Minneapolis: Herausforderung für Demokratie und Menschenrechte

Interview mit Kb Michael Bard-Henke in Minneapolis

In den vergangenen Wochen haben uns Berichte aus Minneapolis über zwei tödliche Vorfälle im Zusammenhang mit dem Vorgehen von Bundes-Einwanderungsbeamten in den USA erreicht. Abseits der medialen Berichterstattung wollten wir eine direkte, persönliche Einschätzung aus erster Hand einholen.
Kb Michael Bard-Henke (Gm, Urb) lebt als Deutscher seit einigen Jahren in Minneapolis, ist mit einer Amerikanerin verheiratet und Familienvater. In diesem Interview schildert er seine eigenen Eindrücke, Gedanken und Sorgen.


Du lebst aktuell als Deutscher in Minneapolis. 
Wie hast du die beiden jüngsten tödlichen Vorfälle im  Zusammenhang mit dem Vorgehen von ICE und anderen Bundesbeamten persönlichwahrgenommen? 
Die tödlichen Schüsse auf Renee Good und Alex Pretti haben mich schockiert. Wie viele andere Menschen in Minneapolis haben sie sich für ihre eigenen Rechte und die ihrer Nachbarn und Mitbürger eingesetzt, weil sie die Methoden und das Vorgehen der Agenten von ICE und CBP als nicht verhältnismäßig, übergriffig und rechtswidrig empfunden haben. Deshalb sollte niemand mit seinem Leben bezahlen. Ich habe mir auch die Videoaufnahmen angeschaut, weil die ersten Reaktionen auf die Vorfälle so widersprüchlich waren. So schrecklich die Bilder sind, war ich auch dankbar, dass es hier viele mutige Mitbürger gibt, die das Vorgehen der Bundesagenten mit Videos dokumentieren und so zeigen konnten, dass der Einsatz von Schusswaffen in beiden Fällen nicht notwendig bzw. gerechtfertigt war.

Wann hast du zum ersten Mal von den Ereignissen erfahren, und was war dein erster Gedanke oder dein erstes Gefühl dabei?
Ich habe jeweils einige Stunden nach den tödlichen Schüssen durch Freunde aus Deutschland, darunter ein Bundesbruder, die davon in den Nachrichten gehört hatten, von den Ereignissen erfahren. Ich hatte sofort große Sorgen, dass die Lage nun eskaliert, die Proteste ausarten und mit den bereits angedrohten Gegenmaßnahmen wie dem Einsatz des Militärs geantwortet wird. In Minneapolis sind die Erinnerungen an den Mord an George Floyd und die anschließenden Unruhen im Jahr 2020 noch sehr präsent. Auch weil die Ausgangssituation nun eine andere ist, blieb es bei aller Wut und Trauer zum Glück ganz überwiegend besonnen und friedlich.

Wie werden diese Vorfälle aus deiner Sicht vor Ort diskutiert – im direkten Umfeld, unter Nachbarn, Freunden oder Kollegen?
Ich habe das Glück, dass wir im Familienkreis solche Themen immer frei besprechen können und dies auch tun. Ansonsten liegt es daran, wie gut man den Gesprächspartner kennt. Ich glaube, im Zweifelsfall ist man eher zurückhaltend, weil die Diskussion schnell ins Politische abgleiten kann und das oft vermieden wird. Auf der anderen Seite merke ich schon, dass man häufiger mal nachfragt oder gefragt wird, wie es einem geht und ob man irgendwie unterstützen kann. 

Gibt es Unterschiede zwischen dem, was du selbst erlebst, und dem Bild, das nationale oder internationale Medien von der Situation in Minneapolis zeichnen?
Aus meiner Sicht kann man leicht den Eindruck gewinnen, dass ganz Minneapolis und die umgebende Metropolregion in Chaos und Gewalt versinkt. Das kann ich so nicht bestätigen. Die Einsätze fokussieren sich auf Stadtviertel und Lokalitäten, wo die Agenten der Bundesbehörden Personen vermuten, die ihren Zielkriterien entsprechen. Dort ist die Lage besonders angespannt, aber an anderen Orten geht der Alltag oberflächlich normal weiter.

Hat sich dein persönliches Sicherheitsgefühl seit diesen Ereignissen verändert? Wenn ja, inwiefern?
Es gibt Menschen in meinem persönlichen Umfeld, die es so weit es geht vermeiden, das eigene Haus zu verlassen, da sie sich auf der Straße nicht mehr sicher fühlen. Dieses Ausmaß der Unsicherheit spüre ich nicht, aber ich überlege schon, ob ich in ein Stadtgebiet fahre, wo die Einwanderungsbehörden häufig zugegen sind, wie ich mich im Falle eines Kontaktes verhalte und trage auch Dokumente zur Identifikation bei mir. 

Du bist mit einer Amerikanerin verheiratet und lebst mit euren Kindern in den USA.     
Welche Ängste oder Sorgen ergeben sich für dich ganz konkret in deiner Rolle als Ehemann und Familienvater?

Auch Kindertagesstätten und Schulen waren bereits Orte für ICE-Einsätze. Es wurde mir sehr mulmig, als ich eine Email von der Kita meiner Kinder las, in der über erweiterte Sicherheitsmaßnahmen und Vorgehensweisen im Falle eines Einsatzes in der Kita berichtet wurde. Meine älteste Tochter ist auch alt genug, um die Proteste wahrzunehmen, die unabhängig von der Präsenz von Bundesbeamten immer wieder an Straßenecken oder Fußgängerbrücken über Autobahnen zu sehen sind. Es ist schwierig, die richtigen Worte zu finden, um einer Vierjährigen zu erklären, warum und wogegen diese Menschen protestieren. Und Kinder merken es ja auch, wenn Mama und Papa traurig und abgelenkt sind, wie es nach den tödlichen Schüssen der Fall war.

Sprecht ihr innerhalb der Familie über diese Vorfälle? Wie reagieren deine Frau und eure Kinder auf die aktuelle Stimmung? Wie reagieren deine Eltern in Deutschland?
Wir sprechen sehr häufig darüber - über die aktuellen Ereignisse und auch darüber, welche Konsequenzen das für unser Leben in der Zukunft hat. Meine Frau arbeitet zudem in einer leitenden Funktion auf einer Geburtsstation in einem Krankenhaus, in dessen Nachbarschaft häufig ICE-Agenten zu sehen sind. Es gibt fast täglich Fälle, dass Patienten aus Angst nicht zur notwendigen Versorgung ins Krankenhaus kommen wollen. Für meine Frau bedeutet das eine weitere Ebene, auf der sie sich kümmern muss, und es ist mir wichtig, dass sie dann einen Ansprechpartner hat, bei dem sie Sorgen und Frustrationen loswerden kann.
Meine Eltern sind natürlich auch besorgt und fragen nach, wie es uns geht. Wie schon angedeutet ist es oft schwer, aus Medienberichten abzuleiten, wie die Lage vor Ort individuell aussieht.

Hat sich euer Alltag durchdie Ereignisse verändert – etwa durch vorsichtigeres Verhalten, Gespräche über Politik oder staatliche Gewalt?
Wir sprechen häufiger über diese Themen als zuvor, aber hauptsächlich, weil es einfach mehr zu besprechen gibt. Im Bezug auf mein Verhalten versuche ich vorausschauender zu sein, vor allem, wenn wir an Orte fahren, wo wir nicht so häufig sind. Ansonsten gestalten wir den Alltag besonders für unsere Kinder so normal wie möglich.

Wie erlebst du aktuell das Verhältnis vieler Menschen zu staatlichen Institutionen und Bundesbehörden vor Ort?
Ich glaube, dass die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung in Minneapolis keinerlei Vertrauen in die Agenten der Einwanderungsbehörden hat und dies auch für andere staatliche Institutionen auf Bundesebene zutrifft. Allerdings hängt das sicherlich auch stark davon ab, welcher politischen Richtung man sich zugeneigt fühlt.

Gibt es bestimmte Gruppen oder Communities, die deiner Beobachtung nach besonders verunsichert sind?
Wie in anderen Städten sind Menschen mit lateinamerikanischen Wurzeln oft Ziel der Einwanderungspolizei. Bei der Operation in Minneapolis steht zudem die somalische Gemeinde, die hier sehr groß ist, besonders im Fokus. Es gibt auch Berichte, nach denen Mitglieder der Gruppe der Hmong und sogar der indigenen Bevölkerung von ICE-Agenten festgenommen wurden. Generell sind Menschen, die nicht weiß sind, besonders betroffen und entsprechend verunsichert.

Wenn du an die Berichterstattung in Deutschland denkst: Wie nimmst du die Informationen wahr, die über die öffentlich-rechtlichen Sender (Medienlandschaft in Deutschland) zu den aktuellen Ereignissen in den USA und speziell in Minneapolis verbreitet werden?     
Entspricht das deiner eigenen Wahrnehmung vor Ort – oder siehst du deutliche Unterschiede?
Insgesamt empfinde ich die Berichterstattung in Deutschland als zutreffend. Mir ist aufgefallen, dass die Berichte über die tödlichen Schüsse zunächst bewusst sehr neutral gehalten waren. Dies finde ich grundsätzlich gut und steht schon im Kontrast zu vielen amerikanischen Medien, wo man häufig eine ideologische Färbung erkennen kann. Allerdings hat man aus meiner Sicht recht lange die Aussagen von Repräsentanten der Bundesregierung ohne Einordnung stehen gelassen, obwohl viele Videoaufnahmen diesen Aussagen widersprachen.

Zum Abschluss ein Blick nach vorne: Die kommende Fußball-Weltmeisterschaft steht an. Wie ist die Stimmung dazu in den USA – und speziell bei euch vor Ort?
Da Minneapolis keine Spielstätte ist und Fußball in den USA auch weiterhin ein Nischensport ist, ist die WM hier aktuell gar kein Thema.

Bedeutet die WM für dich und dein Umfeld eher Ablenkung, Hoffnung auf Gemeinschaft oder spielt sie im Moment kaum eine Rolle?
Ich bin großer Fußballfan und habe früher nahezu jedes Spiel bei Welt- und Europameisterschaften geschaut, aber im Moment ist die Vorfreude sehr gering. Und auch im meinem Umfeld stehen, wenn denn überhaupt darüber gesprochen wird, die politischen Komponenten im Vordergrund und nicht die sportlichen.

Vielen Dank für deine Offenheit, deine Zeit und deine Bereitschaft, deine persönlichen Eindrücke mit uns zu teilen. Gerade in aufgeheizten und komplexen Zeiten sind direkte Stimmen aus dem Alltag vor Ort von unschätzbarem Wert. Deine Perspektive hilft uns, Entwicklungen besser einzuordnen und jenseits verkürzter Schlagzeilen zu verstehen. Dafür danken wir dir sehr herzlich und wünschen dir und deiner Familie weiterhin Sicherheit, Kraft und Zuversicht.
Gleichzeitig schlagen deine Schilderungen eine wichtige Brücke zu unseren geplanten Seminaren: 2026: Online-Seminare unter den vorläufigen Arbeitstiteln: Amerika vor den Midterms am 24. Oktober und Amerika nach den Midterms am 14. November.
2027: New York und Washington D.C. vom 14. bis 22. Mai, das unter der Leitung von Kb Andreas Clessienne (Kur) stattfinden soll. Ziel des Seminars ist es, politische, gesellschaftliche und transatlantische Entwicklungen vor Ort im direkten Austausch und mit Tiefgang zu beleuchten.
Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse wächst unsere Hoffnung, dass solche persönlichen Einblicke und Kontakte auch zur inhaltlichen Bereicherung und erfolgreichen Durchführung des Seminars beitragen können. Wir freuen uns auf die weitere Unterstützung, den Austausch und darauf, diese Perspektiven gemeinsam mit unseren Mitgliedern vor Ort vertiefen zu dürfen.

Interviewführung: Damian Kaiser, für die AM-Redaktion

Das Interview wurde schriftlich geführt (Stand: 31.01.2026).

Kb Michael Bart-Henke (Gm, Urb)

Kb Michael Bard-Henke ist Mitglied bei Germania-Münster und Urbano-Rom. Er absolvierte ein Studium der Humanmedizin an der Universität Münster und hat einen Masterabschluss in Public Health von der University of Minnesota. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Minneapolis, Minnesota.