Halt und Orientierung in einer Zeit, in der anonymisierte Urbanität zunehmend an ihre Grenzen stößt
Dr. Lorenz Bode (Wf, Smn, Gth)
Ganz in der Nähe meiner Wohnung steht ein Bücherschrank. Man kann hier Bücher spenden, tauschen oder ausleihen. Das ist eine tolle Idee. Bei meinem letzten Besuch am Bücherschrank fiel mir ein Buch mit dem Titel „Wir brauchen eine heile Welt“ auf. Es stammte aus dem Jahr 1963, Autor des Buches ist der damalige Außenminister Gerhard Schröder, wohlgemerkt nicht zu verwechseln mit dem Putin-Freund und früheren SPD-Kanzler. 1 Im Buch versammelt Gerhard Schröder seine wichtigsten Reden, Vorträge und Erklärungen. Ich habe das Buch dann zurück in den Schrank gestellt.
Der Titel aber ist mir im Kopf geblieben, denn meine erste Assoziation dazu war: Wir brauchen eine heile Welt - heute mehr denn je. Dabei wird der Ruf nach dieser Welt wohl eher als naiv abgetan, das gebe es heutzutage nicht mehr. Ich glaube aber, dass es diese heile Welt noch gibt, und zwar in den kleinen, eher ländlich geprägten Kommunen.
Während die Großstadtgesellschaft zunehmend zerfasert, bleibt vor allem das Dorf ein Ort, an dem Menschen füreinander einstehen, Verantwortung teilen und soziale Nähe leben. Viel zu lange und gerade von meiner Generation ist das ignoriert, gar als piefig abgetan worden. Ich weiß noch genau, dass es für die meisten nach dem Studium in Göttingen überhaupt nur zwei Ziele gab: Berlin oder Hamburg.
Kleine Orte, große Verbundenheit
Daran ist nichts auszusetzen, die Wohnortwahl steht allen frei, aber der so entstandene Großstadthype verstellt bisweilen den Blick: Die in den kleinen Kommunen gelebte Kultur des Miteinanders - in Vereinen, im Ehrenamt oder der Kirche - bietet besonderen Halt und Orientierung in einer Zeit, in der die anonymisierte Urbanität zunehmend an ihre Grenzen stößt, gar als Zumutung empfunden wird. Damit will ich weder etwas schlecht noch einer Stadtflucht das Wort reden, aber schon darauf aufmerksam machen, dass es durchaus möglich ist, dass die Stadt vom Dorf etwas lernen kann - nämlich, wie gesellschaftlicher Halt gelingen und neu gedacht werden kann.
Dörfer sind in meinen Augen keine rückwärtsgewandten Sehnsuchtsorte, sondern Vorbilder. Und als solche wahrzunehmen.
Übrigens: Ich habe gerade ein kleines Büchlein zum Bücherschrank gebracht. Es trägt den Titel „Von Rechts nach Links“ und betrifft das Leben des Hellmut von Gerlach. Eine spannende Autobiographie, die schon im Titel Mut macht und zeigt, dass sich Menschen ändern können und dass Herkunft nichts bedeuten muss.
Anmerkung:
[1] Gerhard Schröder (1910-1989) war Mitbegründer der CDU, Bundestagsabgeordneter von 1949 bis 1980, gehörte als Bundesminister mit wechselnden Ressorts den Kabinetten von Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und Kurt Georg Kiesinger an und unterlag als CDU/CSU-Kandidat bei der Wahl zum Bundespräsidenten 1969 nur knapp seinem Gegenkandidaten Gustav W. Heinemann von der SPD.
