Zeichen der Gegenwart Gottes - Gedanken zum Fest Allerheiligen
Msgr. Dr. theol. Matthias Türk (Pal, Wh)

Komische Heilige gibt es in unserer Welt, und Scheinheilige wahrscheinlich noch mehr. Aber heilig sein zu wollen, finden viele komisch und es scheint etwas völlig Veraltetes, nicht ganz Normales zu sein. Heilige begegnen uns oft als Gipsfiguren mit erstarrtem seligen Blick. Ihr Wohnort ist der Himmel, von dem wir wissen, dass sie dort wie in der Geschichte vom „Münchner im Himmel“ immer „luja“ singen müssen. So sind die Heiligen eine Karikatur geworden, über die man lächelt, während wir selber eigentlich nichts zu lachen haben auf der einen Seite vor lauter Gewöhnlichkeit und Langeweile und auf der anderen Seite vor zunehmender Daseinsangst in einer Welt, die sich immer weiter verändert.
Heilige sind Menschen, die etwas aufblitzen lassen von dem Mehr, das sich hinter unserer Welt, hinter den Dingen, hinter unserem Denken und Handeln verbirgt. Heilige sind nicht aus Gips, sondern aus dem gleichen Holz geschnitzt wie wir, und in ihrer Menschlichkeit sind sie Zeugen des Glaubens. In seiner Dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen gentium” bezeichnet das Zweite Vatikanische Konzil sie als „Schicksalsgenossen unserer Menschlichkeit, in deren Leben Gott den Menschen in lebendiger Weise seine Gegenwart und sein Antlitz zeigt“ (LG 50).
Wenn wir einerseits nicht verkommen wollen, im dürftigen Angebot des Normalen und der gähnenden Langeweile der ausgelutschten Konsumwelt und andererseits ausbrechen wollen aus der Welt der sozialen Medien, die sich gegenseitig immer mehr aufputschen, dann brauchen wir diesen Einbruch des Himmels in unserem Erdendasein: Menschen, die glaubwürdig mehr zu bieten haben als das, was man sich kaufen oder marktschreierisch einfordern kann. Und dieses Mehr stammt nicht von ihnen selber, sondern ist die Gegenwart und das Antlitz Gottes.
„Wer sind diese, die weiße Gewänder tragen, und woher sind sie gekommen?“ Die Frage des Ältesten in der geheimen Offenbarung des Johannes ist keine nebensächliche Frage. Es muss unsere Frage sein, weil wir für unsere Welt und für unsere Kirche Heilige brauchen. Heilige, die nicht durch große Worte Aufsehen erregen, die nicht als Stars Millionen scheffeln, um sich eine irdische Traumwelt aufzubauen, sondern die beseelt sind vom größeren Geheimnis des Lebens, denen man anmerkt, dass sie besiegelt sind, dass sie selbst zum Zeichen geworden sind, geprägt von der Gegenwart Gottes.
In weiße Gewänder sind sie gekleidet. Auch wir sind einmal mit einem weißen Gewand bekleidet worden - bei unserer Taufe. Wir haben, wie die Heilige Schrift sagt, Christus angezogen. Auch durch unser Leben soll etwas sichtbar werden von der göttlichen Wirklichkeit. Was den Heiligen gelungen ist, das ist auch unsere Zielvorgabe, unser Weg zum seligen, glücklichen, geglückten Leben: dass Gott aufstrahlt in unserem Leben, dass unser Leben zum Lobgesang auf die göttliche Herrlichkeit wird, kein lächerliches „luja“ wie beim „Münchner im Himmel“, kein eintöniger Grabgesang, sondern eine vielstimmige Symphonie, in der alle Regungen unseres Herzens zu Melodien werden, die auf den großartigen Komponisten verweisen, der uns das Leben geschenkt hat, und der unser eigenes Leben wie das der ganzen Welt zu einem guten Ende führen wird.