Verwehte Spuren
Christen in der Region Gaza
Gaza gilt vielen als Inbegriff von Krieg, Terror und Not. Das Los der Zivilbevölkerung erschüttert. Wenig bekannt ist Gazas kleiner werdende christliche Minderheit und ihre reiche biblische und kirchengeschichtliche Tradition. Eine Reise in ihre Vergangenheit unternimmt das Buch „Christen in der Region Gaza - Eine vergessene Geschichte”, Autor ist der Kirchenhistoriker Dr. Georg Röwekamp, langjähriger Geschäftsführer der Biblische Reisen GmbH und Leiter des Pilgerhauses des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande in Tabgha am See Gennesareth.
Der „fruchtbare Halbmond” ist eine Ursprungsregion der Zivilisation. Sein Bogen dehnt sich von der Levante bis zum Persischen Golf, umfasst Ägypten, Mesopotamien und Palästina und damit die Region rund um Gaza. Schon früh siedelten hier Menschen. Bis ins 13./14. vorchristliche Jahrhundert weisen archäologische Funde einer Nekropole bei Gaza-Stadt, der Bericht über einen Feldzug des Pharaos Tutmosis III. von 1457 v. Chr. schreibt von der „Stadt, die der Herrscher gepackt hat, Gaza mit syrischem Namen”. Denn Gaza war ein wichtiger Hafen und Schnittstelle zwischen Ost und West und stand im Lauf der Jahrhunderte unter der Herrschaft von Ägyptern, Babyloniern, Persern, Griechen und Römern, von Byzantinern, Arabern, Kreuzfahrern, Osmanen und Briten. Napoleon war dort und auch im Ersten Weltkrieg wurde hier hart gekämpft.
In der Bibel taucht Gaza als eine der fünf Philister-Städte auf, so im Buch Richter in der Erzählung von Simson, der dank seiner langen Haare übermenschliche Kräfte besitzt und Israels Feinde, die Philister, bekämpft. In die Falle gelockt, schneidet ihm die Philisterin Delila die Haare ab. Erst als diese wieder nachwachsen, kommt er zu neuer Stärke, reißt noch in Gefangenschaft, die Säulen des Philister-Tempels ein und nimmt seine Feinde mit in den Tod.
In der Apostelgeschichte nimmt der äthiopische Kämmerer auf seiner Heimreise von Jerusalem die Straße nach Gaza und wird dort vom Apostel Philippus bekehrt und getauft. Über Gaza verlief auch die einzige Straße, die das Heilige Land mit Ägypten verband. So verwundern Berichte nicht, dass die Heilige Familie auf ihrer Flucht ihren Weg durch Gaza genommen haben soll, auch wenn es dazu keinen Hinweis in der Bibel gibt. Für Gazas Christengemeinde aber war diese fromme Legende stets sehr wichtig.
Erste Zeugnisse von einer Christengemeinde stammen aus dem Ende des dritten Jahrhunderts, damals erlitten dort einige Christen den Märtyrertod. Es folgte eine Blütezeit: Hilarion von Gaza brachte das Mönchtum ins Heilige Land. Überreste seines Klosters wurden erst vor einigen Jahren ausgegraben, Viele Mönche lebten im Umkreis von Gaza, von prächtigen Kirchen wird berichtet, leider sind von ihnen nur wunderbare Mosaikfußböden erhalten. Damals war Gaza eine blühende Metropole, ihre Rhetorikschule zog Wissbegierige von überall an.
Nach der arabischen Eroberung wurden die Christen zur Minderheit, aber das Christentum verschwand nicht: Im 11. Jahrhundert war Suleiman von Gaza der erste christliche Dichter überhaupt, der auf Arabisch schrieb. Über all dies berichtet Georg Röwekamp und beschreibt auch die schwierige Lage der Christen im Gazakrieg. Wie alle Bewohner waren auch Gazas Christen den Kämpfen ausgesetzt, litten unter Not und Mangel. Manche kamen ums Leben, manche flohen, viele harrten im Bereich der christlichen Gemeinde aus, feierten Gottesdienst und versuchten, den Mitmenschen Hoffnung zu machen. Und so bezeichnete der lateinische Patriarch Pierbattista Pizzaballa Gazas standhafte Christen als „Licht unserer Kirche in der ganzen Welt!” So bleibt die Hoffnung, dass der Friedensplan für Gaza Bestand hat und bewirkt, dass auch Gazas Christen überleben und in ihrer Heimat bleiben können. Sonst wäre Gaza, so Georg Röwekamp gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd): „einer dieser Orte im Ursprungsland des Christentums, wo es keine Christen mehr gibt. Und das schreckliche Szenario eines christlichen Disneylands mit ein paar ausländischen Christen, die die heiligen Stätten betreuen, wäre noch etwas näher gerückt.”
Reinhard Nixdorf (Nm-W)
