Eindrucksvolle Kartellbrüder
Unter den siebzehn Biographien bekannter Katholiken finden sich in Band 14 der Reihe „Zeitgeschichte in Lebensbildern” die Porträts der KVer Franz Oppenhoff (Car), Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. (Li, E d Is, E d ale) und Konrad Repgen (Arm)
Von Rudolf Morsey († 2024) begründet und von Jürgen Aretz und Anton Rauscher weitergeführt, wurde die Reihe „Zeitgeschichte in Lebensbildern“ mit dem 13. Band 2022 wieder aufgenommen.
Biographien von Aufderbeck bis Zettler
Die Nachfrage danach war zu deutlich geworden, und das unterstreicht einmal mehr die Bedeutung dieser von Biographien ausgehenden Geschichtsforschung, die sich weiterhin großer Beliebtheit beim geschichtsinteressierten Publikum erfreut, gerade auch in katholischen Kreisen. Der KV hat dieser Aufmerksamkeit seinerseits mit dem „Biographischen Lexikon des KV“ entsprochen, das es zu sieben Bänden (Schernfeld: SH-Verlag, 1991-2010) gebracht hat und von den Kartellbrüdern Siegfried Koß und Dr. Wolfgang Löhr herausgegeben wurde, ein wahrer historischer Schatz unseres Verbandes, auf den hier ruhig noch einmal – zumindest en passant – hingewiesen werden darf.
Aretz und seine Mitherausgeber haben in Band 14 ihrer Reihe siebzehn Biographien aufgenommen, darunter fünf von bekannten Katholikinnen, die alphabetisch in die Reihenfolge von Aufderbeck bis Zettler eingefügt wurden.
Die hier gebotenen Lebensbilder sind allesamt sehr lesenswert, wissenschaftlich solide gearbeitet mit Verzeichnissen der Quellen, Schriften und Veröffentlichungen sowie Literatur (auch mal Werkverzeichnis und Sekundärliteratur genannt, ggf. in Auswahl) am Ende jedes Artikels.
Franz Oppenhoff: von „NS-Werwölfen”umgebracht
Es sei erlaubt, an dieser Stelle die Lebensbilder von KVern herauszugreifen, die in Band 14 aufgenommen wurden: Franz Oppenhoff, Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. und Konrad Repgen.
Franz Oppenhoff, dessen KV-Mitgliedschaft nicht erwähnt wird, war Carolinge in Aachen. (Ihm ist auch ein Lebensbild im oben erwähnten Biographischen Lexikon des KV gewidmet: Bd. 2, Seiten 101-103.) Als engagierter katholischer Rechtsanwalt in seiner Heimatstadt war er von den Amerikanern noch während des Krieges als Oberbürgermeister der zerstörten Kaiserstadt eingesetzt worden. Er galt den Besatzern als ausreichend unverdächtig, was seine Beziehungen zu den Nationalsozialisten anbelangte. Seine Bekanntschaft mit dem damaligen Regens des Priesterseminars und späteren Bischofs von Aachen (ab 1943) Johannes Joseph van der Velden hatte seine Berufung befördert. Den geifernden Nationalsozialisten war Oppenhoff, der für diese als Saboteur und Verräter galt, ein Dorn im Auge, und so wurde er im „Unternehmen Karneval“ der NS-Partisanentruppe „Werwolf“ am 25. März 1945 in oder vor seinem
Privathaus (beide Versionen sind überliefert) erschossen.
Joseph Ratzinger: ein Leben für die katholische Kirche
Joseph Ratzinger war als Studentenseelsorger in Freising gerne Gast bei der KV-Verbindung Isaria. Bezeugt ist seine Beteiligung an der Filialgründung der Isaria, Lichtenstein, 1954, an deren Leben er teilnahm, was im nachmaligen Jubel des CV darüber, dass einer der „Ihren“ Papst geworden sei, etwas in Vergessenheit zu geraten droht. Ratzinger wurde 1958 Ehrenphilister der Isaria, was seine Mitgliedschaft im Verein voraussetzt (Nicht-KVer werden dementgegen zu Ehrenmitgliedern ernannt). CV-Verbindungen mögen ihm später noch ihre Bänder angedient oder „übergeworfen“ haben, aber Ratzinger war „Ur-KVer“ und blieb es auch als Papst. Sein Lebensbild in der vorliegenden Publikation ist von keinem Geringeren als Karl-Heinz Menke – selbst Träger des Ratzinger-Preises, den man auch schon „Nobelpreis für Theologie genannt hat – beigetragen worden. Menke beschert – auch theologisch – ein höchstes Lesevergnügen, weil der Autor fundiert und ausgewogen zu Werke geht. Sein Beitrag sticht hervor neben so manchem kritischen, bisweilen herabwürdigenden Artikel, den Papst Benedikt zu Lebzeiten ertragen musste oder der ihm posthum zugedacht worden war.
Menke liefert ein umfassendes Lebensbild Joseph Ratzingers und gewährt damit interessante Einblicke in die verschiedenen Lebensstationen des späteren Papstes, die jenseits von abgedroschenen Einordnungen dem unvoreingenommenen Beobachter bislang nicht vertraut gewesen sein dürften.
Neben Karl-Heinz Menke sei eine Mitautorin im Buch eigens genannt: Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz widmet ihren Beitrag der mehrfach begabten Künstlerin Ruth Schaumann.
Konrad Repgen schließlich wird von Günter Buchstab vorgestellt. Neben seinen Verdiensten als akademischer Lehrer und Forscher, als Wissenschaftsorganisator, Ratgeber und Mahner in Staat und Gesellschaft findet auch Repgens Rolle im katholischen Studentenwesen Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg gründliche Erwähnung. So gehörte er mit anderen aus der Bonner katholischen Studentengemeinde, vor allem aus den Gruppen „Winfried“ und „Engelbert“ (in dieser war Repgen engagiert), 1946 zu den Neugründern der Arminia, eine der ersten wiedererstehenden katholischen Verbindungen deutschlandweit.
Das Verhältnis zu seiner Arminia trübte sich, als der KV nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und einer herausfordernden Grundsatzdebatte die Aufnahme von nicht katholischen Studenten in Ausnahmen ermöglichte und die Satzung entsprechend änderte. Das ist bei Buchstab spannend zu lesen, wie und wo sich Konrad Repgen in der Öffentlichkeit zu Wort gemeldet hat, vor allem dann, wenn er das katholische Profil seines Verbandes und seiner Arminia gefährdet sah.
Buchstab datiert den Austritt Repgens aus der Arminia in den 1950er Jahren (?), nennt allerdings als Grund die Aufnahme von Frauen durch die Arminia. Mag sein, dass der streitbare Zeitgenosse Konrad Repgen mehrmals mit dem Gedanken gespielt hat, der Arminia den Rücken zu kehren, was dann gelegentlich aber auch durch eine klärendes Gespräch ausgeräumt werden konnte; uns Nachfahren [ich bin 1973 der Arminia beigetreten und habe Repgen bei mehreren Veranstaltungen auf dem Haus selbst erlebt] gegenüber wäre so etwas auch nicht unbedingt breitgetreten worden. Der Grund dürfte freilich nicht die „drohende“ Aufnahme von Studentinnen gewesen sein, ein Punkt, der es nie in die Satzung der Arminia geschafft hat und eigentlich für die Arminia bis heute kein Thema ist.
Konrad Repgen: ein großer akademischer Lehrer
Konrad Repgen hat 1986 schriftlich seinen Austritt aus der Arminia erklärt, weil die Verbindung und der KV ihm nicht mehr wirklich kirchlich-katholisch genug erschienen. Die nachkonziliare Liturgiereform und ihre Auswüchse bereiteten ja nicht nur ihm Gewissensprobleme. Ob Repgen dem Opus Dei angehört hat, was keineswegs verwerflich ist, oder inwieweit er mit den schismatischen Piusbrüdern sympathisiert hat, ist heute nicht mehr auszumachen. Sein Requiem, so hatte Repgen selbst verfügt, sollte nach dem Missale Romanum von 1969/1970 in lateinischer Sprache gefeiert werden, und so geschah es.
Außer seinem Ringen um einen unverfälschten Weg der Kirche in seiner Zeit mischte Repgen sich auch vehement in die Auseinandersetzungen um die Studentenbewegung der 1968er Jahre ein und kämpfte unter anderem um den Erhalt seines Berufsstandes als „ordentlicher“ Professor. Die Frage der Deutschen Einheit war ihm wert genug, um sich auch hier öffentlich zu Wort zu melden; ebenso der Umgang der Kirche und des Papstes mit der Vergebungsbitte, die unter Papst Johannes Paul II. in dem großen „Mea culpa“ des Jahres 2000 beim Besuch des Papstes an der Klagemauer in Jerusalem gipfelte. Repgen setzte sich auch hier für mehr Präzision im Urteil und Klarheit in den Formulierungen öffentlicher Verlautbarungen ein. „Neben“ all dem kirchlichen und gesellschaftlichen Engagement blieb er geachteter Hochschullehrer und bahnbrechender Wissenschaftler, vielfach ausgezeichnet und hoch dekoriert.
Günter Buchstab hat als ehemaliger Leiter des Archivs für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung, in dem sich der Nachlass Konrad Repgens befindet, die Unterlagen für seinen Beitrag in Band 14 der „Zeitgeschichte in Lebensbildern“ gut zur Hand gehabt, wiewohl geltende Sperrfristen die Nutzung noch erheblich einschränken.
So ist cum grano salis ein fundiertes Lebensbild unseres Kartellbruders entstanden, das für den KV und die Arminia von besonderem Interesse ist. In einem wichtigen Punkt müssen wir Buchstab allerdings korrigieren bzw. ergänzen: Konrad Repgen ist zu Lebzeiten zu seiner Arminia zurückgekehrt und gewiss im Frieden mit seiner Arminia gestorben. Da zudem das Archiv der Arminia sich als Depositum bei der Adenauer-Stiftung befindet und Buchstabs Kollege, der Armine Dr. Andreas Grau, ihm auch sicher bereitwillig Einblick gewährt hätte, wäre es übrigens ein Leichtes gewesen, Repgens Austritt aus der Arminia nach einer Satzungsänderung anhand des Austrittsschreibens von 1986 zu belegen.
Buchstab hätte dann auch dokumentiert gefunden, dass Konrad Repgen 1995, im Hinblick auf den 50. Jahrestag der Wiedereröffnung der Arminia nach dem Krieg, den Festvortrag am Gründungstag gehalten hat. Und wer wäre berufener gewesen als der mit seiner Arminia offensichtlich wieder versöhnte Repgen, über den neuen Aufbruch, an dem er selbst maßgeblich beteiligt war, zu sprechen.
In einem angehängten aufschlussreichen Verzeichnis der in den Bänden 1 bis 14 behandelten Persönlichkeiten befinden sich weitere KVer. Prima vista sind als Autoren z. B. Konrad Repgen, Norbert Trippen und mit mehreren Beiträgen als dritter Armine Wolfgang Löhr, der frühere KV-Rats-Vorsitzende, Schriftleiter der Akademischen Monatsblätter und Leiter der Historischen Kommission des KV, aufgeführt.
Dem bunten Kaleidoskop katholischen Lebens in Deutschland, das in dieser Veröffentlichung geboten wird, ist unbedingt eine Fortsetzung zu empfehlen! Ob seitens des KV auch das Biographische Lexikon einmal fortgeführt werden kann? Es ist zu wünschen.
P. Robert Jauch OFM (Arm, Rh-F, Ta, Rh-I, E d. Gro-Lu, E d. Gm)
