Ein Jubelfest auf dem Normannenhaus in Würzburgs Mergentheimer Straße

Die K.St.V. Normannia-Würzburg feierte vom 9. bis 11. Januar ihr 150. Bundesfest

Hundertfünfzig Jahre K.St.V. Normannia-Würzburg! Ein rauschender Festkommers auf dem Würzburger Normannenhaus leitete Anfang Januar das Jubeljahr ein, das noch für manche Überraschungen sorgen soll.

Dies hob Bb Markus Hahn, Normannias Philistersenior, bei der Begrüßung der Corona hervor. Markus Hahn, selbst Spross einer alten Normannenfamilie, erinnerte dabei an seinen Großvater, den Arzt Dr. Hahn. Ihm zuliebe, als Geburtstagsgeschenk, sei er seinerzeit bei Normannia eingetreten. Sein Großvater Dr. Hahn habe die Gründungsväter Normannias noch persönlich gekannt und es sich nicht nehmen lassen, als Hundertjähriger den Festvortrag bei Normannias damaligem Stiftungsfest zu übernehmen und er habe dies souverän in freier Rede durchgeführt. 

Bb Markus Hahn freute sich über Normannias Aktivitas und ihren Senior, Florian Messbacher. Dass sich Normannias Aktivitas nicht nur bei der Vorbereitung des Bundesfestes ins Zeug gelegt hatte, sondern auch in der Keilarbeit, sollte sich im weiteren Ablauf des Abends mit der Aufnahme weiterer Füchse und Burschen bei Normannia zeigen.

Fröhliche Gesichter überall und angesichts dieses „runden Datums” war selbstverständlich auch eine Abordnung des aktuellen Vororts des Kartellverbands mit dabei, zumal Alemannia München als Tochter-verbindung von Würzburger Normannen in München gegründet wurde. Ohne Normannia würde es Alemannia München nicht geben, meinte Vorortsvizepräsident Kb Andreas Penzkofer (Ale) in seinem Grußwort und lud die Corona denn auch gleich zu Alemannias 145. Stiftungsfest im Juni in die bayerische Landeshauptstadt ein.

Chance zu Ausblick und Selbstvergewisserung

Hundertfünfzig Jahre Normannia - das sei nicht nur Anlass zu Erinnerung und Rückschau, sondern vor allem Anlass zu Ausblick und Selbstvergewisserung, sagte der Würzburger Historiker Prof. Dr. Matthias Stickler in seinem Festvortrag. Der apl. Professor für Neuere und Neueste Geschichte gehört der Würzburger CV-Verbindung K.D.St.V. Gothia an und befasst  sich als wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Hochschulkunde mit couleurstudentischer Kultur und Geschichte. Im Zentrum seines Vortrags stand daher die Frage, wie sich katholische Studentenverbindungen heute noch - oder wieder, in veränderter Form - in Kirche und Gesellschaft einbringen können.
Historisch entstanden katholische Studentenverbindungen seit den 1840er Jahren auch als Reaktion auf Diskriminierungserfahrungen gläubiger Katholiken an den überwiegend kulturprotestantisch geprägten Universitäten. Sie waren „Selbsthilfe- und Abwehrorganisationen“ einer konfessionellen Minderheit, deren Kulminationspunkt im politischen und akademischen Kulturkampf lag. Neben ihrer Katholizität war ihr hervorstechendes Merkmal, „weil es nicht selbstverständlich war“, ihre bewusste Entscheidung für das Nichtschlagen.
Bis weit in die frühe Bundesrepublik hinein bildeten katholische Verbindungen ein tragendes Milieu des deutschen Katholizismus. Prof. Stickler wies dabei auf die Einschätzung des Historikers Christopher Dowe hin, wonach katholische Verbindungsstudenten im Kaiserreich „doppelte Eliten“ gewesen seien: „geistige Elite einer starken konfessionellen Minderheit und gleichzeitig konfessionelle Minderheiten in einer geistigen Elite“. Sie verstanden sich als „Verkörperungen 
der Sozialfigur des Bildungsbürgers“ und brachten in erheblichem Umfang Führungspersönlichkeiten in Politik, Verwaltung und Kirche hervor.
Zentral für dieses Selbstverständnis war die erzieherische Funktion der Verbindung. In Anlehnung an die „Humboldtsche Lücke“ – den staatlichen Verzicht auf moralische Erziehung – wirkten katholische Verbindungen komplementär zum Universitätssystem. 
Diese Erziehung beruhte jedoch auf bewusster Selbstbegrenzung: „‚Freiheit‘ bedeutete deshalb auch für den katholischen Verbindungsstudenten nicht schrankenlose, sondern ‚beherrschte‘ Freiheit“, also die „freiwillige Zurücknahme der individuellen Interessen zugunsten der höheren Zielsetzungen des Bundes“, sagte Prof. Stickler. Rituale, religiöse Praxis und öffentliche Sichtbarkeit dienten der Einübung eines katholisch-akademischen Habitus, der stets auch öffentlich wirksam war: „Jedes öffentliche Auftreten … war ein weltanschaulich-konfessionelles Bekenntnis.“

Doppelte Eliten

In der Weimarer Republik erreichten CV, KV und UV einen zahlenmäßigen und gesellschaftlichen Höhepunkt. Zusammen stellten sie mit rund 45.000 Mitgliedern „eindeutig das größte Lager im pluralistischen Spektrum der Korporationsverbände“. Auch Normannia Würzburg gehörte zu den bedeutendsten katholischen Verbindungen ihrer Zeit. Diese Entwicklung wurde durch den Nationalsozialismus brutal beendet. Katholische Verbindungen wurden „zunächst sukzessive gleichgeschaltet, zur Selbstauflösung gedrängt und 1938 schließlich ganz verboten“. Gerade diese Verfolgung ermöglichte jedoch nach 1945 eine schnelle Wiedergründung, da viele ihrer Mitglieder als unbelastet galten oder Widerstand geleistet hatten.

Die frühe Bundesrepublik brachte noch einmal eine zweite Blüte, doch seit den 1960er Jahren setzte ein nachhaltiger Bedeutungsverlust ein. Gesellschaftlicher Wandel, Massenuniversität, Achtundsechzigerbewegung und innere Konflikte erschütterten Traditionen und Selbstverständnis. Prof. Stickler beschrieb diese Phase als „zutiefst traumatische Erfahrung“ für viele Verbindungsmitglieder, nicht zuletzt wegen der „inneren Konflikte, vor allem um das überkommene Brauchtum sowie das Katholizitätsprinzip“. Zwar konnte die „Talfahrt gestoppt“ werden, doch wurden die Verbindungen „an den Universitäten nun zu einer randständigen Minderheit“.

Das unterschätzte Potenzial katholischer Verbindungen

Besonders gravierend sei der Bedeutungsverlust innerhalb der Katholischen Kirche. Der Umbau der Volkskirche hin zu einer stark hauptamtlich und von Gremien geprägten Struktur führte zur Marginalisierung ehrenamtlicher Milieus. Die katholischen Korporationsverbände verloren ihren früheren Einfluss und wurden „zu marginalen Randgruppen in der katholischen Kirche Deutschlands“. Der Gremienkatholizismus, so Prof. Stickler, habe zunehmend Themen priorisiert, zu denen die Verbindungen „eine spürbare Distanz“ entwickelten. Dass sie heute auf Katholikentagen „nur am Rande präsent sind“, sei Ausdruck dieser Entfremdung.
Aktuell hätten die Missbrauchsskandale „den Prozess der personellen Schrumpfung der Kirche beschleunigt“, der bereits in den späten 1960er Jahren eingesetzt habe, hob Prof. Stickler hervor. Der Versuch, durch Professionalisierung des hauptamtlichen Laienpersonals gegenzusteuern, sei letztlich gescheitert: „Es ist ihm nicht gelungen, die Verdunstung des Glaubens aufzuhalten oder gar rückgängig zu machen.“ Hinzu komme, dass künftig der „Laienmangel ein noch viel größeres Problem sein wird als der Priestermangel“.

Vor diesem Hintergrund hob Prof. Stickler das bislang unterschätzte Potenzial katholischer Studentenverbindungen hervor. Denn sie hätten ihre ehrenamtlichen Strukturen bewahrt und seien finanziell unabhängig: „Ihre Existenz hängt nicht ab von der Entwicklung der Kirchensteuereinnahmen.“ Dadurch seien sie weniger gezwungen gewesen, „jeden Hakenschlag des hauptamtlichen Laienkatholizismus mitzumachen“. Zudem  betonte er, dass katholische  Studentenverbindungen weiterhin mobilisierungsfähig seien: „Bei welchen Vereinigungen laufen denn noch in nennenswerter Zahl junge Leute mit? Es sind offenbar vor allem die katholischen Studentenverbindungen.“
Diese Stärke dürfe jedoch nicht in eine selbstgewählte Abschottung in den Verbindungshäusern münden. Prof. Stickler kritisierte  eine seit den 1970er Jahren entstandene Mentalität der „Splendid Isolation“. Die Akzeptanz der Marginalität dürfe nicht dazu führen, dass sich Aktive „nicht mehr ohne weiteres mitverantwortlich fühlen für Gesellschaft, Staat und Kirche“. Gerade das Lebensbundprinzip biete hier Chancen, Aktive dauerhaft für ehrenamtliches Engagement zu gewinnen.
Zum Schluss plädierte Prof.  Stickler dafür, dass katholische Studentenverbindungen ihre Rolle neu definieren: nicht als nostalgische Traditionsvereine, sondern als verantwortungsbereite, missionarische Akteure in einer sich neu formierenden Kirche. Angesichts der Krise könne es zu einem Umdenken kommen – ähnlich wie im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts: „Vielleicht kann auch die Kirchenkrise unserer Zeit bei denen, die mit uns immer noch fremdeln, für ein Umdenken sorgen.“ Die katholischen Verbindungen sollten es daher als ihre „ureigene Aufgabe ansehen, beim Neuaufbau einer synodalen missionarischen Kirche in Deutschland mitzuwirken“.

R.N.