Wenn Minuten zählen – außer auf Gleis
Dr. phil. Wolfgang Löhr (Arm, Car-F, Ru-Ke, E d Un, E d Gro-Lu, E d Car, Urb)
Die unzuverlässige Pünktlichkeit der Deutschen Bahn ist bei uns inzwischen zu einem Dauerthema geworden. Gerne wird die Schweizer Bundesbahn zum Vergleich herangezogen, die zwar auch nicht auf eine Rate von 100 Prozent, aber immerhin von 93 Prozent kommt. Was steckt hinter Pünktlichkeit überhaupt?
Wenn wir heute von Pünktlichkeit sprechen, vergessen wir leicht, dass dieses Phänomen eng mit der Industrialisierung und insbesondere mit der Entwicklung der Dampflok vor über zweihundert Jahren zusammenhängt. Bei der Reise mit der Postkutsche zuvor ließ es sich nur höchst unbestimmt sagen, wann etwa das Gefährt an der Poststation ankommen würde. Jetzt konnte und musste man plötzlich mit einem präzisen Zeitpunkt rechnen. Im frühen neunzehnten Jahrhundert empfand man diese Veränderung geradezu als „Vernichtung von Raum und Zeit“, worauf der Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch aufmerksam gemacht hat. Er erwähnt den Dichter Heinrich Heine, der bei der Eröffnung der Eisenbahnlinie von Paris nach Rouen und Orléans im Jahre 1843 von einem „unheimlichen Grauen“ erfasst wurde.
Unter Dampf: Als Fabriken und Eisenbahn die Zeit neu ordneten
Heinrich Heine nannte die Eisenbahn „ein providentielles Ereignis”, das nach Krea-tion des Schießpulvers und der Einführung der Druckerkunst „der Menschheit einen neuen Umschwung“ gab, der „die Farbe und Gestalt des Lebens“ veränderte. Heute hält der österreichische Historiker Nikolaus Reisinger die Erfindung der Eisenbahn für noch einschneidender für die Menschheit als die Mondlandung.
Dem US-amerikanischen Anthropologen Edward T. Hall (1914-2009) verdanken wir die heute übliche Unterscheidung von monochronem und polychronem Zeitverständnis. In seinem Buch „The Dance of Life. The Other Dimension of Time“ von 1983 stellt er die Einstellung „one thing at a time (sich auf eine Aufgabe konzentrieren)“ = monochron der Einstellung „many things at once (mehrere Dinge zugleich)“ = polychron gegenüber.
Diese Differenzierung spiegelt sich auch im Verhältnis zur Pünktlichkeit innerhalb verschiedener Kulturen wider. Dort, wo der Monochronismus herrscht (USA, Kanada, Japan, Nordeuropa), ist Pünktlichkeit oberstes Gebot. In den polychronen Regionen (Südamerika, Südeuropa mit Ausnahme Norditaliens und Südtirols, Arabische Welt/Naher Osten, Afrika, Südasien und Teile Südostasiens) hat die Pünktlichkeit keine zentrale Bedeutung.
Das sprichwörtliche „Dolce far niente“ im italienischen „Mezzogiorno“ bedeutet nicht etwa Nichtstun, sondern ist die Kunst, eine genussvolle Ruhe zu genießen. Dabei wird der Polychronismus durch den Katholizismus noch verstärkt. Wenn ich nur Gast auf Erden bin, wird Pünktlichkeit zur Nebensache.
Monochron oder polychron: Zeit als Linie, Zeit als Geflecht
Allerdings funktioniert so etwas nicht im Bereich der kritischen Infrastruktur (Luftfahrt, Notfallmedizin, Feuerwehr etc.), der Industrieproduktion und Verwaltung, der Justiz und der Finanzen. Selbstverständlich unterliegt auch der Verkehr einer strikten zeitlichen Orientierung, wobei die Eisenbahn äußerst monochron ist (feste Fahrpläne, feste zeitliche Abfolge der Wartung, Personalwechsel und vieles andere mehr).
In diesem Zusammenhang sei noch der informative Wikipediaartikel herangezogen, der so schön formuliert: „Die umfangreichen Verspätungen der Deutschen Bahn bedeuten nicht etwa, dass Mitarbeiter bis zum Vorstand polychrone Tendenzen hätten. Vielmehr ist die Verbesserung der Bahn-Pünktlichkeit eines der Unternehmensziele der Bahn, das jedoch wegen häufiger Netzstörungen im Schienenverkehr nicht erfüllt werden kann“.
Der Berliner Mobilitäts- und Kulturhistoriker Robin Kellermann hat sich 2022 in einem Beitrag für die Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ sich die Frage gestellt, „ob die Bahn der Pünktlichkeitserwartung jemals voll entsprechen wird“ und davon abgeraten, „Verspätungen stets als Hochverrat an den Idealen der Moderne auszulegen“. Würden „nicht günstige Fahrpreise und Serviceerweiterungen im Zug und am Bahnhof Anreize für eine allgemein erhöhte Zeittoleranz im Bahnverkehr schaffen und den Beschleunigungskreislauf durchbrechen können?“ Aber er ist sich bewusst, dass die Bahn so bald nicht mit dem Slogan werben wird: „Diese (Warte)zeit gehört Dir“.
Vom Nutzen der Wartezeit sind Bahnfreunde schon lange überzeugt. Der überwiegend auf Deutsch schreibende tschechische Autor Jaroslav Rudiš, dessen bemerkenswertes Buch über das Bier wir auf den folgenden Seiten in dieser Zeitschrift vorstellen, hat 2021 eine in München erschienene „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“ verfasst, von der die Journalistin Christine Westermann meinte, „es ist ein so bezauberndes Schwärmen, dass es einen über die DB-Wirklichkeit nachsichtig lächeln lässt“.
Als Beispiel sei eine Passage aus der Publikation herausgegriffen: Rudiš ist am Hauptbahnhof Hamburg angekommen. „Ich mag diesen Ort“, schreibt er, „und bin froh, wenn ich beim Umsteigen ein wenig Zeit habe oder sogar den Anschluss verpasse. Ich schaue auf Züge, Menschen und auch auf die Tauben“, die seine „Helden“ sind. Den Hauptbahnhof Köln lässt er nicht Revue passieren. Hier könnte man die Wartezeit mühelos mit einem Gebet im nahegelegenen Dom überbrücken.
Die Welt im Zuge: Stillstand im Rollen
Rudiš nutzt die Bahnfahrten zur Entschleunigung. Er spricht mit Mitpassagieren. Er genießt die Landschaften, hört auf die rollenden Räder und die quietschenden Bremsen, liebt alte Bahnhöfe und besucht die Bahnhofsrestaurants, die zu seinem Bedauern immer weniger werden. Für ihn ist die Bahn „ein rollender Mikrokosmos“. Allerdings verkennt er nicht die dunklen Seiten der Eisenbahn. „Auch die Züge, die zu den Konzentrationslagern fuhren“ richteten sich nach dem Fahrplan. Darauf hat der Dozent an der Leibniz Universität Hannover Thorsten Paprotny in der „Literaturwerkstatt“ aufmerksam gemacht. Da hat „Romantik“ keinen Platz.
Cum tempore: Ein paar Minuten später – und die Welt bleibt stehen?
Am Rande sei auch noch die „akademische Zeitangabe“ kurz gestreift, die mit den Abkürzungen „s.t. = sine tempore = ohne Zeit“ und „c.t. = cum tempore = mit Zeit“ operiert. Sie taucht um 1900 auf und entstand, als die Hörer der Vorlesungen gelegentlich von dem einen Universitätsgebäude in ein anderes zu einem weiteren Dozenten wechseln mussten und dafür etwas Zeit brauchten. Auch die Studentenkorporationen, bei denen dieser Grund entfiel, haben das „akademische Viertel“ erstaunlicherweise übernommen und übersetzen „c.t.“ oft mit: „es kommt auf ein paar Minuten später nicht an“, worin sich ein Stückchen das polychrone Zeitempfinden nach Hall herauslesen lässt.
