Frieden stiften, Gerechtigkeit üben

Verantwortung für einander, für sich selbst und für die Schöpfung

Wie nach seiner Wahl zum Papst am 8. Mai 2025 rief der Heilige Vater auch in seiner Weihnachtsbotschaft „urbi et orbi” (der Stadt und dem Erdkreis) die Welt zum Frieden auf. Welchen Frieden er meinte, das schildert der Bericht von der Erschaffung des Menschen in Gen 1, 27-37: Gott erschuf den Menschen als „sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn [...]. Männlich und weiblich erschuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch, […] Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut.“ In der Gottebenbildlichkeit soll sich also die Harmonie des Menschen mit sich selbst und seinen Mitmenschen ebenso widerspiegeln wie seine Harmonie mit der Schöpfung.

Funde zeigen, wie Menschen in der Frühzeit als Jäger und Sammler in kleinen Einheiten zusammenlebten. Gemeinsam kümmerten sie sich um Nahrung und Überleben, es kam auf das gute, harmonische Zusammenwirken aller an. In ihrem Buch „Das Tagebuch der Menschheit - Was die Bibel über unsere Evolution verrät” deuten der Evolutionsbiologe Carel van Schaik und der Historiker Kai Michel die Bibel als Chronik, die verblüffende Einblicke in die kulturelle Evolution des Homo sapiens bietet. Im Menschen grundgelegt seien „unsere angeborenen Gefühle, Reaktionen und Vorlieben. Sie haben sich über Jahrhunderttausende hinweg entwickelt, ihre Tauglichkeit im Alltag kleiner Jäger- und Sammler-Gruppen bewiesen. […] Sie gewährleisteten ein fast reibungsloses Funktionieren des Menschen in seiner sozialen wie ökologischen Umwelt. […] Sie implizieren eine Art natürliche Moral, die das zwischenmenschliche Miteinander reguliert.“ 1

Demzufolge reflektiert die biblische Erzählung von der Vertreibung des Menschen aus dem Garten Eden ein folgenreiches Ereignis der Menschheitsgeschichte: den Übergang vom Dasein als Jäger und Sammler zur sesshaften Lebensweise mit Ackerbau und Viehzucht. Dies sorgte für Fortschritt, schuf aber auch Probleme. Als etwa „begonnen wurde, Tiere zu domestizieren”, so Schaik und Michel, „sprangen Krankheitserreger von Haustieren auf die Menschen über: Pest und Pocken […] Masern, Grippe und Cholera machten sich erstmals über die Menschen her.“ 2 Entsprechend legt die Bibel, etwa Lev 11-15, Wert auf Reinheit, die auf der Erfahrung der Menschen miteinander und mit ihrer Umgebung beruht. 3
Aber mit der Sesshaftigkeit wurde auch das Eigentum bedeutsam. Für Jäger und Sammler gehörte das Land allen, der sesshaft gewordene Mensch dagegen brauchte seine Parzelle, um sie zu bewirtschaften und von ihr leben zu können. Deshalb durfte ihm niemand seinen Besitz streitig machen. Das bedeutete einen grundlegenden Wandel des gesellschaftlichen Gefüges, der auch für soziale Ungleichheit, Neid und Gewalt sorgen konnte. Dies reflektiert die Erzählung von Kain, dem Ackerbauer und dem Schafhirten Abel in Gen 4, 4ff, die in einem Brudermord gipfelt: Die Achtung voreinander, das in uns grundgelegte gesunde Zusammenleben geriet ins Wanken - und das eigene Ich füllte dieses Vakuum. Dass der Anspruch des eigenen Ich Allmachtsansprüche auslöst und der Mensch glaubt, sich über alles erheben und Gott ersetzen zu können - dies schildert der Bericht vom Turmbau zu Babel in Gen 11.

Mit dem Wachstum einer sesshaften Gemeinschaft wuchsen auch ihre inneren Spannungen und Auseinandersetzungen. Schaik und Michel schreiben: „Nach innen hin schweißt die Expansionsstrategie die Familien zusammen […] Nach außen hin aber heizt diese Strategie die Konkurrenz an und setzt eine Gewaltspirale in Gang.“ 4 Denn wenn die Lebensgrundlage für die eigene Gemeinschaft zu schmal wird, ist man leicht versucht, auf Kosten der Nachbarn zu expandieren, statt das Wohl aller zu suchen, Wichtiges geht durch solche Übergriffe dem Fühlen und Denken des Menschen verloren: zum einen die Verantwortung für das Ganze, die Menschengemeinschaft und die Schöpfung, zum anderen der Blick auf sich selbst: dass man als Person auf die Gemeinschaft verwiesen ist - ebenso wie diese auf den einzelnen verwiesen ist. 

Der Mensch wird am Du zum Ich: durch Wertschätzung

Denn, schreibt Reinhard Haller in seinem Buch „Das Wunder der Wertschätzung”: Der Mensch „will Zuwendung und Anerkennung nicht nur empfangen, sondern auch an andere weitergeben“ 5. Nur so kann sich der Mensch entfalten und zu einem liebenden Menschen entwickeln, der auch seinen Nachbarn als gleichwertig annehmen kann. Dies aber ist die Voraussetzung für ein harmonisches Miteinander und den Frieden. Doch „fehlende Wertschätzung”, so Reinhard Haller, „ist nicht nur mit Selbstwertzweifel und eingeschränktem Sicherheitsgefühl verbunden, sondern begünstigt psychische Probleme, führt zu Beziehungsschwierigkeiten und erhöht die Aggressionsbereitschaft. So hat die ganze Palette neurotischer und psycho-somatischer Störungen […] mit dem Gefühl fehlender Wertschätzung zu tun. Viele Konflikte in Partnerschaft und Familie, im beruflichen Umfeld oder in Wirtschaft und großer Politik werden durch mangelnde Wertschätzung ausgelöst.“ 6 So finden oft auch Kriege und Zerstörungen ihre Ursache darin.
Um aber „die für wertschätzendes Empfinden und Verhalten unabdingbare Achtsamkeit aufzubringen”, ergänzt Reinhard Haller, „ist es erforderlich, gegenüber Umwelt, Mitmenschen, alternativen Gedanken und anderen Ideen, kulturellen und politischen Strömungen sowie neuen sozialen und technischen Entwicklungen überhaupt erst einmal aufgeschlossen zu sein: Offenheit gegenüber anderen Personen und […] oder andersartigem Gedankengut; […] Die Bereitschaft, sich auf eine Kommunikation mit Menschen einzulassen, die anders denken und handeln […] nicht abwerten oder abblocken.“ 7 
Mehr denn je wird der Mensch heute als Objekt wahrgenommen, das benutzt, unterdrückt, zerstört und als Waffe im Krieg eingesetzt wird. Wie soll es weitergehen?
Machthabern und Diktatoren fehlt die Einsicht für das, was sie mit Krieg und Terror anrichten. Sie sehen nur sich selbst und ihre eigenen Pläne. Doch wer nicht über den eigenen Tellerrand hinausschaut, nimmt auch nicht das Leid seiner Mitmenschen und seiner Umwelt wahr. 
Conclusio: Es gilt, die Einheit aus Verantwortung für einander, für sich selbst und für die Schöpfung wieder herzustellen. In seinem Brief an die Gemeinde in Ephesus gibt der Apostel Paulus den Rat: „Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, wie auch Gott euch in Christus vergeben hat.“ (Eph 4, 32) Diese Maxime sollte Zeichen unserer Glaubwürdigkeit sein. Senden wir diese Botschaft in die Welt hinaus, setzen wir uns für Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit ein, wie für den Schutz und die Bewahrung der Schöpfung!

Mag. Stephan Wolfgang Weber O.Praem.

Anmerkung

[1] Carel von Schaik & Kai Michel, Das Tagebuch der Menschheit – Was die Bibel über unsere Evolution verrät, Reinbek bei Hamburg, Oktober 2017, S. 29
[2] a.a.O. S. 29
[3] a.a.O. S. 30
[4] a.a,O. S. 149
[5] Reinhard Haller, Das Wunder der Wertschätzung, München 2019, S. 16.
[6] a.a.O. 
[7] a.a.O. S. 7 
 

Mag. Stephan Wolfgang Weber O.Praem.

geboren 1943 in Bad König, wuchs in Duisburg auf, studierte in Freiburg und trat dort dem K.St.V. Brisgovia bei. Seit 1966 gehört er dem Prämonstratenserorden an, lebt als Chorherr im Stift Schlägl in Oberösterreich und ist derzeit Kustos der Kunstsammlungen des Stiftes