Pier Giorgio Frassati (1901-1925) – Vorbild der studierenden Jugend?
Verso l’alto – Der Höhe entgegen!
Deutschland scheint bisweilen vom Fieber befallen, denn das Land sucht mit hohen Fernseh-Einschaltquoten einen Superstar nach dem anderen. Wer soll der beste Deutsche sein? Wer lässt sich am ehesten vermarkten? Casting, Events, Award-Verleihungen feiern fröhliche Urstände – gerade so, als ob es nichts anderes zu melden und zur Unterhaltung gäbe. Da kommt mir aus aktuellem Anlass wieder der Name Pier Giorgio Frassatis in den Sinn, den Papst Johannes Paul II. am 20. Mai 1990 seliggesprochen hat und der nun am 7. September 2025 von Papst Leo XIV. heiliggesprochen wurde.
Lebensfroh und mystisch
Das erste Mal war mir der Name bei der Beschäftigung mit Kb Hans Wölfel 1 aufgefallen. Wölfel war vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten in die Würzburger Rheno-Frankonia eingetreten und später als Bamberger Rechtsanwalt in der Konsequenz seines sozialen und christlichen Engagements von den Nazis verhaftet und hingerichtet worden. Als katholischer Student hatten Wölfel und seine Weggefährten auf der Suche nach Vorbildern für ihr Leben jenen Pier Giorgio Frassati entdeckt, der schon kurz nach seinem frühen Tod 1925 als „Heiliger“ verehrt wurde und der gleichwohl ein Genießer war: Frassati rauchte gerne gute Toskaner Zigarren, und einige der Bilder, die von ihm erhalten sind, zeigen ihn als Bergsteiger bei der Rast, mit der Pfeife im Mund 2. Hans Wölfel rauchte selbst gern, und da kam es ihm gerade recht, dass es da ein Vorbild der katholischen studierenden Jugend gab, das aus diesem „Laster“ keinen Hehl machte. Dass ich selbst in früher Kindheit an Kinderlähmung erkrankte, verbindet mich mit dem neuen Heiligen, der anlässlich der Heiligsprechung zusammen mit Carlo Acutis meines Erachtens zu Unrecht etwas unterzugehen droht.
Geboren wurde Pier Giorgio Frassati am 6. Juli 1901 als Spross einer wohlhabenden und politisch einflussreichen Familie in Turin. Seine Mutter Amelaide Ametis war Malerin und sein Vater Alfredo, ein erklärter Agnostiker, bereits als 26-Jähriger Gründer und Herausgeber der liberalen Zeitung „La Stampa“, die in Italien sehr erfolgreich war. Alfredo Frassati hatte es immerhin zum Senator gebracht und Anfang der 20er Jahre zum italienischen Botschafter in Deutschland.
Nach Hauslehrer und staatlicher Schule wechselte Pier Giorgio an eine Jesuitenschule, feierte täglich die hl. Messe mit und erhielt die Erlaubnis zum täglichen Kommunionempfang 3. Die Heilige Schrift wurde zu seinem regelmäßigen Lesestoff, und wie beim hl. Dominikus, in dessen Dritten Orden Pier Giorgio später eintreten sollte, hatten es ihm besonders das Matthäus-Evangelium und die Paulusbriefe angetan.
Die Bibel im Gepäck
Wie jener hatte Frassati diese biblische Lektüre oft bei sich und las darin wie andere z. B. die Tageszeitung auf dem Weg von der und zur Arbeit. Dabei liebte er die Geselligkeit, trieb Sport und begeisterte sich vor allem für das Bergsteigen. Als Studium wählte er das Bergbauingenieurwesen, engagierte sich seit 1918 auch als „Vinzenzbruder“ 4 und wirkte in der katholischen Studentenbewegung FUCI 5 mit. In der Zeit der sozialstudentischen Bewegung mit ihrem Motor Carl Sonnenschein 6 waren viele katholische Studenten in sozialen Bereichen engagiert, aber bei Pier Giorgio Frassati war die Intensität seines Gebetslebens und der Opferbereitschaft für Arme und Kranke auffallend. Dabei fand er keinerlei Rückhalt, geschweige denn Unterstützung seitens seiner Eltern. Vater Alfredo machte einmal einem Priester Vorwürfe wegen der „frommen Anwandlungen“ seines Sohnes, und Mutter Adelaide befürchtete (!) gar, ihr Sohn könnte Priester werden wollen. Frassatis besondere Verehrung der Eucharistie und seine Marienfrömmigkeit 7 verbanden sich mit einem ganz unverkrampften Eintreten für die Kirche und ihre Lehre, auch wenn seine Freunde 8, die ihm wegen seiner Impulsivität und der radikalen Ernsthaftigkeit seines Handelns Spitznamen wie „Terror“ oder „Robespierre“ gaben, diese Begeisterung nicht immer teilten.
Während sein Vater Botschafter in Berlin war, hatte Pier Giorgio zahlreiche deutsche Freunde kennengelernt. Mit einem von ihnen hatte er die ärmsten Viertel Berlins durchstreift und schon damals den Wunsch verspürt, nicht nur „etwas“, sondern sich selbst ganz zu geben.
Die Familie Rahner mit ihren später so berühmten Söhnen Hugo und Karl 9 lernte er anlässlich eines Sprachstudienaufenthalts in Freiburg kennen. In seinem Geleitwort für eine Biographie Frassatis 10, die dessen leibliche Schwester verfasst hat, schrieb Karl Rahner:
„Leute seines Schlages gab es damals – Gott sei Dank – unter den jungen Christen in Deutschland, Frankreich und Italien. Aber ich glaube, es gab doch nicht viele, die aus einem solchen großbürgerlich-liberalen Milieu kamen und die doch so Christen wurden wie Frassati... Hier wird eben doch geheimnisvoll die Unableitbarkeit der Gnade Gottes spürbar: Plötzlich ist wieder ein Christ da, wo Umgebung und Eltern meinten, so etwas sei bloß Vergangenheit.“ 11
Kurz vor Abschluss seines Studiums erkrankte Pier Giorgio Frassati an Kinderlähmung, die er sich in den Elendsvierteln Turins bei der Betreuung bereits Erkrankter zugezogen hatte. Die Krankheit raffte den vor Kraft strotzenden durchtrainierten jungen Mann nach einer Woche furchtbaren Leidens am 4. Juli 1925 in Turin, am Vortag der Schlussprüfung an der Technischen Hochschule, hin. Die Nachricht von seinem Tod verbreitete sich überraschend schnell bei Vertretern aller sozialen Schichten, und erst durch die überwältigende Teilnahme an seiner Beisetzung erfuhren seine Eltern vom großen Ansehen ihres Sohnes.
Bei seiner Seligsprechung im Vatikan am 20. Mai 1990 nannte ihn Papst Johannes Paul II. 12 einen „Menschen der Seligpreisungen“, und als solcher wird er u. a. in Italien, Belgien, Polen und den USA bis heute an verschiedenen Orten und in katholischen Vereinigungen lebhaft verehrt.
Mann der Seligpreisungen
Bereits bei der Einweihung des Internationalen Jugendzentrums San Lorenzo in Rom am 13. Mai 1983 hatte der Papst an Frassati erinnert, als er unter dem großen franziskanischen Kreuzbild von San Damiano, das die dortige Apsis krönt, zu den versammelten Jugendlichen sprach:
„Zugleich mit dem Andenken an das alte Kreuzbild von San Damiano [Original in S. Chiara, Assisi], an das Vorbild des hl. Franziskus und des hl. Laurentius möchte ich euch, gleichsam als Ansporn, nach hohen Idealen zu streben, auch an die Gestalt eines jungen Mannes erinnern, der in unserer Zeit gelebt hat: Pier Giorgio Frassati. Er war ein moderner Jugendlicher, offen für die Probleme der Kultur, des Sports, offen für die sozialen Fragen, für die wahren Werte des Lebens, und zugleich ein tiefgläubiger Mensch, der sich aus der Botschaft des Evangeliums nährte, mit leidenschaftlichem Einsatz den Brüdern diente und sich in einer glühenden Nächstenliebe verzehrte, die ihn zu den Armen und Kranken führte. Er hat die Seligpreisungen des Evangeliums gelebt.“ 13
Beim Weltjugendtag in Köln kam Papst Benedikt XVI. ausdrücklich auf Frassati zu sprechen. Er stellte ihn bei der Abschlussmesse am 21. August explizit als Vorbild der Jugend vor Augen und hob dessen Engagement für den Glauben, die Nächstenliebe und den Einsatz für soziale Gerechtigkeit hervor. Frassati sei ein „Mann der Seligpreisungen“, der offen und schwungvoll den christlichen Glauben lebte und diesen mit anderen teilte. Frassatis Leben und seine Worte – wie „Jesus besucht mich jeden Morgen in der Kommunion. Ich erwidere ihm mit meinen armseligen Mitteln einen Besuch“ – präsentierte der Papst als kraftvolle Einladung zum authentischen Christsein für alle Teilnehmer an der Schlussmesse des Weltjugendtages 2005. 14
„Verso l’alto – Der Höhe entgegen“ lautet die eigenhändige Aufschrift Frassatis auf einem Foto, das ihn als Bergsteiger bei seiner letzten Bergtour am 7. Juni 1925 zeigt.
Sein Vorbild für unsere Zeit und in unserem Verband KV weiter zu erschließen und fruchtbar zu machen, ist sicher eine gute Möglichkeit, unserer Berufung als Laienchristen in einer Zeit, die der Kirche gleichgültig und manchmal feindlich gegenübersteht, besser, mit frischem Mut und herzlicher Offenheit gerecht zu werden.
P. Robert Jauch, OFM (Arm, Rh-I, Rh-F, Ta, E d Gro-Lu, E d Gm)
Anmerkung:
[1] 1902-1944. Vgl. zusammenfassend meinen Beitrag: Hans Wölfel (Ott, Rh-F) zum 50. Todestag seiner Hinrichtung am 3. Juli 1944, in: AM 10/1994, S. 5-8, außerdem Lothar Braun, Wölfel, Hans Wilhelm, in: Siegfried Koß/Wolfgang Löhr (Hrsg.), Biographisches Lexikon des KV, Teil 1, Schernfeld 1991, S.106 f., und zuletzt Lothar Braun, Hans Wölfel und sein politischer Prozess, in: 139. Bericht des Historischen Vereins Bamberg 2003, S. 399-410.
[2] Bei manchen Reproduktionen dieses Fotos ist die Pfeife wegretuschiert, als ob man die heutige Tabakaufschrift „Rauchen kann tödlich sein!“ schon im voraus geahnt und diese Konsequenz daraus gezogen hätte.
[3] Damals war der häufige Empfang der hl. Kommunion noch keineswegs selbstverständlich. Erst der hl. Papst Pius X. (1903-1914) hatte ihn empfohlen und auch ermöglicht.
[4] Der spätere Literaturprofessor an der Sorbonne in Paris Antoine-Frédéric Ozanam, 1813-1853, hatte als Student 1833 in Paris die Vinzenzkonferenz gegründet, eine heute weltweite sozialtätige katholische Bruderschaft, die 1845 in München ihre erste deutsche Niederlassung gegründet hatte.
[5] Federazione Universitaria Cattolica Italiana die bis heute existiert.
[6] Vgl. Wolfgang Löhr, Sonnenschein, Carl, in: Koß/Löhr (Hrsg.), Biographisches Lexikon des KV, a. a. O., S. 99ff.; auch Othmar Keller, Dr. phil., Dr. theol. Carl Sonnenschein, gest. 20. Februar 1929, in: AM 1/2004, S. 6f.
[7] Pier Giorgio Frassati war außer in den anderen genannten Vereinigungen auch Mitglied der Eucharistischen Liga, der Marianischen Kongregation und der Katholischen Aktion.
[8] Ein solcher Kreis hatte sich den Namen „Die anrüchigen Typen“ gegeben.
[9] Beide wurden Jesuiten von internationalem wissenschaftlichen Rang.
[10] Luciana Frassati: Das Leben Pier Giorgio Frassatis. Eine Nachfolge Christi heute. Freiburg, Basel, Wien 1961, Diese Biographie fiel mir – zufällig? –, als aus der Pfarrbücherei in Velbert-Neviges aussortiert, Ende der 80er Jahre in die Hände, und ich bewahre sie in meinem persönlichen Bücherbestand.
[11] Ebd. S. 9f.
[12] Beim Weltjugendtag 2002 in Toronto/Kanada erwähnte der Papst erneut namentlich den sel. Pier Giorgio Frassati.
[13] Osservatore Romano, Deutsche Ausgabe, Nr. 13-14, vom 1. April 1983.
[14] Apostolische Reise nach Köln anlässlich des Weltjugendtages. Hl. Messe auf der Ebene von Marienfeld. Predigt von Benedikt XVI.; s. vatican.va (deutsche Ausgabe)
