Dr. phil. Wolfgang Löhr (Arm, Car-F, Ru-Ke, E d Un, E d Gro-Lu, E d Car, Urb)
Was ist nicht schon alles über das Bier, das mehr als ein Getränk, sondern obendrein ein hohes Kulturgut ist, geschrieben worden. Aber kaum jemand tat es so humorvoll, originell, spannend und anregend, zum nächsten Glas zu greifen, wie der tschechische, seit Jahren ebenfalls auf Deutsch schreibende Jaroslav Rudiš, der dabei zusätzlich über die Eisenbahn und die Bahnhöfe berichtet.
Die obige leicht abgewandelte Überschrift „Zwischen Schaum und Schiene“ verdanken wir Anton Kepplinger, der sie für eine Rezension des Buchs im österreichischen Kulturportal subtext.at. verwandte und dabei zugleich zählte, wie oft das Wort Bier in der Publikation erscheint: mehr als 1.400 Mal. Die Eisenbahn bringt es nur auf 160 Mal.
Wer den Schriftsteller, Sänger und Vortragskünstler Jaroslav Rudiš noch nicht kennt, sollte dies schnell nachholen. Er ist Jahrgang 1972, kam in Turnov (Trunau) in Tschechien zur Welt und wurde in Lomnice nad Popelkou (Lomnitz an der Popelka) im Böhmischen Paradies groß, wie diese Gegend heißt, mit der er bis heute verbunden ist, weil er dort noch eine kleine Wohnung besitzt, sonst aber zumeist in Berlin lebt. Das erste Bier hat er zusammen mit der Muttermilch zu sich genommen, wie er selbst schreibt. Da wundert es nicht, dass in seinem Heimatort heute ein Bier mit seinem Konterfei ausgeschenkt wird.
Ein voller Bierkrug auf zwei Beinen
Ein anderes Bier, das aus Rohozec, hat ihn in seiner Pubertät und Gymnasialzeit in Turnov begleitet. „Ja manchmal, wenn ich mich im Spiegel anschaue“, lässt er uns wissen, „sage ich mir, Mensch Jaroslav, du bist dieses Bier! Ein voller Bierkrug auf zwei Beinen“. Aber sein in deutscher Sprache abgefasstes Buch ist keine Aufforderung zur Trunkenheit. Damit in dieser Hinsicht niemand auf falsche Gedanken kommt, steht auf der Impressumsseite des Buchs: „Nachfolgend geht es um den bewussten Genuss von Bier. Unverhältnismäßiger Alkoholkonsum und Alkoholmissbrauch können gesundheitliche Schäden mit sich bringen“.
Im Übrigen verschmäht Jaroslav Rudiš auch nicht das alkoholfreie Bier, wie aus seiner Publikation deutlich hervorgeht. Das sei hier noch gesondert vermerkt und hinzugefügt, dass sich die Produk-tionsmenge von alkoholfreien Bieren in Deutschland in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt hat. Wir werden folglich vorsichtiger!
Was verbindet Rudiš mit Deutschland? Er hat neben anderem Germanistik mit einem Abschlussexamen für den Lehrerberuf studiert. Danach erhielt er ein Journalistikstipendium in Berlin, wo er 2002 seinen ersten Roman auf Tschechisch schrieb, der 2004 ins Deutsche übersetzt wurde. Der Titel „Der Himmel unter Berlin“ ist eine ironische Anspielung auf Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“ aus dem Jahr 1987, in dem der Engel Daniel im Mittelpunkt steht. Bei Rudiš ist es die Berliner U-Bahn. Sein nächster Roman „Grandhotel“ kam 2006 heraus. Er wurde im gleichen Jahr verfilmt, spielt in Liberec (Reichenberg), und der Autor taucht darin als Nebendarsteller auf.
Zeiten, in denen sich etwas zusammenbraute
Wie einst zu Anfang des 19. Jahrhunderts Adalbert von Chamisso statt seiner Muttersprache perfektes Deutsch schrieb, so schaffte das auch Rudiš mit seinem 2019 erschienenen Roman „Winterbergs letzte Reise“.
Darin erzählt er die letzte große Reise mit der Eisenbahn des 99-jährigen sudetendeutschen Historikers Wenzel Winterberg mit dem aus der Tschechoslowakei geflohenen Altenpfleger Jan Kraus. Sie führt die beiden von Berlin nach Sarajevo, wo 1914 der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand ermordet wurde, was letztlich den Ersten Weltkrieg auslöste.
Der Roman ist eine „Reise durch die Friedhöfe der Geschichte“ (Andreas Platthaus), und die Eisenbahnfahrt wird zur Metapher für Krieg, Vertreibung, Schuld, ja für Europa schlechthin. Winterberg fehlt auch nicht in Rudiš Bierbuch. Er zitiert ihn mit einem Passus aus einem Brief an ihn: „Historisch Bier trinken … Sehr gut. Franz Ferdinand hätte die Brauerei in Sarajevo besuchen und dort für immer bleiben und nicht ins Auto einsteigen sollen, dann wäre die Geschichte womöglich anders verlaufen“ (S. 108f.). Dieser leicht ironisch klingende Satz zeigt die ganze Fragilität der Geschichte und lädt zum Nachdenken über das Wirken des Zufalls ein.
Rudiš berichtet in diesem Zusammenhang auch von dem Fahrer des Automobils des Thronfolgers Leopold Lojka, der im mährischen Brünn (Brno) später eine Gaststätte betrieb und betrunken immer wieder von dem Attentat erzählte und sich dabei eine Mitschuld gab. Durch ein Missverständnis war er falsch abgebogen und fuhr das Fahrzeug direkt vor den Attentäter. „Doch niemand wollte ihm glauben, dass er das alles erlebt hat, dass er der großen und tragischen Geschichte so nah war“. Wiederum per Zufall hatte Lojka ein Stück Weltgeschichte mitgeschrieben.
Das Buch ist in sieben Kapitel geteilt: Das größte handelt vom Bier in Deutschland und das zweitgrößte von dem in Tschechien, dem Land mit dem höchsten Bier-konsum pro Kopf der Welt. Es sei noch ergänzt, dass ihm Österreich folgt, Deutschland auf Platz 4 steht und Namibia auf Platz 6. Dort wird seit über hundert Jahren das „Windhoek Lager“ nach dem sog. Deutschen Reinheitsgebot gebraut, ein eigentümliches Erbe aus der deutschen Kolonialzeit. Dies erwähnt Rudiš nicht, da er sich aus gutem Recht weitgehend auf Europa konzentriert. Aber auch dieses afrikanische Land soll eine bemerkenswerte Eisenbahnlinie durch die Wüste besitzen, die er als Eisenbahnfreund noch erkunden könnte.
Sind hier Hopfen und Malz verloren?
Immerhin erscheint bei ihm das India Pale Ale, „das man in der Craftbier-Szene in Kalifornien mit aromatischen Hopfensorten versetzt und als West Coast IPA zurück nach Europa geschickt hat“ (S. 128f.).
Außerdem kennt er das in den USA gebraute „Budweiser“. Er hat es verkostet. „Es war“, so vermerkt er in einer Mischung von Ironie und Toleranz, „Wie soll ich sagen? Einfach anders. ,Wenn es jemand mag, soll er es trinken‘, würde mein Vater sagen. Womit er recht hat“ (S. 49).
Mit Vergnügen liest man die Geschichte des Biers aus Pilsen auf den Seiten 13 bis 25, die mit einer Tragödie begann. „Eines Tages war die Qualität des Biers (dort) so miserabel geworden, dass man an einem kalten Tag im Februar 1838 auf dem Marktplatz der Stadt sechsunddreißig Fässer Bier einschlug und das ganze Bier über den Platz vergoss“ (S. 13). Retter in der Not war der aus Vilshofen in Niederbayern stammende Joseph Groll, der 1842 in die Stadt kam. Man kann nach Rudiš davon ausgehen, dass er seine eigene Hefe mitbrachte und ein wenig davon heute „in jedem Pilsner Urquell treibt“ (S. 16). Groll braute ein „untergäriges Bier“, das neu war und anders schmeckte. Um es „während der Gärung und Lagerung kühlen zu können, baute man in Pilsen unter der Brauerei ein einzigartiges Stollensystem aus, in dem Temperaturen zwischen 0 und 5 Grad herrschten“ (S. 17). In der Zeit der kommunistischen Diktatur in der CSSR „geriet der Name Joseph Groll ein wenig in Vergessenheit … Alles, was mit deutschsprachiger Geschichte zu tun hatte, wurde verdrängt und verschwiegen“ (S. 20). Heute ist man stolz auf den deutschen Braumeister. Sein Bildnis und die anderer bayerischer Braumeister „kann man während einer Führung an einer Wand aufgereiht sehen“. Rudiš spricht von einem „Wall of Fame – einer Wand des Ruhms“ in Anspielung auf den „Walk of Fame“ in Hollywood.
Immer wieder erzählt der Autor von den Bierlokalen und von so mancher Bahnhofgaststätte, die er besucht hat, in Pilsen etwa das „Salzmann“, das bereits vor dem Ersten Weltkrieg bestand und heute noch immer ein Gulasch serviert, das schon damals gut schmeckte. In Amsterdam saß er im „Café De Engelbewaarder“, was Schutzengel bedeutet. Dort stehen 16 Fassbiere auf der Karte, darunter „Biere aus der Amsterdamer Craftbier-Szene, ein deutsches Pils und das schwere La Trappe blonde“ (S. 112). Hier begegnete der Autor seinem, ihn anregenden „Schutzengel“, dem Verfasser des „Radetzkymarschs“ Joseph Roth. „Mit einer Mischung aus Ironie, Melancholie und Nostalgie blickte er“ nach Überzeugung seines Schützlings Jaroslav „auf die untergegangene Habsburger Monarchie. Vielleicht hat er sich gewünscht, sie wäre nie auseinandergefallen“ (S. 113).
Auf seiner Flucht als Jude vor den Nazis hat Roth einige Monate in Amsterdam verbracht. Rudiš teilt uns auch mit, dass in den „bruin cafés“, ein Gasthaustyp mit braunen holzgetäfelten Wänden, zu denen „De Engelbewaarder“ gehört, Katzen leben, die zu später Stunde die Biergläser ablecken. Solche kuriosen Geschichten zu erzählen, lässt der Autor sich nicht nehmen. Sie machen sein Buch zu einer Fundgrube.
Braukunst made in Germany: Altbier, Helles, Pils und Co
Von den deutschen Biersorten werden einige ausführlich gewürdigt. Genannt seien in Auswahl: Regensburg, Nürnberg, Bayreuth, München, Forchheim, Bamberg und Vilshofen in Bayern, Düsseldorf, Köln und Wuppertal in Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Bremen in Deutschlands Norden und die Bundeshauptstadt Berlin. Mancher von uns findet so sein bevorzugtes Bier und oft genug seine beliebte Gaststätte wieder. Oft erfährt der Leser sogar etwas, was er von seiner Lieblingsbiersorte oder seinem Lieblingslokal noch nicht wusste. Für Köln nimmt Rudiš an, dass es vermutlich die kleinsten Biergläser der Welt hat. Er mag die Domstadt und fragt sich, ob das Bier Kölsch und der „kölsche“ Dialekt „in einem Fass zusammen entstanden“ sind (S. 191). In Wuppertal findet er nicht nur die Schwebebahn interessant, sondern auch, dass dort Kölsch und Alt zugleich angeboten werden. Er hätte vielleicht noch erwähnen können – eine Anregung, die zeigt, wie unerschöpflich das Thema Bier ist - , dass man in Köln das dunkle Altbier als Provokation verstehen kann. Davon zeugt der satirische rheinische Sängerkrieg: Hier das Lied „Kein Schwein will ein Alt“, das die Band „Köbes Underground“ zu Karneval sang, dort das Altbierlied mit dem holprigen Refrain „Ja, sind wir im Wald hier, wo bleibt unser Altbier“, das die „Toten Hosen“ bekannt gemacht haben.
Der Autor vergisst auch nicht den Ort Mallersdorf, etwa dreißig Kilometer von Straubing in Niederbayern entfernt gelegen, wo Schwester Doris Engelhard von den Franziskanerinnen von der Heiligen Familie Bier braut. Sie muss man nicht überzeugen, so meint der Autor, „dass Bier an sich ein gesundes und frisches Getränk ist. Und ein reines Naturprodukt. Außer zum Frühstück wird im Kloster zu allen Mahlzeiten Bier getrunken, natürlich vom Fass und in Maßen. Beim Biertrinken geht es um die richtige Menge. Übertreiben sollte man es nicht“. Dann formuliert Schwester Doris, die den bayerischen Verdienstorden trägt und der ein eigener Wikipediaartikel gewidmet ist, einen Satz, den der Autor bereits von seiner Mutter gehört hatte: „Ein Glas Bier hat noch niemandem geschadet“ (S. 169f.). Da ist die „Apotheken-Umschau“ vom Dezember des vergangenen Jahres strenger und hält den Satz „Ein Bier ist kein Bier“ für überholt. Doch es gibt das Getränk inzwischen mühelos sowohl alkohol- wie auch zuckerfrei.
Inzwischen sind sehr viele Marken im Angebot, und es ist schwierig, ein Lokal ohne einen solchen Trank zu finden, ganz zu schweigen davon, dass er auch in Supermärkten in Flaschen abgefüllt zu finden ist. Deshalb: Prost! Zum Wohl! Santé! Cheers! Proost! Na zdraví!
