den gesundheitlichen Folgen steigender Temperaturen. Wer hinschaut, erkennt schnell: Diese Entwicklungen gehen uns alle an – im persönlichen Alltag wie im gemeinschaftlichen Handeln. Vielleicht besteht die Herausforderung nicht darin, auf alles eine Antwort zu haben, sondern sensibel zu bleiben für das, was sich verändert – in der Umwelt, in der Gesundheit, im Zusammenleben. Dort beginnt Verantwortung, lange bevor sie zur Aufgabe wird.

 

David Friedrich Sinan Shimada

wuchs in Nürnberg auf und studierte dort Wirtschaftswissenschaften im Sozial- und Gesundheitswesen. Seit seinem Studienabschluss ist er im Netzmanagement der Gesundheitsnetz QuE Nürnberg eG tätig, wo er maßgeblich in der Forschungs- und Projektarbeit mitwirkt. Daneben verfolgt er eine berufsbegleitende Promotion zur Digitalen Transformation des ambulanten Gesundheitswesens. Als stv. Philistersenior seiner lieben K.St.V. Burggraf bleibt er auch aus dem Philisterland heraus eng mit seinem Bund verbunden. Besondere Freude bereitet ihm stets kartellbrüderlicher Besuch auf dem neuen Burggrafenhaus – hierzu eine herzliche Einladung nach Nürnberg!