Das Wort ist Mensch geworden
Dipl.-Theol. Joachim Pauli (AR, Rh-Mv, Rh-I)
Liebe Kartellbrüder,
Ich erinnere mich an eine Zeichnung, die ich vor Jahren sah: Aus dem Himmel werden den Offenbarungsreligionen Judentum, Christentum und Islam ihre heiligen Schriften gegeben: Tora, Bibel und Koran. Der Zeichner spielte an auf die Auseinandersetzungen von Angehörigen der drei Religionen, auf ihre Streitereien in der Geschichte und in der Gegenwart, nicht verstehend, wie man als „Buchreligion“ andere Buchreligionen bekämpfen kann.
Buchreligionen: Der Islam lehrt, dass Gott den Koran Mohammed ins Ohr gesagt und dieser Gottes Worte direkt und wörtlich aufgeschrieben habe – Gottes eigene Worte, die hoch verehrt werden, die man auch nur in Arabisch lesen darf, um auch nichts zu verfälschen, was durch Übersetzungen durchaus geschehen kann. Durch den Koran offenbart Allah seinen Willen, ihn zu befolgen sind die Menschen verpflichtet.
Das Judentum bekam mit der Tora das erste Buch der drei großen Religionen der westlichen Welt: Es ist, wie unser Kartellbruder Papst Benedikt in seinem Jesus-Buch schrieb, das eigentliche Manna, das Israel nährte und bis heute nährt. Und so wird im Synagogengottesdienst die Tora feierlich aus ihrem Schrein, einem Tabernakel gleich, herausgeholt, geküsst und in einer Prozession verehrt.
Auch das Christentum hat ein Buch: es ist die Bibel, die Tora der Juden, erweitert um die Schriften des Neuen Testaments. Auch bei uns wird das Evangelienbuch feierlich umhergetragen, die Ministranten halten Leuchter, wenn das Evangelium verkündet wird, auch dieses Buch wird geküsst. Die Riten sind ähnlich, schließlich ist auch für Christen die Bibel Wort Gottes, so sagen wir nach dem Vortrag der Lesung, und die Gemeinde stimmt zu: Dank sei Gott! Dank für Gottes Wort. Dieses Wort aber ist in menschlicher Sprache verfasst: Menschen haben über 1000 Jahre aufgeschrieben, was sie mit ihrem Gott erlebt haben. Gottes Wort in Menschenwort? Ist die Bibel weniger wert als die Tora oder der Koran? Weniger Wort Gottes als diese?
Was es mit dem Wort Gottes auf sich hat, lesen wir im Prolog des Johannesevangeliums: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ (Joh 1,1). Gott und sein Wort sind eins, wo Gottes Wort ist, ist Gott: „Durch sein Wort ist alles geworden“ (Joh 1,3) – wir erinnern uns an die Schöpfungsgeschichte, an Gottes schöpferisches Wort. Schöpfung, Leben, Licht, Erleuchtung: Das ist Gottes Wort, da sind wir uns mit Juden und Muslimen einig. Nun aber verlässt Johannes die jüdische Wort-Theologie: Dieses Wort blieb kein Wort, kein Wille, kein Gesetz, dieses „Wort ist Fleisch geworden“, das Wort wird Mensch (vgl. Joh 1,14).
Gottes Wort, sein Wille, sein Gesetz in einem Buch: So der Glaube der Juden und Muslime. Gottes Wort in einem Menschen: Das ist unser Glaube, Christus, Gottes Gnade, Gottes Wahrheit. Damit wir aus ihm geboren werden können, kleidet er sich in unsere Gestalt, er wird Mensch, damit wir wie er werden können. Dazu erweckt er sich keinen Propheten, keinen Mose oder Mohammed, Gott selbst kommt, er selbst bringt Kunde, Gott selbst das Kind in der Krippe: „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade.“ (Joh 1,16).
Euch und Euren Lieben wünscht eine gesegnete Weihnacht und Gottes Segen für das Neue Jahr
Euer Kb Joachim Pauli, Diakon
