Hundertfünfzig Jahre wechselvolle Geschichte an Rhein und Main
Dass Straßburg für KVer ein Sehnsuchtsort ist, war nicht nur bei der Schiffsreise von Staufia und Rheno-Merovingia an ihren Ursprungsort spürbar, von der vorstehend berichtet wurde, sondern auch Ende Juni beim 150. Stiftungsfest der Mutterverbindung dieser beiden Bünde: des K.St.V. Frankonia-Straßburg zu Frankfurt am Main.
Solch ein Jubiläum erreicht nicht jeder Bund und Frankonia feierte den Festkommers gebührend mit vielen Chargenabordnungen aus dem ganzen Kartellverband: im Volkshaus Enkheim, dem Saalbau im Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim.
„Egal worüber Du in Deiner Rede sprichst, vergiss nicht, dem Geburtstagskind zu gratulieren und ihm ein recht langes Leben zu wünschen. Bei einer Verbindung, die 150 Jahre alt wird, fällt es mir leicht”, meinte Kb Dr. Michael Feldkamp (Arm, Gst, Ask-Bg, Smn), Historiker, zu Anfang seiner Festrede. So launig, wie er begonnen hatte, ließ er Frankonia-Strassburgs hundertfünfzig Jahre Verbindungsgeschichte vor seinen Zuhörern Revue passieren. Leider gehöre es zu den falschen Narrativen im Kartellverband, dass sich die KV-Vereine aufgrund des Kulturkampfes, also Bismarcks Kampf gegen die Katholiken in Deutschland zwischen 1873 und 1887, gebildet hätten, meinte Kb Dr. Feldkamp: Schließlich habe sich der KV doch schon weit früher, im Jahr 1863, gebildet und mit den Prinzipien Religio, Scientia und Amicitia konstituiert.
Frankonia - eine besondere Korporation
Von daher sei Frankonia eine besondere Korporation: zum einen, weil es die erste KV-Korporation gewesen sei, die im Kulturkampf gegründet und in den KV aufgenommen wurde, zum anderen, weil Straßburg ja erst seit 1871 zum Deutschen Reich gehörte. „Die Universität Straßburg, so Kb Dr. Michael Feldkamp, „war durch ihre wechselvolle Lage im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Frankreich immer wieder auch den Stürmen der Zeit ausgeliefert. Jetzt war Straßburg deutsch und die deutsche Verbindung Frankonia wurde drei Jahre später - Straßburg war zum Teil noch zerstört - hier errichtet.” Das habe den Frankonen nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch Gegnerschaft innerhalb der Straßburger Universität eingebracht.
Nur widerwillig habe der Rektor seine Genehmigung erteilt, auch weil neben ihm noch die Polizei für das Genehmigungsverfahren zuständig war: Und sie habe der Gründung von Frankonia als katholischem Studentenverein von Anfang an zugestimmt. Auf Reserve stieß Frankonia auch beim örtlichen Klerus, der einer „Deutschtümelei” eher distanziert gegenüber stand.
Ein Umschwung trat erst ein, als in den 1880er Jahren ein neuer Bischof ernannt wurde, der Ehrenmitglied der Arminia Bonn war und andere Korporationen in Deutschland kennengelernt hatte. Vor allem aber gewannen die Frankonen die Bürger von Straßburg durch ihr sozialpolitisches Engagement. Spendebereitschaft für notleidende Menschen war im ganzen KV üblich - doch auch hier war Frankonia „besonders”: Zusammen mit einem Vinzenz-Verein gründete sie einen Bonifatius-Verein, der „vor Ort” sozialpolitische Aufgaben wahrnahm und half. „Das war für Frankonia der große Schachzug, auch in die Bürgerschaft von Straßburg hinein zu wirken”. Und sorgte für Anerkennung und Zustimmung, trotz aller Bedenken gegenüber deutschen Studenten.
Dennoch war Frankonia eine kleine Korporation, die 1904, als die beiden Tochterverbindungen Staufia und Merovingia gegründet wurden, kaum dreißig Mitglieder umfasste.
„Der erste Weltkrieg hat dazu geführt, dass sich im Grunde alle Aktivitates aufgelöst haben”, berichtete Kb Dr. Feldkamp weiter. „Bei den großen Verbindungen in Bonn, Berlin und München war das nicht anders. Die Aktiven waren an der Front.”
Am Ende des Ersten Weltkriegs stand die schwere militärische Niederlage Deutschlands mit Millionen Toten und Verwundeten, Elend, Verarmung und Gebietsabtretungen: Mit dem Elsass fiel Straßburg zurück an Frankreich. Fast zweihunderttausend Deutsche mussten das Elsass verlassen, auch, wer an der Universität Straßburg gearbeitet, gelehrt und studiert hatte. Die Tradition der Hochschule wurde von der Frankfurter Universität fortgeführt - für Frankonia ein Anlass, den Sitz in Frankfurt zu nehmen, „ohne das vergangene Leben in Straßburg völlig auszublenden”, hob Kb Dr. Feldkamp hervor. Aber: „Man hat sehr wohl gemerkt, dass man manche Tradition nicht fortsetzen konnte.”
Keine Bürger zweiter Klasse mehr
Im Kaiserreich waren Katholiken als Staatsbürger zweiter Klasse behandelt worden. „Die Vorurteile gegen Katholiken, auch gegen Katholiken in der Wissenschaft waren in der Bevölkerung weit verbreitet.” sagte Kb Dr. Feldkamp. Nun bot die Republik von Weimar den deutschen Katholiken und damit auch den katholischen Studentenverbindungen die Chance, sich neu aufzustellen. Das gelang, weil es im KV viele Kartellbrüder gab, die sich politisch engagierten - auch Frankonen. Eine Basis dazu bot die Zentrumspartei, die als Partei der Mitte und dezidiert katholische Partei an fast allen Regierungen der Weimarer Republik beteiligt war. Zusammen mit der SPD konnte die Zentrumspartei, so Kb Dr. Feldkamp „die sozialpolitischen Entwürfe umsetzen, die in den Korporationen des KV seit den 1880er Jahren angedacht wurden, womit etwa Namen verbunden sind wie Franz Brandts, oder auch Karl Trimborn, der aus Frankonia hervorgegangen ist.”
In diesem Zusammenhang wies Kb Dr. Feldkamp auf die Fülle von KVern hin, die damals im Westen Deutschlands, namentlich im Rheinland, als Oberbürgermeister amtierten: in Trier, Aachen, Mönchengladbach, Köln, aber auch in Münster und Osnabrück. Gerade daran zeige sich besonders deutlich, wie sehr es Mitgliedern des Kartellverbands gelungen sei, als katholisch Korporierte politisch wahrgenommen zu werden. Der damit verbundene Gewinn an Ansehen und Mitgliedern zeigte sich dann zwar im Bau von Verbindungshäusern, aber, so Kb Dr. Feldkamp, auch im Rückzug der Verbindungen aus der Öffentlichkeit und im Wandel des Selbstverständnisses: aus Studentenverbindungen wurden Akademikerverbände, das sozialpolitische Engagement an die Parteien delegiert: in der Weimarer Republik an die Zentrumspartei, nach dem Zweiten Weltkrieg an die Christdemokraten.
Allzu leicht habe man sich nach der Wiederbegründung der Korporationen in den 1950er Jahren zurückgelehnt und nach dem Motto „Adenauer ist doch auch KVer, der denkt doch wie wir!” das eigene sozialpolitische Engagement an die Unionsparteien delegiert. Damit habe der KV aber den politischen Anschluss verloren - und das, so Kb Dr. Feldkamp „wurde auch noch dadurch begünstigt, dass wir uns als katholische Verbindungen weiterhin als katholisch definiert haben. Aber die Partei, bei der wir am ehesten politische Heimat gefunden hatten, die CDU, war plötzlich bi-konfessionell.”
Auch der KV habe 1968 über das Thema Hochschulreform debattiert. Aber das Fazit war, - hier wies Kb Feldkamp auf einen Artikel hin, den Kb Dr. Wolfgang Löhr 2024 in dieser Zeitschrift publizierte - „dass viel Papier produziert, viel in den Vereinen diskutiert wurde, aber kein Einfluss auf das gesamtgesellschaftliche Verhalten ausgeübt werden konnte”.
Rückzug in die Häuser?
„Das hat mich noch einmal besonders berührt”, ergänzte Kb Dr. Feldkamp, „weil ich in den Frankonen-Blättern gelesen habe, dass sich Frankonia vor allem in der Zeit zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg um eine Selbstfindung bemüht hat. Sie hat also AHAH zu Vorträgen eingeladen über Frankonia und das Katholizitätsprinzip, Frankonia und gesellschaftspolitische Veränderungen und natürlich war auch das Verhältnis zum Nationalsozialismus ein Thema.” Doch das Ergebnis dieser Suche bestand darin, die Aufgabe der Korporation dahin zu definieren, für einander da zu sein, also nach innen zu wirken. „Insofern sind wir sehr erfolgreich”, folgerte Kb Dr. Feldkamp. „Wir sind durch den Wandel von der Studentenverbindung zur Akademikergemeinschaft zu einer Selbsterziehungsgruppe geworden.”
So bleibt als Ausrichtung unserer Korporationen die Verantwortung für einander, für unsere Mitmenschen und für die Kirche - und warum soll dies nicht ausstrahlen, Kreise ziehen und öffentlich wirksam werden? Und, fügte Kb Dr. Feldkamp hinzu „wir haben auch die Verantwortung, dass wir unseren Mitgliedern beibringen, klar zu denken” Und er machte dabei noch einen Schlenker zur Genderdiskussion. Denn: Klar zu denken, bedeute auch, über den Satz nachzudenken, es gebe mehr als zwei Geschlechter. „Das ist nämlich nicht wahr.”
R.N.

