Die Botschaft Jesu wirkt weiter

Mut zu einem Leben in der Nachfolge Christi

Mit der Reform der Liturgie 1969 wurde auch die bisherige Leseordnung unter anderem für die Evangelien geändert und in drei Lesejahre aufgeteilt: Lesejahr A beschäftigt sich mit dem Matthäusevangelium, im Lesejahr B steht das Markusevangelium im Mittelpunkt und Lesejahr C folgt dem Evangelisten Lukas. Diese Lesezyklen werden ergänzt durch Teile aus dem Johannesevangelium. So soll der reiche Schatz des Wort Gottes in der Verkündigung deutlicher zur Sprache kommen.

Nach Tod und Auferstehung Jesu um das Jahr 30 n. Christi Geburt sollte die Botschaft Jesu in die ganze Welt hinausgetragen werden. Die Augen- und Ohrenzeugen zerstreuten sich in die damals bekannte Welt, sodass sie nicht mehr unmittelbar befragt werden konnten. Damit aber das, was Jesus gesagt und getan hatte, nicht verloren gehen konnte, sammelten die direkten Zeugen oder Menschen, die sich noch an Jesus erinnern konnten, seine Worte und Taten, um sie der Nachwelt zu überliefern. In der Exegese wird diese Sammlung als „Logienquelle“ bezeichnet.

Glaubenskurs für eine lernende Gemeinde

Was die Entstehung und Abfassung der Evangelien betrifft, so müssen diese mehr als dreißig Jahre nach Jesus entstanden sein: Markus schrieb um das Jahr 70 n. Chr., wobei man davon ausgeht, dass er zeitweilig Begleiter des Apostels Petrus gewesen ist. Das Matthäusevangelium entstand nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahre 70 n. Chr. im jüdischen Umfeld, wobei der Verfasser unter dem Pseudonym des Apostels Matthäus schrieb. Das vierte Evangelium ist um das Jahr 100 n. Chr. entstanden. Weil der Verfasser dieser Schrift eigene Wege im Aufbau und in der Darstellung Jesu geht, zählt man dieses nicht zu den „synoptischen“ Evangelien. Der Apostel Johannes, „den Jesus liebte“ (Joh 21, 7), konnte zu dieser Zeit nicht mehr gelebt haben, der Verfasser dürfte der Presbyter Johannes gewesen sein, der wohl Schüler des gleichnamigen Apostels war. 

Der Autor des dritten Evangeliums beginnt seine Jesusgeschichte mit einem Vorwort, in dem er erklärt, warum er sein Evangelium schreibt. Verfasst hat der Schreiber seinen Bericht zwischen 80 und 90 n. Chr. Ihm war also schon das Markusevangelium bekannt, welches er als Vorlage für den Aufbau seiner Jesusüberlieferung benutzte und erweiterte. Der Verfasser, wir nennen ihn in der Überlieferung Lukas, will nun noch einmal den Ereignissen nachgehen, die die Augen- und Ohrenzeugen - „Logienquelle“ - berichtet haben, damit sein Schüler Theophilus, dem er dieses Werk widmet, sich von der Richtigkeit der Lehre überzeugen kann, und er betont dabei, „allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen“. 

Was das Lukasevangelium betrifft, dem wir in diesem Jahr folgen, ist nicht sicher nachweisbar, ob der Verfasser teilweise Begleiter des Apostels Paulus auf dessen Missionsreisen war. Im Kolosserbrief heißt es: „Es grüßen euch Lukas, der geliebte Arzt, und Demas.“ (Kol 4,14) 
Nach der Erzählung der Kindheitsgeschichte, die es nur bei Lukas gibt, und nach der Taufe durch Johannes im Jordan berichtet der Evangelist im 4. Kapitel von dem ersten öffentlichen Auftreten Jesu in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth. Die Rede Jesu, er zitiert aus dem Buch Jesaja, ist sein Programm, für das er in die Welt gekommen ist: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze.“ (Lk 4, 18) Die Rede Jesu fand großen Beifall, aber auch Kritik wurde deutlich: „Ist das nicht Josefs Sohn?“ (Lk 4, 22). Und die Antwort Jesu lautet: „Amen, ich sage euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt.“ (Lk 4, 24) „Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut.“ (Lk 4,28).

Option für die Armen

Der Schreiber des dritten Evangeliums stellt seine Jesusgeschichte ganz unter dieses Programm. Er verkündet Jesus als denjenigen, der sich auf die Seite der Kleinen und Schwachen, der Ausgestoßenen und Sünder, der um ihres Glaubens willen Verstoßenen und Misshandelten gestellt hat. Dieses Thema zieht sich durch das ganze Lukasevangelium, angefangen von der Geburt in einer Grotte als Außenseiter der Gesellschaft bis zu seinem Tod am Kreuz vor den Toren der Stadt, als Verbrecher bzw. Gotteslästerer abgestempelt. Gott steht nicht auf der Seite der Mächtigen und der Großen, sondern auf der Seite derer, die der Hilfe bedürfen. 

Viele Menschen reagieren heute ähnlich wie die Zuhörer in der Synagoge von Nazareth und die religiösen Führer Israels. Aber die Botschaft Jesu geht weiter, wie Lukas in seiner Apostelgeschichte berichtet. So ist diese Botschaft auch uns überliefert worden.

Stellen wir uns einmal vor, dieser Brief mit der Jesusgeschichte sei nicht nur an Theophilus gerichtet, sondern persönlich an uns. Wie würden wir diese Botschaft aufnehmen? Würde sie wirklich unser Leben verändern und unseren Glauben an Christus vertiefen, wie der Schreiber es sich für seinen Schüler erhofft?

Wir sind es gewohnt, Sonntag für Sonntag Abschnitte aus der Jesusgeschichte zu hören und dazu Erläuterungen und Anregungen der Priester. Was bleibt wirklich hängen und an was erinnern wir uns noch am Ende des Gottesdienstes? Ist es nicht manchmal so, dass wir nach den ersten Worten abschalten mit dem Gedanken: „Das kenne ich schon. Nichts Neues unter der Sonne?” Oder eine andere Frage: Wann und wie oft nehmen wir uns Zeit, die Bibel zur Hand zu nehmen und darin zu lesen? Schließlich soll dieses Buch eine Orientierung für unser Leben und eine geistige Nahrung sein.

Versetzen wir uns in den Kreis der Zuhörer Jesu. Wir selbst sind diejenigen, die er anspricht. Es geht dabei nicht um bloße Worte, sondern um das, was eigentlich dahintersteht. Wenn wir seine Rede auf unsere persönliche Situation beziehen, können wir vielleicht eher erahnen, was Jesus uns sagen will. Er macht uns ein großzügiges Angebot: „Ich bin derjenige, der Euch aus den Bedrängnissen und der Dunkelheit eures Lebens zu einem neuen Licht, einem neuen Anfang führen kann. Ich will die Armen und Schwachen, die sich selbst nichts zutrauen und die sich an den Rand gedrängt fühlen, aufrichten und ihnen Mut machen. Ich will die in sich selbst Gefangenen, die aus ihrer Isolation nicht mehr herauskommen können, befreien. Ich will diejenigen, die blind und taub sind, offen machen für die Erfahrung, dass sie von Gott geliebt und angenommen sind. Ich will den Niedergeschlagenen, die keine Hoffnung und keinen Halt haben und am Boden zerstört sind, eine neue Perspektive für ihr Leben geben.”

Auch heute gibt es viele Menschen, die diese „Gute Nachricht“ nicht annehmen wollen. Die Gründe sind vielfältig: Unsere Wohlstandsgesellschaft will uns klarmachen, dass wir uns selbst verwirklichen und das eigene Ich in den Mittelpunkt stellen sollen. Wohlstand, Macht, Streben nach Besitz und Selbstverwirklichung sind die Hauptpfeiler unserer Gesellschaft. Die Kirchen mit ihren Geboten und Ansichten werden als gestrig und weltfremd empfunden. Dies bezeugen die vielen Kirchenaustritte und die schrumpfende Zahl der Gottesdienstbesucher. Der Mut, zum Glauben zu stehen und zu bekennen, fehlt heute bei vielen.

Zur Freiheit der Kinder Gottes berufen

Die Einladung des Evangelisten steht nach wie vor. Sie will uns in die Freiheit führen und uns unabhängig machen von irdischen Dingen. Im Römerbrief heißt es: „Denn auch sie, die Schöpfung, soll von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.“ (Röm 8,21) An uns liegt es, durch unsere Lebenseinstellung und durch unsere Haltung zu den Mitmenschen und der Umwelt passende Antwort darauf zu finden und uns Mut zu machen für ein Leben, das den Spuren Jesu folgt.

Mag. Stephan Wolfgang Weber O.Praem (Bsg)