Alemannia, Albertia und Ottonia starten mit einem Impuls zum ersten Prinzip

Der Römerbrief des Apostels Paulus als Akzent für die Vorortübergabe

Festlich, wie es sich gehört, ist am 25. Oktober 2025 im Alten Rathaus zu Hannover der Kommers zur Vorortsübergabe an Ottonia, Alemannia und Albertia vollzogen worden. Aber abseits der Feierlichkeit haben die Aktiven der Gothia der Feier eine Stunde der Besinnung vorgeschaltet und damit offenbar ins Schwarze getroffen: Den Vorort übernehmen: das bedeutet Bereitschaft, Verantwortung zu tragen. Das verlangt ernsthaftes Nachdenken über die Grundsätze, mit denen man an die neue Aufgabe herangehen will. Mit Kb Pastor Winfried Henze (Wf, E d Cher) hatten sie sich einen Mahner ins Haus geholt, der sich alsbald als Mutmacher erwies.
Berlin (Askania-Burgundia) und Hannover (Gothia) sind keine klassischen Stätten für die nostalgische Pflege alter Burschenherrlichkeit. Unser KV hatte den Vorort für 2024/2025 in die deutsche Bundeshauptstadt mit wachsender europäischer Bedeutung und in die niedersächsische Metropole mit der größten Industriemesse der Welt verlegt – offensichtlich, um die Auseinandersetzung mit der Zeit, mit ihren Kräften, Chancen, Tendenzen und Versuchungen zu betonen – eine Grundrichtung, die aktuell bleibt, wenn jetzt drei Korporationen den Vorort übernehmen, die in München, der nicht minder modernen bayerischen Hauptstadt, daheim  sind. 
Kb Henze, im Bistum Hildesheim bekannt als langjähriger Pfarrer der Basilika St. Godehard, als Journalist und Buchautor, begann seinen Impuls mit einer Zumutung. Er bot den Gothen und Gästen, die den Versammlungssaal des Gothenhauses bis zum letzten Platz gefüllt hatten, zur Auseinandersetzung mit modernsten Themen wie KI, Klimaforschung, Kernphysik, Gendertheorie einen Text an, der fast zweitausend Jahre alt ist! 

„Gleicht euch nicht dieser Welt an!"

Aber als Kb Tobias Tumbrink (Wh, Nbg, Rh-Mv, Urb, A-Me) aus dem Römerbrief (Kap. 12) vorzulesen begann, wurde sofort klar: Hier sprach der Apostel Paulus mit einer Gemeinde, die Rom, in der reichsten und mächtigsten Hauptstadt der damaligen Welt, gewiss andere Themen als unser heutiger KV hatte, aber durchaus vor vergleichbaren Herausforderungen stand:

„Gleicht euch nicht dieser Welt an,
sondern wandelt euch und erneuert
euer Denken, damit ihr prüfen und
erkennen könnt, was der Wille Gottes
ist, was ihm gefällt, was gut und
vollkommen ist…“
 

Schnell wurde deutlich: Wer jeweils dem neuesten oder stärksten Trend der Zeit folgt, mag schnellen und billigen Beifall erlangen, er ist aber auf dem Weg in die Überflüssigkeit und Langeweile. „Neues Denken“, heißt das: Offen sein für neu aufkommende Erkenntnisse und zugleich kritisch fragen: Fördern sie den Menschen, seine Persönlichkeit, seine Würde? Oder machen sie ihn zur Marionette elektronisch gerüsteter Meinungsmächte, vielleicht gar zum Appendix von Maschinen? Das Prinzip Religio erweist sich gerade auch da, wo es auf unveränderlichen Grundsätzen beharrt, als Quelle der persönlichen Freiheit. Dazu wurde von den Versammelten mit Schwung ein zum Anlass passender leicht veränderter Text gesungen:

Freiheit, die ich meine,
sei mir Schwert und Schild!
Komm mit deinem Scheine, 
der mein Herz erfüllt!
Magst du dich nicht zeigen
der bedrängten Welt - 
gibt dich uns zu eigen
Gott, der Herr der Welt.

Für den neuen Vorort wurde beim weiteren Lesen der Römerbrief-Passage ein zweiter Hinweis sichtbar: Paulus sieht nämlich die Aufgabe, sich mit der Zeit und Welt auseinanderzusetzen, nicht als Sache des Einzelnen, sondern der Gemeinschaft. Wenn er die Gemeinde mit einem Leib vergleicht, finden wir uns auch als Verband darin wieder:

„Wir sind ein Leib in Christus, als
Einzelne aber sind wir Glieder, die
zueinander gehören. Wir haben unter-
schiedliche Gaben, je nach der uns
verliehenen Gnade…“
 

Paulus zählt dann mit Begeisterung viele unterschiedliche Talente auf, die sich in der Gemeinde finden und mahnt jeden, sich mit seinen Möglichkeiten für alle einzusetzen. Dazu sagte Kb Pastor Henze: „Liebe Kartellbrüder, wenn ihr jetzt den Vorort bildet, werdet ihr viel herumkommen. Haltet eure Augen offen. Ihr werdet in den Korporationen des KV Interessantes entdecken, besondere Kenntnisse und Fähigkeiten von Kartellbrüdern, höchst unterschiedliche Ansichten zu vielerlei Fragen. Ihr müsst nicht alles gut finden, was euch da begegnet, aber alles aufmerksam zur Kenntnis nehmen. Ihr könnt viel dazu beitragen, dass Gedankenaustausch und Diskussion in unserem Verband lebendiger werden, wozu auch immer gehört, was Paulus hier sagt: 

„Übertrefft euch in gegenseitiger Achtung!“ 

Es war ein Impuls, den die Gothia der feierlichen Vorortsübergabe vorgeschaltet hatte, mehr nicht, vor allem kein Ersatz für eine Festmesse, obwohl am Schluss ganz selbstverständlich Gebet und Segen standen. Aber man konnte den Eindruck gewinnen, dass hier eine Form gefunden worden ist, die dem Anlass höchst angemessen war und in vergleichbaren Situationen gern aufgegriffen werden kann. An unseren Universitäten gibt es womöglich so manchen Menschen, der im Meinungschaos dieser Zeit nach Halt sucht und dem wir umso besser dienen können, je klarer unser eigenes Profil ist. In einer weiteren zum Anlass geänderten Liedstrophe bekannte man sich zu dieser gemeinsamen Aufgabe:

Brüder, reicht die Hand zum Bunde!
Gott schenkt unsrer Freundschaftsrunde
Freude, Kräfte und Versteh‘n.
Er gibt Wollen und Gelingen, 
unsern Bund voranzubringen
Lasst uns seine Wege gehen,
lasst uns seine Wege gehen!

Dr. Markus Wittenberg
(Mk, Li, AR, Smn, Urb, E d Wk, E d Eck)