Gedanken zum Weihnachtsfest von Bischof Dr. Franz Kamphaus, vorgestellt von Kb Diakon Joachim Pauli (Ar, Rh-Mv, Rh-I)

Kb Joachim Pauli

Seit Jahren nehme ich Gedanken von Franz Kamphaus auf in meine Weihnachtspost. Sie stammen aus dem kleinen Herder-Bändchen von Franz Kamphaus, Die Sternstunde der Menschwerdung, Weihnachtliche Anstöße. Als neues Mitglied im Seelsorgeteam des KV nach einem Beitrag für die Weihnachtsausgabe der AM gefragt, kamen mir sogleich Gedanken „meines“ Bischofs Franz in den Sinn. Sie möchte ich mit Euch, meinen Kartell- und Bundesbrüdern, teilen…

Am 28. Oktober 2024 starb der Limburger Bischof emeritus Dr. Franz Kamphaus mit 92 Jahren. An seinem 75. Geburtstag, dem 2. Februar 2007, war er aus dem Amt geschieden. Zu seinem letzten Weihejahrgang gehörte ich: Am 25. November 2006 weihte Bischof Franz sieben Mitbrüder und mich zu Ständigen Diakonen. Aus dem Bistum Essen Anfang der 90er Jahre kommend, hatte ich in Limburg Kirche neu „gelernt“: für Bischof Franz stand nicht die hierarchische Ordnung im Vordergrund, sondern die geschwisterliche Gemeinschaft, Kirche als Miteinander, nicht als Übereinander! Was Franz Kamphaus als Bischof vor allem auszeichnete, war sein Interesse am anderen: fragen, um selbst zu lernen. Und es war seine spirituelle Kraft, gewonnen aus der Betrachtung der Heiligen Schrift, die uns bis heute faszinieren kann in seinen Büchern.

Ich gebe zu, ich bin ein Weihnachtsmuffel! Mein Fest ist Ostern, Fest des Lebens in Fülle in der zum Leben erwachten Natur. Dabei verkünden Advent und Weihnachten eigentlich eine wunderbare Botschaft, nur wird sie in unserer säkularen Gesellschaft verkitscht: je weniger Glaube, desto mehr Lichterschmuck im Vorgarten! Und der Weihnachtsbaum wird schon zum ersten Advent aufgestellt und am zweiten Weihnachtstag nach draußen entsorgt. Die Zeit vor Weihnachten ist nicht die Weihnachtszeit, sondern der Advent, die Zeit des Wartens und der Erwartung und der Vorbereitung. Auf Großes muss man sich vorbereiten, nicht nur äußerlich; es braucht eine innere Bereitung, damit es gut wird. Denn es kündigt sein Kommen nicht irgendwer an, sondern Gott selbst. Doch wie er kommt und wohin er geht, das überrascht dann doch…
Eine Stimme ruft: Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße für unseren Gott! (Jes 40,3)

Der Weg Gottes geht durch die Wüste, durch unsere Lebenssituation, wo Hoffnungen welken, wo Berge den Weg versperren und Todestäler die Abgründe des Lebens ahnen lassen. Wir brauchen und dürfen den Weg nicht allein gehen. Wir werden unterwegs schreien, hadern, zweifeln. Wir sollten allemal miteinander schweigen und reden. Wie gut tun Glaubensworte, die aus dem Schweigen kommen, Worte, in denen der Morgen dämmert, die Türen öffnen, aufatmen lassen und Raum schenken zum Leben. 
Es ist Advent. Wir sind mit Gott noch lange nicht am Ziel. Aber wir dürfen unseren Weg in der Gewissheit gehen, dass der Messias, der Advent Gottes in Person, selbst die Gottesferne durchlitten hat. An seiner Solidarität mit den Strauchelnden braucht niemand zu zweifeln… (F.K.)

Weihnachten hat wenig mit Deko, aber viel mit unserem Leben zu tun. Trotz aller Widrigkeiten können wir dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt. Trotz aller Mängel ist es „gefülltes Leben“, weil Gott es füllt mit seiner Liebe und seinem Leben. Trotz eigener Schwächen dürfen wir uns einsetzen für die Niedrigen, weil Gott sich stark macht gerade für sie…

… und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. (Lk 2,7)
Wenn eine Mutter, ein Vater mit ihrem Kind spielen, dann bleiben sie nicht stehen und schauen von oben herab zu. Sie gehen in die Knie, in Augenhöhe mit dem Kind… Wir werden klein, damit das Kind ganz groß wird. 
So macht Gott das mit uns. Allmacht und Erhabenheit sind für ihn nicht alles. Er ist so frei und geht in die Knie, dorthin, wo wir sind… Windeln und Futtertrog sind die Zeichen, an denen man ihn erkennt. Jämmerlich – oder? Wir würden sagen: So kann man doch mit Anstand nicht geboren werden. Er wohl... 
Gott lässt sich auf unsere Situation ein, auf unsere Ebene. Er hat sich weit hinausgewagt in die Fremde. Er hat sich nicht nur weit aus seinem himmlischen Fenster herausgehängt, er ist bis zum Äußersten gegangen, bis in den letzten Stall, um auch die letzten zu erreichen, die hergelaufenen Hirten – und schließlich auch uns. Ist das Schwäche? Das ist stark!
Damit ist für uns der Weg vorgezeichnet, damit sind Maßstäbe gesetzt. Davon darf man an Weihnachten nicht schweigen. Die Kirche bleibt nur dann die Kirche Jesu Christi, wenn sie sich wie er herauswagt in die Fremde… Wenn wir uns nur nach allen Regeln der (theologischen) Kunst absichern vor der Welt, kommen wir schließlich gar nicht mehr in den Stall, wo die Geburt stattfindet – aus Angst, dass wir uns die Hände dreckig machen und die saubere Weste. Wer nicht in den Stall geht, verpasst die Menschwerdung Gottes... (F.K.)

Das Ungeheuerliche in den Augen der Muslime etwa, dass der große Gott Mensch wird, dass er einen Sohn hat, ist gerade das Zentrum unseres Glaubens. Gott offenbart sich nicht in einem Buch, sondern in einem Menschen, seine Heilszusage hat einen Namen: Jesus, Gott rettet. Und der ist in so vielem anders, als wir in unserem Wertekanon für uns selbst und für andere aufgelistet haben…

Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. (Joh 1, 11)
Er sprach vom Salz der Erde, nicht von Honig oder Marmelade. Er hat die Leidenschaft nicht durch Gemütlichkeit ersetzt. Vorsichtig und sparsam mit sich selbst umzugehen war nicht seine Art. Er schonte sich nicht, er setzte sich aus. Er beanspruchte keine Privilegien und pochte nicht auf seinen Besitzstand. Er wollte nicht an anderen verdienen, er diente. Er hatte kaum Geld. Gott war ihm wichtiger als ein sattes Bankkonto. Wenn man heute hierzulande den Eindruck gewinnt, die Kirche bräche zusammen, weil ihr das Geld ausgeht – die Sorge hatte er nicht. Als Patron kirchlicher Wehleidigkeit ist er nicht zu gebrauchen. 
Er widerstand der Versuchung, die Welt mit Gewalt in Ordnung zu bringen – kein heiliger Krieger, der um der vermeintlich guten Sache willen über Leichen geht. Er war überzeugt, dass es besser ist, den Erfolg zu opfern als Gottes Liebe. Er war so frei, sich verschenken zu können. Er ließ nicht andere für sich sterben, sondern starb für die Menschen – „für euch und für alle“. Krippe und Kreuz – er ist sich treu geblieben. (F.K.)

Hirtenstab und Bischofskreuz von Bischof Franz waren geschnitzt aus einem Balken des elterlichen Bauernhauses in Lüdinghausen: nie vergaß er seine Herkunft, er wusste, aus welchem Holz er geschnitzt war. Angst vor einer „armen Kirche“, die sich Papst Franziskus wünschte, hatte er nicht: lieber sollte sie „verbeult“ in der Welt die frohe Botschaft bezeugen statt strahlend um sich selber kreisen. Seine Gewissheit kam tatsächlich aus dem Glauben!

Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen. (2 Kor 8,9)

Der Gott, an den wir glauben, teilt nicht nur von oben Güter aus, er teilt unser Leben. Er entäußert sich, gerät außer sich, damit wir zu uns kommen. Er unterläuft den menschlichen Wahn, wie Gott sein zu wollen und den Himmel zu stürmen. Gott hat diesen Himmel längst verlassen, er hat den Menschen und die Welt als neue Heimat entdeckt. Er ist uns gerade in dem voraus, was wir wie selbstverständlich für uns beanspruchen: im Menschsein. Er ist bei uns zu Hause. Das ist der reichste Schatz, den wir empfangen können. Damit brauchen wir uns nicht zu verstecken, damit können wir uns sehen lassen. (F.K.)

Franziskus von Assisi wird eine Weihnachtspredigt zugeschrieben, in der es heißt: „Man muss etwas merken nach Weihnachten, dass man die Christgeburt gefeiert hat. Und man wird sich auf den Weg machen müssen, um an Epiphanie seine eigenen Gaben zu bringen. Nein, sich selbst.“

Als die Engel sie verlassen hatten und in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: Kommt wir gehen nach Bethlehem, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr verkünden ließ. So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag… (Lk 2, 15-16)

Von den Hirten heißt es hier: „Sie eilten hin“. Das mag vielen zu schnell gehen. Wer kann schon mit ihnen Schritt halten, wenn der Glaube knapp geworden ist… Unsere Schritte sind schwer geworden, manches liegt quer und versperrt uns den Zugang.
Ich möchte mit den Hirten gehen. Ich möchte von ihnen lernen, dass kleine Schritte mehr bringen als große Worte. Ich möchte mich von ihnen bewegen lassen. Bewegung, das ist etwas anderes als „Sitzung“. Die beschäftigen uns stundenlang. Und man wird oft in den quälenden Diskussionen den Eindruck nicht los: Es bewegt sich nichts. Wird man von der Kirche unserer Tage sagen können: „Und sie bewegt sich doch!“? Bringt uns die Weihnachtsbotschaft auf die Beine, hin zu den anderen Menschen?
Wir können von den Hirten lernen, dass es darauf ankommt, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sie geben den Fall nicht an eine Kommission weiter. Die hätte getagt, Ausschüsse gebildet und wieder getagt, und schließlich hätte sie die Heilige Nacht vertagt oder verschlafen. So nicht! Die Hirten wissen sich selbst gerufen und gefordert. Was sie hören, erzählen sie weiter. Sie werden zu Boten der Botschaft, die sie empfangen haben. Sie, die ganz einfachen Leute, die Nicht-Studierten, die Laien, sie sind die ersten Boten des Weihnachtsevangeliums in ihrer Alltagswelt. Gott braucht Zeugen, die mit ihrer Glaubenserfahrung nicht hinterm Berg halten. (F.K.)

Mach´s wie Gott: Werde Mensch! Dass uns das immer mehr gelingt, dazu möge Weihnachten beitragen. Eine frohe und gesegnete Weihnacht und Gottes Segen für das neue Jahr wünscht allen Kartell- und Bundesbrüdern und ihren Lieben 

Kb Dipl.-Theol. Joachim Pauli (AR, Rh-Mv, Rh-I)

stammt aus Bochum, er studierte an der Ruhruniversität und in Innsbruck Katholische Theologie und arbeitete insgesamt 22 Jahre als Religionslehrer an Beruflichen Schulen. 
Im Bistum Limburg wurde er für das Amt des Diakons vorgeschlagen und zum Ständigen Diakon geweiht; 18 Jahre war er als Seelsorger in der Pfarrseelsorge im Taunus tätig.
Kb Pauli ist verheiratet und hat eine Tochter.